Philip Wylie/Edwin Balmer: After Worlds Collide

Cover des Romans "When Worlds Collide" von Edwin Balmer und Philip Wylie (University of Nebraska Press 1999)

Science-Fiction-Roman. Erstveröffentlicht in sechs Folgen im Blue Book Maga­zine (November 1933 bis April 1934). Die erste Buchausgabe erschien 1934 als Hardco­ver im Verlag Frederick A. Stokes Company (New York). Die erste deut­sche Aus­gabe erschien 1960 als Hardcover im Gebrüder Weiss Verlag (Berlin) unter dem Titel Auf dem neuen Planeten in einer Übersetzung von Else von Hollander-Los­sow. 1970 folgte die Taschenbuchausgabe dieser Übersetzung im Wilhelm Heyne Verlag (München; 2. Auflage 1983). Die deutsche Fassung des Romans ist leicht gekürzt.

 

Die hier vorliegende Ausgabe erschien im Oktober 1999 in der University of Ne­braska Press (Lincoln und London) in der Reihe Bison Frontiers of Imagination. Das Buch enthält als Omnibus auch den Vorgängerroman When Worlds Collide (1932/33) sowie ein Vorwort von John Varley. Der Drucksatz der beiden Romane ist ein fotomechanischer Reprint der ersten amerikanischen Taschenbuchausga­ben vom Verlag Paperback Library (1962/63). Taschenbuch, ix + 192 + 190 Seiten.

 

Die Erde ist vernichtet, zu Myriaden Trümmern zerschmettert, doch das Raumschiff, das der Wissenschaftler Dr. Cole Hendron in Michigan bauen ließ, konnte noch rechtzeitig vor der Kollision der Erde mit Bronson Alpha starten und auf dem Planeten Bronson Beta landen. Die 103 Menschen an Bord treten hinaus auf eine erdähnliche Welt mit reichlich Wasser, einer atembaren Atmosphäre und einem grünen Himmel. Die Landflächen sind nur schwach von Flechten und Moosen bewachsen – ihre Sporen hatten die Jahrmillionen in der interstellaren Eiseskälte überstanden und beginnen nun wieder zu sprießen.

 

Zunächst wissen die Flüchtlinge von der Erde nicht, ob sie die einzigen sind, die es auf den neuen Planeten geschafft haben, oder ob ihr Schwesterschiff unter der Führung von David Ransdell oder eines der anderen Raumschiffe, die in anderen Ländern gebaut wurden, auf Bronson Beta landen konnte. Sie beginnen, ihre Arche zu zerlegen, um sich aus dem Material am Landeplatz behelfsmäßige Unterkünfte zu bauen. Tony Drake erkundet mit dem Botaniker Higgins zu Fuß die nähere Umgebung, um geeignete Arreale zu finden, auf der die Siedler erste Äcker anpflanzen können. Dabei stoßen sie auf einige Relikte der untergegangenen außerirdischen Zivilisation, die einst vor Jahrmillionen auf Bronson Beta heimisch gewesen war: eine Straße aus Metall, eine am Straßenrand stehende Schrifttafel und ein uraltes Auto­wrack.

 

Eines Nachts taucht plötzlich ein Flugzeug am Himmel über dem Camp der Siedler auf, dreht jedoch sofort wieder ab und fliegt davon. Cole Hendron und Tony Drake gehen davon aus, dass die Insassen des Flugzeugs feindliche Absich­ten haben. Kyto, der ehemalige japanische Diener von Drake, offenbart, dass er ursprünglich als Spion für Japan in die USA gekommen sei. Daher weiß er auch, dass einige Japaner gemeinsam mit kommunistischen Russen und faschisti­schen Deutschen in Ostasien ein eigenes Raketenschiff gebaut hatten. Das Ziel dieser finsteren Gruppe sei es gewe­sen, auf Bronson Beta die menschliche Zivilisation zu einem perfekten Ameisenstaat unter einem Diktator zu formen. Drake nennt die feindliche japanisch-russisch-deutsche Gruppe ironisch die „Midianiten“, frei nach dem Stamm kriege­rischer Wüstennomaden, der im Alten Testament in einen Erzkonflikt mit Moses und den Israeliten gerät.

 

Hendron und Drake lassen aus noch verbliebenen Bauteilen der Arche ein eigenes Flugzeug bauen, mit dem Drake und der Chronist Eliot James zu einem Erkundungsflug aufbrechen. Dabei entdecken sie eine der fantastischen Superstädte der “Other People”, der ehemaligen einheimischen, humanoiden Zivilisation von Bronson Beta: eine Metropolis, die von einer durchsichtigen, fast unzerstörbaren Kuppel beschirmt wird. Die Erkundung der Stadt ergibt, dass sie uner­messliche Ressourcen bereithält – unter anderem Nahrungsmittel, die die Außerirdischen einst gebunkert hatten. Spä­ter, als Drake und James weiterfliegen, stoßen sie auf den Landeplatz der zweiten, verschollenen Arche, die den Rest von Hendrons Camp-Bevölkerung nach Bronson Beta bringen sollte. Da dieses zweite Schiff bruchgelandet war, hat nur die Hälfte der Passagiere überlebt, und die Überlebenden hatten unter schlimmsten Bedingungen ausgeharrt.

 

Nachdem Hendrons Camp einen Luftangriff der Midianiten abgewehrt hat, entschließt man sich, in die außerirdische Superstadt zu umzuziehen. Der Trek dorthin gelingt, doch die Freude über die neue, luxuriöse Heimat währt nur kurz, denn die Midianiten haben in einer in der Nähe gelegenen anderen Superstadt die zentrale Energieversorgung unter ihre Kontrolle gebracht und drehen Hendrons Stadt den Strom ab. Da sich Bronson Beta auf seiner neuen Umlaufbahn um die Sonne am sonnenfernsten Punkt in der Nähe der Marsbahn befindet, wird es ohne Energie in Hendrons Stadt rasch bitterkalt . . .

 

Das Abenteuer geht weiter . . .

 

After Worlds Collide ist der Nachfolgeroman des Bestsellers When Worlds Collide (1932/33) von Edwin Balmer (1883–1959) und Philip Wylie (1902–1971). Der erste Roman hatte eine Reihe von Erzählfäden lose liegengelassen und endete mit der Ankunft der Flüchtlinge von der vernichteten Erde auf dem Planeten Bronson Beta etwas abrupt. After Worlds Collide erzählt die Geschichte nahtlos weiter und ist ohne das Vorwissen aus dem ersten Roman nur schwer verständ­lich; die Figuren und ihre Beziehungen untereinander werden als bereits bekannt vorausgesetzt. Gewisse Abhilfe lie­fert ein dreiseitiges Vorwort, das die bisherigen Geschehnisse knapp zusammenfasst.

Cover der ersten Buchausgabe des Romans "After Worlds Collide" von Philip Wylie und Edwin Balmer (Frederick A. Stokes Company 1934)
Cover der ersten Buchausgabe 1934

Die Ausgangssituation des Romans ist überaus spannend: Eine Handvoll Men­schen, gelandet auf einem fremden, vollkommen unerforschten Planeten, unter­nehmen allererste Schritte, ihre Umgebung kennenzulernen und sich in der neu­en Welt anzusiedeln. Dementsprechend ist das koloniale Projekt des Romans ein sehr unterhaltsames Abenteuer mit vielen unerwarteten Wendungen, das mei­nes Erachtens zu Unrecht stets im Schatten von When Worlds Collide gesehen wird – zumeist wird der Roman als schwächer als sein Vorgänger eingestuft, wenn denn überhaupt über ihn geschrieben wird. Gewiss ist der actionreiche Plot überaus „pulpig“, die Sprache ist oft pathetisch wie eh und je, aber diese Merkmale hatten auch schon den ersten Roman gekennzeichnet.

 

Neben den Bedrohungen durch Meteoritenschauer – Trümmer der zerstörten Erde – und die fremdartige Natur Bronson Betas gibt es eine kriegerische Ge­fahr, die von einem weiteren Raumschiff ausgeht, das ebenfalls von der Erde ent­kommen und auf Bronson Beta gelandet ist. Die verbündeten Feinde, die mit ihm auf den neuen Planeten gelangt sind, sind dabei die üblichen Ver­dächtigen: deutsche Nazis, russische Kommunisten und japanische Imperialisten. Dem Leser werden aber auch die staunenerweckenden Wunder der untergegangenen, friedfertigen und nahezu per­fekten Zivili­sation der “Other People” präsentiert, die eine fantastische Supertechnologie und Megastädte unter gigan­tischen Kuppeln hinterlassen haben. Es stellt sich – enttäuschenderweise – heraus, dass die “Other People” humanoid waren, und ihre Kunstformen erweisen sich, bildungsbürgerlichen Idealen des 19. Jahrhunderts entsprechend, als eine lichte Überhöhung der griechisch-römischen Antike.

 

Die interessanten Fragen nach dem Wiederaufbau der menschlichen Zivilisation, die ganz neue Formen erhalten soll, um so die eingeschliffenen Fehler der alten Gesellschaft zu vermeiden, werden im Roman weiterhin aufgeschoben. Cole Hendron, die unumschränkt herrschende und verehrte Lichtgestalt der Gemeinde, erklärt: “We are going to be a strict­ly scientific civilization” (S. 35) und schafft schon mal das Latein aus dem wissenschaftlichen Jargon ab, um die Wissen­schaft aus ihrem „esoterischen“ Ghetto zu befrei­en. Über die konkrete Ausgestaltung der „neuen“ Gesellschaft wird hingegen auch weiterhin kaum gesprochen, und es ist völlig aberwitzig, dass auch Wochen nach der Landung auf Bronson Beta noch immer nicht die Frage geklärt ist, wie es sich denn nun mit dem Sex und der Ehe verhalten soll. Alle bleiben weiterhin bereitwillig keusch, und die gesellschaftspolitischen Themen werden offenbar allein für die Span­nung bis zum Schluss des Romans verzögert.

Deutsche Ausgabe von Heyne, 1983
Deutsche Ausgabe von Heyne, 1983

Die höchsten theatralischen Höhen erklimmt der Roman im Zu­sammenhang mit dem Tode Hendrons. Im Angesicht der „goldenen Stadt“, des „versprochenen Landes“, zu dem die Siedler gezogen sind – die neu entdeckte Kuppelstadt der “Other People” –, stirbt Hendron, eine Inkarnation von Moses, der sein Volk in die Sicherheit geführt hat, in manischer Ekstase. Später, beim Begräbnis­gottesdienst, liegt er in der “hall of the scientists” aufgebahrt. Die Techniker setzen die elektro­nische Musikanlage der “Other People” in Gang und es erklingt erhabene außerirdi­sche Musik, die an Richard Wagners „Tannhäuser“ oder seine „Walküre“ erinnert: “Some great Wagner had lived a million years ago when this planet pursued its accustomed course about its distant star!” (S. 127). Hendrons Tochter Eve vollendet die mythische Verklärung, wenn sie das Wirken ihres Vaters mit scheinbar prophe­tischen ägyptischen Tempel- und Pyramiden­texte ausdeutet (vgl. S. 131f.).

 

Erst sehr spät klärt sich langsam und auch nur vage auf, wie die neue menschliche Gesellschaft auf Bronson Beta aussehen wird: nämlich durchaus nicht so „neu“. Auf S. 146 erfährt der Leser, dass Tony Eve heiraten wird – und von Polyandrie und menschlicher Zuchtauswahl ist plötzlich keine Rede mehr. Auf den letzten Seiten des Romans ist Eve bereits von Tony schwanger und lebt mit ihm zusammen in einem der komfortablen Apparte­ments, die die Menschen in der Kuppel­stadt der “Other People” bezogen haben. Und dort erst, auf der vorletzten Seite (!), wird erwähnt, dass ein neu gebil­detes Komitee die Möglichkeiten der künftigen Regierungsform, der gesellschaft­lichen Konventionen und der Sexual­moral diskutieren soll:

 

Some suggested an alternate dictatorship, like the consuls of Roman republic, with an American consul alternating in power with an English. Others declared as positively that all rivalries and jealousies of the shattered earth should be forever banished and denied.

There were a score of other schemes.

And more debate than ever before on manners and morals – especially about marriage. Should there be laws for love? Cast off conventions and taboos! All right; try to get along without any . . . (S. 189)

 

Ob all dies so eingerichtet werden wird, erzählen Wylie und Balmer nicht mehr. Nichtsdestotrotz bildet das Ende von After Worlds Collide einen runden Abschluss, und ich glaube entgegen der Spekulation mancher Leser nicht, dass Wylie und Balmer geplant hatten, die Geschichte von Bronson Beta noch in einem dritten Roman weiterzuspinnen.

 

After Worlds Collide ist ein kurzweiliger und spannender Abenteuertrip, von dem man durchaus bedauern kann, dass er nicht auch wie der Vorgängerroman von George Pal (1908–1980) verfilmt wurde. Pal hätte gern ein Sequel zu sei­nem Film When Worlds Collide (1951), basierend auf After Worlds Collide, realisiert, konnte diese Idee jedoch nicht mehr umsetzen, nachdem sein Film Die Eroberung des Weltalls (1955) floppte und Paramount Pictures daraufhin die Zusammenarbeit mit ihm beendete.

 

Für die deutsche Übersetzung des Romans von Else von Hollander-Lossow gilt dasselbe wie schon für die Überset­zung von When Worlds Collide: Sie ist durchaus gelungen und empfehlenswert für jeden, der sich nicht mit dem eng­lischen Originaltext herumschlagen will, allerdings ist sie leicht gekürzt und an den gekürzten Stellen auch ab und zu leicht umformuliert.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 27. Oktober 2017