Philip Wylie: Das große Verschwinden

Buchcover zu dem Roman "Das große Verschwinden" (The Dissappearance, 1951) von Philip Wylie, Ausgabe vom Heyne Verlag 1969

The Dissappearance (1951). Science-Fiction-Roman. Erstveröffentlicht im Januar 1951 als Hardcover-Ausgabe im Verlag Rinehart (New York). Die erste deutsche Ausga­be erschien 1954 als Hardcover im Pan Verlag (Zürich) in einer Übersetzung von Edith Gradmann und Rolf Burgauer (460 Seiten). 1958 veröffentlichte der Ullstein Taschenbuchverlag (Frankfurt am Main) eine gekürzte Fassung dieser Übersetzung.

 

1969 erschien im Wilhelm Heyne Verlag (München) die hier vorliegende Ausgabe in einer neuen Übersetzung von Walter Brumm (2., unveränderte Auflage 1977), die allerdings ebenfalls gekürzt ist.

 

Der Philosophieprofessor Bill Gaunt und seine schöne Frau Paula, die für ihren Mann, die inzwischen erwachsenen Kin­der und den Haushalt die eigene akademische Karriere aufgegeben hat, führen ein beschauliches Leben in einem an­genehmen Eigenheim in Miami, Florida. Völlig unerwartet kommt es an einem Tag im Februar zu einer unerklärlichen Katastrophe: Vor Bills Augen verschwindet plötzlich seine Ehefrau, als hätte sie sich augenblicklich in Nichts aufgelöst – und mit ihr verschwinden gleichzeitig alle Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt! Die Frauen und Mädchen hin­gegen erleben das Ereignis umgekehrt genauso: Plötzlich sind alle Männer und Jungen auf der Welt verschwunden. Das Universum scheint sich in zwei Parallelwelten aufgespalten zu haben, in denen nur noch jeweils eines der beiden menschlichen Geschlechter existiert. Die Männer sind ohne Frauen, und die Frauen ohne Männer.

 

Bereits Sekunden nach diesem Ereignis geraten beide Welten, die gegenseitig nichts voneinander wissen, völlig aus den Fugen. In der weiblichen Welt geschehen überall schwere Unfälle und brechen Brände in den Städten und Gewer­begebieten aus, weil die Männer auf ihren Arbeitsplätzen in Flugzeugen, Eisenbahnen, Kraftwerken und technischen Anlagen plötzlich fehlen und auch keine Feuerwehrmänner und männlichen Rettungskräfte mehr zu Hilfe eilen kön­nen, um den verheerenden Katastrophen entgegenzutreten. Die Frauen brauchen viele Wochen, um ihre Agonie zu überwinden, sich selbst zu organisieren und das Chaos halbwegs in den Griff zu bekommen. Paula Gaunt hilft tatkräf­tig mit, an der Universität entsprechende Komitees zu bilden und die vielen anfallenden kommunalen Aufgaben zu leiten. In der männlichen Welt bleibt der totale Zusammenbruch der technologischen Infrastrukturen aus, doch entste­hen auch hier schon bald desolate Zustände: Mit dem Fehlen der Frauen als Hauptkonsumentinnen von Industriearti­keln kommt das Wirtschaftsleben fast zum Erliegen, Häuser und Gärten verwahrlosen und mit ihnen die Männer; die Aggressionen zwischen ihnen wachsen, und gewalttätige Gruppen von Plünderern und Mördern machen das Land unsicher.

 

Bill Gaunt tritt eine Reise durch die desolaten USA an, um an den renommiertesten Universitäten des Landes mit sei­nen Fachgenossen die Lage zu diskutieren und vielleicht den Ursachen des Verschwindens der Frauen auf den Grund zu kommen. Er begegnet jedoch nur resignierten und zum Teil selbstmordgefährden Gelehrten – und er selbst fühlt sich kaum besser.

 

Beide Geschlechter leiden tiefgreifend – sie fehlen einander. Sie beginnen darüber nachzudenken, wie sie aufgrund von uralten, von Religionen untermauerten gesellschaftlichen Dogmen und Normen das jeweils andere Geschlecht falsch behandelt und belogen haben, wie verklemmt und gestört ihr Sexualleben in Wirklichkeit gewesen war, und spekulieren, ob ihre neue Situation womöglich eine moralische Prüfung darstellt. Und werden sie je wieder mit dem anderen Geschlecht vereint werden?

 

Frauen ohne Männer, Männer ohne Frauen – ein faszinierendes Szenario

 

In Das große Verschwinden (1951) spielt Philip Wylie (1902–1971) eine hochinteressante literarische Spekulation durch: Was wäre, wenn plötzlich alle Frauen auf der Erde verschwinden und die Männer allein zurücklassen würden – und auf einer gespiegelten Parallelwelt genau das Umgekehrte passierte? Der Roman folgt den Ereignissen in beiden Welten – in einander abwechselnden Kapiteln – und nutzt das Szenario nicht allein für die Schilderung der unmittelbaren Un­fälle und Katastrophen, die ein solches Ereignis unmittelbar nach sich ziehen würde, sondern malt vor allem die sozio­logischen und psychologischen Konsequenzen auf beiden Welten aus. Wylie nutzt seine Versuchsanordnung dazu, sich intensiv in Dialogen und längeren monologisierenden Passagen seiner Hauptfiguren Bill und Paula mit Fragen nach den ideologischen, tief eingewurzelten und oft gar nicht mehr bewusst gemachten Grundfesten der bisherigen Beziehungen zwischen den Geschlechtern auseinanderzusetzen. Uralte Machtkämpfe zwischen den Geschlechtern, religiöse Dogmen und gesellschaftliche Konventionen hätten diese Beziehungen, so Wylies Erkenntnis, weitgehend verdorben und widersprächen der eigentlichen Natur des Menschen.

Philip Wylie (1902–1971)
Philip Wylie (1902–1971)

Damit nimmt Philip Wylie in einer fiktionalen Erzählung ein Thema auf, dass er schon neun Jahre zuvor in seinem Essayband Generation of Vipers (1942) verhandelt hatte. Wylie, der zusammen mit Edwin Balmer (1883–1959) den berühmten Weltuntergangs­roman When Worlds Collide (1932/33) verfasst hatte – sein bis heute wohl meistgele­senes Buch –, war nicht nur ein produktiver Autor von Science-Fiction-, Detektiv- und Kriminalgeschichten. Er hat sich auch mit zahlreichen Artikeln, Essays und theoreti­schen Schriften als wortstarker, ja, polternder Moralist und Polemiker hervorgetan. Generation of Vipers war seinerzeit ein vielverkaufter Bestseller und wurde auch noch in den Fünfzigerjahren kontrovers diskutiert. Das Buch ist eine geifernde Schimpftira­de gegen allerlei Missstände in der amerikanischen Gesellschaft – ein Rundumschlag gegen Politiker, Doktoren, Wissenschaftler, Prediger, Militärs und so ziemlich jede Gruppe der Gesellschaft. Sie alle geißelte Wylie als selbstsüchtig, korrupt, ungebildet, kindisch und kurzsichtig. Jeder bekommt in Generation of Vipers sein Fett weg – vor allem aber die Frauen. Wylie kritisiert scharf die von ihm behauptete übertriebene Verehrung der Mutterrolle – er nannte es “Momism” –, die seiner Meinung nach zur Infantilisierung, Verdummung und Entsexualisierung der Ehefrau führte. Ein ganzes Füllhorn von Schmähungen schüttet er über die Mutter aus, wie diese:

 

[Mom] hat etwa 25 Pfund Übergewicht, kann nicht sprinten, hat aber scharfe Absätze und eine harte Rückhand, die sie nicht als Regelverstoß, sondern als weibliche Verteidigung ansieht. Unter tausend von ihnen gibt es nicht genug Sexappeal, um einen Emeriten auch nur zehn Schritte von seinem Felsen wegzulocken. Sie gibt nichtsdestotrotz mehrere hundert Dollar pro Jahr für Dauerwellen und Verschönerungen, Pomaden, Reinigungscremes, Rouges, Lippenstifte und so weiter aus – und hält damit niemanden zum Narren außer sich selbst. [ . . . ]

Die kindliche Frau, die infantile Person, die Frau, die nicht logisch denken kann, die auf Kriegsfuß mit Bridge und mit Golf steht, die Mutter all der Gräßlichkeiten, die wir „verzogene Kinder“ nennen, die mittelalte Vereinsfrau mit Haaren auf den Zähnen, die alles kaputt macht, was sie anfasst, die Mörderin, die gewohnheitsmäßig Geschiedene, die Heulsuse, die schwache Schwester, die mit Gummi-Sex Experimentierende, die Streitsüchtige, die Frau, die ewig unzufrieden ist, die Nörglerin, der weibliche Geiz­hals, und so weiter und so weiter und so weiter, bis hin zu den äußersten Auswüchsen der kindischen, alternden, rasenden Krea­tur, die wir als Mutter und Schwester kennen. (zitiert nach einer Rezension des Buchs von Jonathan Yardley für Washington­post.com vom 30. Juli 2005)

 

Es verwundert nicht, dass Wylie nach Generations of Vipers als ausgesprochener Frauenhasser verschrien war, auch wenn er danach stets beteuerte, die Frauen zu lieben. In Das große Verschwinden erweist sich Wylie den Frauen ge­genüber weitaus gerechter und traut ihnen zu, sich auch ohne Männer zu organisieren und die Welt halbwegs am Laufen zu halten – wenngleich sich auch hier hin und wieder sexistische Darstellungen von dummen und unfähigen Frauen finden, die von jeder Aufgabe überfordert sind. Aber Wylie thematisiert mit großer Ernsthaftigkeit die Unter­drückung und Einengung, die die Männer den Frauen seit Jahrtausenden aufgezwungen haben. Paula drückt ihre tiefe Frustration darüber aus, dass ihre akademische Ausbildung umsonst gewesen war, weil sie sich in die von ihr erwarte­te Rolle der Ehefrau, Hausfrau und Mutter gefügt hatte. Und sie verspürt einigen Stolz darauf, dass ihr nach dem Ver­schwinden der Männer zusammen mit anderen intelligenten und tatkräftigen Frauen die Bewältigung der hereinge­brochenen Katastrophen und die Organisation einer kommunalen Ordnung in Miami gelingt und sie zu viel mehr befä­higt ist, als ihr je zugetraut wurde.

 

Wylie analysiert einfühlsam die Heuchelei in Bezug auf die von Tabus umstellte und unterdrückte Sexualität, deren Hemmung in radikalem Widerspruch zur Natur des Menschen steht. Bill, der seine Ehefrau schon einmal ohne allzu große Gewissensbissen betrogen hatte, entdeckt eines Tages alte Liebesbriefe in Paulas Schreibtisch, die ihm zu seiner Überraschung beweisen, dass auch Paula fremd gegangen war. Hinzugefügt ist ein erklärender Brief Paulas, der an ihn selbst gerichtet ist und ihm ihre Motive erklären soll:

 

Die Welt einer Frau ist faschistisch, Bill! Sie lebt unter einem Tyrannen, der Respektabilität heißt, und das ist ein schwieriges Le­ben. Ich rebellierte. Ich konnte und wollte mich nicht mit dem Gedanken abfinden, daß ich, Paula, dank eines Systems der sozia­len Einschüchterung leben und sterben sollte, ohne jemals mehr über Männer zu erfahren als die liebende Berührung eines einzi­gen. Das ist vielleicht neurotisch oder was, aber näher kann ich einer Erklärung nicht kommen. (S. 93)

 

Dass Paula ihn ausgerechnet mit dem schneidigen Nachbarn und Junggesellen Teddy Barker betrogen hatte, ärgert Bill nur kurz – angesichts des Verschwindens aller Frauen erscheint ihm Groll gegen Teddy plötzlich kleinkariert, und er führt ein offenes und ehrliches Gespräch mit ihm über die alte, längst beendete Affäre. Seine Frau aber sieht er zum ersten Mal mit anderen Augen, sieht ihre Wahrheit und beginnt sie zu verstehen.

 

Vier lange Jahre sind die Geschlechter in ihren Parallelwelten voneinander getrennt, in denen die Männer und die Frauen sich und das andere Geschlecht reflektieren. Die Erkenntnis, die sich dabei herausschält, ist, dass sich beide Geschlechter in Wirklichkeit gar nicht so stark voneinander unterscheiden, dass beide grundsätzlich zu allem befähigt sind und grundsätzlich ähnliche Bedürfnisse haben – auch sexuell. Die alten Geschlechtsrollen werden fragwürdig, und beide Geschlechter begreifen, dass ihre Beziehung zueinander nur in Gleichberechtigung und Ehrlichkeit zueinander gewinnen und zu einem höheren Ganzen zusammenfinden kann.

 

Damit ist Wylie anno 1951 seiner Zeit überraschenderweise weit voraus und nimmt die Freie Liebe der Sechziger und die feministische Bewegung der Siebziger in ihrer Theorie schon vorweg. Die Klärung des bisherigen stickigen, defor­mierten Geschlechterverhältnisses, im Zuge derer Wylie mit den Religionen und gesellschaftlich eingeschliffenen und nicht mehr hinterfragten Konventionen ins Gericht geht, macht Das große Verschwinden auch heute noch zu einer faszinierenden Lektüre, auch wenn das Ganze manchmal den Touch eines seifigen Eheproblemromans hat. Und der Schluss, der die Geschlechter so plötzlich wieder zusammenführt, wie sie vier Jahre zuvor getrennt wurden, ist ausge­sprochen rührend: Zum ersten Mal sehen sich die Männer und Frauen nicht nur sehnsüchtig, sondern verstehend in die Augen und sind gewillt, in Zukunft ehrlicher und respektvoller miteinander umzugehen. Das Happy End mag gezwun­gen wirken, aber es ist eben auch – rührend.

 

Dass die zeitweilige Spaltung der Welt in zwei Parallelwelten keinerlei rationale Erklärung im Roman erfährt, mag An­lass dazu bieten, das Buch nicht als „Science-Fiction“ anzusehen. Doch das ist eine Frage der Definition. Dass den Pro­tagonisten etwas widerfährt, wofür sie keine wissenschaftliche Erklärung haben, muss ja nicht bedeuten, dass es diese prinzipiell nicht gäbe. Alles andere im Roman, insbesondere die Folgen des Geschehens, sind ganz im Sinne eines Science-Fiction-Romans, der eine über die gewohnte Realität hinausgehende Situation weiterdenkt, rational und nachvollziehbar gestaltet.

 

Leider hat der Roman auch gravierende Schwächen, die dem Leser einige Geduld abverlangen. So findet sich der pe­dantisch-polemische Tonfall aus Generation of Vipers, wenn auch nicht in ganz so scharfer Form, auch hier wieder. Seitenlange Traktate – Schriften des Philosophen Bill Gaunt, die vollständig zitiert werden – unterbrechen immer wie­der die Romanhandlung, und in ihnen zieht Wylie nach alter Manier moralisierend, belehrend und besserwisserisch zu Felde – und das in staubtrockenem, dozierendem Sprachstil. Als Beispiel sei eine Passage über die „psychologische Verkrüppelung“ des Amerikaners zitiert:

 

Der Geist des Amerikaners mit seiner kanalisierten Phantasie, seiner eingeengten Logik, seiner ungeheuer und unkritisch spezia­lisierten Erfahrung, ist psychologisch verkrüppelt. Er präsentiert eine Persönlichkeit mit so wenig Raum für normale Funktionen und so viel Atrophie, daß kaum jemand eine klare Vorstellung hat, was ein Mensch sein könnte oder sein sollte. Ein Babbitt [nach Sinclair Lewis’ Roman Babbitt von 1922 ein geistloser Spießbürger, Anm. d. Verf.] ist die angestrebte und beneidete Form; ein nor­maler Mensch wäre ein Aussätziger. So hat die Zivilisation nur einen Schritt getan, wo zwei nötig gewesen wären. Sie hat mit den barbarischen Formen körperlicher Deformation aufgeräumt, aber die ebenso barbarischen Rituale der psychologischen Ver­krüppelung hat sie noch nicht einmal zu erforschen begonnen. Und kein Wunder; müßte sie sich doch in diesem Prozeß selbst in Frage stellen lassen. Inzwischen hat die Barbarisierung einen Grad erreicht, wo breiteste Bevölkkerungsschichten einschließlich der Mehrheit des tonangebenden Bürgertums sich in keiner Weise bewußt sind, daß das, was sie denken, fühlen, träumen und als Motive akzeptieren, häufig ungeheuerlich ist. (S. 44)

 

Und so weiter und so weiter . . . Traktate dieser Art durchsetzen immer wieder den Roman und hemmen den Lesefluss, während die Moralinsäure den Leser kräftig aufstoßen lässt – und er auch längst nicht gewillt ist, alle apodiktischen Urteile Wylies immer zu unterschreiben. Der Gipfel ist ein Essay Bills über die Kritik der Wissenschaft und das „Schisma der Geschlechter“, das sich über 14 Seiten erstreckt (S. 130ff.). Aber immerhin fordert der Roman zum Nachdenken über all die behaupteten Missstände heraus, selbst wenn sich manche von ihnen, in den Fünfzigern noch aktuell, über die Zeit inzwischen erledigt haben.

 

Weitere prekäre Momente des Romans, die nicht unerwähnt bleiben dürfen, sind die rassistische Darstellung von Schwarzen als ein tumbes Volk von ergebenen Dienern, die klaglos jede Härte ertragen, die ihnen die Weißen zumu­ten – in Paulas Garten müssen sie beispielsweise während eines Hurrikanes in Zelten ausharren, während sich die Fa­milie im Haus verbarrikadiert hat – und Wylies offene Ablehnung der Homosexualität, die er – immerhin korrekt – in einer Welt, die nur von Männern bevölkert ist, auf dem Vormarsch darstellt. Wer jedoch über die sexistischen, rassis­tischen und homophoben Ausfälle Wylies hinweglesen kann und diese ein Stück weit als Relikte einer vergangenen Zeit betrachtet, wird in Das große Verschwinden ein literarisches Experiment mit einer faszinierenden Ausgangssitu­ation entdecken, das zu interessanten und nachdenkenswerten Schlüssen in Bezug auf die Gleichberechtigung der Geschlechter gelangt. Alles in allem also ein immer noch lesenswerter und unterhaltsamer Roman, der zu seiner Zeit sicherlich auch eine gute Vorlage für eine Verfilmung abgegeben hätte. In seinen späten Jahren hatte George Pal (1908–1980), der legendäre Produzent klassischer Science-Fiction-Filme wie Der jüngste Tag (1951), Kampf der Welten (1953), Die Eroberung des Weltalls (1955) oder Die Zeitmaschine (1960), eine Verfilmung von Philip Wylies Roman ins Auge gefasst (vgl. Bill Warren, Keep Watching the Skies!, S. 800). Allerdings konnte Pal damals kein Filmstudio mehr finden, das in seine verschiedenen Filmideen investiert hätte. Eine Verfilmung heutzutage wäre aufgrund der beste­chenden Grundidee des Romans sicherlich immer noch denkbar. Allerdings müsste sie erhebliche Anpassungen der angestaubten Vorlage in Bezug auf die radikal gewandelten Geschlechterrollen und -Verständnisse vornehmen.

Buchcover zu dem Roman "Das große Verschwinden" (The Dissappearance, 1951) von Philip Wylie, Ausgabe vom Heyne Verlag 1977
Heyne Verlag, 2. Auflage 1977

Ein Wort zur deutschen Ausgabe

 

Ich habe nur die gekürzte Heyne-Ausgabe des Romans von 1969 in der Überset­zung von Walter Brumm gelesen (die Zweitauflage von 1977, die bisher letzte deutsche Auflage, ist unverändert), weil ich zufällig in den Besitz dieser Ausgabe gelangt bin, doch war das leider keine gute Entscheidung. Ältere Übersetzungen ausländischer Science-Fiction-Romane sind bekanntlich sehr oft gekürzt – in un­terschiedlichem Umfang. Hier aber wurde ziemlich massiv und schamlos in den Text eingegriffen. So findet im Original in der männlichen Parallelwelt ein nuklearer Schlagabtausch zwischen der Sowjetunion und den USA statt: Die Sowjetunion ist überzeugt, dass die USA Schuld am Verschwinden der Frauen sind, werten dies als einen Angriff und stellen den USA ein Ultimatum. Beim Schlagabtausch verlieren die USA drei Großstädte, darunter Chicago; in der Sowjetunion werden 17 Städte zerstört. Dieser Handlungsstrang wurde in der deutschen Heyne-Ausgabe kom­plett herausgekürzt! Übrig geblieben ist lediglich eine Szene, in Bill Gaunt mit dem Flugzeug das nuklear verwüstete Chicago überfliegt, und die Vernichtung der Stadt wird mit einem Unfall erklärt, bei dem eine amerikanische B-52 mit einer Atombombe an Bord über der Stadt abgestürzt sei. Irritierend sind auch mehrere in den Text eingestreute Bezugnah­men auf den Vietnamkrieg, der 1951 selbstredend noch kein Thema sein konnte, aber 1969 hochaktuell war. Man mein­te wohl im Verlag, dass derartige „Modernisierungen“ dem als angestaubt empfundenen Roman gut tun würden. Tat­sächlich ist es schauderhaft. Außerdem sind sämtliche Kapitelüberschriften des Originals getilgt.

 

Es empfiehlt sich also, den Roman doch besser im amerikanischen Original zu lesen, oder aber zur deutschen Erstaus­gabe von 1954 aus dem Pan Verlag (Zürich) in der Übersetzung von Edith Gradmann und Rolf Burgauer zu greifen, die mit 460 Seiten und gebunden wahrscheinlich ungekürzt ist. Die bei Ullstein (Frankfurt am Main) erschienene Taschen­buchausgabe der Gradmann/Burgauer-Übersetzung hinwiederum ist auch auf 201 Seiten gekürzt und daher vermut­lich auch nicht empfehlenswert.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 29. Oktober 2017