Herbert George Wells: Die Zeitmaschine

Buchcover zu dem Roman "Die Zeitmaschine" von H. G. Wells (The Time Machine), Ausgabe vom dtv Verlag 2017

The Time Machine. An Invention (1895). Science-Fiction-Roman. Erstveröffentlicht als Fortsetzungsroman zwischen Januar und Mai 1985 in der Zeitschrift The New Review. Die erste Buchausgabe erschien in den USA am 7. Mai 1895 im Verlag Henry Holt und in Großbritannien am 29. Mai 1895 im Verlag William Heinemann (beide Ausgaben unterscheiden sich signifikant voneinander; in der Holt-Ausgabe fehlt u. a. der Epilog). Die deutsche Erstausgabe erschien 1904 im Verlag Bruns (Minden) in einer Übersetzung von Felix Paul Greve (1879–1948).

 

Hier vorliegend ist die 2017 in der dtv Verlagsgesellschaft (München) erschienene Neuausgabe in einer Übersetzung von Lutz-W. Wolff (geb. 1943). Im Anhang mit H. G. Wells’ Vorwort zu einer Ausgabe von 1931, einem Nachwort, Anmerkungen zum Text und einer Zeittafel zur Vita und den Publikationen von H. G. Wells. Coverillus­tration von Katharina Netolitzky. Taschenbuch, 191 Seiten.

 

Ende des 19. Jahrhunderts empfängt ein junger, namentlich nicht genannter Gelehrter in seinem Haus in Richmond im Westen Londons ein paar befreundete Gelehrte und Journalisten zum Abendessen. Beim anschließenden Champagner am Kamin im Rauchsalon erklärt der Gastgeber, dass er das Wesen der Zeit erforscht und eine Zeitmaschine gebaut habe, mit der er in die Vergangenheit und Zukunft reisen könne. Zunächst demonstriert er vor den Augen seiner Gäste ein filigranes, schlittenartiges Modell seiner Erfindung, kaum größer als eine Taschenuhr. Als er den Mechanismus des Modells in Gang setzt, löst es sich mit einem Windhauch in einem grauen Nebel zu Nichts auf – es ist in die Zukunft entschwunden. Die Gäste bleiben ungläubig, doch der Gastgeber lädt sie für ein weiteres Abendessen in einer Woche ein – an jenem Tag will er selbst mit seiner Zeitmaschine eine Expedition unternehmen.

 

Als die Gesellschaft eine Woche später erneut in Richmond zusammenkommt, tritt der Gastgeber verspätet in den Speisesalon ein – in zerschlissenen Kleidern, verletzt, erschöpft und ausgehungert. Und er behauptet, dass er soeben von seiner angekündigten Zeitreise zurückgekehrt sei, die mehrere Tage gedauert habe, während in der Gegenwart von Richmond nur eine knappe halbe Stunde vergangen sei. Später im Rauchsalon erzählt der Zeitreisende seine fan­tastische Geschichte . . .

 

Mit seiner Zeitmaschine gelangt der Zeitreisende in das Jahr 802701 nach Christus. Seinen Ort im Raum hat er während seiner Fahrt jedoch nicht verändert. Von London oder irgendwelcher Zivilisation ist in dieser weit entfernten Zukunft nichts mehr zu sehen; die Gegend hat sich in einen üppigen, lieblichen und stets sommerlich warmen Garten Eden ver­wandelt. Lediglich einige wenige verstreute Ruinen von einst stolzen Palästen zeugen von der letzten menschlichen Hochkultur, die bereits vor ungezählten Jahrtausenden untergegangen ist.

 

Bewohnt wird dieser Garten Eden von den Eloi, einem kleinwüchsigen Volk von nahezu grenzenlos kindlicher Naivität, Freundichkeit und Friedfertigkeit. Die Eloi wohnen in den alten Palastruinen in großen Kommunen zusammen, ernäh­ren sich ausschließlich von Früchten und arbeiten nie; woher ihre täglichen Dinge des Lebens wie beispielsweise die Tuniken, die sie tragen, kommen, ist dem Zeitreisenden zunächst ein Rätsel. Der Zeitreisende wird von den Eloi freund­lich aufgenommen und speist mit ihnen an ihren gemeinsamen Tafeln; zudem gewinnt er die innige Freundschaft des Mädchens Weena. Als kurz nach seiner Ankunft seine Zeitmaschine von Unbekannten gestohlen wird, setzt der Zeit­reisende alles daran, sie irgendwie zurückzugewinnen, um in seine eigene Zeit zurückkehren zu können.

 

Nach und nach entdeckt er, dass in tiefen Schächten unterhalb der Erde das lichtscheue Volk der Morlocks wohnt, das dort an ewig arbeitenden Maschinen schuftet – offenbar sind sie es, die den Eloi ihre Kleidung und alle anderen Ge­brauchsgüter herstellen. Offenbar hatte die einst herrschende Klasse der Wohlhabenden vor ungezählten Jahrtausen­den die Klasse der besitzlosen Arbeiter mitsamt aller Produktionsanlagen in die Tiefe verbannt, um sich auf der Erd­oberfläche das Leben immer angenehmer zu gestalten. Als Generationen später mithilfe des wissenschaftlichen Fort­schritts alle Gefahren und Widrigkeiten des Lebens ausgemerzt waren, büßte die Klasse der Wohlhabenden ihre Intel­ligenz und Tatkraft ein und degenerierte zu den stumpfen Eloi, während gleichzeitig die Arbeiter unter der Erde zu scheußlichen, affenartigen Bestien mutierten. Das Herrschaftsgefüge beider Völker hatte sich später irgendwann um­gekehrt: Die Morlocks versorgen die Eloi inzwischen nur noch, weil dieses Verhalten nach dem Verlust ihrer Intelligenz in ihren Instinkt eingeprägt ist – und weil die Eloi ihnen in einer Welt, in der alle Zuchttiere schon seit Langem abge­schafft sind, als fleischliche Nahrung dienen. Der Zeitreisende aber entschließt sich, sich zu bewaffnen, um den Kampf gegen die Morlocks aufzunehmen und seine Zeitmaschine zurückzuholen . . .

 

Ein genialer Zeitreise-Roman

 

Die Zeitmaschine von Herbert George Wells (1866–1946) ist zweifellos einer der großartigsten Klassiker der Science-Fiction-Literatur, und das nicht nur in Hinblick auf seinen Stellenwert in der Geschichte des Genres. Mag es auch „Vor­läufer“ wie etwa die Zeitreise-Erzählung The Clock That Went Backward (1881) des Amerikaners Edward Page Mitchell (1852–1927) gegeben haben, so hat erst Wells’ Roman – seinerzeit ein Bestseller – das Thema der Zeitreise im damals noch jungen, im Entstehen begriffenen Genre der „Science-Fiction“ (das damals noch nicht so genannt wurde) fest verankert; als beeindruckendes Vorbild hat das Werk direkt oder mittelbar alle nachfolgenden Zeitreisegeschichten inspiriert. Und das hat Gründe: Die Zeitmaschine ist eine ungemein spannende, ja, packende Lektüre, die unter ande­rem mit ihrer hintergründigen Vielschichtigkeit begeistert. Mit seinen gerade einmal 128 Seiten ist der Roman sehr knapp gehalten und geht dabei sprachlich sehr realistisch, nüchtern und konzentriert zu Werke. Dabei legt er ein ho­hes Erzähltempo vor und nutzt seine fantastische Abenteuergeschichte voller staunenswerter Bilder als Vehikel für zahlreiche intelligente Denkanstöße, die auch heute noch den Leser bewegen können. Ein zeitloses, in seiner Schlicht­heit immer noch faszinierendes, erstklassiges Meisterwerk.

H. G. Wells (1866–1946), ca. 1891
H. G. Wells (1866–1946), ca. 1891

Die Zeitmaschine war der erste Roman, den der junge Journalist und Schriftsteller H. G. Wells veröffentlichte. Das Buch, zwischen Januar und Mai 1895 in der Zeit­schrift The New Review als Fortsetzungsroman und im Mai 1895 dann auch als Buchausgabe erschienen, wurde Wells’ literarischer Durchbruch: Die Kritiker und die Leser waren begeistert, und die mageren Jahre, in denen der aus kleinbürger­lichen Verhältnissen stammende Autor von den Zeitschriften nur bescheidene Beträge für seine Texte erhielt und von der Hand in den Mund leben musste, wa­ren vorbei. Wells wurde ein produktiver Bestsellerautor, dessen Gewicht in der britischen und internationalen Literaturszene über die Jahre beständig zunahm. Im Anschluss an Die Zeitmaschine veröffentlichte H. G. Wells noch drei weitere Science-Fiction-Romane, deren Rang als Klassiker der Science-Fiction genauso hoch anzusetzen ist und die das Urgestein bilden, auf denen das Genre zu einem wesentlichen Teil aufbaute: Die Insel des Dr. Moreau (1896), Krieg der Welten (1897) und Der Unsichtbare (1897). H. G. Wells war in vielen verschiedenen Genres produktiv, blieb der Science-Fiction jedoch zeitlebens treu und verfasste immer wieder bemerkenswerte Science-Fiction-Romane und -Erzählungen – Wenn der Schläfer erwacht (1898/99), Die ersten Menschen im Mond (1901), Die Riesen kommen (1904), Im Jahre des Kometen (1906), Der Luftkrieg (1908), Befreite Welt (1914) oder auch Things to Come (1935). Aufgrund seiner Schlüsselstellung in der Genese der literarischen Science-Fic­tion als der Autor, der eine ganze Reihe gängiger Science-Fiction-Motive und -Themen zum ersten Mal in das Genre einführte oder in eine populäre Form brachte, wird H. G. Wells von vielen sogar als eigentlicher „Gründervater“ gese­hen, der das Genre praktisch im Alleingang aus der Taufe gehoben habe. Das allerdings ist eine Frage der Gewichtung und erscheint mir persönlich etwas übertrieben.

 

Die Idee zu seiner Zeitreisegeschichte hatte H. G. Wells schon Mitte der 1880er-Jahre entwickelt, als er an der Normal School of Sciences in London Naturwissenschaften studierte; damals hatte er mit seinen Kommilitonen intensiv über das Wesen der Zeit und die Möglichkeiten von Zeitreisen diskutiert und so die Idee ausgestaltet. Grundlage seiner Spekulation ist die erkenntnisphilosophische Vorstellung von der Zeit als eine vierte Dimension, die untrennbar mit dem dreidimensionalen Raum verbunden ist. Die mathematischen drei Dimensionen sind lediglich Abstraktionen; tat­sächliche dreidimensionale Objekte hingegen können nur existieren, wenn sie auch eine Ausdehnung in die vierte Di­mension der Zeit haben, die der Mensch nur deshalb anders als die drei räumlichen Dimensionen erlebt, weil sich sein Bewusstsein an der Linie dieser zeitlichen Erstreckung entlangbewegt, also ein Erinnerungsvermögen hat. Eine erste Zeitreisegeschichte formulierte Wells in der Kurzgeschichte The Chronic Argonauts, die er in der von ihm selbst ge­gründeten Studentenzeitung Science Schools Journal zwischen April und Juni 1888 veröffentlichte. Diese erste Version war Wells später peinlich, und er revidierte den Erzählstoff grundlegend für eine siebenteilige Serie von Zeitreise­erzählungen, die er zwischen März und Juni 1894 im renommierten National Observer veröffentlichen durfte. Als da­nach der National Observer einen neuen Herausgeber bekam, der Wells’ Texte ablehnte, und die anderen Zeitschrif­ten, für die Wells gewöhnlich schrieb, zeitweilig mit Texten überversorgt waren, versiegten plötzlich Wells’ Einnahme­quellen. Auf Anraten seines Förderers, des Herausgebers und Schriftstellers William Ernest Henley (1849–1903), der eine spätere Veröffentlichung in Aussicht stellte, nutzte Wells die frei gewordene Zeit, nahm sich seine Zeitreisege­schichte ein weiteres Mal vor und schrieb sie im Spätsommer 1894 in Die Zeitmaschine noch einmal völlig neu.

 

Wells stellte seine Überlegungen zum Wesen der Zeit als vierte Dimension gleich an den Anfang des Romans, wo sein namenloser Protagonist das Thema mit seinen Dinnergästen in einer behaglichen Salonplauderei ausführlich erörtert. Das ist sein wissenschaftlicher Ausgangspunkt. Sie ist als logisch stringente Spekulation noch immer faszinierend, wirkt auf manche Leser heutzutage allerdings auch etwas trocken, da ihr expositioneller Charakter entgegen moder­ner literarischer Gepflogenheiten ganz unverstellt ist. Die titelgebende Zeitmaschine selbst jedoch überließ Wells fast zur Gänze der freien Imagination des Lesers. Da es um eine Bewegung durch eine weitere Dimension der Raumzeit ging, gab Wells ihr die vage Gestalt eines Fahrzeugs – „geduckt, schief und hässlich; ein Ding aus Messing, Ebenholz, Elfenbein und schimmerndem, durchsichtigem Bergkristall“ (S. 124). Die Zeitmaschine verfügt über einen Sattel und hat Kufen (ebda.), sodass sich in etwa eine Kreuzung von Fahrrad und Schlitten vorstellen lässt. Gesteuert wird die Ma­schine mit zwei simplen Hebeln – jeweils einem für die Fahrt in die Zukunft und in die Vergangenheit –, während eine Skala die exakten Jahre, Stunden, Minuten und Sekunden anzeigt, die das Gefährt in der Zeit zurückgelegt hat. Über die technische Funktionsweise und das Antriebsprinzip der Zeitmaschine erfährt der Leser nichts – wissenschaftliche Grundlagen dafür fehlten damals völlig und sind auch heute im Rahmen der Einsteinschen Relativitätstheorie rudimen­tär, sodass Wells hier auch nichts fantasierte, was letztlich womöglich ohnehin haarsträubend unglaubwürdig geklun­gen hätte.

 

H. G. Wells will nicht nur ein buntes, staunenerweckendes und unterhaltsames Zeitreiseabenteuer um seiner selbst willen erzählen. Vielmehr geht es dem Autor und liberalen Verfechter sozialer Gerechtigkeit um eine gallige Kritik an der industrialisierten Klassengesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts, in der sich Reichtum und Macht auf den Adel und die Bourgeosie konzentrieren, während die größeren Teile der Bevölkerung, vor allem die Arbeiter, ausgebeutet werden und in menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen. Wells fragt nach der fernen Zukunft dieser beschä­mend ungerechten Gesellschaft, nach ihrer Endstufe, hält sich daher gar nicht erst mit den Zwischenstufen auf und springt mit seinem Zeitreisenden gleich in das unvorstellbar ferne Jahr 802701 hinein, in dem wirklich alles, was in der Gegenwart jemals war, vergessen und ausgelöscht ist. Wie ein Unheil kündendes Menetekel ist eine gigantische, halb verfallene Sphinxstatue – ein Relikt der letzten menschlichen Hochkultur – das erste, was der Zeitreisende in dieser fernen Zukunft erblickt, und ein schwerer Hagelsturm, in den er mit seiner Zeitmaschine hereinplatzt, scheint bereits das Weltende anzukündigen. Die Menschheit hat alle einst erklommenen kulturellen Höhen schon viele Jahrtausende hinter sich und befindet sich im Niedergang. Wells entfaltet eine deprimierende Vorstellung: Statt romantisch auf die kommunistische Weltrevolution zu vertrauen, die alle Ungleichheiten unter den Menschen nivellieren wird, malt er sich die Entwicklung der in zwei Klassen aufgespaltenen Menschheit mit den Prinzipien der Evolutionstheorie von Charles Darwin aus, die er auf den geschichtlichen Prozess, über Jahrhunderttausende gestreckt, überträgt.

Buchcover der deutschen Erstausgabe von H. G. Wells, Die Zeitmaschine (The Time Machine), Bruns Verlag (Minden 1904)
Cover der deutschen Erstausgabe 1904

In diesem Szenario hatte die reiche Oberschicht die besitzlosen Arbeiter in un­terirdische Fabriken gezwungen, wo sie schließlich ihr ganzes Leben fristen mussten; in der Folge hatten sich beide Klassen genetisch auseinander entwi­ckelt, bis sie de facto zwei völlig verschiedene Arten bildeten. Der wissenschaft­liche Fortschritt, in den die reiche Oberschicht und das behagliche Bürgertum am Fin de siècle grenzenloses Vertrauen setzten, erwies sich als janusgesichtig: Er hatte für die Reichen tatsächlich irgendwann zur Abschaffung aller Krankhei­ten, Nöte und Widrigkeiten des Lebens geführt, während die Arbeiter an ihren perfekt funktionierenden, unterirdischen Maschinen weiterhin für die Produk­tion sorgten und die Reichen so auch von jeglicher Arbeit entbanden. Aber „Stärke erwächst aus Not, Sicherheit fördert Schwäche“, wie Wells’ Zeitreisender schlussfolgert (S. 44), und der Phyrrussieg über das Leben selbst führte nicht zu einem müßigen, harmonischen Leben in verfeinerter Vergeistigung und Kultur, sondern im Gegenteil in geistige und schließlich auch körperliche Degeneration. „Das ist schon immer das Schicksal der menschlichen Energie in Zeiten der Si­cherheit gewesen“, meint der Zeitreisende, dabei wohl an das Ende des Römi­schen Imperiums denkend, „sie richtet sich auf Kunst und Erotik, und danach folgen Verfall und Erschlaffung“ (S. 48). Die Arbeiter unter der Erde aber hatten sich genetisch zu weißhaarigen, affen­artigen, aber kräftig gebauten Kreaturen entwickelt, denen ihre stumpfe Werktätigkeit schließlich in den Instinkt über­gegangen war. Beide Arten, Eloi und Morlocks genannt, büßten ihren nicht länger gebrauchten Intellekt ein, sie wur­den wieder zu Tieren. Mit ihrer größeren Körperkraft und Aggressivität wurden die Morlocks darüber hinaus zur kanni­balistischen Nemesis der Eloi, ihren einstigen Unterdrückern. Dass H. G. Wells die Nachfahren der Arbeiter zu blutrüns­tigen, gefürchteten Monstern macht, die nachts aus finsteren Löchern klettern, um die verweichlichten Eloi zu fressen, ist unverkennbar ein satirisches Spiel mit der hysterischen Angst seiner wohlhabenderen Zeitgenossen vor der Arbei­terklasse.

 

Tatsächlich ist die genetische Aufspaltung und Regression des Menschentums zu tierischen Formen höchst unwahr­scheinlich, und schon Wells selbst hat das später freimütig zugegeben. Die zunehmende Kontrolle des Menschen über seine Umwelt und vor allem die Globalisierung fördern nicht die Diversifizierung, sondern im Gegenteil die Vermi­schung und Vereinheitlichung des menschlichen Genpools; die physische Entwicklung des Menschen wird dabei zu­nehmend kulturell statt biologisch gesteuert (woraus sich ein ganz anderes Thema ergibt, nämlich die bewusste Mani­pulation der Beschaffenheit des Menschen, um ihn für bestimmte Zwecke zu verändern und zu „verbessern“; ihm hat sich Wells dann auch in seinem nächsten Roman Die Insel des Dr. Moreau angenommen). Doch fragt sich, wie ernst Wells seine degenerierten Arten von Eloi und Morlocks wirklich genommen hat, da sie mit Sicherheit in erster Linie sozialsatirisch zu verstehen sind. Man könnte sagen, dass Wells hier seine wissenschaftsgläubige Zeit mit ihren eige­nen Waffen schlägt. Wenn die Evolution die Entwicklung der Arten bestimmt, so frisst bei Wells die Evolution ihre Kin­der.

 

Nichtsdestotrotz hält Wells an der so unausweichlichen wie bitteren Erkenntnis fest, dass die Natur und der Kosmos am Ende mächtiger sein werden als alles lebendige, menschliche Tun. Gegen Ende des Romans lässt er seinen Zeitrei­sen­den, auf der Flucht vor den Morlocks, noch Millionen Jahre weiter in die Zukunft rasen. Er gelangt in eine Zeit, in der die Erde gänzlich von der Natur zurückerobert worden ist: Es gibt nicht einmal mehr Ruinen oder sonst irgendwel­che Spuren der einstigen menschlichen Zivilisation, und die Nachfahren der Eloi und Morlocks sind zu Tieren gewor­den, die an graue Kaninchen erinnern und sich im hohen Gras vor gigantisch großen Insekten verstecken, die sich zu den neuen Herren des Tierreichs entwickelt haben. Noch weiter in der Zukunft sind auch sie verschwunden: In 30 Mil­lionen Jahren verlöscht die Sonne (eine anno 1895 noch aktuelle, bald aber verworfene Prognose der Astronomen) und erkaltet der Planet, und das letzte Leben in der kahlen, unwirtlichen Landschaft – Flechten und Mose und bizarre Rie­sen­krebse am Ufer eines unbewegten Ozeans – dämmert seinem Aussterben entgegen. Die Erde am Ende aller Zeiten schildert H. G. Wells unge­heuer eindringlich – bildgewaltig und wehmütig.

 

Und die Quintessenz, der „Ausblick“? Der ist, typisch Wells, eine Mischung aus fatalistischer Akzeptanz und lächelnder, entlastender Ironie. Die Geschichte des Zeitreisenden wird von seinem Gast, der sie im Roman nacherzählt, interpre­tiert. „Der Zeitreisende [ . . . ] glaubte nicht an den Fortschritt der Menschheit“, resümiert er. „In den wachsenden Errun­genschaften der Zivilisation sah er vor allem eine Anhäufung törichten Krempels, der seinen Erfindern früher oder spä­ter auf den Kopf fallen und sie vernichten würde. Wenn das so ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als so zu tun, als wäre dem nicht so“ (S. 127f.). Zudem trösten den Gast die fremdartigen weißen Blüten, die Weena einst dem Zeitrei­senden schenkte die und als einzige Mitbringsel aus der Zukunft den Bericht des Zeitreisenden zu verifizieren schei­nen. Sie sind dem Gast Zeugnis dafür, „dass Dankbarkeit und Liebe auch dann noch im Herzen des Menschen gelebt haben, als der Verstand und die Kraft schon gegangen waren“ (S. 128).

 

Die Zeitmaschine ist somit viel mehr als ein bestaunenswertes Abenteuer; mehr auch als eine philosophische Spekula­tion über das Wesen der Zeit und eine Fantasie von der fernen Zukunft der Menschheit. All das enthält der Roman, aber darüber hinaus ist er vor allem eine gesellschaftskritische, satirische Parabel, die H. G. Wells plausibel macht, in­dem er sie aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und Theorien heraus entwickelt und so ihre fiktive Glaubwürdigkeit untermauert. Der knappe, fast karge Stil, die schlichte Klarheit der Sprache und die konzentrierte Kürze der Erzählung stehen dem Roman dabei hervorragend zu Gesicht. Ein extrem fesselndes, hochintelligentes Buch, das ich ohne zu zögern zu den größten Meisterwerken zähle, das die Science-Fiction-Literatur je hervorgebracht hat.

 

Wie die meisten anderen Werke von H. G. Wells wurde auch Die Zeitmaschine schon vielfach in Verfilmungen, Hör­spielen und Bühnenstücken verarbeitet. Am bekanntesten sind dabei die beiden Kinofilme Die Zeitmaschine (1960) von George Pal und The Time Machine (2002) von Simon Wells, einem direkten Nachfahren von H. G. Wells. Vor allem der erste dieser beiden Filme hat seine eigenen cineastischen Meriten und hält sich auch ziemlich eng an der literari­schen Vorlage. Beide Filme haben jedoch die satirische Sozialkritik an der kapitalistischen Klassengesellschaft leider komplett fallengelassen und die Aufspaltung der Menschheit in Eloi und Morlocks ganz anders erklärt: Bei George Pal ist sie das Resultat eines über 300 Jahre währenden bakteriellen Kriegs, bei Simon Wells einer Umweltkatastrophe.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 4. November 2017