Brandon Q. Morris: Enceladus

Buchcover zu dem Roman "Enceladus" (2017) von Brandon Q. Morris (d. i. Matthias Matting)

Enceladus. Science-Fiction-Roman. 2017 im Selbstverlag als E-Book und Taschen­buch veröffentlicht (ISBN 978-3-947283-04-0). Mit einem Anhang „Die neue Biografie des Enceladus“. Druck durch CreateSpace, Leipzig. Taschenbuch, 462 Seiten.

 

Im Jahre 2033 macht eine Raumsonde, die zum Saturnmond Enceladus geschickt worden ist, eine sensationelle Ent­deckung: In den eisigen Geysiren, die der Mond an seinem Südpol ausstößt, finden sich eindeutige biochemische Spu­ren, die auf Lebensformen im flüssigen Ozean unter dem kilometerstarken Eispanzer des Mondes hindeuten. Daraufhin beschließen mehrere staatliche Raumfahrtorganisationen, eine gemeinsame bemannte Mission zum Enceladus zu ent­senden, die die Existenz des ersten jemals entdeckten außerirdischen Lebens auf dem Mond verifizieren soll. 2046 ist es endlich soweit: Das mit Fusionsantrieben ausgestattete Raumschiff ILSE (International Life Search Expedition) bricht mit einer internationalen Crew von sechs Astronauten – drei Frauen und drei Männern – zum Saturn auf.

 

Die über ein Jahr dauernde Reise entpuppt sich als kritisch, denn mehrere technische Probleme und Unfälle – unter anderem der Verlust des unbemannten Begleitschiffs ILSE 2 durch einen Meteoroideneinschlag – lassen die Expedition mehr als einmal beinahe scheitern. Schließlich schafft es die ILSE doch noch in einen Orbit um den kleinen Eismond En­celadus. Ein Teil der Mannschaft landet auf dem Mond, und mit einem speziellen, torpedoförmigen Gefährt, der Valky­rie, das sich durch den kilometerdicken Eispanzer des Enceladus zu schmelzen vermag, erreichen zwei Mitglieder der Expedition schließlich den tief im Inneren von Enceladus verborgenen, Jahrmilliarden alten flüssigen Ozean aus salzhal­tigem Wasser. Tatsächlich kann das Team am Grund des Ozeans einen endlosen Teppich von lebenden Einzellern nachweisen, die allerdings auf wundersame Weise neuronal miteinander verbunden sind und einen hochintelligenten Superverstand bilden – der mit den unerwarteten Besuchern einen neugierigen Kontakt aufnimmt . . .

 

Kurzweilige, leicht goutierbare Hard-SF

 

Die spektakulären Bilder, die die internationale Cassini/Huygens-Mission ab 2004 vom Saturn und seinen vielfältigen Monden lieferte, fesseln die Fantasie außerordentlich, sodass es nur eine Frage der Zeit war, dass sich Science-Fiction-Autoren daran machen würden, spannende Reisen zu diesen Welten zu fabulieren. Als einer der interessantesten Monde des Saturn entpuppte sich Enceladus, als Cassini am Südpol dieser von einem dicken Panzer von Wassereis überzogenen Welt mächtige Geysire von Eiskristallen nachwies und damit die Theorie untermauerte, dass sich unter der Eisdecke des Mondes ein flüssiger Ozean aus Wasser verbirgt – in dem sich vielleicht auch irgendeine Form von Leben gebildet haben könnte.

 

Die Prämisse eines belebten Ozeans unter Enceladus’ Eispanzer bildet den Aufhänger des Romans von Matthias Mat­ting (geb. 1966), der seine Science-Fiction-Romane unter dem etwas exzentrischen Pseudonym Brandon Q. Morris ver­öffentlicht. Matting, studierter Physiker, versierter Journalist und mehrfacher Sachbuchautor, schreibt seit 2017 sehr erfolgreich Science-Fiction-Romane, die er als Self-Publisher veröffentlicht. Enceladus ist sein erster Science-Fiction-Roman und der erste Teil der sogenannten „Eismonde“-Tetralogie – die nachfolgenden Bände sind Titan (2018), Io (2018) und Enceladus – Die Rückkehr (2018). Zumindest dieser erste Band ist allerdings ausreichend in sich abgeschlos­sen, sodass man nicht mit einem völlig offenen Ende verärgert wird (eine leidige Unsitte heutiger Science-Fiction-Reihen) und sich nach der Lektüre entscheiden kann, ob man den Abenteuern der Raumschiffcrew im Saturnsystem im nächsten Band weiter folgen möchte oder nicht.

 

Als Physiker ist Matting darum bemüht, seinen Roman als glasklare Hard-SF zu gestalten. Das heißt: Er baut seine Ideen zur Technologie der von ihm geschilderten Raumfahrtexpedition strikt auf technologischen Konzepten auf, die schon heute ernsthaft angedacht oder in Ansätzen bereits entwickelt werden. Die Schilderung des Raumfluges selbst nutzt konsequent das Wissen, das wir heute bereits über das Leben an Bord von Raumschiffen und Raumstationen haben, und auch die Schilderung des Enceladus verwertet die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien zu dem Thema. Dadurch gewinnt das erzählte Weltraumabenteuer sehr überzeugend den Anschein von Glaubwürdig­keit, auch wenn nicht übersehen werden darf, dass sich natürlich auch ein Hard-SF-Autor gewisse dichterische Frei­heiten nimmt, ja, nehmen muss. So wird das Problem, eine sechsköpfige Mannschaft über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren an Bord eines beengten Raumschiffs in einer künstlichen Biosphäre am Leben zu erhalten, zwar im Roman durchaus adressiert, aber nicht wirklich überzeugend beantwortet. Alle Bemühungen in diese Richtung stecken heute tatsächlich noch in den Kinderschuhen und würden eine Langzeitmission ins äußere Sonnensystem noch vereiteln. Auch das Problem des Strahlungsschutzes an Bord einer Langzeitmission im All wird, wie so oft in heutigen Hard-SF-Romanen, nur äußerst stiefmütterlich behandelt und die extreme Krebsgefahr für die Mannschaft, die damit einher-geht, nahezu lachhaft bagatellisiert. „Mit heutiger Technologie ein Saturn-Raumschiff zu konstruieren, wäre zwar prin­zipiell möglich, aber sehr, sehr teuer“, sagt Matting im Anhang seines Romans (S. 451), doch ist diese Behauptung defi­nitiv viel zu optimistisch. Alles in allem bildet jedoch die „harte“ Wissenschaftlichkeit von Enceladus einen durchaus soliden Hintergrund für den Roman.

 

Der Roman ist außerordentlich flott und „leicht bekömmlich“ geschrieben – ein Pageturner, der ein interessantes und spannendes Weltraumabenteuer erzählt und sich rasch „herunterlesen“ lässt. Insofern ist er als unterhaltsame Science-Fiction durchaus gelungen. Auf der anderen Seite ernüchtert die für meinen Geschmack zu einfache, lakonische, tro­ckene Sprache, die noch dazu im Präsens erzählt. Die Figuren des Romans werden nur peu à peu näher charakterisiert, und auch das geschieht nur rudimentär, sodass aus den bloßen Handlungsträgern kaum plastische Persönlichkeiten werden. Vor allem die Hauptfigur Martin Neumaier ist enttäuschend klischeehaft gezeichnet und erinnert stark an die ganz ähnli­che Hauptfigur David Holmes aus Phillip P. Petersons Paradox (2015): ein 39-jähriger, gehemmter Nerd und Außensei­ter, der keinen Schlag bei Frauen hat und absurderweise wider Willen mit auf die Mission geschickt wird.

 

Die zahlreichen Pannen und Störfälle während des Fluges – wozu auch die ungewollte Schwangerschaft und Geburt der Kommandantin Amy zählt – nehmen gut drei Viertel des Romans ein. Immer wieder sind die Astronauten damit beschäftigt, die Probleme zu lösen, was ihnen auch stets gelingt. So stellt sich während der Lektüre langsam der Ver­dacht ein, dass das Ziel der Mission für Matting nur als Aufhänger fungierte, um das Raumfahrtabenteuer, das ihm viel wichtiger ist, in Gang zu setzen. Am Ende erreicht die Mission dann aber doch noch Enceladus, und Martin erforscht zusam­men mit einer Kollegin an Bord des Schmelzschiffes Valkyrie Enceladus’ Ozean. Dieser letzte Teil des Romans auf Enceladus ist der spannendste – und leider etwas zu knapp ausgefallen.

 

Die Intelligenz, die sich Matting am Grund des Ozeans ausmalt, wirft, auch wenn sie auf den ersten Blick stark an Sta­nisław Lems Solaris (1961) erinnert, eine Menge evolutionsgeschichtlicher Fragen auf und wird daher nicht besonders glaubwürdig. Wenn es keinen Konkurrenzkampf und Entwicklungsdruck in diesem Ozean gegeben hat, wie die Astro­nauten vermuten, fragt sich, wie es möglich gewesen war, dass sich die Monokultur der Myriaden Einzeller im Ozean zu einem einzelnen (!) superintelligenten Wesen zusammenschließen konnten. Wie konnte sich die Intelli­genz dieses Superwesens in seiner ewigen, unbedrohten, dämmerigen Einsamkeit überhaupt schärfen? Und weshalb sollte dieses Wesen Interesse am Bau einer Bibliothek in Form von symbolgeschmückten Säulen gehabt haben, wenn es nicht einmal Augen zum Sehen hat?

 

So mündet die Hard-SF von Enceladus am Ende in ein ordentliches sense of wonder-Szenario ein, wo der Autor die wissenschaftlichen Zügel schießen lässt und den Leser dazu einlädt, das unergründlich Fantastische zu bestaunen. Das gibt dem Roman am Ende dann doch noch den nötigen Clou, um ihn zu einem runden Ganzen zu machen. Enceladus ist solide Hard-SF – etwas zu nüchtern erzählt zwar, aber nichtsdesto­trotz sehr unterhaltsam und kurzweilig.

 

 

© Michael Haul

Veröffentlicht auf Astron Alpha am 29. März 2019