Herbert W. Franke: Das Gedankennetz

Science-Fiction-Roman. Im Februar 1961 erstmals im Wilhelm Goldmann Verlag (München) in der Reihe Goldmanns Zukunftsromane als Band 16 erschienen (so­wohl als Hardcover als auch als Trade Paperback). Eine zweite Auflage erschien im September 1963 in der Reihe Goldmanns Weltraum Taschenbücher. Im Juli 2014 ist bei Heyne auch eine E-Book-Ausgabe erschienen. Hier vorliegend ist die vom Autor überarbeitete Ausgabe des Romans vom August 1982. Taschenbuch, 168 Seiten.

 

Eine Formation von 512 Raumschiffen steuert einen Planeten an, um ihn zu erforschen. Der Planet besitzt Ozeane und mehrere Kontinente, die alle bis auf einen von gigantischen Staubflächen bedeckt sind – die zerfallenen Überreste einstiger Städte. Die Zivilisation auf dem Planeten ist bereits seit vielen Millionen Jahren untergegangen. Vries, einer der leitenden Wissenschaftler, entdeckt in Gebäudeüberresten unterhalb der viele Meter dicken Staubschicht ein noch halbwegs intaktes Laboratorium und darin mehrere Behälter, die in einer Flüssigkeit konservierte Gehirne ent­halten. Zwei der Gehirne bringt er zurück auf sein Raumschiff, um sie zu scannen und ihre „Schaltpläne“ sowie ihre „Er­innerungsstrukturen“ in den Computer des Raumschiffs einzuspeisen. Das Experiment glückt, doch nachdem das Be­wusstsein eines der geborgenen Gehirne im Computer zu neuem Leben erwacht ist, übernimmt es sofort die Steue­rung aller Einrichtungen des Raumschiffs, und Vries und seine Crew sind ihm ausgeliefert . . .

 

Auf dem vierten Planeten der Sonne Heyse II, der komplett von einem milchigweißen, schaumigen Ozean bedeckt ist, beobachtet ein zweiköpfiges Erkundungsteam, bestehend aus Eric Frost und Sid Rosselino, eine schwarze, verästelte Masse, die in der Nähe ihrer im Meer postierten Station langsam aus den Fluten emporwächst. Als Eric mit einem Boot zu dem seltsamen Gebilde übersetzt und es untersucht, entdeckt er, dass sich in ihm fremde Intelligenzen verbergen müssen. Er handelt gegen die rigorosen Direktiven der Militärführung, der er untersteht, und muss dafür einen Preis zahlen . . .

 

Auf dem von Menschen kolonisierten Planeten Amaryll ist ein Diktator namens Lovis gestürzt worden. Sein stets loyal ergebener Lakai Eric verhilft ihm zur Flucht, wobei die Freundin von Lovis, Ruth, einige Komplikationen verursacht . . .

Eine Kommission von Psychiatern und Juristen berät über die weitere Behandlung von Eric Frost. Der Mann hat sich als unzuverlässiger „Anomaler“, als Abweichler, erwiesen, der eigensinnig aus der gleichgeschalteten Masse der Bürger des perfekten Ordnungsstaates ausgeschert ist. Um Frosts psychologische Mechanismen aufzudecken, wurde er unter das „Gedankennetz“ gelegt: ein Apparat, der ihm perfekte Illusionen fantastischer Abenteuer auf fremden Planeten ins Gehirn einspeist. Frosts virtuelles Verhalten unter den Bedingungen der virtuellen Abenteuer sind der Kommission In­dizien für seine nicht zu duldende Abartigkeit. Frost, inzwischen inhaftiert, droht die Lobotomie, doch kann er mithilfe einer Assistentin der Kommission entkommen. Oder ist auch dies wieder nur eine fingierte Wirklichkeit des Gedanken­netzes?

 

Was ist Realität? Was ist Science-Fiction?

 

Herbert W. Franke (geb. 1927) zählt zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren deutscher Sprache, und seine Ro­mane zeichnen sich durch intelligent angelegte Plots und engagierte Fragestellungen aus. Das zeigt sich bereits in Das Gedankennetz (1961), Frankes erstem veröffentlichten Roman. Wie bereits in der Inhaltszusammenfassung oben deut­lich wird, erzählt Franke in jedem Kapitel eine völlig neue Geschichte: Zunächst geht es um die Erkundung eines Plane­ten, dessen Zivilisation bereits vor Millionen von Jahren untergegangen ist, und die Wiederbelebung des Bewusstseins zweier dort aufgefundener Gehirne in einem Computer. Im nächsten Kapitel versetzt Franke den Leser plötzlich auf einen bizarren Planeten, der von einem weißlichen, schäumenden Ozean überspült ist, aus dem eine dunkle, verästelte Masse emporwächst (eine seltsame Parallele zu Stanisław Lems Roman Solaris, der allerdings vor 1972 im deutschspra­chigen Raum unbekannt war und daher kaum Franke inspiriert haben kann). Ein Kapitel weiter befindet der Leser sich wieder auf einer anderen Welt und erlebt mit, wie ein gestürzter Diktator von seinem Helfer zu einer abenteuerlichen Flucht verholfen wird.

 

Dass dieser Helfer wie schon der Protagonist im Kapitel zuvor Eric heißt, ist ein erster Fingerzeig, dass es eine verbor­gene Verbindung dieser scheinbar beziehungslosen Kapitel geben muss. Die Auflösung des Rätsel ergibt sich erst spät im Roman, sodass der Leser, in Frankes Werken nicht ungewöhnlich, über lange Zeit einige Geduld aufbringen muss. Dass die Lektüre dennoch fesselnd bleibt, ist Frankes virtuoser Erzählkunst zu verdanken. Jede einzelne Abenteuer­handlung schildert er eindringlich und sehr fantasievoll und bleibt dabei in seiner klaren und nüchternen Sprache aus­gesprochen präzise und ökonomisch. Es reichen ihm oft wenige, manchmal nur andeutende Worte, um Situationen oder bestimmte fantastische Realia plastisch vor Augen zu stellen. Dasselbe gilt für die Figuren: Sie werden kaum tief­schürfend und weitschweifig ausgestaltet, und doch sind sie in ihrem Handeln und ihren psychologischen Antrieben schlüssig und glaubwürdig – der Leser wird sehr schnell vertraut mit ihnen.

 

In der Mitte des Romans wird schließlich das Tribunal mehrerer Psychiater und Juristen über einen Patienten namens Eric Frost erzählt, und es wird klar, dass die zuvor geschilderten Abenteuerhandlungen nur virtuelle Realitäten waren, denen Frost unter dem „Gedankennetz“ zwangsweise ausgesetzt wurde, um seine potenzielle Loyalität zum totalitä­ren, sogenannten „sozialen Idealstaat“ (S. 103) zu überprüfen. Das „Gedankennetz“ ist eine Apparatur, die diese virtuel­len Realitäten in das Gehirn des Probanden einspeist (sie wird allerdings von Franke leider überhaupt nicht näher ge­schildert). Der Staat der Zukunft, in dem Frost lebt, ist eine totalitäre Horrorvision. Die Kontinente sind bis auf den letzten Quadratzentimeter unter dem Beton gigantischer, zusammenhängender Stadtgebiete verschwunden, und die Menschen in diesen Superstädten sind vollkommen gleichgeschaltet. Ihr Geschlechtstrieb und damit auch ihre Initia­tive, ihre Kampfeslust und ihr Mut wurden durch Zuchtauswahl über mehrere Generationen hinweg fast ganz unter­drückt. Die Menschen gehen der ihnen zugewiesenen Arbeit nach, vegetieren stumpfsinnig und leidenschaftslos vor sich hin und entwickeln nie Eigeninitiative oder gar Kritik am Herrschaftssystem. Individuen, die sich in diesem Amei­senstaat dennoch ungewöhnlich verhalten oder gar aus dem gesellschaftlichen System ausscheren wollen – soge­nannte „Anomale“ –, werden psychologischen Prüfungen wie dem Gedankennetz unterworfen und mit Gehirnopera­tionen wie der Lobotomie diszipliniert.

 

Frost gelingt mithilfe von Janet, einer Angestellten der psychologischen Anstalt, die Flucht vor der drohenden Loboto­mie. Frost will zunächst gar nicht fliehen, weil er erkannt hat, dass das Erlebte unter dem Gedankennetz der grauen und stumpfen Realität allemal vorzuziehen ist. Er erklärt seiner Fluchthelferin:

 

„Ich wußte gar nicht, wie das ist: etwas erleben. Aber jetzt weiß ich es. Natürlich, es war nur ein Traum. In diesem Traum hatte ich Freude und Angst. Früher hatte ich nie solche Freude und nie solche Angst. Im Traum habe ich geliebt und gehasst. Ich wußte nicht, daß ich so lieben und so hassen kann. Im Traum habe ich gehandelt – wie ich noch nie in meinem Leben gehandelt habe. Zum ersten Mal hat mein Handeln mein Schicksal bestimmt – wenn auch nur ein Traumschicksal. [ . . . ] Vielleicht sind sie uns jetzt schon auf der Spur. Ganz gleich aber, wie lange es noch dauerte – ich bin mit meinem Leben zufrieden.“ (S. 124)

 

Frost lässt sich dennoch von Janet in ein tief unter der Stadt liegendes Flusssystem führen, wohin die Staatsgewalt nicht reicht, wo allerdings auch andere Anomale hausen, die sich mit gnadenloser Gewalt gegenseitig bekämpfen und einander das wenige streitig machen, was sie haben. Eric und Janet müssen um ihr nacktes Überleben kämpfen. Doch am Ende – der Leser hat es längst geahnt – erweist sich auch diese fantastische Geschichte als eine virtuelle Realität, diesmal in den Kopf der Angestellten eingespeist, um ihre „Anomalität“ nachzuweisen.

 

So treibt der Roman bis zum Schluss ein interessantes Vexierspiel mit den Realitätsebenen – ein Lieblingsthema von Franke, das er auch in seinen anderen Werken immer wieder aufgegriffen hat. Ganz am Ende ist es nicht einmal klar, ob die letzte Realität, die Eric als elektronisch eingespeistes Bewusstsein im Inneren eines Computers erlebt, „real“ ist. Es stellt sich nämlich heraus, dass die beiden Gehirne, die vom Forschungsteam im ersten Kapitel des Romans geborgen und in ihren Computer eingespeist worden waren, die Gehirne von Eric und Janet sind – geborgen von fernen Nach­fahren der Menschheit auf einer verödeten, toten Erde, viele Millionen Jahre in der Zukunft.

 

Das muntere Spiel mit der Fiktion und der Realität erzeugt interessante Assoziationen. Indem Franke beispielsweise die bunten, fantasievollen und spannenden Abenteuerhandlungen – typische Science-Fiction-Erzählungen – als mani­pulative Eingriffe in das Bewusstsein enttarnt, hinterfragt er fürwitzig auch die Funktion und die Bedeutung des Kon­sums von Science-Fiction-Literatur; der Roman spiegelt sozusagen sich selbst. Ein Stück weit ist es schon wahr: Science-Fiction-Erzählungen sind Fluchten aus einer Realität, die als ein ewiger, stumpfer Trott sich wiederholender Banalitäten erlebt wird, während in der Science-Fiction (und allgemeiner der litarischen Fiktion überhaupt) noch Dinge wie Heldenmut, erfolgreicher Kampf und eigenständiges Handeln möglich sind. Auch wenn Frankes totalitäre Zukunft maßlos überzeichnet und nach über 50 Jahren auch ziemlich naiv erscheint – so sah Franke die Gefahren für die Frei­heit noch vom Staat ausgehen, während sie inzwischen eher in der unentwegt wachsenden Macht der Konzerne und ihres entfesselten Kapitalismus gesehen werden muss –, so bietet sie doch einige Momente, die auch an die heutige Alltagsrealität anklingen.

 

Das Gedankennetz ist damit ein spannend gestalteter, intelligent zusammengefügter und elegant geschriebener Ro­man, der alles in allem noch immer nicht angestaubt wirkt und zu überzeugen weiß.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 29. März 2017