Herbert W. Franke: Der Orchideenkäfig

Buchcover des Romans "Der Orchideenkäfig" von Herbert W. Franke, in zweiter Auflage (1982) im Wilhelm Goldmann Verlag

Science-Fiction-Roman. Im Oktober 1961 erstmals im Wilhelm Goldmann Verlag (München) erschienen. Zweite, vom Autor überarbeitete Auflage 1982. Taschen­buch, 188 Seiten.

 

In ferner Zukunft werden alle Bedürfnisse der Menschheit von Maschinen und Computern gestillt, und die Wissen­schaft dient nur noch zur Unterhaltung. So ist die Suche nach außerirdischen hochentwickelten Spezies zum belang­losen Sport verkommen: Zwei Teams verabreden sich auf einem neuentdeckten Planeten, begeben sich auf die Suche, und wer zuerst Abbilder der „Anderen“ auf jener Welt entdeckt, hat gewonnen und darf dem Planeten einen Namen geben. Bisher wurden stets nur ausgestorbene Spezies entdeckt – auf lebende intelligente Wesen ist noch nie jemand gestoßen.

 

Auf einem erdähnlichen Planeten, der Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt ist, betreten die Freunde Al, Don und Katja die Ruinen einer toten Stadt – ihnen im Wettstreit voraus ist ein gegnerisches Team, angeführt von ihrem Freund Jak. Die äußeren Stadtbezirke sind von ultramoderner Architektur und Technologie geprägt, das Zentrum hingegen besteht scheinbar aus einem mittelalterlichen, ummauerten Stadtkern – bis die Gruppe entdeckt, dass es sich dabei nur um eine täuschend echte Projektion handelt. Hinter der Illusion verbirgt sich ein gigantischer, vollautomatischer Maschinenpark, der die Stadt einst mit allem Lebensnotwendigem versorgt hatte. Als die Maschinen wieder zum Le­ben erwachen und Al auf digitale Archivaufnahmen stößt, die ihm die erstaunlich menschenähnlichen Erbauer der Stadt zeigen, beginnt in Al echte Forscherneugier aufzukeimen: Er will ergründen, was mit dieser fremden Zivilisation geschah, und erhofft sich davon eine Erkenntnis über die Zukunft der irdischen Menschheit. Könnte es sein, dass die Nachfahren dieser Zivilisation noch immer leben – möglicherweise unterhalb der Stadt?

 

Vom Ende der Evolution

 

Der Orchideenkäfig demonstriert eindringlich, weshalb Herbert W. Franke (geb. 1927) zu den meistgeschätzten deutschsprachigen Autoren anspruchsvoller Science-Fiction zählt. Der Roman, kurz nach Frankes Debut Das Gedan­kennetz (1961) erschienen, ist intelligente Science-Fiction vom Feinsten, die sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Menschheit unter dem Einfluss der fortschreitenden Technisierung weiterentwickeln wird. Franke entwirft als mögli­che Antwort eine logisch nachvollziehbare, erstaunlich aktuell anmutende Vision. Er interessiert sich weniger für die glitzernden Wunderdinge und Gadgets, die die Technologie der Zukunft bereitstellen wird; ihn interessiert, welche Konsequenzen aus einer Welt erwachsen, in der der naive Science-Fiction-Traum von der Befreiung des Menschen von aller Arbeit und allen Widrigkeiten des Lebens erfüllt ist. Wird dem müßigen Menschen von morgen jeglicher Eifer, jeglicher Antrieb abhanden kommen, wird er sich in einem Dickicht perfektionierter Unterhaltung und pervertierter Machtfantasien selbst verlieren und entfremden?

 

Es dauert eine ganze Weile, bis der Leser in den Roman hineinfindet. Franke breitet ein Puzzle aus, deren Teile der Leser nach und nach selbst zusammensetzen muss, sodass ihm bis über die erste Hälfte des Romans hinaus vieles unverständlich bleibt. Der Schauplatz, die fremde Welt, ist interessant und spannend skizziert, doch das Verhalten der Protagonisten bleibt ohne Erklärung ihres Hintergrunds zunächst seltsam und unnachvollziehbar: Sie sind unvorsichtig, bisweilen kindisch, und haben nur ihren merkwürdigen, dummen Wettstreit im Sinn. Das hemmt die Lektüre anfangs enorm. Je mehr sich jedoch das Bild zusammenfügt, desto ungeheuerlicher wird die Kraft, die es entfaltet, und in der zweiten Hälfte fesselt das Buch immer stärker und lässt den Leser bis zum Schluss nicht mehr los.

 

Er erfährt, dass die Handlung im Jahre 122106 stattfindet (vgl. S. 155) und es in jener allerfernsten Zukunft keine Kriege, keine Arbeit, aber auch kein Schaffen und Streben mehr gibt; die Menschen, von der Wirklichkeit suspendiert, sind nur noch illusorischen „Erlebnisfilmen“ und dem Spiel hingegeben. Sie sitzen jeder für sich vor riesigen Bildschirmen in mit Tastaturen versehenen Sesseln, tragen Datenhelme auf dem Kopf und tauchen ständig in Abenteuer ein, die sie nicht leibhaftig, sondern mit Avataren erleben (die von Franke nur noch nicht so genannt werden). Denn nichts anderes sind Al und die Gefährten, die den fernen Planeten erkunden: sensorisch hochentwickelte Roboter, die per „Synchron­strahl“ über Milliarden Lichtjahre hinweg ohne Zeitverlust in ständigem Kontakt mit ihrem Besitzer auf der Erde ste­hen, der den Avatar steuert und dem umgekehrt alles, was der Avatar erlebt, als eigene Wirklichkeit ins Gehirn trans­feriert wird. So erklärt sich auch das anfängliche Rätsel, dass die Figuren im Roman keine Skrupel haben, sich in ihrem Wettstreit gelegentlich umzubringen – kurz darauf werden einfach neue Avatare erschaffen (das Instrument hierfür ist ebenfalls der „Synchronstrahl“), und das Spiel kann weitergehen. Angesichts der beängstigenden Realitätsverluste, die manche Online-Gamer mit ihren Avataren in Internetspielen erleben, für die sie ungeheuer viel Zeit aufwenden, muss Frankes 1961 (!) erschienener Roman als nahezu prophetisch bezeichnet werden – mit der Einschränkung, dass sich Ansätze seiner Zukunftsvision schon jetzt und nicht erst in über 120.000 Jahren erfüllt haben.

 

Science-Fiction-Romane, -Erzählungen und -Filme, die sich um Avatare und die Übertragung des Bewusstsseins auf künstliche Entitäten drehen, gibt es viele, aber nur wenige gehen einen Schritt weiter und fragen nach den gesell­schaftlichen, ja, evolutiven Konsequenzen einer solchen Entwicklung. Was macht den Menschen wirklich aus? Worin liegt sein Sinn, worin das Ziel seines Fortbestehens? Ist es das Erschaffen, das Erringen, der Kampf? Ist umgekehrt ein ewiger Frieden, erkauft durch die watteweiche Einbettung in ewigen Illusionen, erstrebenswert? Franke wird in sei­nem Roman nie apodiktisch, und bis auf Al stellen sich seine Figuren nie derart in Frage. Sie erleben ihr Dasein als gegebene Normalität, was überaus plausibel ist. Da sie wissen, dass allenfalls ihre Avatare, nie aber sie selbst Schaden nehmen können, benehmen sie sich auf der fremden Welt unbekümmert wie närrische, rücksichtslose Kinder. Der Leser aber mit seinem Blick von außen wird immer drängender auf die existenziellen Probleme hingewiesen, die das fiktionalisierte Leben in völliger Sicherheit aufwirft. Schließlich werden sie auch für Al unausweichlich: Seine Frage nach dem Geschick der fremden Zivilisation, die der Menschheit doch so ähnlich gewesen zu sein scheint, liefert ihm am Ende ein grauenvolles Bild von der möglichen Zukunft der eigenen Spezies, einer möglichen Endstufe der eigenen Evolution: dem Orchideenkäfig.

 

Dahin nämlich haben sich die einst humanoid aussehenden Außerirdischen entwickelt. Sie sind zu aufgefächerten, fleischigen Klumpen geworden, Orchideen gleich, die in einem Netz aus Drähten, Zuleitungen und Plexiglaskanülen eingesponnen sind – Käfige –, über die ihre verselbstständigte Technologie sie mit allem speist, dessen sie bedürfen: Nahrung, Atmung und glücksstimulierende Hirnimpulse. Sie verfügen über keine Glieder und Sinnesorgane mehr, da sie ihrer genausowenig bedürfen wie über Möglichkeiten der Verständigung und Fortpflanzung. Selbst das Denken ist ihnen abhanden gekommen. „Wozu sollten sie denken?“ erklärt ein extraterrestrischer Roboter dem erschütterten Al. „Glück kommt nur durch das Gefühl. Alles andere stört“ (S. 186).

 

Es ist eine makabre Ironie, dass die autonom denkenden und agierenden außerirdischen Roboter vollauf davon über­zeugt sind, für ihre entmündigten Herren das Richtige zu tun, nämlich ihnen vollkommenes Glück, vollkommenen Frie­den und vollkommene Sicherheit zu verschaffen (vgl. S. 182). Im Ergebnis wurden die unförmigen organischen Massen, zu denen die Außerirdischen degeneriert sind, vom Moloch ihrer Technologie praktisch vollständig verschlungen. Vor­dergründig ist im Bild des Orchideenkäfigs die altbekannte Science-Fiction-Warnung vor der Technologie formuliert. Die Technologie entmenschlicht hier jedoch nicht durch ihre Anforderungen an den arbeitenden Menschen wie noch im Industriezeitalter, sie entmenschlicht auch nicht durch die gewaltsame Manipulation des Menschen wie im Fran­kensteinmotiv – sie entmenschlicht weitaus subtiler, indem der Mensch sich ihr anfangs aus freien Stücken hingibt, um ein befreiteres und leichteres Leben zu führen, und damit eine Entwicklung ins Rollen bringt, die sich seiner Kon­trolle zunehmend entzieht. Versinnbildlicht wird dies in der letzten Szene des Romans: Al, von den Orchideenkäfigen zutiefst schockiert, zerschmettert seinen Bildschirm und die Kontrollen seiner Unterhaltungsapparatur, erhebt sich aus seinem Sessel und tritt ins Freie – nur um sich auf einem staubigen Betonplatz inmitten von Bungalows wiederzufin­den, die bevölkert sind von verdrahteten, träumenden Mitmenschen. Es gibt kein Zurück in ein natürlicheres, echteres Dasein – jedenfalls nicht ohne erneuten Kampf.

 

Franke malt seine düstere Zukunftsvision mit Bildern von Supertechnologie aus, die teilweise genreüblich, teilweise überraschend originell sind. So erinnert der gigantische, vollautomatische Maschinenpark im Stadtzentrum an die unterirdischen Krell-Maschinen in Fred M. Wilcox’ Alarm im Weltall (1956) und wirkt mit seinen Förderbändern, Sortier­anlagen und Öfen etwas altertümlich, doch die unterirdische endlose „Würfelhalle“, die Al später betritt, ist außeror­dentlich fantasievoll – extrem bizarr und dennoch glaubwürdig geschildert. Auch die Erläuterung des „Synchron­strahls“, mit dem Informationen über interstellare Weiten ohne Zeitverlust übermittelt werden können, ist clever und glaubwürdig fabulierter science babble. Die in den Sechzigerjahren schwer drückende Angst vor der Atombombe ist – fast unvermeidlicherweise – im Orchideenkäfig eine wichtige Triebfeder. Die Avatare sprengen die Stadt mit einer Neutronenbombe in die Luft, nur um sich einen Zugang zu ihren Katakomben zu verschaffen. Vor allem aber setzt Franke eine universell gleichförmige, quasi naturgesetzliche kulturelle Entwicklung intelligenter Spezies voraus, die stets an einen kritischen Punkt möglicher Selbstzerstörung anlangt – eine gängige, auch heute noch unter Science-Fiction-Autoren beliebte, gleichwohl fragwürdige Theorie. Dass sich die Fremden allein aufgrund der Ähnlichkeit ihres Planeten mit der Erde zu Humanoiden entwickelt haben, ist eine ärgerliche Übertreibung dieser Theorie und ein uraltes Klischee, doch bei Franke dient dieser Kunstgriff vor allem dem Zweck, aus den Außerirdischen einen Spiegel der menschlichen zukünftigen Entwicklung zu machen.

 

Der Orchideenkäfig ist ein intelligenter, überraschender Science-Fiction-Roman, der sperrig beginnt und später atem­beraubende Spannung aufbaut, die allein aus dem Mysterium der fremden Zivilisation erwächst. Franke stellt die totale Technisierung des Lebens, einhergehend mit der totalen Fiktionalisierung des Erlebens, nüchtern in Frage, ohne das Problem am Ende mit einem heroischen Schlag aufzulösen. Über Antworten auf diese mögliche Entwicklung nachzudenken, bleibt dem Leser überlassen. Ein brillantes Werk, das noch immer hochaktuell ist – und von welchem über fünfzig Jahre alten Science-Fiction-Roman kann man das schon behaupten?

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 13. März 2017