Herbert W. Franke: Die Glasfalle

Buchcover des Romans "Die Glasfalle" von Herbert W. Franke, in zweiter Auflage (1981) im Wilhelm Goldmann Verlag

Science-Fiction-Roman. 1962 erstmals erschienen im Wilhelm Goldmann Verlag (München). Zweite, vom Autor überarbeitete Auflage 1981. Taschenbuch, 192 Seiten.

 

Auf einem hermetisch abgeriegelten Kasernengelände auf einem trostlosen, wüstenhaften Planeten schiebt eine Ar­mee von 1100 Mann Dienst. Ein Major ist der Kommandant, der militärische Drill füllt die gesamte Zeit der Soldaten aus. Alle Soldaten scheinen voller Hingabe und ohne nachzudenken ihre Aufgabe auszufüllen. Bis einer von ihnen, Abel, sich heimlich davor drückt, die psychopharmazeutischen Pillen zu schlucken, die die Soldaten täglich einzunehmen haben. Abels Bewusstsein klärt sich, und er hat fortan nur einen einzigen Gedanken: den verhassten Major zu töten. Indem er dafür sorgt, dass sein Kamerad Austin ebenfalls keine Pillen mehr einnimmt, verschafft er sich einen Kom­plizen . . .

 

Ein Mann erwacht und kann sich an nichts erinnern. Er liegt mit halb zerfetztem Brustkorb, an einer Herzlungenmaschi­ne angeschlossen, in einem Krankenzimmer. Versorgt wird er von der wortkargen Krankenschwester Chris. Ein Arzt namens Dr. Myer erscheint und erklärt dem Patienten, dass er Phil Abelsen heißt und als Soldat schwer verwundet wurde.

 

Abelsen erfährt erst nach und nach die Zusammenhänge: Die Erde ist in einem Atomkrieg untergegangen, und Abel-sen befindet sich mit Dr. Myer, Chris und 1100 weiteren Menschen (wovon nur vier Frauen sind) auf dem einzigen Raumschiff, das entkommen konnte. Das Schiff ist auf dem Weg zu einem Planeten, der die schwach leuchtende Son­ne RZ 11 umkreist. Dr. Myer führt das Schiff und hat fast alle Passagiere in „Glasfallen“ gesteckt, gläserne Behälter, in denen die Menschen im Kälteschlaf liegen, bis das Reiseziel erreicht ist. Dr. Myer will auf dem unwirtlichen Planeten eine völlig neue, totalitäre Gesellschaft aufbauen, in der die bedingungslose Gefolgschaft der Menschen durch Psy­chopharmaka sichergestellt ist. Als Abelsen die erschreckende Wahrheit erkennt, versucht er verzweifelt, der für ihn bereitstehenden „Glasfalle“ zu entgehen . . .

 

Ein düsteres Post-Doomsday-Szenario

 

Herbert W. Franke (geb. 1927) gehört zu den renommiertesten Autoren gehobener Science-Fiction im deutschsprachi­gen Raum. Die Glasfalle war nach Das Gedankennetz (1961) und Der Orchideenkäfig (1961) Frankes dritter Roman. 1962 befand sich die Welt fest im Griff der immer konkreter werdenden Angst vor dem Atomkrieg – im Oktober jenes Jah­res gipfelte der Kalte Krieg in der berüchtigten Kubakrise. Der Atomkrieg markiert auch Anfang und Schluss in Frankes Roman. Ein Atomkrieg hat die Erde vollkommen ausgelöscht, und der dunkle, kalte Planet, auf dem sich der spärliche Rest der Menschheit niederlassen muss, ist ebenfalls ein atomar verseuchter Ort, ohne dass die Menschen wissen, weshalb: „Unsere Heimat ist eine radioaktive Wildnis. [ . . . ] Es war nicht leicht, den Boden von den radioaktiven Glas­krusten zu befreien, deren Ursprung wir nicht kennen“ (S. 187). Die Menschheit entrinnt ihrem Schicksal nicht – sie sitzt auch auf der neuen Welt in der „Glasfalle“.

 

In diesen düsteren Rahmen spannt Franke zwei parallel erzählte Handlungsstränge ein, die jedoch, wie dem Leser schon früh durch die Namen „Abel“ und „Abelsen“ angezeigt wird, eng aufeinander bezogen sind. Wie sich heraus­stellt, sind Abel und Abelsen ein und dieselbe Person. Der Arzt Dr. Myer ist identisch mit dem Major, der später die neue Soldatengesellschaft kommandiert.

 

Franke erzählt in einem nüchternen, distanzierten Stil; die zweigliedrige Erzählung ist dabei wie ein Kammerspiel ge­staltet und entwickelt eine klaustrophobische Enge. Es gibt nur zwei geschlossene Schauplätze, die beide keine Flucht zulassen: die wenigen Räume an Bord des fast menschenleeren Raumschiffs und das streng geometrische Kasernen­gelände, das sich bald als gigantischer Atombunker mitsamt künstlichem Himmel und gesteuertem Wetter entpuppt. Das Personal ist auf ein Minimum konzentriert, es gibt keine ausschmückende Nebenhandlungen. Der „Held“ Abel/A­belsen ist in beiden Erzählsträngen geschwächt und der Allmacht des Arztes/Majors ausgeliefert. Sowohl als schwer verletzter Patient als auch als einfacher Soldat gestaltet sich seine Auflehnung gegen den übermächtigen Widersa­cher, von dem er schicksalhaft abhängig ist, als aussichtslos.

 

Franke malt das Menetekel eines neuerlichen Faschismus an die Wand, der durch zukünftige medizinische Technolo­gien ermöglicht werden könnte. Der Arzt ist der Inbegriff des verrückten Wissenschaftlers: Er glaubt an die Allmacht der Wissenschaft und an die Chance, die menschliche Gesellschaft mit wissenschaftlich-technischen Methoden von ihren vielfältigen Problemen zu „kurieren“. Nicht die Jagd nach Ruhm treibt ihn an, sondern der Abscheu vor dem Chaos des menschlichen Lebens:

 

„Wir haben es ja erlebt“, sagte er, „das Inferno. Und es war vorauszusehen. Es war nicht das erste Mal – denken Sie an die Sintflut. Es gab auch immer schon eine Arche Noah – wie unser Schiff. Aber jedesmal hat man den Ungeist in die neue Zeit hinübergeret­tet. Denken Sie an die letzten Tage der Erde und wie es dazu gekommen ist. Denken Sie an das, was die Menschen waren: eine zuchtlose, unordentliche, haltlos hin und her treibende Masse. Jeder wollte etwas anderes, es gab ein Wirrwarr von Meinungen und Wünschen, ein Durcheinander sinnloser Handlungen, ein Sichgehenlassen, ein Indentaghineinleben – ein Chaos von Nach­lässigkeit, Pflichtvergessenheit, Ehrlosigkeit. Was war daran noch menschlich?“ (S. 98)

 

Der Arzt erschafft auf dem neuen Planeten eine faschistische Gesellschaft, die zwar wie ein perfekt eingestelltes Uhr­werk funktioniert, die Menschen jedoch zu geistlosen Rädchen in einer Maschinerie degradiert. Das selbstständige Denken und Hinterfragen, den eigenen Willen und die Auflehnung hat der Arzt abgeschafft, indem er Pillen verab­reicht, die bedingungslosen Gehorsam herbeiführen. Er lässt die Menschen als Soldaten dienen und sich immerwäh­rend auf den Kampf vorbereiten, um ihnen eine Beschäftigung und damit einen Lebenssinn zu geben. Doch gekämpft wird nie; es gäbe auch nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Das Uhrwerk ist ein um sich selbst kreisendes Perpe­tuum Mobile.

 

„Ich brauche keinen Fortschritt und keine Veränderung“, erklärt Dr. Myer. „Mein System wird statisch sein. Ich werde dafür sorgen, daß es anläuft und daß es weiterläuft, wenn ich nicht mehr sein werde“ (S. 100). Zu diesem Zweck über­trägt er vor seinem Tod die Befehlsgewalt auf einen Computer. Da es in der logisch durchgeformten Soldatengesell­schaft nur eine begrenzte Zahl von Handlungen und Meldungen gibt, ist auch die Zahl möglicher Befehle begrenzt, die Steuerung des Uhrwerks also prinzipiell programmierbar.

 

Abel scheitert mit seiner Revolte gegen den Major. Am Ende des Romans zeigt sich jedoch, dass Jahre später, lange nach dem Tod Abels und des Majors, ein Held namens Gilbert (der möglicherweise ein Sohn Abels ist) die Bühne be­tritt und dem es gelingt, den Computer zu zerstören und die befreite Menschheit aus dem Atombunker hinauszu­führen. Der Kampf um das Überleben an der radioaktiven Oberfläche ihres Planeten ist hart, aber eigenverantwortet und sinnerfüllt. Ein Nachgeborener erklärt: „Nur wer weiß, was Unterdrückung ist und was Freiheit bedeutet, darf sich unserer Gegenwart freuen und auf die Zukunft hoffen!“ Mit diesen idealistischen Worten schließt der Roman.

 

Hier offenbart sich das zentrale Problem der Erzählung. Von Beginn an fragt sich der Leser, warum Abel überhaupt in der Lage war, eines Tages das Schlucken der Psychopharmaka heimlich zu unterlassen und so zu seinem vollen Selbst­bewusstsein zurückzufinden. Als der Major Abels „Erwachen“ bemerkt, treibt auch ihn diese Frage um, und er versucht, in Abel zu dringen und eine Antwort zu erhalten. Es gelingt ihm nicht. Abels Ungehorsam kann nicht mit einem be­wussten Willensakt erklärt werden und wird auch keiner zufälligen Panne zugeschrieben. Abels Ungehorsam scheint ein Reflex auf die unterbewusste Erinnerung an seine frühere Auflehnung gegen den Arzt an Bord des Raumschiffes zu sein. Die psychischen Potenziale des Menschen werden somit von den Psychopharmaka nicht vollends unterdrückt – das faschistische System des Arztes hat eine winzige, aber entscheidende Schwachstelle, in die die idealistische Frei­heitsliebe Abels einbrechen kann. Diese scheint sich schließlich sogar in Gilbert vererbt zu haben.

 

So entlässt Franke den Leser mit einem tröstlichen, aber etwas unbefriedigenden Ende, das naiv den überlegenen Geist der Freiheit gegen die imperfekte Wissenschaft stellt. Dennoch überzeugt Die Glasfalle als spannende und sti­listisch souverän gefasste Post-Doomsday-Erzählung, die eine beklemmende Dystopie vor Augen stellt und zum Nachdenken über die Sinngebung des menschlichen Lebens anregt.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 11. März 2017