Phillip P. Peterson: Paradox

Buchcover zu dem Roman "Paradox" (Bastei Lübbe Verlag 2015) von Phillip P. Peterson

Paradox – Am Abgrund der Ewigkeit. Science-Fiction-Roman. 2015 im Bastei Lübbe Verlag (Köln) erschienen (Band 20843). Taschenbuch, 480 Seiten.

 

Ed Walker ist ein erfahrener NASA-Astronaut, der seine Glanzzeit noch in der Space-Shuttle-Ära erlebte. Als unter dem Kommando des 60 Jahre alten Haudegen die altersschwache Raumstation ISS durch ein missglücktes manuelles An­dockmanöver zerstört wird, kann er seine Crew und sich selbst zwar noch mit knapper Not retten, doch scheint nach diesem Desaster seine Karriere endgültig vorbei zu sein.

 

Doch es kommt anders. Das von dem visionären Internetmilliardär Arthur Wyman gegründete Unternehmen Centauri Industries hat einen Durchbruch in der Entwicklung bezahlbarer Fusionsreaktoren errungen, wodurch die enormen Energiemengen bereitstehen, die für die kiloweise Produktion von Antimaterie nötig sind. Und mit dem ebenfalls von Centauri entwickelten Schubantrieb, der mit Antimaterie befeuert wird, könnten Raumschiffe zu den Sternen fliegen und dafür nur wenige Jahre benötigen! Wyman hegt den kühnen Traum, schon in wenigen Jahren mit der Kolonisation nahegelegener Sternsysteme beginnen zu können. Als einen ersten Schritt auf diesem Weg bauen Centauri und die NASA in enger Kooperation ein Raumschiff – die Helios –, das bis an die Grenzen des Sonnensystems fliegen und die dortigen physikalischen Bedingungen erforschen soll.

 

Das ausgewählte Team der Helios-Mission besteht aus vier Personen. Neben Ed Walker, der von der NASA zu seiner eigenen Überraschung zum Kommandanten der Mission ausgewählt wurde, fliegen die NASA-Biologin Wendy Mi­chaels und die Centauri-Ingenieurin Grace Cooper mit. Der vierte im Bunde ist der junge und schüchterne Centauri-Wissenschaftler David Holmes, dessen Forschungsarbeiten überhaupt erst zur Planung der Helios-Mission geführt haben. Holmes hatte nämlich die Funkdaten der alten Pioneer- und Voyager-Raumsonden untersucht und dabei eine beunruhigende Beobachtung gemacht: Zu allen Raumsonden, die die Grenze des Sonnensystems erreicht hatten, war im genauen Abstand von 134,3 Astronomischen Einheiten – etwas mehr als 20 Milliarden Kilometern – abrupt der Funkkontakt abgerissen. Das Hauptziel der Helios-Mission ist es, die Ursache dieses Phänomens herauszufinden.

 

Die vier Missionsmitglieder durchlaufen vor ihrem Flug ein hartes Astronautentraining, bei dem es zwischen ihnen auch zu Konflikten kommt. Insbesondere hält Ed den unerfahrenen David zunächst für einen völlig ungeeigneten „Frischling“, während die anderen kaum mit Eds viel zu direkter und verletzender Art nicht zurechtkommen. Später stellt sich heraus, dass Ed und David nur aufgrund von Intrigen innerhalb der Centauri- und NASA-Führungsriegen zu ihren Plätzen in der Mission gekommen sind. Trotz aller internen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen mit den Centauri-Bossen und NASA-Bürokraten schaffen es alle vier, das Training zu überstehen und den intriganten Fallstri­cken auszuweichen.

 

Mit dem Antimaterieschiff Helios fliegen die vier Astronauten in der Rekordzeit von einem knappen Jahr an die Grenze des Sonnensystems. Was sie im Abstand von 134,3 AE zur Sonne schließlich entdecken, übertrifft allerdings ihre kühn­sten Vorstellungen: Offenbar hat eine uralte Alienspezies intelligente Nanomaschinen in der gesamten Galaxis ver-streut, die seit Äonen damit beschäftigt sind, sämtliche galaktischen Sterne mit gigantischen Dysonsphären einzufas­sen. Dadurch sind alle Sterne voneinander getrennt, die Sternenhimmel an den Firmamenten ihrer Planeten nur ausge­klügelte Projektionen auf den Innenseiten der Dysonsphären. Den Astronauten gelingt es überdies, mit der Künstli­chen Intelligenz der die Sonne umgebenden Dysonsphäre Kontakt aufzunehmen. Was sie dabei erfahren, schmeckt ihnen jedoch gar nicht: Die KI erklärt, dass ihre Schöpfer schon vor Jahrmilliarden jegliche Expansion im Universum streng verboten haben. Sollte sich die Menschheit nicht an dieses Verbot halten wollen, wird sie kurzerhand vernich­tet werden . . .

 

Ein spannender Raumfahrt-Thriller über das Fermi-Paradox

 

Paradox ist ein erfreulich schmissig geschriebener, spannender Raumfahrt-Thriller, der die Faszination der bekannten bemannten Raumfahrt unserer Tage, die detailliert und sehr glaubwürdig geschildert wird, mit einer hochinteressan­ten, reichlich kühnen Science-Fiction-Spekulation über die Präsenz außerirdischen Lebens in unserer Galaxis verbindet. Geschrieben wurde der Roman von einem 1977 in Waldbröl nordöstlich von Bonn geborenen Autor, der seine Werke seit 2014 unter dem Pseudonym Phillip P. Peterson im Selbstverlag veröffentlicht. Sein Debut, der Science-Fiction-Ro­man Transport (2014), wurde auf Anhieb ein Bombenerfolg und erreichte bei Amazon und Audible Platz 1 der Science-Fiction-Romane; inzwischen hat Peterson das Erstlingswerk mit zwei Sequels (beide 2016) zu einer Romantrilogie aus­gebaut. Paradox ist Petersons zweiter Roman und gewann 2015 den Kindle Storyteller Award sowie 2016 den dritten Platz des vom Science-Fiction-Club Deutschland e.V. verliehenen Deutschen Science-Fiction-Preises. Kurzum: Phillip P. Peterson ist im Genre der Science-Fiction einer der erfolgreichsten neuen Shooting Stars am Self-Publishing-Himmel.

 

Vor seiner Karriere als freischaffender Autor hatte Peterson Luft- und Raumfahrt studiert und in der Branche auch mehrere Jahre geforscht und gearbeitet; überdies war er auch einige Jahre am Forschungs-Kernreaktor FRJ-2 in Jülich tätig. Seine Doktorarbeit schrieb er über Strahlungsschäden am Fusionsreaktor ITER im südfranzösischen Cadarache. Dass er sich in den Themenbereichen der Raumfahrt und der Kernfusion, die in Paradox intensiv geschildert werden, sowie ganz allgemein in Astro- und Quantenphysik auskennt, merkt man dem Roman auf Schritt und Tritt an. Das Buch wirkt hervorragend recherchiert und erzählt seine technologische Hardware überaus glaubwürdig – auch wenn natür­lich ein gutes Stück dichterische Freiheit mit am Werke gewesen sein dürfte. Die ersten zwei Drittel des Romans prä­sentieren sich als ein tolles Raumfahrtabenteuer, das im Hier und Jetzt angesiedelt ist und das Leben der NASA-Astro­nauten bei ihrem Training auf der Erde, an Bord der ISS oder in beengten Raumkapseln sehr plastisch und spannend erzählt. Petersons Figuren sind dabei einleuchtend und nachvollziehbar geschildert. Ihre Darstellung mag bisweilen etwas oberflächlich wirken, aber sie sind meistens mit wenigen Federstrichen treffend und glaubwürdig skizziert. Am besten gelungen sind die beiden symphatischen Hauptfiguren David Holmes als unsicherer, schüchterner Jungwissen­schaftler und Ed Walker als knorriges Astronauten-Alphatier, das meistens den Mund zu weit aufreißt und dadurch immer wieder bei seinen NASA-Vorgesetzten und Kollegen aneckt. In Hinblick auf Ed Walker ist indes eine Einschrän­kung anzubringen: So wirkt dieser Charakter mit seiner Streitsucht und seinem vor Kraftausdrücken nur so strotzen­den losen Mundwerk ziemlich over the top, sodass es fragwürdig wird, ob sich einer wie er langfristig in den NASA-Hierarchien hätte behaupten können.

 

Im letzten Drittel des Romans konzentriert sich die Handlung dann zunehmend auf die wissenschaftlich-spekulative Fragestellung, die im Buchtitel angezeigt ist: das Problem des berühmten „Fermi-Paradox“ (benannt nach dem Physi­ker Enrico Fermi), die Frage also, warum die Außerirdischen die Erde nicht schon längst besucht haben, wenn es sie denn in großer Zahl im Kosmos geben sollte. Bekanntlich gibt es zur „Lösung“ dieses bislang nur theoretischen Paradox eine ganze Reihe verschiedener Antworten, die allesamt mit hypothetischen Prämissen operieren, die nicht bewiesen sind. Wir „wissen“ bislang nur das eine: Wir sind höchstwahrscheinlich noch nie von Aliens besucht worden, obwohl uns die Evolution die Vermutung nahelegt, dass sich in vielen anderen Sternsystemen auch intelligentes Leben gebil­det haben müsste.

 

Peterson nähert sich „seiner“ Lösung des Fermi-Paradox auf überaus spannende Weise. Anfangs deutet die abreißende Funkverbindung zu den Raumsonden, die sich weiter als 134,3 AE von der Sonne entfernen, darauf hin, dass „irgendet­was“ da draußen sein muss, das die Raumsonden beeinflusst. Als die Helios den Raum in der Entfernung von 134,3 AE untersucht, stößt sie auf eine geheimnisvolle, silbern spiegelnde Kugel von etwa 100 Metern Durchmesser, die sich als eine Masse von Myriaden außerirdischer Nanobots entpuppt. Etwas später durchstößt die Helios die Dysonsphäre, die die Nanobots rund um die Sonne geschaffen haben und die nur wenige Atomlagen dünn ist. Zum Entsetzen der Astro­nauten finden sie dahinter – nur Dunkelheit! Die Nanobots haben nämlich schon vor Jahrmilliarden sämtliche Sterne der Galaxis – und der Nachbargalaxien – mit Dysonsphären umgeben, um die Energien der Sterne für die Mehrung des Geistes der „galaktischen Gemeinschaft“ zu nutzen, die die untereinander vernetzten, mit künstlicher Intelligenz aus­gestatteten Dysonsphären bilden. Eine Gemeinschaft bildet dieser Verbund insofern, als dass alle intelligenten Spezies im All, wenn sie denn einen bestimmten kulturellen Reifegrad erreicht haben, entscheiden dürfen, ob sie ihre körperli­che Existenz aufgeben und ihr kollektives Bewusstsein – ihre „Schwarmintelligenz“ (S. 438) – in die Dysonsphären ein­speisen wollen. Über 3000 Spezies, unter anderem die ursprünglichen Erschaffer der Nanobots und Dysonsphären, ha­ben sich bereits dafür entschieden.

 

Ein wesentlicher Sinn der Dysonsphären, so teilt die KI um das Sonnensystem den geschockten Raumfahrern auf der Helios mit, ist die Beobachtung neu heranwachsender intelligenter Spezies wie die Menschheit. Die neuen Spezies werden in ihrer Entwicklung nicht beeinflusst, doch sollten sie sich dazu entschließen, in das interstellare Weltall auf­zubrechen und andere Sternsysteme zu besiedeln, also zu expandieren, würden sie mitleidlos ausgelöscht werden, da expansive Bewegungen per se aggressiv sind und somit andere Spezies gefährdet werden würden. Die Dysonsphären bilden damit so etwas wie eine kosmische Polizei, wie wir sie schon im Roboter Gort in Robert Wises Science-Fiction-Film Der Tag, an dem die Erde stillstand (1951) verkörpert sehen. Das Fermi-Paradox aber löst Peterson mit der soge­nannten „Zoo-Hypothese“: Die Aliens sind längst da, aber sie haben uns wie in einem Zoo eingehegt und lassen den Kontakt zu anderen außerirdischen Spezies nicht zu; in unserem stellaren Gehege beobachten sie uns, um unsere Ent­wicklung zu studieren. Die Zoo-Hypothese ist keineswegs neu, wird hier aber in origineller Weise für eine spannende Handlung verwendet und ausgeschmückt.

 

Für meinen Geschmack ist die Auflösung des Thrillers um die mysteriöse außerirdische Präsenz am Rande des Sonnen­systems zwar frappierend, unter dem Strich aber auch irgendwie enttäuschend. Die Vorstellung von einem Universum, das von einer superintelligenten Spezies komplett verfinstert worden ist, und zwar allein kraft ihrer eigenmächtigen Maßgaben, wie die Existenz des Geistes im Universum zu sein hat und sich entwickeln darf, ist nicht gerade einladend. Dass sie nicht gütig oder weise, sondern megalomanisch ist, muss nicht extra erwähnt werden. Ob darüberhinaus das System der Myriaden Dysonsphären auch allen destruktiven kosmischen Naturkräften trotzen könnte, bleibt fragwür­dig. Dank der allmächtigen Nanobots, der ebenso unverletzlichen wie fragwürdigen narrativen Wunderwaffe zeitge­nössischer Science-Fiction, reparieren sich sämtliche Zerstörungen am System im Handumdrehen von selbst. Natürlich wird hier nur eine interessante Spekulation ausgebreitet, sodass man sich über sie kaum ernsthaft streiten kann, aber schmecken muss sie einem nicht.

 

In einem Punkt zumindest scheint mir die Beliebigkeit der Nanobot-Technologie nicht greifen zu können: Wenn der auf der Erde beobachtete Sternenhimmel tatsächlich nur eine Projektion auf einem Wandschirm in 20 Milliarden Kilo­meter Entfernung wäre, dürfte die Triangulation kosmischer Objekte keine verschiedenen, größeren Entfernungen er­geben, wie sie tatsächlich aber beobachtet werden. Für alle projizierten Objekte ergäbe sich dieselbe Entfernung von 20 Milliarden Kilometern. Da die Triangulation mit verschiedenen Perspektiven arbeitet, ließen sich verschiedene Ent­fernungen auf dem Wandschirm kaum irgendwie vortäuschen.

 

Seltsamerweise behauptet die außerirdische KI gegenüber den Astronauten, dass die Menschheit die aggressivste (!) aller intelligenten Spezies im Universum sei (S. 438), womit unserer Spezies, wenn auch mit negativem Vorzeichen, dann doch noch ein hervorgehobener Status im Kosmos zugewiesen wird. Sind wir am Ende also doch nicht so ge­wöhnlich und durchschnittlich, wie die heutige Naturwissenschaft – und auch das Fermi-Paradox – annimmt? Das Ende des Romans schließlich empfand ich als völlig unnötigen, überzogenen Absturz: Peterson gibt dem Düstertrend der modernen Science-Fiction nach und lässt nicht nur sein komplettes Dramatis Personae, sondern sogar die gesamte Menschheit sterben! Erstere werden von den Nanobots getötet, letztere löscht sich in einem Atomkrieg selbst aus. Dieser Mahnung mit dem Holzhammer hätte es meiner Meinung nach nicht bedurft, im Gegenteil: Ich hätte dem Ro­man ein erzählerisch raffinierteres Ende gewünscht.

 

Aber das sind nur Kritikpunkte am Rande. Insgesamt ist Paradox rasante, anregende und unterhaltsam fabulierte Hard-Science-Fiction, die vor allem mit ihrem bodenständigen, aber spannenden Raumfahrtabenteuer überzeugt. Ein toller, kurzweiliger Roman! Das macht Lust auf mehr. Peterson hat mit Paradox 2 – Jenseits der Ewigkeit (2017) zwar bereits ein Sequel geschrieben, in dem er auf wundersame Weise sogar seine Helden aus dem ersten Band wieder auferste­hen lässt. Doch hat dieser zweite Band einen deutlich anderen Ton, indem er viel stärker in astro- und quantenphysika­lischen Theorien schwelgt. Beide Bücher sind insofern nur locker miteinander verbunden.

 

 

© Michael Haul

Veröffentlicht auf Astron Alpha am 18. August 2018