Franz Ludwig Neher: Menschen zwischen den Planeten

Science-Fiction-Roman. 1953 erstveröffentlicht als gebundene Ausgabe im Bechtle Verlag Eßlingen. Vorliegende Ausgabe erschien 1983 im Wilhelm Heyne Verlag München (Heyne Band 4070). Mit einem Vorwort von Wernher von Braun (1953), sechs schwarzweißen Bildtafeln (1953) und einem 13-seitigen Nachwort von Helga Abret (1983). Taschenbuch, 509 Seiten.

 

Im Jahre 1951 gelingt es dem Luft- und Raumfahrtindustriellen Horace Spencer, die Generalstabschefs der NATO-Staaten von einem visionären militärischen Projekt zu überzeugen, das den endgültigen Sieg im Kalten Krieg und den Weltfrieden verheißt. Der Bau einer erdorbitalen Raumstation, die mit Atomraketen bewaffnet ist, soll die militärische Kontrolle über den gesamten Erdball herstellen. Unter strengster Geheimhaltung wird „Supraterra I“ im Erdorbit in Windeseile gebaut und kreist bald wachend und drohend um die Erde. Der Ostblock ist überrumpelt und reagiert ner­vös. Als die Sowjetunion als Antwort einen großen Angriffskrieg vorbereitet, bewirken die Drohung mit „Supraterra I“ und Millionen Flugblätter, die von der Raumstation aus über den Ostblockstaaten abgeworfen werden, dass die Mos­kauer Führung im letzten Moment ein Einsehen hat und die Waffen niederlegt.

 

Innerhalb weniger Jahre gelingt der Aufbau einer neuen Weltordnung. Unter dem Schutz der „Supraterra I“-Station entsteht schon Anfang der Sechzigerjahre ein föderaler Weltstaat. Der Krieg ist abgeschafft, und die florierende Weltwirtschaft ebnet das soziale Gefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ein. Die Menschheit wird zur „Wohlfahrtsgesellschaft“. Nachdem 1988 auch das letzte technische Großprojekt, die Trockenlegung des Mittelmeers mittels eines gigantischen Gibraltardammes, vollendet ist, drängt es die rastlosen Wissenschaftler und Industriellen der Welt zu neuen Ufern. Unter der Führung von Horace Spencers Sohn, Bruce Spencer, wird ein neues, ungeheu­er­li­ches Projekt in Angriff genommen: Der erste bemannte Flug zum Mars.

 

Einige Jahre später bricht die Expedition mit zehn Raumschiffen und siebzig Astronauten zum Mars auf. Die Expedition wird zweieinhalb Jahre dauern, und entgegen aller Erwartungen verlangt sie von den Weltraumreisenden die letzten Kräfte ab – physisch wie psychisch . . .

 

Der Mars wartet . . .

 

Franz Ludwig Nehers Menschen zwischen den Planeten schildert in kühnen Bildern eine hochfahrende, technikbegeis­ter­te Utopie und zählt damit zu einem optimistischen Zweig der Science-Fiction-Literatur, der in den Tagen von Jules Verne, Camille Flammarion und H. G. Wells im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstand und bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs seine Blütezeit erlebte. In Deutschland markiert der Roman Auf zwei Planeten (1897) von Kurd Laß­witz den bedeutendsten Beitrag dieser literarischen Richtung, und es ist sicherlich kein Zufall, dass Nehers Romantitel an jenen anklingt.

 

Der Roman malt ein Bild der unmittelbaren Zukunft der Menschheit aus, das von ungeheurem Idealismus und festem Fortschrittsglauben geprägt ist. Das Werk reflektiert dabei mit Nachdruck den damals sich immer mehr verschärfenden Kalten Krieg und die wachsende nervöse Angst vor einem Atomkrieg. Erst die Überwindung der düsteren weltpoliti­schen Lage, so sieht es Neher, schließt die Möglichkeit einer leuchtenden, utopischen Zukunft auf. Neher erträumt sich in seinem Roman den raschen, uneingeschränkten Sieg des Westens über den Osten. Nachdem der technologi­sche Vorsprung des Westens das militärische Mittel einer erdorbitalen, überlegenen Abschre­ckungswaffe ermöglicht hat, die den Osten zur Kapitulation im Kalten Krieg zwingt, führen die Segnungen des allpo­tenten Kapitalismus, ge­paart mit dem Gedanken der solidarischen „Wohlfahrtsgesellschaft“, zu weltweitem allge­meinen Wohl­stand und zur Ab­schaffung aller sozialen Probleme. Insofern trägt der Roman auch starke ideologische Züge, und sein utopischer Blick­winkel wirkt wie ein Spiegelbild entsprechender sowjetischer Science-Fiction-Romane wie etwa An­dro­meda­nebel (1958) von Iwan Jefremow, nur eben mit umgekehrtem Vorzeichen.

 

Das Vertrauen in die wissenschaftlich-technische Entwicklung, die eine positive gesellschaftliche Entwicklung nach sich ziehen würde, war  wenn auch überlagert durch die ständige Angst vor der Atombombe  in den frühen Fünf­zi­ger­jahren noch nahezu ungebrochen, im Westen wie im Osten. Es ist beinahe überwältigend, mit welch feurigem, ja, missionarischem Überschwang Franz Ludwig Neher die erwarteten positiven Effekte der wissenschaftlich-technischen Entwicklung in seinem Roman beschwört. In kaum einem anderen Erzählwerk erstrahlt die Vision einer vollendeten zu­künf­tigen Welt im Zeichen der Fünfzigerjahre leuchtender als hier.

 

Der Roman geht ursprünglich auf eine Idee des be­rühmten Raketeningenieurs Wernher von Braun zurück, wie dieser in seinem Vorwort zum Buch erzählt. Anfang der Fünfzigerjahre warb Wernher von Braun intensiv für die Verwirklichung einer erdorbitalen Raumstation und einem bemannten Flug zum Mars. Er hielt Vorträge darüber und versuchte, politi­sche Entscheidungsträger in den USA von seinen Ideen zu überzeugen. In seinem Sachbuch Das Marsprojekt (1952), das auch in den USA unter dem Titel The Mars Project erschien, stellte er seine Vorstellungen davon, wie ein Marsflug technisch umsetzbar wäre, detailliert dar. Viele seiner dort entwickelten Ideen sind bemerkenswerterweise auch heu­te noch in den Konzepten der NASA zu einem Marsflug aktuell – so beispielsweise die Montage des Marsraumschiffs im Erdorbit von einer Raumstation aus oder der Plan, die lange Reise mit mehreren Raumschiffen anzu­tre­ten, von de­nen einige nur Wohneinheiten und Ver­sorgungsgüter transportieren sollen. Von Brauns Buch und eine daran anschlie­ßende Reihe von populärwissenschaft­lichen Artikeln von von Braun in der Zeitschrift Collier's standen auch Pate für den von George Pal produzierten und von Byron Haskin inszenierten Film Die Eroberung des Weltalls (1955), der hin­wiederum in vielen technischen Details wie eine Illus­tration von Nehers Roman gesehen werden kann.

 

Um brei­te Schichten für seine Idee zu begeistern, hatte Wernher von Braun ursprünglich selbst einen Roman ge­schrie­ben, der den Flug zum Mars als dra­ma­ti­sche Handlung schilderte. Das Marsprojekt war ursprünglich nur ein 81 Seiten umfassender nichtfiktionaler technischer Appendix zu diesem Roman. Der Bechtle-Verlag jedoch, bei dem von Braun sein Werk ver­öffentlichen wollte, war von dem fürchterlich trockenen und mit technischen Beschreibungen überlade­nen Roman alles andere als angetan. Er empfahl, den Marsprojekt-Appendix separat als Sachbuch herauszugeben, den Roman jedoch besser durch einen erfahrenen Schriftsteller schrei­ben zu lassen. So wurde Franz Ludwig Neher mit der Auf­ga­be be­traut, von Brauns Ideen in einem Marsflug-Roman umzusetzen. Von Brauns ursprünglicher, 280 Seiten langer Roman ist übrigens 2006 doch noch in englischer Übersetzung unter dem Titel Project Mars – A Technical Tale veröf­fentlicht worden. Er hat mit Franz Ludwig Nehers Roman kaum Berührungspunkte – die Handlung ist eine völlig an­dere –, und die Kritiken, die über dieses Werk zu lesen sind, machen deutlich, weshalb es damals vom deutschen Verlag abgelehnt worden war. Wernher von Braun war ein herausragender Ingenieur, aber ein dilettantischer Schrift­steller.

 

Franz Ludwig Neher (1896–1970) war dagegen für die ihm gestellte Aufgabe besonders prädestiniert. Er hatte beides: vielfältige technische Erfahrung und schriftstellerische Meriten. Sein beruflicher Werdegang war bewegt. Im Ersten Weltkrieg hatte Neher als Kriegsfreiwilliger in der Feldartillerie gedient und 1917 die Fliegerschule besucht. Nach dem Krieg absolvierte er ein Studium an der Technischen Hochschule in München und arbeitete bis 1933 als Pilot für Fokker. Angeblich soll er zudem als Seeoffizier, Rennbootfahrer und Eisenbahningenieur tätig gewesen sein und als Handelsvertreter die halbe Welt bereist haben.

 

1933 wurde Neher verhaftet und für eineinhalb Jahre im KZ Dachau interniert. Nach seiner Entlassung arbeitete er als freier Schriftsteller und schrieb Abenteuerromane sowie mehrere Sachbücher über die Erfindung der Fotografie, das Fliegen, die Seefahrt und die Eisenbahn. Trotz seiner KZ-Haft unterstützte Neher auch aktiv das Nazi-Regime: So schrieb er mehrere propagandistisch gefärbte Biografien von Luftwaffenfliegern in der Groschenheftreihe Unsere Jagdflieger, die 1943 im Auftrag von Hermann Göring herausgegeben wurde und es insgesamt auf 38 Hefte brachte. Nehers Frau Maria Neher-Winter, die er 1934 heiratete, schrieb ihrerseits unter dem Pseudonym F. Zinner-Biberach ein Nazi-Propagandawerk mit dem Titel Führer, Volk und Tat (1934). Neher diente außerdem während des Zweiten Welt­krieges als Ausbildungsoffizier in einer Fliegerschule der Luftwaffe als Techniklehrer.

 

Nach dem Krieg verfasste Neher wieder populärwissenschaftliche und -technische Werke, schrieb daneben aber auch zahlreiche Festschriften für Konzerne, Industriebetriebe und Firmen, in denen großzügig über die NS-Zeit der Betriebe und ihrer Chefs hinweggeglitten wurde. Eines seiner vielen technischen Interessengebiete wurde nunmehr auch die Raumfahrt: Von 1951 bis 1962 war Neher Pressereferent und zeitweilig auch Vorstandsmitglied der 1934 in Berlin ge­grün­de­ten „Gesellschaft für Weltraumforschung“, deren Ehrenvorsitz der Raketenpionier Hermann Oberth (1894–1989) innehatte und die 1967 in der bis heute existierenden „Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt“ auf­ging. Im Zuge seines Engagements für die Raumfahrt kam Nehers Kontakt zu Wernher von Braun zustande. Der von von Braun angeregte Marsflug-Roman Menschen zwischen den Planeten blieb allerdings Nehers einziger Science-Fiction-Roman.

 

Während Wernher von Braun vor allem daran interessiert gewesen sein dürfte, das Publikum von der technischen Machbarkeit und gesellschaftlichen Relevanz des Marsflugprojektes zu überzeugen, nahm Neher das Projekt zum Anlass, eine viel umfassendere und kühnere Vision der Zukunft zu entwerfen. Bevor sich der Mensch dem neuen Abenteuer der Eroberung des Weltalls widmen durfte, musste er erst seine kleinlich erscheinenden politischen und sozialen Zwiste überwinden. Erst danach war der Mensch würdig, die Reise ins All anzutreten.

 

Wie bereits erwähnt, vollzieht sich die Überwindung des Kalten Krieges mit Mitteln des Kalten Krieges: Die mili­tä­ri­sche Überlegenheit, hergestellt durch eine heimlich installierte, mit Atomwaffen bestückte Raumstation im All, ist der Schlüssel für den Sieg des Westens über den Osten. Die militärpolitische Propaganda für eine Raumstation entspricht noch ganz Wernher von Brauns Argumenten, mit denen von Braun der US-Regierung seine Pläne schmackhaft machen wollte. Das blendende Utopia, das aus der neuen politischen Konstellation erwächst – ein Weltstaatenbund unter der Führung des Westens, in dem alle in Wohlstand leben und es keine nennenswerten sozialen Spannungen mehr gibt – ist hingegen Nehers Vision. Das Heil der Welt geht letzten Endes auf die Leistungen der Ingenieure zurück, deren Er­fin­dungen nicht nur den Weltfrieden errungen haben, sondern auch auf allen erdenklichen Feldern der Weltwirtschaft eine unerschöpfliche Produktivität ermöglichen. Folgerichtig wird eine neue, der UN übergeordnete (!) Raumfahrt- und Verteidigungsorganisation – die Defensive United Space Force Organisation (DUSFO) – zur Keimzelle und zum Motor des neu entstehenden Weltstaatenbundes.

 

Auf sozialer Ebene hat Neher, kaum verwunderlich, keine Fantasie entwickelt. Nehers Gesellschaft der Zukunft prä­sen­tiert sich als erstarrtes, heute angestaubt wirkendes Abbild der westlichen Gesellschaft der Fünfzigerjahre. Frauen sind auch Ende des 20. Jahrhunderts von jeglichem Einfluss kategorisch ausgeschlossen; ihnen kommen allein die alther­ge­brachten Rollen der Geliebten, Ehefrauen und Musen zu, während sie beruflich nicht über die Sekretärin hinaus­kom­men. Unter den siebzig Menschen, die schließlich zum Mars aufbrechen, ist keine einzige Frau. Die Zukunft wird von entschlossenen Männern der Tat geformt; diese sind keine zaudernden Politiker, sondern zupackende Ingenieure, Wissenschaftler und Unternehmer. Der knorrige Industrielle Horace Spencer wird zum Superhelden, zum Messias der neuen Zeit stilisiert: Während er selbstlos das Wohl der gesamten Menschheit fest im Blick hat, überzeugt er die Po­li­ti­ker von seinen Visionen, er plant, finanziert und führt aus. Sein Sohn Bruce, der in die Fußstapfen des Vaters tritt und später die Mission zum Mars führt, repräsentiert mit seinem wie gemeißelt erscheinenden perfekten Körperbau auch physisch das Modell des „neuen Menschen“ – und erinnert damit fatal, wenn vielleicht auch ungewollt, an die natio­nal­sozialistische Vision vom arischen Herrenmenschen, der von Jagdinstinkt und latenter Brutalität getrieben ist:

 

Seine Schultern waren breit und die Brust fast kantig und gewölbt. Die Lenden verengten sich wie bei einem Jagdhund. Auf starkem, festem Hals trug er einen geraden, etwas schmalen Schädel mit guter, hoher Stirn. Seine Augen verstrahlten gelassene unpersönliche Kühle, es waren die Augen eines selbstbewußten Spähers. Schon das entspannte Gesicht mit seinem kräftigen Kinn verriet einen Willensmenschen, hinter dessen klarer Stirn heimliche Pläne, rücksichtslose Selbstzucht, Eifer zu erfahren und zu lernen, zu meistern und zu leiten und vielleicht auch Unbarmherzigkeit verborgen waren. (S. 147)

 

Diese lächerlich anmutende Germanentümelei täuscht darüber hinweg, dass Neher in seinem Roman auch überra­schend poetische Qualitäten aufweist. Nehers Stil ist pathetisch, schwülstig, manchmal pedantisch schulmeisterlich; stolz kehrt er seinen bildungsbürgerlichen Horizont hervor, den er mit überlangen, verschachtelten Sätzen unter­streicht. Auf nahezu jeder Seite glüht er dabei vor Idealismus. Doch versteckt im sprachlichen Byzantinismus finden sich immer wieder poetische, fast hymnische Anklänge, die die Ehrfurcht vor dem Abenteuer Raumfahrt in empfind­same Worte zu fassen versuchen. Nehers Beschreibung der Ansicht der Erde von der Raumstation aus mag das veran­schaulichen:

 

Für die Besatzung der Supraterra – es waren meist in der Raketenfahrt geschulte Leute – hatte sich der Anblick der Welt vereinfacht. [ . . . ] Ihre Blicke durchmaßen und faßten nur noch zweierlei: das unendliche Gewölbe des Raumes, darinnen in beängstigender Größe und Klarheit, in leblosem Licht die Gestirne leuchteten und sichtbar kreisend wanderten, [ . . . ], und die Erde, eine hochgewölbte, unnahbare Scheibe, ein unfaßbarer, sichtbar sich drehender Körper, der die andere Hälfte ihrer Sicht einnahm. Diese Schau grandioser Himmelsmechanik konnte, ob ihrer steten strömenden Bewegung, Anfänger erschüttern und bedrücken, so daß sie, überwältigt von der Unfaßbarkeit, die Größe der Schöpfung nicht ertrugen und die Augen schlossen, konnte aber auch hinreißen und begeistern zur Wahrnehmung eines leibhaftig gegenwärtigen Wunders von hypnotischer Kraft und Wirkung: der Bestätigung der irdischen und celesten Globen. Ja, so zeigten die Karten das Bild der Kontinente und der Meere, nur ohne die bewegten weißen Flocken der Wolken und das Spiegelbild der Sonne im blaugrünen Lackglanz der Ozeane. Dies, o Anaximander, Ptolemäus, Eudoxos und Aratos; dies, o Mohammed, Sohn des Muwajed, Elardhi, dies, Martin Behaim, Gemma Frisius, Mercator und Tycho Brahe, ist das wahre Georama, der echte Globus, dies sind die zwei Welten, die ihr schautet! Dort unten liegt ihr in euren Gräbern, dort ruhen eure Herzen, deren Schlag nur Zeit und Raum gewesen ist . . . (S. 44)

 

Häufig wird die historische Bedeutungsschwere der Entscheidungen, die die entschlossenen Ingenieure für die Zukunft fällen, unterstrichen, indem Neher auf die Kulturgeschichte zurückgreift und so seine leuchtende Zukunft symbolisch in einen kontinuierlichen Zusammenhang mit der Geschichte einrückt – etwa, wenn eine wichtige Sitzung des „Weltforschungsrates“ in einem historischen „Spanischen Salon“ stattfindet, in der Goyas Gemälde der Familie Karls IV. den Rahmen bildet (S. 279–302). Oder das Genie des Wissenschaftlers wird ineins gesetzt mit dem Genie vergangener Geistesgrößen, etwa dem von wilder Mähne umkränzten Beethoven (S. 299).

 

„Mars . . . er hatte nicht gerufen“

 

Die Entwicklung von Nehers Utopia nimmt den größten Teil des Romans in Anspruch. Erst im letzten Viertel wird der Flug zum Mars und die Landung auf seiner Oberfläche erzählt. Es ist höchst interessant, wie Neher diesen Teil seines Romans, der eindeutig der gelungenere ist, inhaltlich gestaltet. Die Entscheidung, zum Mars zu fliegen, wird Ende der Achtzigerjahre vom Weltforschungsrat zunächst zäh debattiert, schließlich aber aus rein idealistischen Motiven ge­trof­fen – Geld spielt in der neuen Wohlfahrtsgesellschaft ausdrücklich keine Rolle mehr, es ist überreichlich erwirt­schaf­tet. Senator McLee spricht das entscheidende Wort:

 

„Wir sind hochgetragen auf den schäumenden Saum einer Welle, wir haben das Glück, das unfaßbare Glück, alles noch vor uns zu haben – jetzt, in der Jugendzeit der Erde; wir haben kulturell und zivilisatorisch einen Höhepunkt erreicht! Aber ruhen, jetzt ruhen und den Geist verleugnen, der uns auf diese Höhe geführt hat – das hieße den Untergang beschwören! Auf zum Mars!“ (S. 353)

 

Bald darauf jedoch schlägt der Ton von Nehers Erzählung erstaunlicherweise um. Ernüchterung und Melodramatik be­stimmen den Fortgang des Romans. Neher war sich der beängstigenden Dimensionen einer Reise zum Mars wohl­be­wusst, die die Menschen für zweieinhalb Jahre mehrere Millionen Kilometer von der Erde wegführen würde. Die psy­chische Belastung der Raumfahrer, das erkennt Neher deutlich, wird zum größten Problem des Marsfluges. Neher überhöht sie zum existenziellen, heroischen Kampf, der den Raumfahrern alle Kräfte abverlangt – und schildert damit die Ausführung von von Brauns Marsprojekt nicht als technokratische, hochfahrende Pionierleistung, sondern als lebensbedrohliche und fragwürdige Odyssee, die einer mythischen Reise ins Totenreich gleicht. Die Ungeheuerlichkeit der Reise wird eindringlich erzählt: das Verschwinden der Erde, die enorme, ereignislose Strecke, die die Raumschiffe in der Nacht des Weltalls zurücklegen, die lange Reisezeit . . .

 

Als die Raumfahrer endlich am Mars eintreffen, sind sie nicht voller Freude, sondern stumpf und ermattet. Der Auf­ent­halt im Marsorbit und auf dem Mars ist den Menschen unbehaglich. Sie erfahren eine tote, unbarmherzige, lebens­feind­liche Welt, die sie fragen lässt, ob sie überhaupt dort hingehören und was sie in der Marswüste verloren haben:

 

So war es Gary Holt aufgegangen [ . . . ], daß sie sich nur einer unmenschlichen, bestechend überzeugenden, aber eiskalten le­bens­feindlichen Rechnung anvertraut und es versäumt hatten, rechtzeitig die Aktiva des Blutes, des Geistes und der physischen Kräfte in die andere Waagschale zu legen. Jetzt erst verstand er, daß man Zahlen nur mit Zahlen wägen konnte, und daß nichts anderes übrigblieb, als den Glauben und die Selbstverständlichkeit der Überzeugung des Gelingens aufrechtzuerhalten. Des Gelingens von was? – fragte sich Gary Holt – ach, längst nicht mehr der Expedition mit ihren Zielen, sondern nur noch der Rück­kehr. Man hatte nutzlos einen Milliardenausflug unternommen. (S. 396)

 

Der Mars wird nach dem damaligen und heutigen Wissensstand glaubwürdig geschildert: eine tote Geröllwüste. Gleichwohl lässt Neher seine Astronauten Faszinierendes entdecken: Die berühmten Marskanäle haben auch bei Neher noch nicht ausgedient (sie werden als gigantische Staubspuren entlang ehemaliger Flussläufe erklärt, die aus den Überresten einstiger Marspflanzen bestehen), und die Raumfahrer stoßen auf die geheimnisvollen Ruinen zweier marsianischer Städte, die sie Troglopolis und Megalopolis nennen. Statuetten zeugen vom Aussehen der ausge­stor­be­nen Marsianer: „menschenartige, doch disproportionierte Gestalten mit tonnenförmigem Thorax, langgliedrig, groß­äugig, mit rüsselartigen Nasen und hochmerkwürdig“ (S. 440).

 

Die abgezehrten und erschöpften Raumfahrer können ihren sensationellen Funden jedoch kaum noch Sinn abge­win­nen, sie sind nur noch beseelt vom Gedanken an die Rückkehr zur Erde. Viele Tage müssen sie durchhalten, bis endlich das Fenster für den Rückflug offensteht. Die Raumfahrer fühlen sich wie Kapitulierende auf freudlosem Rückzug; noch einmal blicken sie zurück: „Mars stand kalt, klar und in ungeheurer Größe im Raume. Ihm wohnten keine Wünsche inne – er hatte nicht gerufen“ (S. 473).

 

So artikuliert Neher trotz seiner überschwänglichen Fortschrittsgläubigkeit am Ende deutliche Zweifel darüber, ob der Aufbruch ins fernere All den Menschen nicht überfordert, und auch der idealistische Sinn der Unternehmung wird auf eine harte Probe gestellt. Helga Abret beschließt ihr hervorragendes Nachwort zum Roman zwar mit den Worten, dass „trotz aller Bedenken, die Franz Neher äußert, [ . . . ] sein Roman letzten Endes doch keinen Zweifel daran [lässt], dass andere Menschen diesen ersten Pionieren folgen werden“ (S. 509). Neher hat dies allerdings offen gelassen – seine Helden kehren völlig erschöpft zur Erde zurück, werden von ihren Frauen in die Arme geschlossen, und damit endet der Roman. Das kritische Moment in Nehers Marsflugerzählung kommt dem Roman auf jeden Fall zugute. Tatsächlich stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines künftigen Marsflugprojektes bis heute eine Herausforderung dar.

 

Staub von Jahrzehnten

 

Menschen zwischen den Planeten ist ein interessanter Science-Fiction-Roman und ein kurioses Stück Zeitgeschichte. Kaum ein anderer Roman hat das optimistische Vertrauen der Fünfzigerjahre in die technisch-gesellschaftliche Entwicklung so enthusiastisch, so pathetisch und monumental in Worte gefasst. Der Roman ist natürlich in nahezu jeder Hinsicht hoffnungslos veraltet und wirkt bisweilen rührend oder gar lächerlich. Allerdings bietet er einen einzigartigen Blick auf das utopische Sehnen der Fünfzigerjahre und hält dabei, trotz seines zähen Erzählflusses und vieler langatmiger Szenen, sogar für den heutigen Leser einige spannende und faszinierende Momente vor.

 

 

© Michael Haul

Veröffentlicht auf Astron Alpha am 30. März 2016