Amazonen des Urwalds

Plakat für den Film "Amazonen des Urwalds" (Prehistoric Women, USA 1950)

Prehistoric Women (USA 1950)

 

Regie: Gregg C. Tallas

Drehbuch: Sam X. Abarbanel, Gregg C. Tallas

Kamera: Lionel Lindon. Schnitt: James Graham

Musik: Raoul Kraushaar; Mort Glickman (ungenannt)

Darsteller: Laurette Luez (Tigri), Allan Nixon (Engor), Joan Shawlee (Lotee), Judy Landon (Eras), Mara Lynn (Arva), Jo-Carroll Dennison (Nika), Kerry Vaughn (Tulle), Tony Devlin (Ruig), James Summers (Adh), Dennis Dengate (Kama), Jeanne Sorel (Tana), Johann Petursson (Guaddi, der Riese), John Merrick (aka John Frederick; Stammesführer), Janeet Scott (weise alte Frau) u. a.

Produzent: Albert J. Cohen, Sam X. Abarbanel

Companies: Alliance Productions, im Vertrieb von Eagle-Lion Films

Laufzeit: 74 Min.; Farbe (Cinecolor)

Premiere: 1. November 1950 (USA); 4. Januar 1953 (Deutschland)

 

Schon in der älteren Steinzeit tobt der Geschlechterkampf: Als eine Gruppe Frauen die schikanöse Unterdrückung durch die Männer satt hat, lehnen sich die Frauen gewaltsam auf und fliehen mit ihren Töchtern in den Urwald, um einen eigenen Stamm zu gründen. Etwa zehn Jahre später erkennen die Töchter, die inzwischen zu schönen Amazo­nen herangewachsen sind, dass die Sache einen Haken hat: Für die Fortpflanzung bedarf es dringend einer Handvoll Kerle! Kurzerhand gehen die mit knappen Lederschurzen bekleideten Frauen unter der Führung der liebreizenden Tigri auf Männerfang, und zwar im Wortsinne: Sie lauern einer auf der Jagd befindlichen Gruppe Männer auf, attackieren sie mit Steinschleudern und schleppen sie gefesselt zurück zu ihrem Lagerplatz. Die Frauen teilen sich die Kerle unterei­nander auf und kommandieren sie barsch in ihre jeweiligen Zelte. Traumhaft, könnte manch Gefangener denken, doch rechte Freude will bei den Männern unter der strikten Frauenherrschaft nicht aufkommen. Klar, dass der Gewitzteste unter ihnen, ihr Anführer Engor, bereits die Flucht plant, und zwar mittels einer Fähigkeit, die außer ihm noch keiner kennt: dem Feuermachen . . .

 

Wer zerrt hier wen an der Mähne in die Höhle?

 

Dieses drollige kleine Steinzeitabenteuer ist ohne Frage eine durchschaubare, hölzern und jugendfrei inszenierte Peepshow: ein für ein männliches Publikum gemachter exploitation film, der allein darauf aus ist, schöne Frauenkörper halbnackt in Szene zu setzen und im Rahmen einer urwüchsigen, ungehobelten Steinzeitgesellschaft sexuelle Fanta­sien zu bebildern. Vor allem betrifft das die wohlig-erregende Unterwerfung unter die sexuell aggressive Frau – eine Art Vergewaltigungsfantasie mit umgekehrten Rollen. Hier will die Frau vom Manne wirklich nur das eine, und dafür legt sie sich richtig ins Zeug und erlegt den Kerl mit Steinen und Fallen! So rudimentär können Männerfantasien sein: die Liebe als schlichter Beutezug. Zur Zielsetzung des Films passt es, dass die Frauen alle wie adrett frisierte Manne­quins mit perfekt gezogenem Lippenstift und Make-Up aussehen und nicht wie abgehärmte, vom harten Steinzeit­leben gezeichnete Neandertalerinnen. Selbst ihr zierliches Schuhwerk sieht eher nach Highheels statt grober Steinzeit-sandale aus.

Szenenfoto aus dem Film "Amazonen des Urwalds" (Prehistoric Women, USA 1950); Allan Nixon und Laurette Luez
Allan Nixon und Laurette Luez im Kampf der Geschlechter

Man darf nicht vergessen, dass der Film 1950 entstanden ist. So bleibt alles handzahm, und der Sex, für den die Männer in die Frauensippe verschleppt wurden, findet zunächst überhaupt nicht statt – was der Film aber erst zum Ende hin unmissverständlich deutlich macht. Moralisch bleibt der Film blütenweiß sauber, unehelicher Sex scheint auch vor 100.000 Jahren eine unverzeihliche Sünde zu sein. Die Frauen stellen mit den Männern alles Mögliche an – sie füttern sie, lassen sie arbeiten und lassen sich von ihnen entlausen, aber weswegen sie sie eigentlich eingefangen haben, scheint ihnen daheim plötzlich entfallen zu sein. Später wendet sich das Blatt, und die Männer erringen unter Engors Führung die Herrschaft über die Frauen. Sie heiraten die gewaltsam gezähmten Weibchen, die sich glücklicherweise alle in ihre Bezwinger verlieben. Erst jetzt wird zart angedeutet, dass sich die neuen Paare auch gemeinsam auf die Bärenfelle betten.

 

Es lässt sich unmöglich behaupten, dass der immerhin in Farbe gedrehte Film „sehenswert“ ist, insbesondere auch deshalb, weil er leider nur in erbärmlichen DVD-Ausgaben mit einem völlig verwaschenen, konturlosen Bild zugänglich ist. Vor allem in den nächtlichen Szenen erkennt man so gut wie nichts, was schade ist, da die Amazonen immer nur nachts im fahlen Mondschein ihre anmutigen Fruchtbarkeitstänze ums Lagerfeuer aufführen. Der Film ist in fast jeder Hinsicht karg. Die schauspierischen Leistungen sind keiner Rede wert, die Ausstattung ist begrenzt, das Drehbuch ist schwach. Die Regie des gebürtigen Griechen Gregg C. Tallas (1909–1993) ist bleiern und belanglos. Von Tallas, der viele Jahre als Cutter tätig gewesen war, ist immerhin die Marginalie zu berichten, dass er den Filmschnitt der US-Fassung von Fritz Langs Das Testament des Dr. Mabuse (1933; US-Schnitt 1952) besorgte.

Szenenfoto aus dem Film "Amazonen des Urwalds" (Prehistoric Women, USA 1950)
Vorsicht, Tigri! Im Gebüsch hat Engor gut auf deine Beine glotzen . . .

Und doch entwickelt der Film trotz all seiner Defizite einen naiven Charme. In Grenzen ist der Film erstaunlich unter­haltsam, wenn auch zuzugeben ist, dass der Unterhaltungswert sich in erster Linie aufs Bewundern der aus heutiger Sicht harmlos ins Bild gesetzten weiblichen Schönheiten und auf das Schmunzeln beschränkt, das sich bei der ent­waffnenden Naivität der Inszenierung und dem nostalgisch verklärenden Blick auf einen alten Fünfzigerjahrefilm ein­stellt. Ein gewinnendes Element ist die Erzählerstimme (gesprochen von David Vaile), die über die gesamte Länge das Geschehen erzählt – obwohl der Zuschauer doch die Geschichte sieht und der Erzählung eigentlich nicht bedürfte. Dennoch steigert es die Wirkung – es ist, als bekäme man ein spannendes Märchen vorgelesen, während man die Bilder dazu bestaunt. Die Schauspieler selbst sprechen dagegen gar nicht (die Sprache war laut Drehbuch noch nicht erfunden, obwohl alle Figuren Namen haben); sie kommunizieren überwiegend durch Gesten und manchmal durch halbartikulierte Rufe und Laute.

 

Die Science-Fiction-Elemente beschränken sich auf die Verlegung der Erzählung in die Steinzeit und zwei urweltliche Kreaturen: Einmal ist ein (haarloses!) Mammut zu sehen (ein Elefant, dem gekrümmte Mammutstoßzähne verpasst wurden), und in der Schlüsselszene, in der die Männer die Herrschaft über die Frauen zurückerlangen, kämpft Engor mit einem (schlecht getricksten) “sky dragon”, einer Art Flugsaurier. Zwei wichtige Ereignisse der Steinzeit werden in Kinderbuchmanier präsentiert: Engor, der Kulturheros, entdeckt das Feuermachen und erfindet wenig später auch gleich die Kochkunst (indem er Fleisch probiert, das durch ein Versehen im Feuer geröstet wurde). Der riesenhafte Un­hold, der im Wald lebt und den Steinzeitmenschen auflauert (gespielt vom Hünen Johann Petursson, einem isländi­schen Zirkusartisten), ist ein interessantes Storyelement: Die unverkennbar märchenhaft-mythische Figur erinnert an den ungezähmten Tiermenschen Enkidu aus dem Gilgamesch-Epos und verkörpert das Zerrbild des noch nicht kulti­vierten, bestialischen Menschen. Mit seinem verfilztem Wuschelhaar und Rauschebart wirkt er noch am ehesten wie die landläufige Vorstellung von einem Urzeitwilden.

Szenenfoto aus dem Film "Amazonen des Urwalds" (Prehistoric Women, USA 1950)
Augenweiden der Steinzeit

Zuguterletzt lassen sich noch einige interessante Trivia zu diesem Film aufgreifen. So stammt die Musik von Raoul Kraushaar (1908–2001) und Mort Glickman (1898–1953), die drei Jahre später die großartige Musik zu Invasion vom Mars (1953) komponierten. Die Kamera führte Lionel Lindon, der direkt vor Amazonen des Urwalds George Pals Science-Fiction-Klassiker Endstation Mond (1950) gefilmt hatte. Von der in Honolulu geborenen Darstellerin von Tigri, Laurette Luez (1928–1999), ist überliefert, dass sie mit Regisseur Tallas nach Las Vegas durchbrannte und Hals über Kopf heiratete, sich aber schon drei Monate wieder scheiden ließ. Sie hat außerdem, wie Bill Warren zu berichten weiß (Keep Watching the Skies!, S. 670), angeblich von sich behauptet, dass sie dereinst Norma Jean Baker auf ihren Künst­lernamen Marilyn Monroe gebracht hätte. Eine weitere Kuriosität ist die zeitgenössische deutsche Kritik im katholi­schen Filmdienst, die man sich schlichtweg auf der Zunge zergehen lassen muss:

 

„Kinder muß man davor schützen, derart abgeschmackte Vorstellungen vom Leben unserer Vorfahren eingeflößt zu bekommen. Für Erwachsene bleibt eine fragwürdige schwüle Erotik übrig, vor deren Widerlichkeit zu warnen man die Pflicht hat.“ (zitiert nach Ronald M. Hahn/Volker Jansen, Lexikon des Science Fiction Films, 7. Aufl. 1997, S. 53)

 

Amazonen des Urwalds ist ein harmloser Spaß, der unterhaltsamer ist, als man anfangs ahnt. Allerdings dürfte der Film nur etwas für hartgesottene Science-Fiction/Abenteuer-Fans sein, die sich stärker für die Geschichte dieser Film­genres interessieren. Er verlangt vom Zuschauer aufgrund seiner unterirdischen Bildqualität einiges ab – es ist ein Jammer, diesen kleinen Farbfilm nicht in besserer Aufbereitung genießen zu können. Und wie bei vielen alten Science-Fiction-Filmen ist auch die originale deutsche Bearbeitung von Amazonen des Urwalds verschollen bzw. nicht zugäng­lich. Die US-Fassung ist jedoch auch mit rudimentären Englischkenntnissen problemlos zu verstehen.

 

Der Film hat übrigens mit dem gleichnamigen Prehistoric Women (deutsch Der Sklave der Amazonen) von Michael Carreras aus dem Jahre 1967 nur ein einziges Merkmal gemein: Beide Filme wollen in erster Linie halbnackte schöne Frauenkörper vorzeigen. Ansonsten erzählt Carreras’ Film aber eine völlig andere Story.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 1. September 2017