Edge of Tomorrow

Poster für den Film "Edge of Tomorrow" (USA/GB 2014) von Doug Liman

Edge of Tomorrow (USA/GB 2014)

 

Regie: Doug Liman

Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth und Christopher McQuarrie, nach dem japanischen Light Novel All You Need Is Kill (2004) von Hiroshi Sakuazaka. – Kamera: Dion Beebe. Musik: Christophe Beck.

Darsteller: Tom Cruise (Major William Cage), Emily Blunt (Rita Vrataski), Bill Paxton (Master Sergeant Farrell), Brendan Gleeson (General Brigham), Noah Taylor (Dr. Carter), Kick Gurry (Griff), Jonas Armstrong (Skinner), Tony Way (Kimmel), Charlotte Riley (Nance), Dragomir Mrsic (Kuntz), Franz Drameh (Ford) u. a.

Produzenten: Jason Hoffs, Gregory Jacobs, Tom Lassally, Jeffrey Silver, Erwin Stoff. Companies: Warner Bros. Pictures, Village Roadshow Pictures, RatPac-Dune Entertainment, 3 Arts Entertainment, Viz Media

Laufzeit: 113 Minuten; Farbe

Premiere: 28. Mai 2014 (USA); 29. Mai 2014 (Deutschland)

 

Europa wird von einer außerirdischen Invasion heimgesucht. Die mörderischen und sich rasend schnell bewegenden Tentakelwesen, „Mimics“ genannt, sind wie ein telepathisch gesteuerter Insektenstaat organisiert und breiten sich unaufhaltsam über den Kontinent aus. Die verbündeten Streitkräfte der USA und Großbritanniens sammeln sich auf der britischen Insel für eine gewaltige Gegenoffensive an der französischen Küste. Als der oberkommandierende Ge­neral Brigham dem linkischen, bisher nur für die Werbe- und Rekrutierungskampagnen der Streitkräfte zuständigen US-Major William Cage erklärt, dass er ihn als Kriegsberichterstatter mitten in das Kampfgetümmel der Landungsope­ration zu schicken gedenkt, versucht Cage sich mit einem Erpressungsversuch gegen Brigham aus der Affäre zu ziehen. Brigham lässt Cage daraufhin als Deserteur festnehmen und als degradierten Rekruten in die Kampftruppe stecken. Schon am Tag darauf findet sich Cage als verfemter Außenseiter in einer Kompanie von Infanteristen wieder. Bereits am nächsten Morgen wird er wie alle anderen in einem schwer bewaffneten, gepanzerten Kampfanzug gesteckt, den er kaum zu steuern vermag, und mit seinem Zug aus einem Helikopter über dem Strand der Normandie abgeworfen. Das Gefecht am Strand wird zu einem entsetzlichen Gemetzel und einem kapitalen militärischen Fehlschlag. Cage stößt im Getümmel zufällig auf einen seltenen „Alpha-Mimic“, der kurz darauf mit ihm zusammen durch eine einschla­gende Granate getötet wird.

 

Cage erwacht aus seinem Tod am Tag zuvor. Er ist wieder der degradierte Rekrut, der in eine Kampftruppe gesteckt wird, und alle Ereignisse bis hin zur alliierten Großoffensive wiederholen sich. Dass er diesen Tag schon einmal erlebt hat, will ihm niemand glauben. Wieder stirbt Cage am Strand der Normandie – und wieder erwacht er daraufhin als Rekrut am Tag zuvor. Cage befindet sich in einer Zeitschleife, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Immer und im­mer wieder erlebt er denselben Tag, dasselbe Blutbad am Strand. Nach und nach akzeptiert er seine Situation und lernt, seine Waffen besser zu beherrschen und die Tode seiner Kameraden, die nur er kennt, zu verhindern. Dennoch gelingt es ihm nie, selbst zu überleben, wenn er auch immer wieder auf andere Art und Weise durch die Mimics um­kommt.

 

Im Gefecht lernt Cage die gefeierte Kriegsheldin Rita Vrataski kennen. Als Vrataski erkennt, dass Cage in einer Zeit­schleife steckt, sagt sie ihm, dass er nach seinem nächsten Tod zu ihr kommen soll. Nach mehreren Versuchen – sprich: Toden – gelingt es Cage, in der Militärbasis Kontakt mit Vrataski aufzunehmen. Vrataski erklärt Cage, dass er in einer Zeitschleife steckt, weil sich im Augenblick seines ersten Todes sein Blut mit dem Blut eines Alpha-Mimics vermischt hatte. Die Mimics sind nämlich in der Lage, die Zeit um einen Tag zurückzusetzen und so zu erfahren, was ihre Gegner vorhaben; diese Voraussicht macht sie praktisch unbesiegbar. Mit dem Alpha-Mimic-Blut ist die Fähigkeit, die Zeit zu­rückzusetzen, auch auf Cage übergegangen. Vrataski hatte einst selbst in einer Zeitschleife gesteckt, bis sie nach einer Verwundung durch eine gewöhnliche Bluttransfusion wieder endgültig sterblich wurde. Sie trainiert Cage in seinem Kampfanzug, damit er befähigt wird, die einzige Operation durchzuführen, die einen endgültigen Sieg über die Mimics verspricht: Die Tötung des „Omega-Mimics“, das sämtliche Drohnen und Alpha-Mimics beherrscht. Cage und Vrataski vermuten, dass das Omega-Mimic sich in einem Wasserkraftwerk in der Schweiz verborgen hält, doch der Versuch, dorthin zu kommen, wird zu einer gefährlichen Odyssee durch ein menschenleeres, von Mimics beherrschtes Land . . .

 

Live, Die, Repeat – Respawn im Sci-Fi-D-Day

 

Die 175 Millionen Dollar teure Show Edge of Tomorrow ist ein solider, unterhaltsamer und sogar recht clever erzählter Sci-Fi-Blockbuster, der sich angenehm vom geistlosen Actionkrawall abhebt, der allzu oft durchs Kino poltert und wo es nur um Explosionen, coole Moves in Zeitlupe und gewaltige Zerstörungsorgien geht. Für die Szenen der Kämpfe und Gefechte fackelt Regisseur Doug Liman (geb. 1965) zwar auch hier massive, hektisch gefilmte und meistenteils gut getrickste Actionfeuerwerke ab, voller leuchtender Geschossspuren, explodierender Flugzeuge und aufspritzender Dreckmassen. Doch sind die Kriegsszenen nicht Selbstzweck, sondern bilden eher die Kulisse einer auf die beiden Hauptcharaktere konzentrierten Zeitschleifen-Erzählung, die eine irrwitzige Mischung aus altmodischen Weltkriegs­streifen, brachialer Military-SF à la Starship Troopers (1997) und der romantischen Komödie Und täglich grüßt das Mur-meltier (1993) darstellt.

Szenenfoto aus dem Film "Edge of Tomorrow" (USA/GB 2014) von Doug Liman; Tom Cruise im Gefecht am Omaha Beach
Déja vu – Cage im aussichtslosen Gefecht gegen die Aliens am Omaha Beach

An letzteren Film fühlt man sich natürlich zuallererst erinnert. Denn das grundlegende Motiv ist hier wie dort dasselbe: Ein Mann erlebt denselben Tag immer und immer wieder, bis er endlich gelernt hat, mit der Situation, in der er gefan­gen ist, auf die „richtige“ Art und Weise umzugehen. In beiden Filmen geht es auch ganz wesentlich darum, dass der Protagonist, der zu Beginn ein unsympathischer Arsch ist, an den immer und immer wieder gemachten Erfahrungen wächst und er dadurch schließlich zu einem besseren Menschen wird. In Harold Ramis’ romantischem Klassiker erlöst sich Bill Murray, indem er zu lieben lernt; hier erlöst sich Tom Cruise, indem er sich zum Helden wandelt, der für seine Kameraden einsteht und für das höhere Ziel der Befreiung der Menschheit kämpft. Jüngere Zuschauer werden statt an Murmeltiere allerdings eher an das ständige „Respawnen“ in modernen Egoshooter-Games denken: Der getötete Cha­rakter kehrt auf die Bildfläche des Gefechts zurück, damit der Spieler seine Sache im erneuten Anlauf besser machen kann. Und mit dieser Assoziation liegen sie richtig: Der japanische Autor Hiroshi Sakurazaka (geb. 1970), auf dessen Light Novel All You Need Is Kill (2004) das Drehbuch basiert, hat selbst erklärt, dass die Idee zu seinem Roman auf Computerspielen fußt, in denen der Avatar immer und immer wieder respawned wird, bis der Spieler die richtige Stra­tegie für den Sieg gefunden hat. “Live, Die, Repeat”, wie der Werbeslogan des Films griffig unterstreicht.

 

In Sakurazakas Roman erobern die Mimics nicht Europa, sondern Tokio. Die Soldatin Rita ist auch dort eine Kriegshel­din, die von den anderen Soldaten rotzig-respektvoll “Full Metal Bitch” genannt wird. Die Figur des Cage ist im Roman hingegen ein Japaner namens Keiji Kiriya, der gegen Ende den Spitznamen “Killer Cage” verpasst bekommt. Als Sakura­zakas Roman 2009 auch in englischer Sprache veröffentlicht wurde, ging der Indiefilm-Produzent und Autor Dante Harper daran, für die Produktionsfirma 3 Arts Entertainment ein Drehbuch nach dem Roman zu schreiben. Im April 2010 kaufte Warner Bros. Harpers Drehbuch für die exorbitant hohe Summe von drei Millionen Dollar. Während das Projekt in eine ausgedehnte development hell geriet, wurde das Drehbuch noch von sage und schreibe sieben verschiedenen Autoren überarbeitet. Am Ende erhielten nur Jez und John-Henry Butterworth sowie Christopher McQuarrie, ein enger Freund von Tom Cruise, für das Drehbuch einen screen credit.

Szenenfoto aus dem Film "Edge of Tomorrow" (USA/GB 2014) von Doug Liman; Emily Blunt und Tom Cruise
Der „Engel von Verdun“ Rita (Emily Blunt) und der von ihr trainierte Cage (Tom Cruise) im französischen Hinterland

Der Einfall, das historische Szenario vom “D-Day”, der alliierten Invasion in der Normandie vom 6. Juni 1944, in eine Science-Fiction-Story zu übertragen, in der die Soldaten statt gegen Hitlers Armee gegen außerirdische Tentakelwe­sen kämpfen, wirkt für sich genommen schon reichlich schräg. Diese Idee dann auch noch mit der Zeitschleifenthema­tik zu verschränken und mit den schwer bewaffneten und gepanzerten Kampfanzügen aus Robert A. Heinleins Ster­nenkrieger (1959) zu garnieren, setzt dem originellen Irrwitz der Story schließlich die Krone auf. Dass der Film nicht in heillose Lächerlichkeit abrutscht, ist zum einen der schwungvollen Regie von Doug Liman (geb. 1965) zu verdanken, die ein perfektes Timing meistert und die absurde Story zwar hier und da mit Humor erzählt, ihr ansonsten aber fast wie zum Trotz nicht den vorgeblichen Ernst nimmt. Eine todernste Gewichtung wird gleichwohl vermieden, weshalb auch das moderate Maß der gezeigten Gewalt klug gewählt wurde; eine brutalere Gangart, wie von manchen Rezen­senten gefordert, hätte dem Film wahrscheinlich kaum besser zu Gesicht gestanden. Liman liefert mit seiner eleganten Handhabung des Stoffs seit Die Bourne Identität (2002) seine beste Leistung ab. Der Film gewinnt aber auch durch seine exzellenten Darsteller, denen man nur zu gern die Rollen und die Story abkaufen möchte.

 

Man mag Tom Cruise (geb. 1962) wegen der unverblümten Propaganda, die er für die Scientology-Sekte betreibt, ge­sellschaftlich für gefährlich halten und ihn daher ablehnen. Aber es ist unbestreitbar, dass Cruise ein außerordentlich fähiger und professioneller Schauspieler ist, der sich in all seinen Filmprojekten stets mit ganzer Energie engagiert und meistens auch alle seine Stunts selbst spielt. Er kann eine ganze Reihe herausragender schauspielerischer Leistungen vorweisen, etwa in Geboren am 4. Juli (1989), Die Firma (1993), Vanilla Sky (2001), Walküre – Das Stauffenberg-Attentat (2008) oder in seinen Mission: Impossible-Filmen. Auch einige exzellente Science-Fiction-Filme wie Minority Report (2002), Krieg der Welten (2005) oder Oblivion (2013) zählen zu seinem Portfolio. Auch in Edge of Tomorrow spielt er mit gewohnter Intensität und Überzeugungskraft. Emily Blunt (geb. 1983) brilliert hier in ihrer ersten Actionrolle, die sie mit Bravour meistert: Eine taffe, kampferprobte Soldatin und Kriegsheldin, die geschmeidig im Gefecht agiert und Cage unnachgiebig in der brachialen mechanischen Trainingsarena ausbildet. Nonchalant jagt sie ihm eine Kugel in den Kopf, wenn er wieder einmal versagt hat und mit Knochenbrüchen vor ihr liegt – sein Tod setzt den Tag erneut zurück, und sein Training muss von vorn beginnen.

Szenenfoto aus dem Film "Edge of Tomorrow" (USA/GB 2014) von Doug Liman; ein Mimic
Ein Mimic im Angriff – So deutlich bekommt man die Viecher in den hektisch geschnittenen Kampfszenen kaum zu sehen

Der Film hat auch seine humorvollen Momente, beispielsweise wenn der Zeitreisende bereits alle eintretenden Situa­tionen kennt und sie zur Überraschung aller vorhersagt oder vorwegnimmt – ein Gag, der in Zeitschleifengeschichten stets gut funktioniert. Eine makabre Komik entsteht ansatzweise auch in den immer wiederkehrenden und immer wie­der anders eintretenden Toden von Tom Cruise. Alles in allem wird das Szanario allerdings geradlinig und dramatisch ernst durchgespielt, und das tut der Show frappierenderweise gut, trotz der absurden und vollkommen unglaubwürdi­gen Prämissen des Films. Nach mehreren überraschenden Wendungen der Handlung gerät der heroische Showdown im zerstörten Paris fast etwas zu konventionell, doch hält sich Doug Liman mit dieser letzten, ein wenig an Aliens (1986) erinnernden Actionsequenz gottlob nicht allzu lang auf. Für das Happy End wird schließlich noch ein klassisches Zeitreise-Paradox aufgetischt, das man allerdings nach all dem Zeitreise-Unfug durchaus auch noch verschmerzen kann.

 

So präsentiert sich Edge of Tomorrow als ein erstaunlich launiger, spannungsreicher und kurzweiliger Action-Block­buster mit charismatischen Darstellern, gelungenen Sci-Fi- und Action-Schauwerten und einer schrägen, aber originel­len und wendungsreichen Story. Keine wirklich „intelligente“ Science-Fiction, gewiss – aber auch kein tumber, mit Kra­wumm überladener No-Brainer. Einfach exzellent gemachte Kino-Unterhaltung.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 4. April 2017

Szenenfotos © 2014 Village Roadshow Films, Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac-Dune Entertainment