Passengers

Kinoplakat zu dem Film "Passengers" (USA 2016) von Morten Tyldum

Passengers (USA 2016)

 

Regie: Morten Tyldum

Drehbuch: Jon Spaiths

Kamera: Rodrigo Prieto. Musik: Thomas Newman

Schnitt: Maryann Brandon. Produktionsdesign: Guy Hendrix Dyas

Darsteller: Jennifer Lawrence (Aurora Lane), Chris Pratt (Jim Preston), Michael Sheen (Arthur), Laurence Fishburne (Gus Mancuso), Andy Garcia (Captain Norris), Julee Cerda (holografische Stewardess), Aurora Perrineau (Auroras Freundin) u. a.

Produzenten: Stephen Hamel, Michael Maher, Ori Marmur, Neal H. Moritz

Companies: Columbia Pictures, LStar Capital, Village Roadshow Pictures, Original Film, Company Films, Start Motion Pictures, Wanda Pictures

Laufzeit: 116 Minuten; Farbe; 2-D und 3-D

Premiere: 21. Dezember 2016 (USA); 5. Januar 2017 (Deutschland).

 

In ferner Zukunft betreibt der Megakonzern der Homestead Company ein lukratives Geschäft mit der Kolonisierung ferner, erdähnlicher Planeten. Mit halber Lichtgeschwindigkeit rast das gigantische Raumschiff Avalon auf dem Weg von der Erde zum Planeten Homestead II durchs All. Die Reise dauert insgesamt 120 Erdenjahre, das Schiff fliegt voll­automatisch und die 5000 Passagiere und knapp 260 Crewmitglieder an Bord sind alle in halb verglasten Kapseln in Stasis versetzt. Erst vier Monate vor Ankunft am Ziel werden alle Menschen an Bord geweckt werden.

 

Als das Raumschiff ein Feld von interstellaren Eis- und Gesteinsbrocken durchfliegt, hält der Energieschirm des Schiffs nicht vollends stand, und einige Brocken schlagen in dem Schiff ein. Die so ausgelösten Fehlfunktionen an Bord führen dazu, dass der Passagier Jim Preston zu früh aus der Stasis aufgeweckt wird. Die Avalon wird erst in 90 Jahren Home­stead II erreichen, und Preston gelingt es trotz verzweifelter Versuche nicht, seine Stasiskapsel wieder zu aktivieren und sich selbst wieder in jahrzentelangen Schlaf zu versetzen. Er sitzt ganz allein auf dem Raumschiff, das wie ein riesi­ger Luxusliner ausgestattet ist, fest. Seine einzige Gesellschaft ist der Barkeeper Arthur in der Bar des Schiffs. Arthur ist allerdings nur ein Roboter und hat nur ein begrenztes Vermögen künstlicher Empathie.

 

Ein Jahr lang versucht Preston, sich mit seiner Einsamkeit zu arrangieren und seine Zeit irgendwie totzuschlagen. Als er in einer der Stasiskapseln die Passagierin Aurora erblickt, eine junge, hübsche Schriftstellerin aus New York, ist er so­fort fasziniert von ihr, informiert sich über sie im Bordcomputer, liest ihre Texte und sieht ihre Interviews und kann bald nur noch an sie denken. Nach monatelangem Hadern vollzieht Preston schließlich das Ungeheuerliche: Er manipu­liert die Elektronik von Auroras Stasiskapsel und weckt sie damit auf. Die junge Frau ist zunächst ähnlich geschockt von ihrer Situation, wie er selbst es gewesen war; er lässt sie derweil glauben, dass auch sie nur durch eine Fehlfunk­tion aufgeweckt worden ist. Preston genießt Auroras Gesellschaft, und nach einiger Zeit kommen sich beide näher und werden tatsächlich ein Liebespaar. Das Glück währt allerdings nicht lang, da Preston eines Tages gedankenlos zu Arthur sagt, dass es keine Geheimnisse zwischem ihm und Aurora gebe. Daraufhin spricht Arthur arglos vor Aurora darüber, dass sie von Preston geweckt worden sei. Aurora ist bis ins Mark erschüttert von dem Betrug, und ihre Liebe verwandelt sich in abgrundtiefe Abneigung . . .

 

Ein elegantes Drama zwischen den Sternen

 

Passengers ist einer jener Science-Fiction-Filme, die zunächst mit einem ungewöhnlichen Thema eine hohe Erwar­tungshaltung schüren und diese dann leider doch nicht einlösen. Das Problem ist wie so oft, dass der Film sich im letzten Drittel nicht traut, auf erzählerische Klischees und das 08/15-Schema der Genrekonventionen zu pfeifen und wirklich etwas Neues auszuprobieren. Der Film ist beileibe nicht der schlechteste Science-Fiction-Film, im Gegenteil: Er hat eine fesselnde Prämisse, sympathische Darsteller, einen sehr stilvollen Look und verzichtet weitgehend auch auf die im Sci-Fi-Kino leider nur zu üblich gewordenen, hirnlosen Actionkrawall-Orgien. Allein schon der Umstand, dass er nicht einem der viel zu vielen Science-Fiction- und Superhelden-Franchises mit ihren endlos wiedergekäuten Figuren und Plots angehört, ist höchst angenehm. Aber der Film hätte so viel mehr sein können.

Szenenfoto aus dem Film "Passengers" (USA 2016) von Morten Tyldum; Jennifer Lawrence und Chris Pratt
Jim Preston (Chris Pratt) und Aurora Lane (Jennifer Lawrence) sind ein einsames Menschenpaar im All

Das Drehbuch von Passengers stammt vom New Yorker Autor und Produzenten Jon Spaiths, der auch an den Dreh­büchern von Ridley Scotts Alien-Prequel Prometheus – Dunkle Zeichen (2012), Scott Derricksons Marvel-Film Doctor Strange (2016) sowie von Alex Kurtzmans neuester Tom-Cruise-Version von Die Mumie (2017) mitgeschrieben hat. Spaiths hatte Passengers schon lange vor all diesen Filmen verfasst. Sein vielfach gelobtes Drehbuch wurde bereits seit 2007 in Hollywood herumgereicht und stand weit oben auf der sogenannten Schwarzliste der besten noch nicht realisierten Skripte. Immer wieder wurde die Verfilmung angedacht, unter anderem als ein mit 35 Millionen Dollar eher schmal budgetiertes Projekt mit Keanu Reeves und Emily Blunt in den Hauptrollen, aus dem dann doch nichts wurde. Im Dezember 2014 erwarb Sony schließlich das Drehbuch bei einer Auktion, setzte Morten Tyldum (geb. 1967) als Re­gisseur ein, gewann Jennifer Lawrence und Chris Pratt für die Hauptrollen (wobei Lawrence als die zur Zeit am besten verdienende Schauspielerin Hollywoods satte 20 Millionen Dollar und Pratt immerhin auch noch üppige 12 Millionen Dollar Gage erhielt) und investierte ein Budget von insgesamt etwa 110 Millionen Dollar in den Film. Für den Norweger Tyldum ist Passengers nach dem Alan-Turing-Biopic The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben (2014) mit Bene­dict Cumberbatch in der Hauptrolle der zweite große internationale Spielfilm, bei dem er Regie führen durfte. Gedreht wurde in den Pinewood-Studios in Atlanta, Georgia. An den Kinokassen hat sich der Film recht ordentlich geschlagen; er spielte bis Februar 2017 etwa 303 Millionen Dollar weltweit ein.

 

Zu Beginn entwickelt der Film eine spannende Robinsonade: Jim Preston erwacht auf einem interstellaren Flug 90 Jahre zu früh aus der Stasis und ist inmitten von über 5000 schlafenden Menschen auf einem riesigen Raumschiff ganz allein. Sein „Freitag“ ist lediglich ein Roboter, der zwar wie ein schmucker Barkeeper aussieht und für seinen Gast stets ein Lächeln und die üblichen Barkeeper-Lebensweisheiten parat hat, dessen vorgebliche Empathie allerdings nur ein Programm seiner KI darstellt. Preston kann sich mit ihm unterhalten, doch er spürt, dass Arthurs Anteilnahme keine wirkliche, menschlich-mitfühlende ist. Der Film beschäftigt sich im ersten Drittel mit Prestons quälendem Einsiedler­tum und bemüht sich, die psychische Belastung erfahrbar zu machen und die Verschrobenheiten, die Preston zuneh­mend entwickelt, darzustellen. Dieses Thema war es auch, was Jon Spaiths, wie er in Interviews erzählte, an seiner Erzählung am meisten fasziniert hat und welches er im Mittelpunkt des ganzen Films stehen sieht.

 

Passengers gemahnt den Zuschauer unweigerlich an ähnliche Weltraum-Robinsonaden, vor allem an Duncan Jones’ Moon (2009), ein wenig auch an Ridley Scotts Der Marsianer (2015). Es gelingt Chris Pratt, seinen einsamen Verzweifel­ten überzeugend darzustellen, und seine Leistung muss sich hinter jenen von Sam Rockwell und Matt Damon nicht verstecken. Während Rockwells Einsiedler in Moon mit stoischer Abgestumpftheit seinen Verfall hinnimmt und emo­tional erst zusammenbricht, als er erfährt, dass er manipuliert wurde und seine Erinnerungen an seine Familie nur in sein Gehirn eingespeiste Illusionen sind, ist Damons Einsiedler auf dem Mars ein zupackender, technisch versierter Astronaut, der wohl mit der Erkenntnis zu hadern hat, dass er wahrscheinlich bald sterben wird, aber dennoch beherzt sein Problem des Überlebens mit technischen Lösungen angeht – und dabei erstaunliche Erfolge feiert. Er hält sich mental aufrecht und pflegt dabei auch seinen trockenen, sprücheklopfenden Humor.

Szenenfoto aus dem Film "Passengers" (USA 2016) von Morten Tyldum; das Raumschiff Avalon
Die "Avalon" auf ihrer Reise durch die interstellare Leere

Jim Preston ist anders – verzweifelter. Er befindet sich auf einem interstellaren Luxusliner mit allem nur erdenklichen Komfort, und alle Versuche, etwas zu tun, seine Situation zu beeinflussen, scheitern. Preston versucht sich zu zerstreu­en: Er nutzt die Freizeitangebote des Schiffs und bricht in der teuersten Suite ein, um sich dort einzuquartieren. Aber er lässt sich auch gehen, lässt sich einen Bart wachsen und läuft zum Teil nackt im Schiff umher. Er kommt mit seiner Einsamkeit nie zurecht und steht nach einem Jahr kurz davor, sich ohne Raumanzug durch eine Luftschleuse ins All hinausschleudern zu lassen. Der Film hätte sich für diesen ersten Teil der Erzählung, der die Verzweiflung Jim Prestons thematisiert, durchaus noch mehr Zeit nehmen können, um sie den Zuschauer noch intensiver miterleben zu lassen. Ihre Bebilde­rung wirkt stellenweise etwas zu mechanisch abgehakt, um dann bald zu Prestons Konfrontation mit der schlafenden Aurora zu gelangen.

 

Hier entwickelt der Film ein interessantes moralisches Dilemma. Preston weiß, dass er Auroras Leben in völlig inakzep­tabler Weise Gewalt antun und ihr dasselbe verzweifelte Schicksal aufzwingen würde, wenn er sie erwecken würde. Und trotz aller Gewissensbisse ist sein Hunger nach menschlicher – und natürlich vor allem weiblicher – Gesellschaft stärker. Und so schneidet sich dieser Adam seine Eva selbst aus der Rippe und hofft dabei, dass sie sich – wohl auch mangels Alternativen – irgendwann ihm zuwenden und seine Bettgenossin werden wird. Dass der Held sich moralisch derart fragwürdig, gleichzeitig aber auch so nachvollziehbar verhält, ist hochinteressant und fordert den Zuschauer auf, sich zu fragen, was er selbst wohl in dieser Situation getan hätte.

 

Nach und nach lernen sich Preston und Aurora kennen und unterhalten sich auch darüber, weshalb sie nach Home­stead II auswandern wollen. Sie gibt sich zynisch, sieht in den 5000 Auswanderern nur verdummte Opfer der Home­stead-Company-Propaganda, die an ihren Kunden Geld verdienen will. Für sich selbst behauptet sie, nur zu fahren, um in ihrem Leben ein Abenteuer zu erleben – nur so könne sie als Schriftstellerin wirklich etwas Interessantes zustande bringen. Tatsächlich jedoch hat sie sich auf der Erde emotional leer gefühlt, und es stellt sich heraus, dass sie eigent­lich in ihrem tiefsten Inneren nur auf der Suche nach einem passenden Mann an ihrer Seite ist, der diese Leere ausfül­len könnte – eine etwas altmodisch anmutende Motivation. Preston hingegen träumt den guten, alten Traum von der Frontier: Auf der durchrationalisierten High-Tech-Erde werden Dinge, die nicht funktionieren, einfach nur ersetzt; er dagegen will als einfacher Mechaniker auf Homestead II Dinge reparieren und mit den eigenen Händen etwas schaf­fen. Ein leichter Hauch von Kritik an unserer Wegwerf-Wirtschaftswelt klingt hier an, aber es bleibt nur beim flüchtigen Anklang. Auch hier gilt: Den philosophischen Gesprächen zwischen Preston und Aurora hätte der Film ruhig noch mehr Raum geben können. Doch immerhin begibt sich der Film dafür in mythisches Fahrwasser: Preston pflanzt im Großen Atrium des Schiffs für Aurora, die Blumen liebt, einen Baum und beginnt auf diese Weise damit, den sterilen Lebens­raum im Schiff in einen Garten Eden zu verwandeln. Die Entwicklung der Romanze des einsamen Paars gelingt sehr einfühlsam und nachvollziehbar, und die Chemie zwischen den Darstellern Lawrence und Pratt funktio­niert sehr gut. Es wird allerdings auch ziemlich deutlich dargestellt, dass die Beziehung der beiden Gestrandeten zwischen zwei Welten vor al­lem von der ungezügelten sexuellen Gier aufeinander lebt – ein nicht unwesentlicher Punkt, wenn man über das Ende des Films nachdenkt und darüber, weshalb sich Aurora in einem fragwürdigen Happy End trotz allem für Preston ent­scheidet.

Szenenfoto aus dem Film "Passengers" (USA 2016) von Morten Tyldum; Michael Sheen als Arthur
Der Roboter-Barkeeper Arthur (Michael Sheen) hat ein offenes Ohr und eine Menge Weisheiten parat, fühlt aber keine Empathie

Denn Prestons Versündigung an Auroras Leben bleibt natürlich nicht verborgen: Unweigerlich kommt Aurora irgend­wann hinter seine Lüge, und das, nachdem sie bereits mit Preston eine Liebesbeziehung begonnen hat. Ihren Schock, ihre abgrundtiefe Enttäuschung, die rasende Wut über die Ungeheuerlichkeit von Prestons Tat, die ihre menschliche Wür­de zutiefst verletzt, sie zu einem bloßen Objekt der Wunscherfüllung eines fremden Mannes degradiert und ihr auch noch jede Möglichkeit auf ein normales Leben unter anderen Menschen geraubt hat, stellt Jennifer Lawrence ziemlich gut dar. Unbehaglicherweise beginnt Preston sogar, Aurora in linkischer Weise zu stalken, als sie ihm konse­quent aus dem Weg geht, und beschallt sie im ganzen Raumschiff über die Sprechanlage, um bei ihr um Vergebung zu bitten.

 

Die Gelegenheit, diese zu erhalten und das Mädchen doch noch zu gewinnen, kommt bequemerweise in Gestalt einer äußeren Bedrohung, die Preston heroisch überwinden muss, und an diesem Punkt der Story rutscht der Film denn auch leider in vorhersehbare romantische Klischees ab. Auf der Avalon kommt es immer wieder zu Fehlfunktionen der Systeme; erst geringere wie steckenbleibende Fahrstühle und Lichtausfälle, dann massivere, als für Se­kunden die künstliche Schwerkraft an Bord aussetzt. Es wird bald klar, dass die Bedrohung wächst und die Schiffstech­nik bald ganz ausfallen wird. Ein dritter Mensch wird infolge dieser Störungen aus der Stasis aufgeweckt: Gus Mancuso (Lau­rence Fishburne), ein Mitglied der Crew, das über ein Scanner-Armband erweiterte Zugangsrechte zum Cockpit und zu den technischen Anlagen des Schiffs besitzt. Die defekte Stasiskapsel hat Mancuso schwere innerliche Verletzun­gen beigebracht, und es dauert nicht lang, bis er stirbt. Zuvor jedoch kann er mit Preston und Aurora die Probleme des Schiffs analysieren und über­gibt den beiden sein überlebenswichtiges Scanner-Armband.

 

Aurora und Preston sind gezwungen, am selben Strang zu ziehen und das Raumschiff zu reparieren. Preston ersetzt eine Platine an der Hauptsteuerung des Raumschiffantriebs, muss jedoch bei einem riskanten Außenbord-Einsatz eine Druckausgleichsluke am Reaktor öffnen, wobei er womöglich verbrannt wird. Wie der Ritter seinen Schild aufnimmt, so wappnet sich Preston für seinen Drachenkampf mit einer abgesägten Lukentür – als Hitze- und Strahlungsschutz – und schreitet zur Tat. Bevor sich die Luftschleuse öffnet, bettelt Aurora ihren nunmehr angehimmelten Helden an, dass er unbedingt zurückkommen möge. Sie hat nachgegeben: In dem Moment, wo Preston das Schiff verlässt und viel­leicht umkommen wird, wird ihr ihre Einsamkeit und ihre brennende Liebe zu diesem Mann bewusst. Ihr Groll ist über­wunden.

Szenenfoto aus dem Film "Passengers" (USA 2016) von Morten Tyldum; Jennifer Lawrence und Chris Pratt im Großen Atrium
Aurora und Jim im Großen Atrium des Schiffes, das sie später in einen üppigen Garten Eden verwandeln werden

Rührende Adam-und-Eva-Geschichte oder die zynische Rechtfertigung moralischen Fehlverhaltens? Es hat einige Kritik an der banalen Übertünchung der moralischen Schattenseiten der Erzählung gegeben. So hat Rebecca Hawkes in einer Rezension für The Telegraph hier keine Romanze, sondern eine „unheimliche Ode an die Manipulation“ gese­hen, in der ein „Akt der Gewalt“ durch Prestons Heroismus am Ende zugekleistert und gerechtfertigt wird. Und Alissa Wilkinson von Vox nannte den Film „eine Fantasie vom Stockholm-Syndrom, in welchem die Geisel sich schließlich mit dem Geiselnehmer identifiziert und ihn sogar liebt“; sie hielt das letzte Drittel des Films für „eine wirklich verstörende Wunscherfüllungs-Fantasie“.

 

An der Kritik ist einiges dran. Prestons Tat mag nachvollziehbar sein, aber die Konsequenzen ihrer Aufdeckung beant­wortet der Film mit einem romantischen Märchen, das das explosive Potenzial dieser Situation leider fast völlig ver­schwendet. Statt den Horror von Auroras Situation und Prestons emotionales Dilemma weiter auszuloten, wird uns das romantische Märchen aufgetischt, dass Preston am Ende unwiderstehlich und die Liebe stärker ist als jedes Hin­dernis. Zwar entdeckt Preston nach der erfolgreichen Reparatur des Raumschiffs, dass sich der einzige Autodoc an Bord des Schiffes zu einer Stasiskapsel umfunktionieren lässt. Damit eröffnet sich für Aurora die Möglichkeit, sich voll­kommen frei für Preston zu entscheiden: Er möchte sie in Stasis zurückversetzen, doch sie schlägt diese Option aus und nimmt aus freien Stücken ihre einsame Liebesbeziehung mit ihm wieder auf. Doch dient dieser passende Kniff der Handlung letztlich nur der weiteren romantischen Sanktionierung des Geschehens. Wir sollen am Ende glauben, dass Prestons Eingriff in Auroras Leben ja doch gar nicht so schwer wiegt – immerhin ist er ja auch ein schmucker Kerl mit dem Herzen am rechten Fleck, sexuell sehr attraktiv, und andere Männer sind sowieso nicht verfügbar! Der Film hätte ein intensives Zwei-Personen-Drama ähnlich wie Andrej Tarkow­skis Solaris (1972) werden können, doch in Hollywood siegt bekanntlich am Ende immer die herzerwärmende Liebe. Schade.

 

Der Film endet 88 Jahre später mit der Ankunft der Avalon vor Homestead II und dem Erwachen der Crew und der Passagiere. Im Großen Atrium des Schiffs findet die verdutzte Crew einen üppig wuchernden Garten Eden vor, den das einsame Liebespaar dort inzwischen als ihr privates Paradies gepflanzt hatte. Von den Erlebnissen des inzwischen ver­storbenen Paars kündet ein von Aurora verfasster Bericht. Von ihrem allmählichen Altern, den vielen Jahrzehnten ihres Alltags und ihrem allmählichen Abstumpfen, das sie wahrscheinlich durchlebt hatten, erfahren wir nichts.

 

Schließlich sind noch drei ziemlich unglaubwürdige Details der Erzählung zu vermelden. Zum einen wirkt es ziemlich hergeholt, das Preston, ist er auch Mechaniker, ein derart hochkomplexes System wie die Avalon mir nichts, dir nichts zu reparieren vermag. Zum zweiten kann es kaum sein, dass die gigantische Avalon über nur einen einzigen (!) Auto­doc verfügt. Und zum dritten ist die Wiedererweckung Prestons von den Toten in eben diesem Autodoc doch reichlich starker Tobak – eine Unglaubwürdigkeit, die leicht zu vermeiden gewesen wäre.

Szenenfoto aus dem Film "Passengers" (USA 2016) von Morten Tyldum; Jennifer Lawrence und Chris Pratt
Nachdem Aurora erfahren hat, was Jim ihr angetan hat, ist das Verhältnis zu ihm zerstört

Die Story ist jedoch nicht alles. Der Film hat nämlich auch einige sehr schöne Schauwerte zu bieten. Das Innere der Avalon ist eine auf Hochglanz polierte, weitläufige Umgebung aus gebürstetem Edelstahl und illuminierten Glasflä­chen, mit geschwungenen Formen und hohen Hallen und Sälen. Alles an Bord des interstellaren Luxusliners atmet die Atmosphäre einer digital durchgeformten und digital vollautomatisierten Wellness-Oase für die Passagiere. Das De­sign wirkt sehr stylish, aber auch sehr antiseptisch und erinnert hierin an ähnlich in ihren Stil verliebte Filme wie etwa Joseph Kosinskis Oblivion (2013). Das Äußere des Raumschiffs halte ich zwar nicht für so gelungen; es hat in etwa die Form einer gewundenen Helix, die um einen langen Mittelachskörper rotiert, hat gigantische Proportionen und ist beleuchtet wie ein Festsaal. Man fragt sich, weshalb das Schiff rotiert, wenn es an Bord doch künstliche Schwerkraft gibt. Doch dafür bietet der Film eine halbwegs „realistische“ Vorstellung relativistischer, interstellarer Raumfahrt, und er ist sichtlich verliebt in die interstellare Unendlichkeit mit ihren Myriaden von Sternen, die immer wieder in prächti­gen Bildern vom Weltraum in Szene gesetzt werden. Ein Highlight ist ein dicht um den Stern herumführendes Swing-By-Manöver der Avalon um den Roten Riesen Arkturus, das Preston und Aurora auf einem Panoramadeck miterleben. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass sich die CGI-Tricks in dem Film keinerlei Blöße geben und ein wunderschön bebildertes Raumfahrtabenteuer auf die Leinwand gezaubert haben. Erwähnenswert ist schließlich auch der schöne, ruhige Score des Films von Thomas Newman, der sich stilistisch unverkennbar an Hans Zimmer angelehnt hat.

 

So präsentiert sich Passengers als eine ungewöhnliche Robinsonade inmitten der interstellaren Leere, die in schicken, antiseptischen, bisweilen großartigen Bildern erzählt wird, aber leider ihr dramatisches Potenzial zugunsten einer ge-schickt entfalteten, aber letztlich doch schalen romantischen Auflösung verschenkt. Ob der Film in sympathischer Erin­nerung bleibt oder nicht, hängt davon ab, ob man einen Hang zu Happy Ends hat und bereit ist, der Erzählung die Ro­manze von Preston und Aurora abzukaufen – trotz Prestons ungeheuerlicher Tat. Immerhin liefert der Film einige mo­ralische Fragen, über die der Zuschauer angehalten wird, nachzudenken. Passengers ist ein allemal unterhaltsames Weltraum-Drama mit einer interessanten Story, das trotz aller berechtigter Kritik nach meinem Dafürhalten eindeutig zu den besseren und intelligenteren Science-Fiction-Filmen der letzten Jahre zählt.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 9. Juni 2017

Szenenfotos © Sony Pictures