Supergirl

DVD-Cover zu dem Film "Supergirl" (GB/USA 1984) von Jeannot Swarc; 2-Disc-Special-Edition

Supergirl (GB/USA 1984)

 

Regie: Jeannot Szwarc

Drehbuch: David Odell, nach einer Comicstory von Otto Binder (Autor) und Al Plastino (Zeichner)

Kamera: Alan Hume. Schnitt: Malcom Cooke. Musik: Jerry Goldsmith

Darsteller: Helen Slater (Kara Zor-El/Linda Lee/Supergirl), Faye Dunaway (Sele­na), Peter OʼToole (Zaltar), Mia Farrow (Alura), Brenda Vaccaro (Bianca), Peter Cook (Nigel), Hart Bochner (Ethan), Simon Ward (Zor-El), Marc McClure (Jimmy Olsen), Maureen Teefy (Lucy Lane) u. a.

Produzenten: Timothy Burrill; Ilya Salkind (ausführender Produzent)

Companies: Warner Bros.; Artistry Limited; Investors In Industry PLC; Robert Fleming Leasing Ltd.; St. Michael Finance Ltd.; TriStar Pictures (Verleih USA)

Laufzeit: 114 Min. (US-Kinofassung)/125 Min. (internationale Kinofassung)/138 Min. (Special Edition DVD Directorʼs Cut bzw. Extended Cut); Farbe

Premiere: 19. Juli 1984 (GB); 21. Nov. 1984 (USA); 22. März 1985 (Deutschland)

 

Argo City, eine Stadt des Planeten Krypton, hat den Untergang der Heimatwelt von Superman überlebt: Das Fragment von der kontinentalen Kruste, auf der die Stadt lag, war bei der Explosion in die sechste Dimension (bzw. in den “Inner Space”) geschleudert worden. Geschützt von einer transparenten Außenhülle, die die Stadt ein­schließt, leben die Be­wohner von Argo City fort und beschäftigen sich mit der Perfektionierung der Wissenschaften und Künste.

 

Zaltar, der angesehene Gründer von Argo City und genialer Architekt und Künstler, benötigt Energie, um weite­re Kunstwerke zu materialisieren, und hat dafür das „Omegahedron“ entwendet, eine kleine leuchtende Kugel, die die wichtigste Energiequelle der Stadt darstellt. Unvorsichtigerweise erlaubt er, dass auch seine junge Schü­lerin Kara Zor-El, die Cousine von Superman, die Kraft des Omegahedrons für ein Kunstwerk ausprobieren darf. Kara erschafft eine Libelle, die unkontrolliert losschwirrt und die Schutzhülle der Stadt durchschlägt, woraufhin das Omega­hedron hinaus ins All gesogen und auf die Erde katapultiert wird.

 

Ohne seine Energiequelle ist Argo City schon bald verloren. Kara kapert eine von Zaltar entwickelte Dimensionskapsel, reist in ihr zur Erde hinterher und wird unter dem Einfluss der gelben Erdensonne zu „Supergirl“, ausgestattet mit den­selben Superkräften und einem ähnlichen Kostüm wie Superman. Um auf der Erde unerkannt zu bleiben, schreibt sich Kara verkleidet als Linda Lee in einem Mädcheninternat ein, wo sie die Zimmergenossin von Lucy Lane, der jüngeren Schwester von Lois Lane, wird. Linda/Supergirl kommt bald dahinter, dass das Omegahedron in die Hände der okkul­ten Hexe Selena gefallen ist. Durch die Energiekugel sind Selena enorme magische Kräfte zugewachsen, durch die sie die Weltherrschaft an sich reißen will. Zudem hat sie sich den schmucken Landschaftsgärtner Ethan als künftigen Prinzgemahl auserkoren. Mit einem Zaubertrank will Selena ihn in sich verliebt machen, doch bevor der Trank wirkt, kann Ethan aus Selenas Refugium fliehen; er trifft kurz darauf auf Linda Lee und verliebt sich schließlich unsterblich in sie. Linda fühlt sich geschmeichelt, doch Selena rast vor Eifersucht und schickt einen Dämon der Finsternis aus, um Linda zu vernichten. Supergirls Kampf gegen Selena wird nicht einfach . . .

 

Licht und Schatten . . .

 

. . . liegen eng beieinander in diesem naiven, altbackenen Superheldenabenteuer. Der mit einem satten Budget von 35 Millionen Dollar großzügig produzierte und auch tricktechnisch superbe Film ist einerseits sehr schön anzuschauen – insbesondere für jene, die mit den alten Superman-Filmen mit Christopher Reeve großgeworden sind und diese Filme lieben. Auch hat der Film mit Helen Slater ein wundervolles Supergirl vorzuweisen. Leider wurde er aber auch mit einem grottenschlechten Drehbuch, einer lachhaften Schurkin und vom völlig überdrehten Schauspiel der meisten Darsteller verhunzt.

Szenenfoto aus dem Film "Supergirl" (GB/USA 1984) von Jeannot Swarc; Helen Slater als Supergirl
Helen Slater als Stählerne Maid in klassischer Flugpose

Supergirl gehört zu den beliebtesten Superheldinnen aus den DC-Comics. Dass die „stählerne Maid“ anders als Wonder Woman keine eigenständige Schöpfung ist, sondern unmittelbar aus Superman abgeleitet wurde, hat ihrer Popularität nie geschadet. Ihren ersten Auftritt hatte sie in der Story „The Girl of Steel“ in Superman 123 (August 1958) von Otto Binder, gezeichnet von Dick Sprang und Stan Kaye. Dort war das “Super-Girl” allerdings nur eine magisch geschaffene Gestalt, die mittels eines Totems von Jimmy Olsen als Braut für Superman herbeigewünscht worden war. Sie macht Superman unverhohlen schöne Augen und stellt sich bei ihrem Bemühen, Superman bei seinen Heldentaten zu helfen, überaus tollpatschig an. Am Ende der Story verschwand sie wieder durch den Totem. Die Figur kam mit ihrem jugend­lichen Sexappeal bei den Lesern so gut an, dass sie wenig später in Action Comics 252 (Mai 1959) erneut eingeführt wurde, diesmal in der gewohnten Rolle als Supermans Cousine aus der kryptonischen Stadt Argo City. Über die Jahre machte Supergirl ständige Wandlungen durch; ihr Kostüm wurde oft verändert, und aus dem braven Backfisch Linda Lee aus dem Mädcheninternat in Midvale wurde die selbstbewusste, in New Athens in Florida lebende Studentin Linda Lee-Danvers.

 

Als der DC-Verlag im Jahre 1985 sein gesamtes Superhelden-Universum umkrempelte und neu startete, wurde die Figur ausgemustert und in der zwölfteiligen Comicstory „Crisis on Infinite Earths“ getötet. Supergirl blieb jedoch unver­gessen und erlebte einige kurzlebige Reinkarnationen, unter anderem als künstliche, von Lex Luthor erschaffene Le­bensform oder als zukünftige Tochter von Superman und Lois Lane. 2003 wurde Supergirl schließlich als reguläre Figur im Superman-Universum wieder eingeführt und erfuhr ab 2011 im „New 52“-Neustart des DC-Universums eine von Au­tor Mike Johnson und Zeichner Mahmud Asrar aufpolierte Version ihrer Herkunftsgeschichte, in der allerdings die we­sentlichen Elemente – die Herkunft aus Argo City, die Reise mit einer Rakete zur Erde, die Ankunft in ihrem Helden-kostüm, die verzögerte Aufnahme des „Berufs“ der Superheldin – erhalten geblieben sind. Wie im Film ist Kara Zor-El dort etwa 18 Jahre alt, als sie die Erde erreicht, jedoch besucht sie freilich kein Internat mehr und ist mit ihrer Dickschä­deligkeit und Girlpower gewiss das coolste Supergirl, das es bisher gegeben hat. Auch im „Rebirth“ genannten, jüng­sten Quasi-Reboot der DC-Comics ab 2016, ist Supergirl ihre eine eigene Comicreihe erhalten geblieben. Vor allem aber hat Su­pergirl mit der erfolgreichen CBS-Serie Supergirl (ab 2015) endlich auch das Fernsehen geentert; die hübsch getrickste und auch actionreiche Serie hat mit Melissa Benoist eine ausgesprochen sympathische stählerne Maid vor­zuweisen, leidet allerdings an mittelmäßigen bis schwachen Drehbüchern und an fernsehtypischen, etwas zu dick auf­getragenen Soap-Anteilen.

Szenenfoto aus dem Film "Supergirl" (GB/USA 1984) von Jeannot Swarc; Peter O'Toole als Zaltar
Peter O'Toole als Zaltar, der überambitionierte Künstler, der durch sein sorgloses Handeln Argo City in große Gefahr bringt

Der Kinofilm Supergirl wurde von den Produzenten Alexander und Ilya Salkind aus der Taufe gehoben, dem berühm­ten Team aus Vater und Sohn, das mit Superman (1978) einen der erfolgreichsten Blockbuster aller Zeiten auf die Beine gestellt hatte. Dieser Film wie auch das gelungene Sequel Superman II – Allein gegen alle (1980) waren Meilensteine, indem sie den modernen, „erwachsenen“ Superheldenfilm definierten, und zählen zu den besten Comic-Adaptionen der Filmgeschichte. Superman III (1983) freilich bewies, dass ein Übermaß an albernem Slapstick das zuvor so unter­haltsame Rezept verdirbt. Das Mantra der „Glaubwürdigkeit“ , das Regisseur Richard Donner während der Dreharbei-ten zum ersten Superman-Film beharrlich verfocht und immer wieder gegen die Produzenten durchsetzen musste, erwies sich im Nachhinein als nur zu wahr: Superman oder auch irgendein anderer Superheld gewinnt in einem Live-Action-Film vor allem dann ästhetische Wahrhaftigkeit, wenn alle Beteiligten die Comicfigur in ihrem eigenen Recht sehen, sie ernst nehmen und sie aufrichtig und menschlich nachvollziehbar darstellen.

 

Nach dem mäßigen Einspielergebnis von Superman III verkauften die Salkinds die Filmrechte an Cannon Films, die mit Superman IV (1987) ein derart schlimmes Desaster ablieferten, dass fast 20 Jahre lang kein Superman-Film mehr reali­siert wurde. Die Salkinds aber versuchten noch vor diesem Fiasko, mit Supergirl den Erfolg der ersten beiden Super­man-Filme noch einmal zu wiederholen. Der Film wurde jedoch ein schlimmer Flop, sodass die ursprüngliche Hoffnung, mit Helen Slater noch einige Sequels zu drehen, fallen gelassen wurde. Vier Jahre später kehrten die Salkinds ein letz­tes Mal zu den DC-Helden mit dem großen „S“ auf der Brust zurück und produzierten die TV-Serie Superboy (1988–1989), die allerdings ebenfalls floppte.

 

Die Idee eines Supergirl-Films ist charmant und hätte auch glücken können, hätte man von den überspannten und kin­dischen Albernheiten gelassen, die inhaltlichen Schludrigkeiten vermieden und das Thema zwar leichtfüßig und hu­mor­voll, aber nichtsdestrotrotz mit Respekt behandelt. Die Formel, die in Superman noch eine solch bezaubernde Ma­gie entfaltet hatte, wirkte bereits in Superman III etwas abgestanden, aber statt aus den in Superman III gemachten Feh­lern zu lernen, wurden sie in Supergirl doppelt und dreifach aufgetischt.

Szenenfoto aus dem Film "Supergirl" (GB/USA 1984) von Jeannot Swarc; Peter Cook, Faye Dunaway und Brenda Vaccaro
Das hat das Silver Age nicht verdient – Peter Cook und Faye Dunaway als unerträglich überzogene Comic-Schurken; im Hintergrund Brenda Vaccaro als gelangweilte Assistentin Bianca

Regisseur Jeannot Szwarc (geb. 1939), zuvor mit Der weiße Hai 2 (1978) bekannt geworden, trifft nur geringe Schuld. Er und Kameramann Alan Hume (1924–2010) machten das beste aus dem Material und erzählen den Film in derselben lichten Bildersprache wie die Salkindschen Supermanfilme. Die Bühnenbildner und Ausstatter geben sich keine Blöße und stellten farbenfrohe, großzügige Kulissen her, die interessantes Augenfutter liefern – insbesondere das märchen­hafte Set für Argo City und die höllische Vision der Phantomzone sind hier bemerkenswert. Die gelungene Tricktech­nik ist auf der Höhe der Zeit, und die Szenen, in denen Supergirl fliegt, sind sogar noch brillanter und glaubwürdiger gelungen als in den Supermanfilmen, lassen kaum matte-Linien erkennen und bilden meist einen harmonischen Bewe­gungsablauf zwischen Supergirl und dem Hintergrund. Hinzu tritt ein sehr gelungener triumphaler Score von Jerry Goldsmith, der dem Superman-Score von John Williams kaum nachsteht. Alles in allem ist dem Film das Blockbuster-Budget durchaus anzusehen.

 

Helen Slater, damals 18 Jahre alt, ist ein fantastisches Supergirl und spielt ihre allererste Filmrolle besser als jeder ande­re Darsteller im Film. Die gertenschlanke Blondine wirkt zerbrechlich und zuckersüß, ist jung und fast grenzenlos naiv, aber wenn sie in klassischer Heldenpose breitbeinig dasteht und die Fäuste in ihre Seiten stemmt, mit vorgestreckter Faust über den Himmel jagt oder einem Monster einen elektrisch aufgeladenen Laternenpfahl um die Ohren haut, er­scheint sie keineswegs unglaubwürdig, sondern kraftvoll, mutig und heroisch. Den zauberhaftesten Moment des Films liefert sie, als sie kurz nach ihrer Ankunft auf der Erde über einem einsamen See in einem Wald ihre Flugkraft für sich entdeckt, akrobatische Kunststücke in der Luft vollzieht und anschließend voller Freude mit wehendem Cape über die Landschaft dahinfliegt – eine Sequenz, in der auch die gereifte Tricktechnik in vollem Glanz erstrahlt. Slaters Supergirl ist, insbesondere in der Verkleidung der Linda Lee, ausgesprochen brav und entspricht weitgehend dem frühen, noch nicht emanzipierten Supergirl des Silver Age, nicht so sehr dem Supergirl der damals zeitgenössischen Comics, doch wird die angestaubte Inkarnation der Figur recht geschickt in die Gegenwart von 1984 integriert.

Szenenfoto aus dem Film "Supergirl" (GB/USA 1984) von Jeannot Swarc; Hart Bochner als Ethan und Helen Slater als Supergirl
Ethan (Hart Bochner) freut sich, Supergirl endlich das Omegahedron zurückgeben zu können

Grässlich ist hingegen das übertriebene Schauspiel der meisten anderen Akteure. Faye Dunaways Hexe Selena ist nie furchteinflößend, sondern allenfalls die ätzend aufgerüschte Parodie eines albernen Halloweenschrecks, Peter Cooks schmierige Figur Nigel ist bemitleidenswert debil, während Brenda Vaccaro daran scheitert, mit ihrer Figur Bianca eine halbwegs adäquate Miss-Teschmacher-Kopie abzuliefern. Keiner der drei Gegenspieler Supergirls entwickelt auch nur einen Hauch Charisma – sie sind allesamt reine, völlig überzogene Comedyfiguren. Der in meinen Augen fehlbesetzte Peter OʼToole als Zaltar scheint ständig damit zu ringen, sich nicht anmerken zu lassen, für wie peinlich er seine Rolle hält, und chargiert unbeseelt und steif. Die Nebenrollen – Hart Bochner als Ethan, Mark McClure als Jimmy Olsen und Maureen Teefy als Lucy Lane – machen eine geringfügig bessere Figur, bleiben aber letzten Endes doch eher blass.

 

Ein einziges Desaster stellt das holprige und unlogische Drehbuch von David Odell dar. Dabei spielt es keine Rolle, ob man die 114 Minuten lange US-Kinofassung, die 11 Minuten längere internationale Kinofassung oder gar die 24 Minuten längere, auf der Special-Edition-2-Disc-DVD vom Label Anchor Bay veröffentlichten „Directorʼs Cut“-Fassung zugrun­delegt. Supergirls Gegnerin Selena ist eine einzige lächerliche Enttäuschung. Der Konflikt dreht sich nur nebenher um die Rettung der Welt oder Argo Citys, denn Selena geht es vor allem darum, die Rivalin im Kampf um den Gärtnerbur­schen Ethan aus­zuschalten. Dass Odell hier das uralte mythologische Motiv der Göttin aufgreift, die sich in einen Gärt­ner verliebt, von diesem zurückgewiesen wird und daraufhin in Zorn entbrennt (wie beispielsweise bereits im uralten babylonischen Mythos von Ischtar und Urschanabi enthalten), ist zwar eine recht hübsche Idee, aus der im Film jedoch nichts Brauch­bares entsteht. Die einzige übernatürliche Gewalt, gegen die Supergirl antreten muss, ist ein riesiger Dä­mon der Fins­ternis – der zunächst unsichtbar bleibt wie das „Monster aus dem Id“ in Alarm im Weltall (1956) –, den die stählerne Blondine zunächst mit einem elektrisch aufgeladenen Laternenpfahl vertreibt und später mitsamt Selena aus der Welt schafft, indem sie um das Monster und die Hexe herumwirbelt und beide in einen Spiegel hinein verbannt (es frage bloß niemand, wie dieses Geschehen zu verstehen ist – die Filmemacher hat diese Frage einen feuchten Kehricht ge­schert). Spektakuläre Heldentaten Supergirls bleiben leider Mangelware.

Szenenfoto aus dem Film "Supergirl" (GB/USA 1984) von Jeannot Swarc; Helen Slater als Supergirl
Sie allein lohnt den Film – Helen Slater als Supergirl und erste Superheldin in einem Solo-Kinofilm

In Hinblick auf Supergirls Herkunftsgeschichte aus den Comics löst der Film nur Kopfschütteln aus. Es ist ein Rätsel, weshalb David Odell sich hier nicht einfach an die Comics gehalten hat und stattdessen Supergirls Erscheinen auf der Erde als unverständlichen Mischmasch erzählt. Zwar greift der Film in vielen Einzelheiten Supergirls origin story aus dem Silver Age auf: Supergirl wächst als Kara, Tochter von Zor-El und Alura, in Argo City auf, fliegt mit ei­nem Raum­schiff zur Erde und nimmt im kleinen Städtchen Midvale die Ge­heimidentität der Internatsschülerin Linda Lee an, kom­plett mit braver Schul­uniform und dunkelhaariger Perücke. Der Fan erfreut sich außerdem daran, dass Argo City hier wie in den Comics als eine Stadt gezeigt wird, die, von ei­ner Kuppel geschützt, auf einem Asteroiden durchs Weltall treibt. Doch ab­gesehen davon, dass der Film es versäumt, dem allgemeinen Publikum mit­zuteilen, wie diese Stadt den Untergang Kryptons überleben konnte, erlaubt sich Odell jede Menge Eigenmächtigkeiten, und es interessierte ihn offenbar keinen Deut, ob diese irgendwie einen Sinn ergeben.

 

Weshalb befindet sich Argo City in der sechsten Dimension (bzw. im sogenannten “Inner Space”, wie es in der engli­schen Originalfassung heißt), statt einfach nur durchs All zu schwe­ben wie in den Co­mics? Weshalb sieht Argo Citys Architektur – so märchen­haft und ansprechend das Setdesign für Argo City auch ge­worden ist – völlig anders aus als Kryptons kristallische Architektur in Richard Donners Superman (beide Filme gehö­ren schließlich eindeutig in dasselbe Universum)? In den Comics wird Argo City von einem Meteori­tenhagel zerstört, weshalb Zor-El und Alura ihre Tochter Kara in letzter Sekunde in einer Rakete zu ihrem Cousin Su­perman auf die Erde schicken. Im Film hingegen entschließt sich Supergirl selbst, zur Erde zu reisen, um das – in den Comics unbekannte – „Omegahedron“ zu bergen, und kehrt am Ende des Films nach Argo City wieder zurück! Die ohne Not herbei­gemurks­ten Logiklöcher machen sprachlos. Weshalb fliegt das Omegahedron ausgerechnet auf die Erde? Weshalb schwirrt es aus der sechsten Dimension vom Himmel herab, während Supergirl nicht aus derselben Richtung kommt, sondern un­erklärlicherweise aus einem See auftaucht? Weshalb erhält Supergirl während ihrer Reise wie durch Zauberhand ihr Kostüm, und wieso sieht dieses Kostüm so aus wie das Kostüm Supermans? Warum bittet Supergirl am Ende des Films Jimmy Olsen und Lucy Lane, über ihren Besuch auf der Erde Schweigen zu bewahren, wenn sie ohnehin nach Argo City zurückkehrt? Vor allem aber: Weshalb nimmt Supergirl auf der Erde die Identität von Linda Lee an und schreibt sich im Internat von Midvale ein, wo doch eine Geheimidentität nur dann einen Sinn hätte, wenn Supergirl dauerhaft auf der Erde bliebe? Die im­mergleiche Antwort auf all diese Fragen ist zynisch: Weil offenbar alle Beteiligten der Pro­duktion der Meinung waren, eh nur einen kindischen Comicstrip zu verfilmen, sodass das The­ma wie auch das Publi­kum keinen Respekt verdiente.

 

So bleibt Supergirl – immerhin der allererste Spielfilm mit einem weiblichen Superhelden als Hauptfigur – alles in allem eine herbe Enttäuschung. Dass der Film dennoch einigen Spaß bereitet, ist allein der wundervollen He­len Slater sowie den Tricktechnikern zu verdanken, die Supergirl in ihrem leuchtend bunten Kostüm wunderschön dahin­fliegen und damit den Zauber wieder aufleuchten lassen, der die alten Superman-Filme so ausgezeichnet hat. Der Film hat seine vergnüglichen Momente und ist trotz seiner langen Laufzeit durchaus kurzweilig. Allerdings führt er auch schmerzlich vor Augen, wieviel wunderbarer ein Supergirl-Film sein könnte. Ob es je eine neue Verfilmung geben wird, steht indes­sen in den Sternen. Sie dürfte allerdings hin Hinblick auf die jüngsten DC-Superheldenfilme ohnehin viel düsterer, blei­erner und humorloser ausfallen.

 

 

© Michael Haul

Veröffentlicht auf Astron Alpha am 25. Februar 2018

Szenenfotos © Warner Bros. Pictures