Liu Cixin: Die drei Sonnen

Buchcover des Romans "Die drei Sonnen" (2017) von Liu Cixin

San Ti (2006). Science-Fiction-Roman. Deutsche Erstausgabe 2017 im Wilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH. Übersetzung aus dem Chinesischen von Martina Hasse. Mit einem Nachwort des Autors, Erläuterungen zu Schreibweise und Aussprache des Chinesischen und Anmerkungen zum Romantext. Umschlagillustration von Stephan Martinière. Taschenbuch, 592 Seiten.

 

China im Jahr 1967: Im ganzen Land wütet die von Mao Zedong ausgerufene „Große Proletarische Kulturrevolution“; in den blutigen Säuberungsaktionen gegen Parteifunktionäre und Intellektuelle kommen Menschen zu Hunderttausen­den um, Millionen werden durch Folter, Misshandlungen und Repressalien verletzt. An den Universitäten werden viele Wissenschaftler, die der burgeoisen Reaktion bezichtigt werden, zu Tode geprügelt. Die junge Astrophysikerin Ye We­nije muss mit eigenen Augen ansehen, wie ihr Vater, ein Professor für Physik, bei einem aufgehetzten Tribunal auf dem Campus gedemütigt und schließlich von Rotgardisten erschlagen wird. Als Ye Wenije wenig später selbst ins Vi­sier der Rotgardisten gerät, wird ihr die Chance gegeben, sich in den Dienst eines streng abgeschirmten militärischen Geheimprojekts mit dem Namen „Rotes Ufer“ zu stellen. Rotes Ufer ist eine auf ei­nem abgelegenen Berggipfel im äu­ßersten Norden Chinas errichtete, große, parabolische Radioantenne, die der Krieg­führung gegen feindliche Satelliten mittels abgestrahlter Mikrowellen dient. Ye Wenije erfährt jedoch schon bald, dass das Militär mit der Antenne auch nach außerirdischen Botschaften aus dem All lauscht und auch selbst eine Botschaft ins All gesendet hat. So will China anderen Nationen zuvorkommen, sollte es zu einem Radiokontakt der Erde mit Außerirdischen kommen.

 

In naher Zukunft: Der Physiker Wang Miao wird gebeten, einer internationalen Einsatzgruppe von Militärs, Wissen­schaftlern und Polizisten dabei zu helfen, eine Reihe von mysteriösen Selbstmorden unter Spitzenwissenschaftlern aufzuklären. Die Forscher hatten sich offenbar umgebracht, nachdem sie bei ihren Experimenten zu dem Schluss ge­kommen waren, dass die Naturgesetze der Physik keine Gültigkeit mehr haben. Der ungehobelte, aber scharfsichtige Polizist Shih Qiang glaubt an eine Verschwörung: Offenbar gibt es eine geheime terroristische Vereinigung, die den wissenschaftlichen Fortschritt auf der Erde unterbinden will. Schon bald wird Wang Miao selbst von unbekannten Mächten unter Druck gesetzt, seine nanotechnologische Forschung einzustellen. Auf den Filmen seiner Fotokamera erscheinen plötzlich wie durch Zauberhand die Zahlen eines Countdowns, und bald sieht er diesen Countdown sogar direkt im Gesichtsfeld seiner Augen, obwohl diese, wie ihm ein Augenarzt bestätigt, vollkommen in Ordnung sind. Wang bekommt es mit der Angst zu tun, doch Shih Qiang drängt ihn, weiterzuforschen.

 

Wang stößt im Zuge seiner Ermittlungen auf das Onlinespiel “Three Body”, in dem es darum geht, das sogenannte „Dreikörperproblem“ zu lösen, ein uraltes Problem der Himmelsmechanik: Wenn sich drei Sonnen umkreisen, würden sie chaotische Bahnen beschreiben, die mit keinem noch so ausgefeilten mathematischen Modell vorhersagbar wären. Ein zwischen diesen Sonnen wandernder Planet hätte eine ebenso chaotische Bahn, und eine Zivilisation auf diesem Planeten wäre immer wieder schwersten klimatischen Katastrophen ausgesetzt. Wang taucht in das Game ein, spielt es wieder und wieder, und nachdem er alle Levels erfolgreich absolviert hat, eröffnet ihm das Game den Kontakt mit der „Erde-Trisolaris-Organisation“ (ETO), einem weltweiten Geheimbund von Intellektuellen, die der verdorbenen Menschheit nicht mehr die Lösung der weltweiten ökologischen und politischen Pro­bleme zutrauen und daher ihre Auslöschung durch eine außerirdische Invasion ersehnen.

 

Von der ETO erfährt Wang, dass tatsächlich bereits eine Raumschiffflotte vom Alpha Centauri, einem System mit drei Sonnen, in Richtung Erde unterwegs ist, diese aber noch 450 Jahre für die Reise braucht. Damit die Menschheit sich in der Zwischenzeit nicht technologisch weiterentwickelt, verfolgen die Außerirdischen in Kooperation mit der ETO ei­nen ausgeklügelten Plan, weitere Fortschritte in der irdischen Grundlagenforschung zu verhindern – unter anderem, indem sie die Experimente in Teilchenbeschleunigern manipulieren. Wang lernt schließlich auch Ye Wenije kennen, die inzwischen eine hohe Funktionärin der ETO ist, und erfährt, dass sie die Invasion überhaupt erst ausgelöst hat: Jahr­zehnte zuvor hatte Ye mit der Radioantenne Rotes Ufer eine Botschaft vom Alpha Centauri empfangen und diese heimlich mit einer Einladung beantwortet, zur Erde zu kommen und die Menschheit zu vernichten . . .

 

Science-Fiction aus China

 

Liu Cixin (geb. 1963) ist einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren der Volksrepublik China. Erst seit kurzer Zeit widmet sich Liu ganz der Schriftstellerei; davor hatte er für viele Jahrzehnte als Software-Ingenieur in einem Kraftwerk gearbeitet und nur nach Feierabend geschrieben. Seine seit 1998 in rascher Schlagzahl erscheinenden Kurzgeschichten und Romane haben fast regelmäßig den Yinhe („Galaxis“)-Preis der Genre-Zeitschrift Kehuan Shijie („Science-Fiction-Welt“) abgeräumt – insgesamt neunmal. In Kehuan Shijie ist 2006 auch San Ti („Drei Körper“), der erste Roman einer Trilogie, in mehreren Fortsetzungen veröffentlicht worden. 2007 erschien in Chengdu die erste Buchausgabe von San Ti, die sich seitdem in China außerordentlich gut verkauft.

Liu Cixin
Liu Cixin

2014 gelang Lius Durchbruch im Westen: Sein Verlag ließ San Ti in den USA ins Englische übersetzen. Die Übersetzung übernahm Ken Liu (geb. 1976), ein aus China stammender, in Boston lebender Amerikaner, der selbst sehr erfolgreiche Science-Fiction schreibt und zweifacher Hugo-Preisträger ist (sein Werk ist hier in Deutschland allerdings noch fast un­bekannt). Ken Liu leistete mit dem Buch Pionierarbeit: San Ti ist der erste Science-Fiction-Roman aus China, der je in eine westliche Sprache über­setzt wurde. Und das Buch wurde auch in den USA zu einem glänzenden Erfolg. Unter dem Titel The Three Body Problem gewann Ken Lius Über­setzung 2015 den hochbegehrten Hugo Award als bester Roman des Jahres. Damit wurde zum ersten Mal ein chinesischer Roman mit dem Hugo Award geehrt.

 

Die Kritiker waren voll des Lobes für den Roman und feierten ihn als au­ßerordentlich intelligentes und wegweisendes Werk der Hard-SF. Sogar Barack Obama hat den Roman gelesen, Mark Zuckerberg auch, und beide äußerten sich begeistert – der Hype war perfekt. Manch naturwissenschaftlich studierte Leser hingegen, die bekanntlich sehr strenge Maßstäbe an Hard-SF-Werke anlegen, haben eine verfälschte Darstellung physikalischer Sachverhalte und eine zu blühende Fantasie in Hin­blick auf die Quantenphysik und die Theorien eines vieldimensionalen Universums kritisiert. In China indes hat der durchschlagende Erfolg des Buchs dazu geführt, dass es derzeit sogar unter der Regie von Zhang Fanfan mit großem Budget verfilmt wird.

 

Nun ist Die drei Sonnen auch in Deutschland erschienen. Alles in allem kann ich mich dem positiven Echo nur anschlie­ßen. Das Buch ist ein sehr spannender, gekonnt, originell und vielschichtig fabulierter Science-Fiction-Roman, in dem die science auch wirklich im Zentrum des Geschehens steht und die Handlung vorantreibt. Ich konnte das Buch jeden­falls kaum aus der Hand legen, was selbstredend nur ein gutes Zeichen sein kann. Es bietet le­bendige, wenn auch schlicht gezeichnete Figuren, eine Menge interessanter wissenschaftlicher Ideen und Konzepte, eine sehr ausgefallene Ausgestaltung des alten Alien-Invasionsthemas und nicht zuletzt einen schockierenden Einblick in die chinesische Kul­turrevolution, deren brutale Auswirkungen direkten Einfluss auf das destruktive Handeln der Hauptfigur Ye Wenije hat. Alles in allem ein tolles, unterhaltsames Debut von Liu Cixin in Deutschland.

 

Es gibt einige Merkmale des Buchs, die man kritisieren könnte, wenn man wollte, je nachdem, welche Maßstäbe man anlegt; man kann sie aber auch als stilistische Eigenheiten oder künstlerische Freiheiten akzeptieren. So sind die Fi­guren oft stark überzeichnet, fast ins Comichafte und Groteske; Paradebeispiel hierfür ist die Figur des schmierigen, kettenrauchenden Polizisten Shih Qiang. Gleichzeitig gelangen die psychologischen Antriebe der Figuren nur sehr flüchtig zur Darstellung, wenn überhaupt. Die Handlung wird trotz einander abwechselnder Erzählstränge und häufi­ger Sprünge zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit sehr straff geführt, mit vielen aufeinanderfolgenden Szenen und stets hohem Tempo. Anschauliche Ausschmückungen werden nur sparsam eingesetzt, wodurch der Ro­man literarisch ein wenig dürr und nüchtern wirkt, aber auch an zügiger Lesbarkeit gewinnt. Das Thema des Romans schließlich ist überraschend schrill und extrem paranoid: eine verborgene Terroristenorganisation, die sich davon überzeugt hat, dass die Menschheit keinen Wert und kein Recht mehr hat, weiterzuleben, und die die Naturwissen­schaften angreift, sowie eine hinter ihr stehende außerirdische Invasion, deren technologische Fähigkeiten auf der Erde praktisch allmächtig erscheinen.

 

Wie bereits erwähnt, gibt es nicht wenige Kritiker, die dem Buch vorwerfen, es gaukele physikalische Genauigkeit nur vor. Das ist durchaus wahr. Ob deshalb das Buch besser nicht „Hard-SF“ genannt werden sollte, wie manche meinen, hängt freilich davon ab, wie „hart“ man diesen Begriff definieren will. Liu Cixin erläutert seinen Lesern im Verlauf des Romans zahlreiche technologische und naturwissenschaftliche Konzepte. Dabei gelingt ihm das Zauberstück, seine wissenschaftlichen Theorien selbst dann korrekt und plausibel erscheinen zu lassen, wenn sie es tatsächlich nicht sind.

 

So hat beispielsweise das Alpha-Centauri-System in Wirklichkeit eine weit weniger chaotische Gestalt, als sie im „Three Body“-Onlinegame suggeriert wird (für das Folgende habe ich mich auf die hervorragende Webseite Androme­dagalaxie von Mario Lehwald gestützt). Alpha Centauri besteht aus zwei annähernd sonnengroßen Sternen, Alpha Centauri A und B, die einander in knapp 80 Jahren umkreisen und sich dabei maximal auf 1,7 Milliarden Kilometer an­nähern, was etwas mehr als die Entfernung zwischen der Sonne und dem Saturn ist. Proxima Centauri ist von diesem Doppelsystem momentan ein fünftel Lichtjahr entfernt; da Proxima Centauri ein lichtschwacher Roter Zwerg ist, er­schiene er am Himmel eines A oder B umkreisenden Planeten nur wie ein Stern unter vielen. Sofern Proxima Centauri an Alpha Centauri A und B gravitativ gebunden ist – wofür der Beweis noch aussteht –, würde er das System von A und B auf einer extrem exzentrischen Bahn umkreisen und für einen Umlauf etwa eine Million Jahre benötigen, wie Simulationsrechnungen ergeben haben. Seine größte Annäherung an A und B läge bei vielleicht 100 Milliarden Kilome­tern, etwa dem 22-fachen der Entfernung zwischen Sonne und Neptun. Proxima Centauris Masse ist mit 12 % der Son­nenmasse gering; ob sie ausreichte, signifikante Bahnstörungen eventueller Planeten von A oder B oder im Umlaufsys­tem zwischen A und B selbst zu verursachen, vermag ich nicht zu beurteilen. Wenn ja, geschähe dies allerdings in einem Rhythmus von einer Million Jahren. Die „stabilen“ Phasen der Liuschen Zivilisationen auf einem hypothetischen Alpha-Centauri-Planeten wären somit jeweils viele Jahrhunderttausende lang – und endeten längst nicht so abrupt wie im Roman dargestellt.

 

Ich persönlich glaube ohnehin nicht, dass in einem Dreisternesystem, das sich derart chaotisch verhielte wie von Liu vorausgesetzt, auf Dauer intelligentes Leben möglich wäre. Die Vorstellung, dass eine Zivilisation sich über die klima­tisch heißen oder eisig kalten „chaotischen“ Phasen, die Jahrhunderttausende oder Jahrmillionen dauerten, per „Dehy­drierung“, quasi der Selbstmumifizierung, hinwegretten und danach am bereits erreichten Zivilisationsniveau einfach wieder anknüpfen könnte, erscheint mir auch extrem abgedreht und unglaubwürdig. Aber gut – dies ist die Science-Fiction-Prämisse des Romans, und empirisch widerlegt wurde sie bisher natürlich noch nicht.

 

Eine andere Idee, die Liu im Roman verwendet, ist, dass die Sonne zwiebelschalenartig aufgebaut sei und eine Phasen­schicht enthalte, die Radiowellen hunderttausendfach verstärkt ins All reflektieren könnte. Dieses astrophysikalische Konzept ist frei erfunden. Auch ist es nach heutigem Wissensstand nicht möglich, die wechselseitige Dependenz zwei­er Quantenteilchen für die instantane Kommunikation über viele Lichtjahre hinweg zu nutzen. Die kühnste Idee aber ist die Umgestaltung eines einzelnen Protons in eine Künstliche Intelligenz, die sich selbststeuernd im vieldimensiona­len Raum bewegen kann. Im Original nannte Liu diese KI-Protonen „Zhizi“, ein chinesisches Wortspiel auf die Wörter für „Proton“ und „Weisheit, Vermögen“; Ken Liu übersetzte dies sehr gekonnt mit „Sophon“, was Martina Hasse für die deutsche Übersetzung übernommen hat.

 

Liu bedient sich für seine „Sophonen“ der modernen Bulk-Theorie der Physik, die ein elfdimensionales Universum pos­tuliert. Das „Auffalten“ der höheren Dimensionen in eine zweidimensionale Fläche, die ein Proton schließlich in eine planetenumschließende Hülle verwandelt, in die sich mittels Mesonen Chip-Schaltungen eingravieren lassen, ist zwar eine originelle Idee, letztlich aber doch zu abgedreht. Vor allem hat Liu hier das kategoriale Wesen höherer Dimensio­nen verkannt, die sich nicht einfach physisch auf niedere Dimensionen herunterbrechen lassen. Narrativ stört das sehr bequeme Allvermögen der Sophonen: Sie können selbsttätig mit Fast-Lichtgeschwindigkeit Lichtjahre durchs All navi­gieren, sich gezielt und blitzschnell in jeden Teilchenbeschleuniger oder in die Augen Wang Miaos schummeln und schließlich erneut zu einer Hülle um den Planeten „auffalten“, um den Menschen ein Flackern der 3-Kelvin-Hintergrund­strahlung des Weltalls vorzugaukeln. Wer eine derart hochentwickelte Supertechnologie beherrschte, bräuchte, so scheint mir, sich um den wissenschaftlichen Fortschritt von uns armen Erdenwürmern eigentlich keine ensthaften Sor­gen mehr zu machen.

 

Es zeigt sich also: Der Roman ist keine physikalische Vorlesung, wie von manchen bedauert, sondern strotzt dagegen vor physikalischer Fantasie, die sich alle dichterischen Freiheiten nimmt. Das hat mich selbst nun nicht übermäßig gestört, es sei denn, die Fantasterei führte zu allzu bequemen erzählerischen Lösungen wie den Sophonen, wie eben erwähnt. Problematischer empfand ich vielmehr zwei Grundvoraussetzungen, die die Erzählung selbst betreffen. So ließe sich eine terroristische Öko-Gruppe, die das Ende der Menschheit herbeisehnt, wohl vorstellen. Aber dass diese sich ausgerechnet aus den intelligentesten Eliten der Welt rekrutieren soll und an die 2000 Mitglieder zusammen­bringt, erscheint mir dann doch höchst unglaubwürdig:

 

Die Organisation hatte auch versucht, unter Normalbürgern Mitglieder zu gewinnen. Doch diese Bemühungen waren gescheitert. Gewöhnliche Leute durchschauten die Verhältnisse nicht in dem Maße, weil sie nicht über das Wissen der Hochgebildeteten ver-fügten. Weil sie weniger von der modernen Wissenschaft und Philosophie beeinflusst waren, identifizierten sie sich aus einem biologischen Instinkt heraus voller Überzeugung mit der menschlichen Art. Ein Verrat an der Gesamtheit der menschlichen Spe­zies war für sie undenkbar. Die geistige Elite war da anders. Viele hatten es bereits aufgegeben, die Dinge aus dem Blickwinkel der Menschheit heraus zu betrachten. Die menschliche Zivilisation erlebte ein Höchstmaß an Selbstentfremdung. (S. 438)

 

Dass die Eliten in der Regel auch die Besitzenden und gesellschaftlichen Nutznießer sind und daher weit weniger Inte­resse an der Vernichtung der bestehenden Ordnung haben als die „gewöhnlichen Leute“, die angeblich die Verhältnis­se nicht „durchschauen“ könnten, stellt Liu überhaupt nicht in Rechnung. Ein etwas seltsames, leicht versnobtes Ge­sellschaftsbild drückt sich hier aus, das mit einem unglaubwürdigen, grenzenlosen Fatalismus verschränkt wird, wie er sich tatsächlich bislang nirgendwo findet – jedenfalls nicht in diesem Ausmaß.

 

Mein zweiter Kritikpunkt an der Erzählung betrifft die völlig unausgewogen und unglaubwürdig dargestellte Haupt­figur Ye Wenije. Dass Yes Herz aufgrund der seelischen Verletzungen, die ihm in der Kulturrevolution angetan wurde, „wie tote Asche“ (S. 377) ist und ihr Hass und ihre Rachegelüste sie spontan dazu treiben, die Außerirdischen mit einer Radiobotschaft zur Erde zu locken, damit sie Menschheit vernichten können – ein ungeheurer Verrat an der Spezies, oder besser: der ungeheuerlichste Selbstmord aller Zeiten, der alle anderen mit in den Tod reißen soll –, ist durchaus plausibel. An anderer Stelle ermordet Ye kaltblütig zwei Männer, darunter den Vater ihres ungeborenen Babys, und in der Versammlung der ETO lässt sie milde lächelnd vor aller Augen einen Gegner innerhalb der Organisation den Hals brechen und die Leiche herausschleifen. Ye hat sich unweigerlich in ein eiskaltes Monster verwandelt, das keinerlei Sympahtie verdient hat. Liu schildert sie auf der anderen Seite aber mit jeder Menge Sympathie, er behandelt sie wie eine seiner Hauptheldinnen. Unter der Geburt hat Ye große Angst um das Leben ihres Babys – warum, wo sie selbst es doch dem Tod geweiht hat? Als sie die Rotgardisten wieder trifft, die einst ihren Vater ermordet hatten, tut sie das, weil sie sehen wollte, „ob in ihnen noch ein Funken Menschlichkeit war“ (S. 416) – warum, wo sie selbst längst jede Menschlichkeit verloren hat?

 

„Das Wundersame an der Science-Fiction ist, dass sie, wenn sie in bestimmten hypothetischen Welten angesiedelt ist, das, was in unserer Wirklichkeit böse und finster ist, in etwas Rechtschaffenes, hell Leuchtendes verwandeln kann – und umgekehrt“, behauptet Liu in seinem Nachwort (S. 554). Ist es das, was er hier mit seiner mörderischen Heldin Ye Wenije machen will? Ich würde Lius Meinung dagegen entschieden widersprechen: Die Science-Fiction ist, wie alle anderen Literaturgenres auch, niemals aus der moralischen Verantwortung entlassen, wenn sie menschliche Verhal­tensweisen zur Darstellung bringt. Ein Verbrechen wird auch in der Science-Fiction nicht zu etwas Rechtschaffenem, nur weil die dargestellte Welt ein Trugbild ist.

 

Ich kann auch nicht Lius paranoide Einstellung gegenüber einem möglichen Erstkontakt mit Außerirdischen unter­schreiben, die er in seinem Nachwort äußert. Liu meint, dass der Mensch in der Eroberung anderer Kontinente und der Vernichtung anderer Kulturen bisher überaus rücksichtslos vorgegangen sei, er nun aber sentimental würde, wenn er sich den Kontakt mit moralisch edlen Außerirdischen vorstelle, und nicht glauben wolle, dass auch Außerirdische mit dem Ziel, uns zu unterwerfen, in unser irdisches Idyll eindringen könnten. Generell ist eine aggressive außerirdische Invasion zwar nicht ausgeschlossen. Doch seine Mahnung, das All immer wachsam im Auge zu behalten „und Anderen im All jederzeit die schlimmsten Intentionen [zu] unterstellen“, entspricht exakt derselben rückständigen Einstellung, die zuvor in der Menschheitsgeschichte immer wieder zu den von Liu beklagten Kriegen geführt hat. Die Notwendig-keit, sich moralisch und sittlich weiterzuentwickeln, sollen die massiven Probleme auf der Erde bewältigt werden, liegt auf der Hand. Weshalb soll eine solche Entwicklung des Geistes nicht auch auf kosmischer Ebene möglich, vielleicht sogar notwendig sein?

 

„[Ich] benutze meine Geschichten nicht als tarnende Fassade, hinter der ich die gegenwärtige Wirklichkeit kritisiere“, sagt Liu in seinem Nachwort (S. 553) – und das muss er auch sagen, denn offene Kritik wäre in China nach wie vor gefährlich. Gleichwohl ist die Behauptung natürlich Unsinn, denn in seiner Handhabung der Umweltproblematik und der politischen Wirklichkeiten drückt sich durchaus ein tiefgreifender, erschütternder Fatalismus aus, der nichts mit dem angeblichen Optimismus gemein hat, von dem Liu im Zusammenhang mit der zeitgenössischen jungen chinesi­schen Gesellschaft spricht (z. B. in einem Interview für Spiegel Online). Es wird interessant sein zu sehen, wie Liu seine paranoide, fatalistische Fabel in den beiden Folgebänden weiterentwickeln wird.

 

Es ließen sich noch weitere, kleinere Kritikpunkte aufzählen – so glaube ich kaum, dass die Azteken die ganze Welt erobert hätten, wenn sie nicht von den Konquistadoren vernichtet worden wären (S. 321); ein schwerer Billardtisch lässt sich kaum von zwei Personen problemlos in einer Wohnung herumtragen, als sei es ein Beistelltischchen (S. 96f.); und die öde Grafik des Buchcovers gehört so ziemlich zu den langweiligsten Buchillustrationen aller Zeiten –, doch sind das Nebensächlichkeiten. Alles in allem ist Die drei Sonnen ein erfrischend spannender, flott zu lesender und origineller Alien-Invasions-Roman, der neugierig auf die Fortsetzungen macht. Auf Englisch ist die Trilogie mit den beiden Folgebänden The Dark Forrest (2015) und Death's End (2016) bereits vollständig erschienen. In Deutsch soll der zweite Band der Trilogie Der dunkle Wald allerdings erst Mitte 2018 erscheinen. Meine Bequemlichkeit wird wohl dazu führen, dass ich bis dahin warte, als dass ich zu den englischen Ausgaben greifen werde. Das Warten wird gleichwohl schwer fallen.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 23. Mai 2017