Assignment: Outer Space

DVD-Cover für den Film "Assignment Outer Space" (Space Men, Italien 1960) von Antonio Margheriti

Space Men (Italien 1960)

 

Regie: Antonio Margheriti

Drehbuch: Ennio de Concini (aka Vassilij Petrov)

Kamera: Marcello Masciocchi. Schnitt: Mario Serandrei (aka Sir Andrews)

Musik: Lelio Luttazzi (aka J. K. Broady); Gordon Zahler (US-Version)

Darsteller: Rik von Nutter (Ray Peterson; IZ 41), Gabriella Farinon (Lucy; Y 13), Dave Montresor (George, der Commander), Archie Savage (Al), Alain Dijon (Ar­chie; Y 16), Franco Fantasia (Sullivan), Guiseppe Pollini (King 116), David Maran (Davis), José Nestor (Commander auf der Venus), Anita Todesco (Venus Con­trol) u. a.; engl. Erzähler: Jack Wallace

Produzenten: Turi Vasile, Goffredo Lombardo; Hugo Grimaldi (US-Version)

Companies: Titanus; Ultra Film; AIP (US-Version)

Laufzeit: 73 Min.; Farbe (Eastman Color)

Premiere: 25. August 1960 (Italien); 13. Dezember 1961 (USA)

 

Im Jahr 2116 unterhält die Menschheit Raumstationen im Erdorbit und auf den Planeten des Sonnensystems. Der Re­porter Ray Peterson wird mit dem Raumschiff BZ-88 (“Beta Zulu Eight Eight”) auf eine Raumstation geflogen, um eine Reportage über das Leben der Astronauten zu schreiben. Von den Astronauten wird Peterson als Greenhorn belächelt, und mit dem frostigen Commander gerät Peterson schon bald in Konflikt. Gleichzeitig gewinnt er das amouröse Inte­resse der einzigen Frau an Bord, Lucy, die zu allem Überfluss auch noch die Freundin des Commanders ist. Mit anderen Worten: Peterson setzt sich zielstrebig zwischen alle Stühle.

 

Der Reporter erlebt mit der BZ-88 einen Flug zum Mars, wo die Crew den einzigen Überlebenden eines havarierten Raumschiffs bergen muss. Kurz darauf bricht das Schiff zur Venus auf, um von dort aus einen brisanten Auftrag auszu­führen: Das außer Kontrolle geratene, führerlose Raumschiff A-2 (“Alpha Two”) kehrt ins innere Sonnensystem zurück und droht mit seiner starken „photonischen“ Strahlung, die von seinem neuartigen Antrieb gespeist wird, die Erde zu verbrennen! Die Strahlung des Schiffs wirkt wie ein undurchdringliches Kraftfeld – der Beschuss mit Atomraketen zeigt keine Wirkung. Da hat Peterson eine rettende Idee: Mit einem kleinen „Raumtaxi“ versucht er, durch eine enge Lücke zwischen den beiden Sphären des photonischen Kraftfelds zur A-2 durchzudringen. Doch droht sein Einsatz ein Himmelfahrtskommando zu werden . . .

 

Italiens „Griff nach den Sternen“

 

In den Sechzigerjahren entstanden in Italien eine Reihe sehr billig produzierter Space Operas, die in Italien selbst und im Ausland, vor allem in den USA, erfolgreich in den Kinos liefen, heute jedoch außerhalb der Science-Fiction-Fange­meinde praktisch völlig vergessen sind. Abgesehen von Paolo Heuschs The Day the Sky Exploded (1958) und Mario Bavas Planet der Vampire (1965) wurden alle italienischen Raumfahrtfilme jener Zeit von Antonio Margheriti (1930–2002) inszeniert, der von Teilen des Fandoms inzwischen als „Kultregisseur“ gehandelt wird. Seine vielleicht gelungen­sten Space Operas waren Il Pianeta degli Huomini Spenti (Battle of the Worlds; 1961) und Il Criminali della Galassia  (Raumschiff Alpha; 1965); letzterer Film war der erste Teil von Margheritis locker zusammengehörender, sogenannter „Gamma 1 Tetralogie“, zu denen noch Tödliche Nebel (I diafanoidi vengono da Marte; 1965), Orion 3000 – Raumfahrt des Grauens (Il Pianeta Errante; 1966) und Dämonen aus dem All (La Morte Viene dal Pianeta Aytin; 1967) zählen. Ne­ben seinen Space Operas inszenierte Antonio Margheriti auch eine Reihe weiterer Science-Fiction-, Fantasy-, Horror- und Sandalenfilme.

 

Assignment: Outer Space war Margheritis erste Regiearbeit und präsentiert sich dem Aficionado als interessantes, wenn auch etwas durchwachsenes Vergnügen. Die Inszenierung ist schwerfällig, der eklektische Plot wurde aus den üblichen Versatzstücken aus Pulps und Comics zusammengerührt, und die Darsteller chargieren steif und über­trieben melodramatisch. Die Story wird todernst und völlig humorlos erzählt, was an einigen Stellen unfreiwillige Komik her­vorruft. Die Spezialeffekte hingegen sind zwar sim­pel und von schwankender Qualität, für einen No-Budget-Film aber ziemlich gut gelungen. Erfreulicherweise geizte Margheriti nicht mit ihnen: Es gibt hier eine Menge Effekt- und Welt­raum­szenen zu sehen, mit denen der Film genussvoll die romantischen Bilderwelten der Pulp-Covers auf die Leinwand überträgt. Auch das Bühnenbild für die BZ-88 und die Ausstattung machen einen guten Eindruck und wirkt zum Teil sogar üppiger als in mancher zeitgenössischen ame­rikanischen Space Opera. Für jene, die sich einer wohlwollenden, stau­nenden Einstellung nicht verschließen, entfaltet der Film den nostalgi­schen Flair eines liebenswert naiven Welt­raum­abenteuers, wie es wohl nur in den Fünfziger- und Sech­zigerjahren er­zählt werden konnte. Die Raumfahrt war ein noch junges, inspirierendes Abenteuer, für das sich insbe­sondere Kinder und Jugend­liche begeisterten. Optimistisch träumte man von der Kolonisierung des Weltalls. Die itali­enischen Space Operas prä­sentierten diese Utopie als zukünf­tige Realität.

 

Assignment: Outer Space wurde in drei Wochen in Eastman Color gedreht und kostete umgerechnet nur läppische 30.000 Dollar. Das ist unerhört wenig, wenn man sich vor Augen führt, dass beispielsweise Ed Woods berühmter Trash­film Plan 9 aus dem Weltall (1959), der optisch nicht annähernd so prächtig ist, doppelt soviel, nämlich 60.000 Dollar gekostet haben soll. Man muss es verwegen nennen, mit einem derart geringen Budget überhaupt ein ambitioniertes Weltraumabenteuer in Angriff zu nehmen, das den deutlich teureren Vorbildern Endstation Mond (1950) und Die Er­oberung des Weltalls (1955) von George Pal nachzueifern trachtete. Und zumindest in einem Punkt ist Antonio Mar­gheritis Film seinen Vor­bildern sogar um Längen voraus: Mit dem damals in Italien heimischen US-amerikanischen Tän­zer und Schauspieler Archie Savage (1914–2003) besetzte Margheriti einen Schwarzen in einer Hauptrolle – ein abso­lutes Novum im sonst so durch und durch weißen Genre der Space Opera. Da wirkt es fast schon wie ein ironischer Kommentar auf Flash Gordon, dass Savage sich für seine Rolle hier die Haare strohblond färben musste.

Szenenfoto zu dem Film "Assignment Outer Space" (Space Men, Italien 1960) von Antonio Margheriti; die BZ-88 auf dem Mars
Das Raumschiff BZ-88 landet auf dem Mars

Angesichts der begrenzten Mittel wirken die Tricks von Assignment: Outer Space gar nicht einmal so schlecht. Mar­ghe­riti hatte die Spezialeffekte alle selbst erstellt und gefilmt. Er verwendete kleine, schroff gestaltete Modellbauten für die Landschaften der Planeten, Spielzeugmodelle aus Plastik für die Raumschiffe und (manchmal durchschimmern­de) mattes für die im All schwebenden Astronauten. Das Design der BZ-88 basiert auf dem Entwurf für ein Marsraum­schiff, der von Wernher von Braun stammt und den er erstmals in seinem populärwissenschaftlichen Buch Das Mars­projekt (1952) veröffentlichte. Die Tragflächen der dritten Stufe dieses Schiffs waren für den Gleitflug in der Marsat­mosphäre bei der Landung gedacht und machen daher in Assignment: Outer Space keinen Sinn (dort landet die kom­plette Rake­te auf dem Mars und später auf der Venus). Von Brauns Entwurf diente als Blaupause für die Marsraum­schiffe in George Pals Die Eroberung des Weltalls (1955) und in Disneys dreiteiliger TV-Dokumentation Man in Space (1955). Ende der Fünfzigerjahre brachten die beiden Hersteller Lindberg und Strombecker in den USA zwei Modellbau­sätze dieses Raumschiffs auf den Markt, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Margheriti eines dieser Spielzeugmodelle für seinen Film verwendet hatte. Auch die im Film verwendeten Modelle der anderen Raumschiffe lassen sich auf damals erhält­liche, von Margheriti leicht modifizierte Modellbausätze zurückführen (vgl. dazu die Besprechung von Nathan Decker auf der Website Million Monkey Theater).

 

Sehr schlecht sind sämtliche Explosionen in dem Film umgesetzt. Viel Hohn und Spott hat die Szene vom Crash des Raum­schiffs M-013 (“Metro Zero One Three”) auf dem Marsmond Phobos geerntet: Für einen Sekundenbruchteil wurde die feurige Explosion auf einem Parkplatz aus einem Gangsterfilm (!) in die Szene hineingeschnitten. Man kann deut­lich den Park­platz und am rechten Bild­rand das Heck eines 1958er Chevrolets erkennen! Ob Margheriti diesen Schnip­sel eingefügt hat oder erst ein Cutter in den USA, vermag ich freilich nicht zu sagen. Die übrigen Explosionen, zum Beispiel von der A-2 am Ende des Films, bestehen zumeist nur aus einem kurzen, flüchtigen Lichtblitz, eine offensicht­liche Notlösung, da für aufwendigere pyrotechnische Lösungen entweder das Geld, die Zeit oder das technische Können fehlte.

Szenenfoto zu dem Film "Assignment Outer Space" (Space Men, Italien 1960) von Antonio Margheriti
Ein Chevrolet Convertible auf dem Marsmond Phobos . . .

Einen überraschend soliden Eindruck machen hingegen die Ausstattung und die Sets. Das karge, beengende Innere der Raumschiffe und Raumstationen besteht aus Schaltpulten und Geräten, gewölbten Stahlträgern und Druckluft­schotts. Die unterkühlte Atmosphäre dieser Umgebung unterstreicht die trostlose Verlorenheit des Menschen in der sterilen Weite des Weltalls.

 

Quo vadis, Raumfahrer?

 

Trotz aller handwerklicher Schwächen, die den Film für den durchschnittlichen Zuschauer als bizarres Fossil der Kino­geschichte erscheinen lassen, hat Assigment: Outer Space für den Genrefreund einige interessante Momente aufzu­weisen. Zunächst ist der Film im besten Sinne utopische Science-Fiction, denn er präsentiert eine fernere Zukunft, in der die interplanetare Raumfahrt und die Anfänge der Kolonisierung des Sonnensystems bereits zur Normalität ge­worden sind. Mit diesem Grundkonzept steht Assignment: Outer Space der Science-Fiction-Literatur und den Comics näher als die meisten anderen zeitgenössischen Raumfahrtfilme. Gleichzeitig greift der Film eine Frage auf, die die damalige literarische und filmische Science-Fiction häufig thematisierte: Inwieweit kann sich der Mensch im Weltraum seine Menschlichkeit bewahren? Kann er sich in der Ungeheuerlichkeit des unendlichen, lebensfeindlichen Weltraums bewähren, und muss ihn diese fremde, völlig unirdische Umgebung nicht zwangsläufig verändern?

 

Schon im effektvollen Anfang des Films klingt dieses Thema an. Die Astronauten, die im Raketenschiff BZ-88 von der Erde gestartet sind, liegen in Kästen aus Glas und Stahl im Kälteschlaf. Dieser ist angeblich nötig, damit die Raumfahrer das Schwerefeld der Erde schadlos überwinden können. Der Kälteschlaf wird explizit mit dem Tod verglichen; die glä­sernen Schlafkästen nennt der Reporter Peterson “coffins” – „Särge“. Ein elektronisches Programm weckt die Astronau­ten, sobald sie den Orbit erreicht haben, und fährt ihre Lebensfunktionen wieder hoch. Mit anderen Worten: Die As­tronauten erleben eine Art Tod und Wiederauferstehung, während sie in die neue Umgebung des Weltalls aufsteigen. Erde und Weltall sind durch diese Schwelle strikt getrennt. Die Schwelle gilt im übrigen auch für den Zuschauer: Der gesamte Film spielt mit Ausnahme einiger knapper Einstellungen vom Raketenstart am Anfang des Films ausschließ­lich im All. Dort ist der Mensch seinen künstlich geschaffenen, metallischen Lebensräumen und den Maschinen exis­tenziell ausgeliefert, eine Ungeheuerlichkeit, die immer wieder zur sinnfälligen Darstellung in Raumfahrtfilmen gereizt hat.

Szenenfoto zu dem Film "Assignment Outer Space" (Space Men, Italien 1960) von Antonio Margheriti; Rik von Nutter und Archie Savage
Rik von Nutter und Archie Savage im Kälteschlaf

Haben Antonio Margheriti und Drehbuchautor Ennio de Concini die „philosophische“ Frage nach dem Menschen im All bewusst und kritisch durchspielen wollen? Höchstwahrscheinlich nicht. Vielmehr dürfte dieses Thema als effektives dramatisches Element ebenso unreflektiert wie alles andere aus den Quellen importiert worden sein, aus denen der Film schöpfte. Die Motive wurden einfach aus der literarischen Science-Fiction oder anderen Science-Fiction-Filmen übernommen und irgendwie zusammengeschraubt. Das zeigt sich besonders deutlich am klassischen Motiv des Kälte­schlafs der Astronauten, der hier während des Aufstiegs der Rakete von der Erde nötig ist. Für gewöhnlich dient der Kälteschlaf der Überwindung extremer zeitlicher Distanzen im interstellaren Raumflug. Da jedoch in Assignment: Outer Space die Raumfahrer nicht über die Marsumlaufbahn hinauskommen, wurde das Kälteschlafmotiv einfach entspre­chend umgemünzt. Dass das Drehbuch nicht sehr souverän mit den Erzählmotiven der Science-Fiction-Literatur um-ging, zeigt sich auch daran, dass die BZ-88 am Anfang des Films angeblich zur Galaxie (!) M 12 aufbricht – ein Objekt, das es zwar tatsächlich gibt, jedoch ein Kugelsternhaufen in 16.000 Lichtjahren Entfernung ist. Spätestens als die As­tronauten von der Raumstation ZX-34 (“Zulu Extra Three Four”) zum Mars aufbrechen, wird dem Zuschauer allerdings klar, dass sich die gesamte Filmhandlung im inneren Sonnensystem abspielt.

 

Interessant ist nun, dass trotz der unreflektierten und unlogischen Montage des Films die aus der literarischen Scien­ce-Fiction mitgeführten Sinngehalte der Einzelteile nicht völlig schwinden und die neue Kombination neue Bedeutun­gen erzeugt. De Concini oder Margheriti hatten vermutlich nicht bewusst eine tiefschürfende Allegorie vom Tod und der Wiederauferstehung des Raumfahrers in der Anfangssequenz des Filmes zum Ausdruck bringen wollen. Eher ist zu vermuten, dass sie einfach vom unheimlichen Motiv des Kälteschlafs als solches beeindruckt waren – überdies lieferte das Motiv ein starkes Bild für den Film. Aber einerlei, wie durchdacht die Montage der Elemente geschah: Die neu er­zeugten Sinngehalte sind unzweifelhaft da und steigern das ästhetische Vergnügen an dem Streifen.

Szenenfoto zu dem Film "Assignment Outer Space" (Space Men, Italien 1960) von Antonio Margheriti
"I've never felt so lonely"

Die nächste effektvolle Szene ist das Überwechseln des Reporters Peterson vom Raumschiff BZ-88 zur Raumstation – Petersons allererste Erfahrung eines Weltraumspaziergangs. Er schwebt einfach im Raumanzug hinüber (es wird nicht erläutert, wie er manövriert – ein Jetpack trägt er jedenfalls nicht), ist ängstlich eingeschüchtert und zugleich faszi­niert von der überwältigenden, unendlichen Leere des Weltalls um ihn herum – er fühlt einen “sense of emptiness” und erklärt: “I've never felt so lonely”. Auch diese elementare Ich-Erfahrung des Astronauten, die durch das ästhetische Erstaunen vor der kosmischen, lebensfeindlichen Leere ausgelöst wird, ist zigfach in der literarischen Science-Fiction zu finden und von dort in den Film importiert worden. Der Film will den sense of wonder und zugleich den Schrecken dieses Motivs visualisieren, und das gelingt ihm auch. Die in der Literatur thematisierte Verlorenheit des Menschen im All ist somit auch hier effektiv umgesetzt worden und zieht sich auch später unterschwellig wie ein roter Faden durch den Film.

 

An Bord der Raumschiffe und Raumstationen herrscht ein strenges, diszipliniertes Regiment. Oberste Entscheidungs­instanz ist das irdische “High Command”, und man fragt sich leicht beunruhigt, ob die Gesellschaftsverfassung der Zu­kunft in Assigment: Outer Space technokratisch und autoritär zu denken ist. Die Entmenschlichung im All wurde je­den­falls so weit getrieben, dass alle Astronauten nur noch Nummern sind, die sie riesengroß auf ihren Rücken tragen. Sie reden sich auch gegenseitig mit ihren Nummern an, und als der Reporter Peterson bei einem unerlaubten Welt-raum­spaziergang dem Astronauten Y 13, der gerade mit dem Betanken der BZ-88 beschäftigt ist, das Leben rettet, durch diese Rettung jedoch 500 Gallonen Treibstoff verloren gehen, muss er sich anschließend vom Commander der Raum­station anhören, dass der Treibstoff wertvoller gewesen sei als das Leben des Astronauten – seine Pflicht wäre somit die Rettung des unentbehrlichen Treibstoffs gewesen! Die Unmenschlichkeit des Commanders entpuppt sich als nahe­zu grotesk, als sich später herausstellt, dass Y 13 seine geliebte Freundin Lucy ist.

Szenenfoto zu dem Film "Assignment Outer Space" (Space Men, Italien 1960) von Antonio Margheriti; Dave Montresor, Gabriella Farinon und Alain Dijon
Dave Montresor, Gabriella Farinon und Alain Dijon im Kampf um die Rettung der Erde

Auch diese Szene offenbart, wie grobschlächtig das Skript mit seinen Motiven umging. Die radikale Entmenschlichung im All, die den Menschen zu einer Nummer in einem technokratischen System macht und ihn in seinem Überlebens­kampf über Leichen gehen lässt, ist eigentlich ein schriller, erschreckender Widerspruch zur positiven Utopie von der Kolonisierung des Alls und wahrscheinlich ebenfalls unreflektiert aus der literarischen Science-Fiction eingewandert. Das dystopische Element ist jedoch im Film gewichtig genug, um ständig mitgedacht zu werden, und lässt den Pio­niergeist der Raumfahrer in Assignment: Outer Space brüchig und widersprüchlich erscheinen – eine Qualität, die dem Film eindeutig zugute kommt. Inkonsistent und nachlässig zusammengewürfelt wirkt das Drehbuch aber trotzdem, denn nur wenig später verwendet der zuvor so hartherzige Commander erhebliche Ressourcen darauf, den einzigen Überlebenden der auf Phobos havarierten M-013 zu bergen, und von den verlorengegangenen 500 Gallonen Treibstoff ist bis zum Ende des Films keine Rede mehr.

 

Neben der literarischen Science-Fiction ist der Film ganz offensichtlich stark von George Pals Die Eroberung des Welt­alls (1955) inspiriert worden, worauf vor allem die Einstellungen hindeuten, in denen die Astronauten losgelöst im All zwischen ihrem Raumschiff und der Raumstation dahintreiben. Ein deutlicher Fingerzeig ist auch die Verwendung kleiner „Raumtaxis“, die in George Pals Film erstmals zu sehen sind. Schließlich ist das dramatische Absacken der auf dem Mars stehenden BZ-88 ziemlich sicher aus George Pals Film „geklaut“. In Die Eroberung des Weltalls spielt die heroische, bis an die Grenzen gehende Anstrengung, die der Aufenthalt des Menschen im All bedeutet, ebenfalls eine gewichtige Rolle und wurde dort mit der christlichen Frage verknüpft, ob der Astronaut im All Gott begegnen würde oder das All gar das Himmelreich selbst darstelle, das der sterbliche Mensch zu befahren nicht das Recht habe. Die Religion spielt in Assignment: Outer Space dagegen keine Rolle, es geht allein um den einsamen Behauptungskampf der Astronauten gegen ein ungeheures Universum.

Szenenfoto zu dem Film "Assignment Outer Space" (Space Men, Italien 1960) von Antonio Margheriti; Rik von Nutter und Gabriella Farinon
Rik von Nutter flirtet mit Gabriella Farinon

Andere sattsam bekannte Motive und Erzählzüge sind weniger interessant. Auch Assignment: Outer Space verwendet das klassische Liebesdreieck, in dem der ältere Anführer im Verlauf der Handlung großmütig das Mädchen für den jün­geren Rebellen freigibt (ähnlich zum Beispiel auch in Flight to Mars zu sehen). Der Film lässt auch nicht die in unge­zählten Science-Fiction-Filmen wiederkehrende chauvinistische „Überraschung“ aus, dass sich eine zentrale Figur der Handlung plötzlich als Frau herausstellt – die Frau im All sollte noch lange ein Affront für die Männergesellschaften in den Space Operas bleiben. Schließlich ist das in Space Operas immer gern gesehene unheimliche Geisterschiff erwäh­nenswert, dessen Besatzung vom Helden tot aufgefunden wird. Dieses Motiv ist gegen Ende des Films sehr effektvoll umgesetzt worden.

 

Spaghetti-Sci-Fi der spröden Art

 

Assignment: Outer Space ist von einer seltsam unterkühlten Atmosphäre und Spröde geprägt, die die Verlorenheit des Menschen im Weltraum auf unterschwellige Art und Weise zum Ausdruck bringt. Unter der Oberfläche, die die heroi­sche Utopie einer ins All aufbrechenden Menschheit abbildet, zeigen sich Widersprüche, die nicht aufgelöst wer-den: Die technologische Umgebung wird für den Menschen zum Problem, sie verändert ihn und lässt ihn heimatlos erschei­nen. Die unbeabsichtigte Doppelbödigkeit macht Antonio Margheritis hölzern und naiv inszenierten Film tat-sächlich zu einem interessanten, nachdenkenswerten Stück Science-Fiction-Kino. Ein hübsch ausgestatteter, nostalgi-scher und unterhaltsamer Ausflug ins All ist der Film sowieso.

 

Lange Zeit war der Film nur in grottenschlechten DVD-Ausgaben oder Online-Streams zugänglich gewesen. Die Far-ben sind in diesen Kopien meist stark verwaschen und so blass, dass der Film stellenweise fast wie ein Schwarzweiß-film wirkt; zudem prasselt es nur so von Dropouts, und der Bildstand wackelt oft wie ein Lämmerschwanz. Die DVD-Ausgaben bieten in der Regel die US-Fassung des Films; die italienische Fassung, die im Text und in der Musik ab-weicht, ist seit 2013 auf DVD erhältlich (über die Bildqualität dieser Ausgabe weiß ich nichts). Seit 2014 ist auf YouTube eine sehr empfehlenswerte Kopie des US-Cuts online gestellt, die mit Abstand die besten Farben und das sauberste Bild bieten, sodass der Film hier mit wirklich genießbarem Bild zu sehen ist. Dieselbe Kopie findet sich auf YouTube auch hier und als MP4-Download auf der Webseite Free Classic Movies. In dem Video fehlt allerdings der kurze Schnipsel von der Explosion auf einem Parkplatz (in der 32. Minute), was seltsam ist, da meine alte, schundige DVD von Mill Creek Entertainment mit dem US-Cut diesen Schnipsel enthält. Ein anderer YouTube-Clip bie­tet einen interes­santen Blick auf den originalen Anfang der italienischen Fassung, mitgeschnitten aus einer TV-Ausstrahlung. Die Far­ben auch dieses Clips sind wesentlich satter und klarer als in den DVD-Ausgaben. So lässt sich ein Eindruck davon ge­winnen, wieviel prächtiger der Film ursprünglich einmal im Kino ausgesehen haben muss.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 14. Dezember 2017