Der jüngste Tag

When Worlds Collide (USA 1951)

 

Regie: Rudolph Maté

Drehbuch: Sydney Boehm, nach dem Roman When Worlds Collide (1932/33) von Edwin Balmer und Philip Wylie

Darsteller: Richard Derr (Dave Randall), Barbara Rush (Joyce Hendron), Larry Keating (Dr. Cole Hendron), Peter Hansen (Tony Drake), John Hoyt (Sydney Stanton), Rachel Ames (als Judith Ames; Julie Cummings), Stephen Chase (Dr. George Frey), Frank Cady (Harold Ferris), Hayden Rorke (Dr. Emery Bronson), Sandro Giglio (Dr. Ottinger), Rudy Lee (Mike, kl. Junge mit Hund) u. a. Produzent: George Pal

Company: Paramount Pictures

Laufzeit: 83 Minuten, Farbe

Premiere: 22. November 1951 (USA); 16. Mai 1952 (Deutschland)

 

Der Pilot Dave Randall wird beauftragt, streng geheime Unterlagen von einer in Südafrika gelegenen Sternwarte in die USA zu überbringen. Beim New Yorker Astronomen Dr. Hendron liefert er die Unterlagen ab und erfährt bald darauf ihren erschütternden Inhalt: Die Astronomen der Sternwarte haben eine durchs All jagende Sonne und einen um diese Sonne kreisenden Planeten entdeckt – Bellus und Zyra benannt –, die auf die Erde zurasen und sie in acht Monaten zerstören werden. Zunächst wird Zyra, der Planet, dicht an der Erde vorbeirasen und gewaltige Erdbeben, Vulkanaus­brüche und Springfluten verursachen. Wenig später wird die Erde mit Bellus kollidieren und ausgelöscht werden.

 

Dr. Hendron und seine Unterstützer warnen in einer UNO-Sitzung eindringlich vor dem drohenden Weltuntergang, doch andere Astronomen halten die Berechnungen für falsch, sodass die Weltgemeinschaft am Ende nichts unter­nimmt. Hendron ist überzeugt, dass es nur einen Weg gibt, das Weiterbestehen der Menschheit zu retten: Es muss ein Raumschiff gebaut werden, mit dem eine Handvoll junger, fortpflanzungsfähiger Frauen und Männer auf Zyra umge­siedelt werden kann. Der zynische Milliardär Stanton lässt sich überzeugen und finanziert den Bau der modernen Arche Noah, allerdings unter der Bedingung, dass auch er selbst zu den Passagieren zählen wird.

 

Ein Team von jungen Spezialisten und Arbeitern beiderlei Geschlechts wird zusammengestellt, um das Raumschiff zu entwickeln und zu bauen. Aus dem Team soll später eine Gruppe von 40 Personen ausgelost werden, die dann die Reise nach Zyra antreten werden. Unter enormem Zeitdruck wird das Raumschiff konstruiert. Als Zyra schließlich an der Erde vorbeizieht, vernichten gewaltige Flutwellen und Brände viele Städte und Landstriche. Auch der Bauplatz des Ra­ketenschiffs wird von Erdbeben erschüttert, dennoch wird das Schiff jedoch rechtzeitig vollendet. Kurz vor der Kolli­sion der Erde mit Bellus revoltiert ein Mob von Teammitgliedern, die bei der Lotterie den Kür­zeren gezogen haben, doch gelingt es ihm nicht, das Raumschiff zu entern. Die Arche hebt ab und entschwindet ins All. Hinter ihr verglüht die Erde. Nach einem kurzen Flug landet das Raketenschiff auf Zyra. Die letzten über­lebenden Menschen an Bord be­treten eine liebliche, grüne Welt, auf der sie einen neuen Anfang wagen können . . .

 

Der Weltuntergang als buntes Science-Fiction-Abenteuer

 

Der jüngste Tag ist eine in prächtigem Technicolor gefilmte, rührend naive Science-Fiction-Version der biblischen Sint­flutge­schichte, die der Film mit unerschütterlichem Idealismus und pompös ausgemalter religiöser Symbolik erzählt. Darüber hinaus bietet der Film einen Schaukasten schöner Spezialeffekte – zumeist Miniaturtricks –, die die über die Welt hereinbrechenden Naturka­tastrophen wie Springfluten, Vulkanausbrüche und Erdbeben eindrucks­voll bebildern. Die Spezialeffekte, für die der Film zu Recht den Oscar gewann, waren seinerzeit sensationell und können zum Teil auch heute noch, trotz ihrer nicht zu übersehenden Künstlichkeit, begeistern.

 

Der jüngste Tag war nach Endstation Mond (1950) der zweite Science-Fiction-Film des legendären Filmproduzenten George Pal (1908–1980), der einige der spektakulärsten – und stets in Farbe gedrehten – Science-Fiction-Filme der Fünfzigerjahre realisierte. Nach Der jüngste Tag produzierte Pal noch drei weitere Klassiker des Genres: Kampf der Welten (1953), Die Eroberung des Weltalls (1955) und Die Zeitmaschine (1960). Pal, gebürtiger Ungar und bereits in Eu­ropa ein versierter Trickfilmer, war 1940 in die USA emigriert und hatte seit 1941 mit seinen „Puppetoons“, possierlichen Holzpuppen, animierte Stop-Motion-Kurzfilme für Paramount Pictures hergestellt. Mit der in Schwarzweiß gedrehten Familienkomödie Der Weihnachtswunsch (1950) produzierte Pal für das unabhängige Studio Eagle-Lion Films zum ers­ten Mal einen richtigen Live-Action-Spielfilm, doch hatten dort mit dem animierten Nagetier Rupert noch immer seine „Puppetoon“-Fähigkeiten im Mittelpunkt gestanden – und der Film floppte. Erst sein Raumfahrtabenteuer Endsta­tion Mond, ebenfalls für Eagle-Lion produziert, eröffnete Pal den dauerhaften Aufstieg ins Spielfilmfach. Der mit knapp 600.000 Dollar moderat budgetierte Endstation Mond wurde mit etwa 5 Millionen Dollar Einspielergebnis ein glän­zender Erfolg an der Kinokasse, gewann für seine großartigen Spezialeffekte zu Recht einen Oscar und läutete den Science-Fiction-Boom im Kino der Fünfzigerjahre ein.

Die Raketenarche auf ihrem Bauplatz in dem Film Der jüngste Tag (When Worlds Collide, USA 1951)
Die Arche auf ihrem Bauplatz

George Pal, der ein großes Faible für Science-Fiction hegte, war selbstredend daran interessiert, dem Erfolg sofort ein weite­res opulentes Science-Fiction-Abenteuer folgen zu lassen. Noch während die letzten Spezialeffekte für Endsta­tion Mond gedreht wurden, hatte er das Archiv von Paramount nach einem möglichen neuen Projekt durchgesehen. Dabei stieß er auf alte Memos und Präsentationen zu einer nie verwirklichten Verfilmung des Romans When Worlds Collide (1932/33) von Philip Wylie und Edwin Balmer. Der Roman, zunächst in Fortsetzungen im Magazin Blue Book und 1933 als Hardcoverausgabe erschienen, stellte eine originelle Übersetzung der biblischen Geschichte von Noahs Arche und dem Weltuntergang in eine Science-Fiction-Story dar und war seinerzeit ein großer Erfolg gewesen. Paramount hatte damals sofort die Filmrechte an dem Buch gekauft, um es von keinem Geringeren als Cecil B. DeMille (1881–1959) verfilmen zu lassen. Die damals im Studio diskutierten Ideen und Vorschläge, die unter dem Filmtitel The End of the World firmier­ten, waren, einem Cecil B. DeMille gemäß, sehr ambitioniert gewesen und lassen vermuten, dass das Projekt vor allem aus Kostengrün­den schon in seiner frühen Entwicklungsphase ad acta gelegt wurde. Bill Warren, der in seinem Buch Keep Watching the Skies! einen Einblick in die damalige studiointerne Präsentation von The End of the World bietet, bedauert, dass dieser angedachte Film nie gedreht worden war. „Mit dem filmischen Stil der Dreißiger­jahre“, vermutet er zu Recht, „wäre es fast sicher ein charmantes, verblüffendes und unterhaltsames Spekta­kel gewor­den“ (S. 896).

 

Pal griff das im Paramount-Archiv schlummernde Thema auf und ließ den Autor und späteren Film­kritiker Jack Moffit (1901–1969) ein Drehbuch schreiben. Bei Paramount fand dieses mit einer melodramati­schen Liebesge­schichte und zahlreichen Rollen angereicherte Skript, das noch erhalten ist und über das Warren aus­führlich in seinem Buch berich­tet, allerdings wenig Gegenliebe – der Grund war vermutlich, dass es in der Umsetzung viel zu teuer ge­worden wäre. So wurde Sydney Boehm (1908–1990) von Paramount mit einem neuen Drehbuch beauftragt. Seine schließlich akzep­tierte, straffere Fassung entfernte sich stärker von Wylies und Balmers Roman als jene von Moffit, ließ im Großen und Ganzen die Erzählung des Romans aber intakt, einschließlich der Namen der Figuren. Mit Boehms Dreh­buch als Ar­beitsgrundlage gab Paramount dem Projekt schließlich grünes Licht.

 

Für einen Science-Fiction-Film wurde für damalige Maßstäbe relativ viel Geld investiert (laut IMDb etwa 936.000 Dol­lar und damit gut ein Drittel mehr als für Endstation Mond), wobei die Tricks das meiste Geld verschlangen. Im Ver­gleich mit den großen, starbesetzten A-Movies Hollywoods war das Budget immer noch ziemlich moderat. Aber es zeichnete George Pal stets in besonderem Maße aus, dass es ihm gelang, seine Produktionen weitaus kostspie­liger aus­sehen zu lassen, als sie tatsächlich gewesen waren.

 

Pal konnte seinen Erfolg von Endstation Mond schließlich auf Anhieb wiederholen: Auch Der jüngste Tag erwies sich wie sein Vorgänger als Kassenschlager. Die Idee, ein Sequel zu drehen, das auf Balmers und Wylies Nachfolgeroman After Worlds Collide (1933/34) basieren und das Überleben auf Zyra schildern sollte, musste George Pal allerdings aufge­ben, nachdem sein Film Die Eroberung des Weltalls (1955) böse gefloppt war und Para­mount das Interesse an der weiteren Zusammenarbeit mit ihm verlor.

 

Mit Gottvertrauen in eine neue Welt

 

Wylies und Balmers Roman gilt vielen Kritikern heute als unterschwellig rassistisch, weil seine Gruppe der Auserwähl­ten, die auf dem neuen Planeten eine eine neue Menschheit aufbauen soll, fast ausschließlich aus weißen Amerikanern besteht. Diese diskriminierende Verengung auf die weiße Christenheit Amerikas teilt George Pals Film mit dem Buch; sie ist aber auch, so muss hinzugesetzt werden, in vielen anderen Romanen und Hollywoodfilmen jener Zeit anzutref­fen. Es gibt aber auch einige interessante Unter­schiede zwischen Roman und Film. Im Roman sind die herannahenden Himmelskörper zwei Planeten und heißen dort Bronson Alpha und Bronson Beta – Ersterer zerstört die Erde, Letzterer ist die Welt, auf die die Archen sich retten. Im Film wird dagegen erklärt, dass der eine Körper, Bellus, eine kleine Son­ne und der andere, Zyra, ein diese Sonne umkreisender Planet ist (die Namen beider Himmelskörper scheinen Erfin­dungen Sydney Boehms zu sein, wobei Bellus zwar vage an lat. bellum  „Krieg“ anklingt, Zyra jedoch keine tiefere Be­deutung zu haben scheint). Im Roman schaffen es zwei unter der Leitung von Cole Hendron gebaute Archen auf den neuen Planeten, von denen die erste 103 und die zweite etwa 1000 Men­schen transportiert. Im Film dagegen ist es nur eine Arche, die nur 40 Menschen aufnimmt. So­wohl im Film wie im Buch wird erwähnt, dass auch in anderen Ländern Archen fertig gestellt worden seien – was aus diesen Archen wird, lassen Buch und Film allerdings offen.

 

Der größte Unterschied zwischen Buch und Film liegt aber in den Hoffnungen, die in den Neuanfang der Menschheit auf dem neuen Planeten gesetzt werden. Die Frage, ob dieser Neuanfang nicht auch die Chance bergen könnte, all die Missstände der vernichteten menschlichen Zivilisation diesmal zu vermeiden, wird im Film überhaupt nicht aufge­worfen. Die alte, nunmehr reinrassig weiße und christliche amerikanische Kultur wird einfach auf den neuen Planeten exportiert, wo sie nach ihren alten Regeln wieder florieren soll. Im Roman hingegen soll die neue Zivi­lisation diesmal auf „strikt wissenschaftlichen“ Kriterien aufgebaut werden. So soll es in Zukunft beispielsweise keine Nationen und keine Kriege mehr geben, und auch moralische Konventionen werden zur Dispostion gestellt. So hält Cole Hend­ron, im Roman zum wissenschaftlichen Superhirn und visionären Anführer stilisiert, die genetische Vermi­schung für zu gering, wenn die Geretteten in monogamen Partnerschaften leben würden. Er plädiert daher dafür, die Mono­gamie und die Institution der Ehe aufzugeben – Männer wie Frauen sollten viele verschiedene Sexualpartner gleichzeitig haben. Hendrons Tochter Joyce hält sich an dieses Programm und zögert, sich an ihren Verehrer Tony Drake zu binden. Im Film dagegen leistet sich Joyce Hendron den althergebrachten Luxus, zwischen zwei Männern einen für sich zu wäh­len, während der ande­re leer aus­geht, und die Passagiere der Arche bestehen aus einer gleich großen Anzahl von Männern und Frauen, die sich auf der neuen Welt paarweise verbinden sollen.

Barbara Rush und Richard Derr in Der jüngste Tag (When Worlds Collide, USA 1951)
Das Ende kann warten – Joyce Hendron und Dave Randall genießen ihren Tanzabend

Der Weltuntergang – besser: das eschatologische Weltende, in dem ein radikaler Neuanfang enthalten ist – ist eines der ältesten mythologischen Themen der Menschheit und figuriert im christlich geprägten Kulturkreis in der biblischen Sintflutgeschichte, der apokalyptischen Offenbarung des Johannes, der Zweiten Wieder­kehr Jesu und dem hoffenden Ausblick auf das Kommende Königreich. Das Thema ist insofern schon per se escha­tologisch stark aufgeladen und kaum von diesen Bezügen zu trennen. Kinofilme, die von drohenden Weltuntergängen erzählen, hatte es auch schon vor Der jüngste Tag gegeben. Interessanterweise bildete sich in diesen Filmen von Anfang an die Vorstellung aus, dass die Mensch­heit im Angesicht des drohenden Weltuntergangs mit Chaos, Anarchie und Sünde reagieren würde. Dies wurde rasch zum Klischee. Die Zerstö­rungen auf der Erde wurden in den früheren Filmen in der Regel durch vorbeizie­hende Kome­ten ausgelöst. Die nen­nenswertesten Beispiele sind der 11 Minuten kurze, von der Thomas A. Edison Com­pany produ­zierte Film The Comet (1910), der dänische Film Verdens Untergang (1916) von August Blom – dessen Titel kurioser­weise eine Zeitungs­schlagzeile in Der jüngste Tag direkt zitiert – und natürlich der vor pompöser Reli­giosität und moralischer Anklage strotzende, grandios gefloppte französische Film La fin du monde (1930) von Abel Gance. Der jüngste Tag hingegen ist der erste Film, der die mythische Geschichte der Arche Noah in eine Science-Fiction-Erzäh­lung umsetzt. Die Erde wird hier, zum ersten Mal in der Kinoge­schichte, auch tatsächlich vollständig ausgelöscht. Gleichzei­tig blei­ben das anarchische Chaos und die fatalistischen Orgien der Vorgängerfilme in Der jüngste Tag aus.

 

Der Film verweist an vielen Stellen lustvoll darauf, dass er auf die biblische Sintflutgeschichte bezogen werden soll. Das erste Bild zeigt den ledernen, mit goldenen Lettern versehenen Buchdeckel einer Bibel; die Bibel schlägt auf, und unter erklingenden himmlischen Chören liest der Zuschauer die ehernen Worte:

 

“And God looked upon the earth, and behold, it was corrupt; for all flesh had corrupted his way upon the earth. And God said unto Noah: The end of all flesh is become for me; for the earth is filled with violence through them, and behold, I will destroy them with the earth . . .”

 

Im Verlauf des Films wird dann des Öfteren vom geplanten Raketenschiff als einer „Arche Noah“ gesprochen. Als die Rakete vor dem Start beladen wird, sehen wir ihren Rumpf tatsächlich wie eine Arche Noah daliegen, mit geöffneter Luke, und über eine Rampe werden allerlei Nutztiere an Bord gebracht – eine rührend direkte Wiedergabe des altbe­kannten biblischen Bildes. Das Innere des Raumschiffs wirkt wie das Innere einer Kirche, in der die Gemeinde der aus­erwählten Passagiere auf Stuhlreihen wie auf Kirchenbänken sitzen, über sich gebogene Stahl­träger, die an Gewölbe­bögen einer Kathedrale erinnern. Die Piloten des Schiffes sitzen am Kopf des Raums auf einem erhöhten Podest, Pries­tern gleich vor dem Altar, der hier durch das Steuerpult ersetzt ist. Die Auserwählten mögen eine technologische Elite sein, visuell symbolisiert aber wird ihr Vertrauen auf Gott. Das Abheben des Raketen­schiffs gleicht einem Wunder: Gott höchstselbst hat seine Hand im Spiel, was damit unterstrichen wird, dass der Milliardär Stan­ton, bis dahin an den Rollstuhl ge­fesselt, im Angesicht des Wunders plötzlich wieder gehen kann. Und am Ende des Films, als das Raketen­schiff auf dem Planeten Zyra gelandet ist, der sich als ein grüner Garten Eden erweist, erklingen erneut himmlische Choräle und Kir­chenglocken, und wieder werden getragene Worte eingeblendet, deren kunstvolle Gestaltung sugge­rieren, dass sie die erste Seite einer neuen Bibel darstellen werden: “The first day on the new world had begun . . .”

 

So wird eine sakrale Atmosphäre geschaffen, die dem Geschehen des Films zusätzliches Gewicht verleiht und an den christlichen Glauben an das Kommende Königreich – mithin an das Vertrauen auf Gott – gemahnt. Das mag man maß­los naiven, frömmelnden Kitsch nennen, der sich durch die Filme des aufrichtigen Christen George Pal, in unverkenn­barer Nachfolge von Cecil B. DeMille, wie ein roter Faden zieht. Aber es ist zweifellos geschickt gemacht und entbehrt nicht einer gewissen Wirkung.

Die Arche wird beladen in dem Film Der jüngste Tag (When Worlds Collide, USA 1951)
Die Arche wird vom Team, das die Rakete gebaut hat, beladen

Allerdings ist auffällig, dass trotz des biblischen Bezugs ein wesentliches Moment der Sintflutgeschichte stark abge­schwächt ist: das der menschlichen Sünde. Die Erde wird aufgrund eines kosmischen Zusammenstoßes zerstört, aber dieser wird mit Ausnahme des schriftlichen Bibelzitats am Anfang des Films nirgendwo als Gottes Strafe für die Ver­fehlungen des Menschen interpretiert (der Roman ist in dieser Hinsicht viel entschiedener). Der jüngste Tag zeigt keine dekadenten Sexorgien wie Abel Gances La fin du monde, um die sittliche Verderbtheit der Menschheit zu geißeln. Der Film will nicht den Zeigefinger heben, will nicht predigen und nicht bekehren – trotz aller gefühlsrührigen Christlich­keit will er letzten Endes einfach gut unterhalten.

 

Korrespondierend mit der Betonung des Gottvertrauens ist Der jüngste Tag von einem ungeheuren Idealismus ge­prägt, der einem fast den Mund offen stehen lässt. Nicht ob man selbst überlebt, ist die erste, voller Entsetzen gestell­te Frage – wie die Menschheit überleben kann, darum al­lein sorgen sich die Männer und Frauen von Moral. Der Astro­nom Dr. Hendron, der Noah der Neuzeit, ist aufrichtig von dem Guten und Selbstlosen im Menschen überzeugt; er er­wartet nicht, dass es zu einer Revolte kommt, wenn die Besatzung der Arche per Losverfahren ausgewählt wird. Und tatsächlich bleiben zunächst alle ruhig und gefasst, nachdem sie vom bevorstehenden Weltuntergang erfahren haben. Hendrons Tochter Joyce, ihr Verlobter Tony Drake und ihr Verehrer Dave Randall gehen noch am selben Abend in ein mondänes Tanzlokal, amüsieren sich artig, philosophieren darüber, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, und sind die ganze Zeit völlig entspannt. Angst, Verzweiflung, Panik, Wahnsinn – Reaktionen, die nun eigentlich zu erwarten wä­ren: sie bleiben aus. Der einzige Anflug von Anarchie beschränkt sich darauf, dass Randall seine Zigaretten fortan mit brennenden Geldscheinen anzündet, während er mit Joyce flirtet – und beide lachen dabei herzhaft über belanglose Scherze. Seltsam, dass die Dramatik, die sich hier eigentlich aufdrängt, überhaupt nicht entwickelt wurde. Nun, Sitt­samkeit scheint das oberste Gebot der Fünfzigerjahre zu sein – auch im Angesicht des Todes. Schließlich hatte die Kapelle der Titanic ja auch bis zum Schluss gespielt . . .

 

Allein der verbitterte Milliardär Sydney Stanton fällt aus diesem bürgerlich-tugendhaften Rahmen. Stanton stellt ein­deutig die interessanteste Rolle des Films dar, wenn sie auch letztlich ein Klischee ist, und wird von John Hoyt brillant gespielt. Er hat „lange genug im menschlichen Dschungel gelebt“, wie Stanton sagt, um das Gesetz dieses Dschungels zu kennen. „Die Menschen werden zu Bestien, wenn es um ihr Leben geht“, warnt er giftig Dr. Hendron, und rät, die für die Reise nach Zyra ausgelosten Männer zu bewaffnen, um sich vor dem wütenden Pöbel zu schützen. Der Stärkere überlebt! Und Stanton behält recht. Die Verlierer der Lot­terie greifen mit dem Mut der Verzweiflung nach den Geweh­ren, die Stanton herbeigeschafft hatte, und wollen die Arche kurz vor ihrem Start stürmen. Wie gut, dass den Gewin­nern der Lotterie das schmutzige Geschäft des Tötens erspart bleibt: Eine Zaunabsperrung hält die Menge lang genug zurück, und die Rakete startet unbehelligt.

Das überflutete New York in dem Film Der jüngste Tag (When Worlds Collide, USA 1951)
Nach verheerenden Springfluten ist Manhattan in meterhohen Fluten versunken

Viel Aufhebens wurde in der Filmkritik darum gemacht, dass Stanton von Hendron in selbstgerechter Weise nur des­halb am Mitflug auf dem Raketenschiff gehindert wird, weil er ein so unsympathischer, selbstsüchtiger Misanthrop sei – ein Ele­ment, das die neue Menschheit nicht brauchen werde. Tatsächlich aber handelt Hendron allein aus Pragmatis­mus heraus: Indem er selbst und Stanton nicht mitfliegen, kann ein junges Liebespaar, das bei der Lotterie den Kürze­ren gezogen hatte, die Reise antreten. „Die neue Welt ist nicht für uns“, erklärt er Stanton, „sie ist für die Jungen!“

 

Die Schauspieler verdienen Anerkennung, von denen neben dem bestechenden, bereits gewürdigten John Hoyt als Stanton Barbara Rush als Joyce Hendron, Richard Derr als Dave Randall und Larry Keating als Dr. Hendron hervorzu­heben sind. Das ganz große Drama verlangte das Dreh­buch nicht von ihnen, obwohl die Story es eigentlich erfordert hätte. Doch sie spielen ihre Rollen solide, überzeugend und symphatisch. Dabei kommt ihnen zugute, dass die Texte nicht mit pseudowissenschaftlichem Unsinn oder unlogi­schen Dialogen überbelastet sind und im Gegenteil sogar manch kluge Zeile enthalten. Das Drehbuch und die Dialoge sind schon oft als hölzern gescholten worden, doch habe ich da eine andere Meinung. Das flotte Erzähltempo hält die Spannung durchgängig hoch, und der Film ist insgesamt auch heute noch unterhaltsam.

 

Rudolph Maté (1898–1964), der als Regisseur verpflichtet wurde, inszeniert routiniert und wenig originell, was ein wenig erstaunt, da er von Haus aus Kameramann war und insofern ein sicheres Gespür für effektive Einstellungen und Kame­rabewegungen mitbrachte. Der aus Krakau stammende Maté hatte in Europa als Kameraassistent von Alexander Korda und Karl Freund begonnen und später namhafte Filme wie Die Passion der Jungfrau von Orléans (1928) oder Hitch­cocks Der Auslandskorrespondent (1940) gefilmt; Ende der Vierzigerjahre war er ins Regiefach gewechselt, wo er je­doch zumeist unauffällige B-Filme inszenierte.

 

Störender als ein steifes Drehbuch oder eine konventionelle Regie wirken sich eher einige Drolligkeiten und logische Schwächen aus. Die 600 Mitarbeiter, die für das Archenprojekt ausgesucht werden, sind angeblich allesamt Spezia­listen, deren Fähigkeiten für den Bau des Raketenschiffs gebraucht werden. Allerdings wird den versammelten jungen Frauen im selben Atemzug der eigentliche Grund für ihre Auswahl gesagt: Sie sind jung und ungebunden – und sollen also vor allem für den Zuwachs der neuen Menschheit auf Zyra sorgen. Glenn Erickson ist in seiner süffisanten Rezen­sion des Films noch einen Schritt weiter gegangen und fragt nach dem Sinn der 20 Männer an Bord:

 

Heutzutage würde es offensichtlich scheinen, dass wenn eine Raumarche nur 40 Personen aufnehmen könnte, die größte Hoffnung der Menschheit darin läge, brillante weibliche Wissenschaftler, Doktoren und Ingenieure als Passagiere auszuwählen, alle jung und alle in der Lage, Kinder zu gebären. Die männliche Komponente der Passagierliste würde aus Reagenzgläsern von Sperma für die spätere künstliche Befruchtung bestehen. Warum Nutzlast für einen Haufen redundanter Dronen verschwenden, wenn weibliche Brüter gebraucht werden? Ist Der jüngste Tag daran interessiert, die Menschheit zu retten, oder lauert eine sexuelle Fantasie hinter dem Bibelgerede? (DVD Savant-Rezension vom 5. Oktober 2001)

 

Ericksons Einwände sind natürlich billig, denn an künstlicher Befruchtung war anno 1951 noch kaum zu denken, auch wenn sie damals bereits unter großer Verschwiegenheit sehr vereinzelt praktiziert wurde. Der Grund für die paarweise ausgesuchten Passagiere liegt auf der Hand: Auch auf dem neuen Planeten soll die moralisch einwandfreie Institution der monogamen Ehe weiterbestehen – die neue Menschheit wird ganz die alte bleiben –, und eine schlüpfrige sexu­elle Fantasie wäre dem Film eher dann anzulasten, wenn er nur wenige oder gar nur einen einzigen „Deckhengst“ nach Zyra hätte mitfliegen lassen.

 

Dass in nur acht Monaten ein so gigantisches Projekt wie das Raketenschiff aus dem Nichts heraus realisierbar wäre, ist selbstredend blanker Unsinn. Und dass Drake und Dave nach Hereinbruch der Naturkatastrophen mit einem Heli­kopter losfliegen, um in der Umgebung Überlebenden zu helfen, die in nur wenigen Tagen ohnehin dem Untergang geweiht sind, anstatt sich weiterhin auf das unter hohem Zeitdruck stehende Raketenprojekt zu konzentrieren, mag ihre grenzenlose Barmherzigkeit illustrieren, ist nach dem Maßstab der Prioritäten jedoch nicht nachvollziehbar. Ver­blüffend ist auch, dass das ganze Raketenprojekt auf der nackten Hoffnung gründet, dass Zyra auch bewohnbar ist – die Astronomen wissen über die Bedingungen auf dem Planeten nichts und bauen also allein auf ihr Gottvertrauen.

 

Dass Stantons Millionen das Raketenschiff finanzieren konnte, obwohl der Film zuvor zum Ausdruck gebracht hat, dass das Geld seinen Wert verlieren wird, hat manche Kritiker, auch Glenn Erickson, befremdet, doch bei genauerem Hinse­hen löst sich dieser Widerspruch auf: Stanton beginnt das Projekt direkt nach der Ablehnung durch die UNO zu unter­stützen, zu einem Zeitpunkt also, als der Großteil der Welt noch nicht an den Weltuntergang glaubt. Sein Geld ist in den ersten Monaten nach der Entdeckung von Bellus und Zyra also durchaus noch nicht entwertet. Dass Dave Randall, einer der wenigen, die von Anfang an vom Weltuntergang überzeugt sind, sofort damit beginnt, mit Geldscheinen seine Ziga­retten anzuzünden, macht da keinen Unterschied – die Scheine, die er abfackelt, haben tatsächlich noch immer ihren Wert.

 

Die Tricks

 

Bei einem Weltuntergang sind die Erwartungen des Publikums natürlich ziemlich hoch; die Aufgabe dürfte tricktech­nisch wesentlich anspruchsvoller gewesen sein, als es die Darstellung des Mondflugs in Endstation Mond gewesen war. Die Tricks bestanden überwiegend in aufwendigen Modellbauten, über die mächtige Fluten hereinbre­chen. Auch abbrechende Eisberge, Orkane, mächtige Vulkanausbrüche und Lavaströme wurden als Modellbauten rea­lisiert. Ein­drucksvoll ist auch die Szene, in der die Protagonisten des Films in einem Raum versammelt sind, der plötz­lich von heftigen Erdstößen erschüttert wird – Stantons Rollstuhl fährt dabei unkontrolliert hin und her, während die Schränke umstürzen und der Putz von der Decke rieselt. Lediglich die Großbrände sind aus Archivaufnahmen echter Großbrände dazwischengeschnitten. Ein Highlight ist die Szene, in der eine Flutwelle donnernd in die Straßen­schluchten New Yorks stürzt. Eine berühmte und in Filmbüchern oft reproduzierte Einstellung zeigt – als Malerei – ein hunderte Meter hoch überflutetes New York: Nur einige Wolkenkratzer schauen aus dem Meer heraus, und zwischen ihnen treiben gekenterte Ozeandampfer.

 

Auffällig ist, dass in den apokalyptischen Szenen der entfesselten Naturgewalten keine Menschen zu sehen sind: Alle Szenen, in denen die Zerstörung wütet, sind vollkommen menschenleer. Auch hierin erweist sich die Inszenierung als handzahm: Beharrlich vermeidet sie es, die Dinge auf die Spitze zu treiben, obwohl die Story von der gewaltigsten Zerstörung aller Zeiten erzählt.

 

Interessant ist das Raketenschiff. Es hat die Gestalt einer silbernen Rakete, die mit Flügeln versehen ist, weil sie nach dem Abbremsmanöver über der Stratosphäre von Zyra gedreht und dann wie ein Flugzeug gelandet wird. Das Schiff ist waagerecht auf einer Führungsrampe montiert; diese Rampe krümmt sich erst nach einigen hundert Metern an einem Berg aufwärts, wo die Rakete die Rampe schließlich himmelwärts verlässt. Die Idee einer solchen Konstruktion war bereits 1951 überholt – selbst in Wylies und Balmers Roman ist die Arche eine senkrecht startende Rakete –, aber da es noch keine erfolgreiche Raumfahrt gab, konnte man sie noch in einem Science-Fiction-Film verwenden. Sie hatte einen entscheidenden Vorteil: Der ausladende Raketenrumpf lag waagerecht vor den Menschen und konnte so mit seiner großen Einstiegsluke und seiner Rampe, über die die Menschen und Tiere das Schiff besteigen, viel eher den Eindruck einer Arche erwecken als eine steil in den Himmel gerichtete Rakete.

Dave Randall (Richard Derr) und Joyce Hendron (Barbara Rush) auf Zyra in dem Film Der jüngste Tag (When Worlds Collide, USA 1951)
Dave Randall (Richard Derr) und Joyce Hendron (Barbara Rush) auf Zyra

Etwas unglücklich ist das berühmte Schlussbild des Films: Der Blick auf die strahlenumkränzte, grüne, gebirgige Land­schaft von Zyra. Das Bild wirkt in seiner Ausführung sehr einfach und ist sofort als Malerei erkennbar. George Pal hatte ursprünglich eine großzügig ausgestaltete Modelllandschaft für Zyra geplant. Für dieses Modell hatte der sonst für seine so groß­artige space art bekannte Chesley Bonestell (1888–1986), der unter anderem auch die Mondlandschaften für Endstation Mond gemalt hatte, eine flüchtige Malerei als orientierende Vorlage angefertigt. Als aber gegen Ende der Dreharbeiten sowohl das Budget als auch die Zeit im Produktionsplan knapp wur­de, blieb am Ende nicht einmal mehr die Möglichkeit, eine ausgefeiltere Malerei anfertigen zu lassen, und Pal behalf sich notgedrungen mit Bonestells kleinformatigem Entwurf!

 

Von der Idee her war die Landschaft von Zyra in jedem Fall eine besondere Herausforderung: Zyra sollte als ein liebli­cher, Hoffnung verheißender Garten Eden erscheinen, aber doch als außerirdischer Ort, der die neugierige Schaulust des Zuschauers befriedigt. Außerirdisch sind vor allem die pinkfarbenen, fremdartigen Blütenpflanzen. Die unbekannte Weite der Szenerie lässt Raum für Spekulationen, lässt noch mehr Fremdartiges vermuten. Und erstaunlicherweise sieht man – außerirdische Bauten! Diese wirken hinwiederum dann doch sehr vertraut: Am linken Bildrand ist eine glatte, in Nischen gegliederte Steinwand zu sehen, die wie ein altägyptischer oder sumerischer Tempel anmutet, und in der Ferne zeichnen sich am Horizont zwei Pyramiden ab, die genausogut auch in Ägypten stehen könnten. Zeugnis­se einer untergegangenen Kultur, die vielleicht mit der irdischen in Kontakt stand? Oder leben die Intelligenzen noch, die diese Bauwerke schufen, und sind die Neuankömmlinge auf Zyra nicht allein? Im letzteren Fall dürfte es mit einem friedlichen Neuanfang nicht weit her sein, sollten sich neue Konflikte anbahnen. In Wylies und Balmers Nachfolge­roman After Worlds Collide stoßen die Menschen auf dem neuen Planeten tatsächlich auf Überreste einer alten, vor Jahrmillionen untergegangenen Zivilisation. Doch wie bereits erwähnt, wurde es mit einem von George Pal angedach­ten zweiten Film, der auf dem Nachfolgeroman basierte, leider nichts.

 

Der jüngste Tag ist ein spannender und eindrucksvoller Science-Fiction-Klassiker, der auch heute noch unterhalten und begeistern kann. Er brilliert mit prächtiger Ausstattung und schönen (wenn auch veralteten) Tricks, guten Darstellern sowie einem soliden Drehbuch, dem es allerdings an dramatischer Zuspitzung mangelt. Die christliche „Vergoldung“ der Ge­schichte, ihre naive Mythisierung, steigert zudem effektiv die Wirkung des Films. Zweifellos einer der besten Science-Fiction-Filme der Dekade.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 18. September 2016

Szenenfotos © Paramount Pictures