Operation Ganymed

DVD-Cover zu dem Film "Operation Ganymed" (BRD 1977) von Rainer Erler

Operation Ganymed (BRD 1977)

 

Regie: Rainer Erler

Drehbuch: Rainer Erler

Kamera: Wolfgang Grasshoff

Schnitt: Hilwa von Boro

Musik: Eugen Thomass

Darsteller: Horst Frank (Mac), Dieter Laser (Don), Uwe Friedrichsen (Steve), Jür­gen Prochnow (Oss), Claus Theo Gärtner (Doug), Vicky Rosilly (Mädchen), Wolf Mittler (TV-Sprecher) u. a.

Produzenten: Rainer Erler, Helmut Rasp

Companies: Pentagramma Filmproduktion GmbH & Co. Rainer Erler; ZDF

Laufzeit: 118 Min.; Farbe

Premiere: 11. November 1977 (Deutschland, ZDF); 30. Mai 1980 (BRD, Kinopremiere)

 

Die in West- und Ostblock gespaltene Staatengemeinschaft einigt sich auf ein gemeinsames, ehrgeiziges Raumfahrt­projekt, das die friedliche Annäherung der Nationen fördern soll. Drei Raumschiffe mit insgesamt 21 Männern Besat­zung werden zum Jupitermond Ganymed geschickt. Sechs Monate nach dem Start reißt jedoch der Funkkontakt der Erde zu den Schiffen ab, und man glaubt die Mission verschollen.

 

Viereinhalb Jahre später kehrt eines der Schiffe zur Erde zurück. Die fünf Männer an Bord – drei Amerikaner, ein West­europäer und ein Russe – sind die letzten Überlebenden der Mission. Als einzigen gelang ihnen die Landung auf Gany­med und sogar die sensationelle Entdeckung einer primitiven, algenartigen Lebensform, die in einem warmen Krater­see lebt. Das Hochgefühl der geglückten Rückkehr verflüchtigt sich jedoch rasch, als der Orbiter, der die Raumfahrer in der Erdumlaufbahn abholen soll, nicht eintrifft und alle Funksprüche zur Erde unbeantwortet bleiben. Niemand scheint die Raumfahrer zu erwarten. Als der Sauerstoff knapp wird, sprengt sich die Besatzung notgedrungen in einer Trans­portkapsel vom Raumschiff ab und wassert auf eigene Faust im Pazifik; in einer aufblasbaren Rettungsinsel stranden die Männer an der menschenleeren Westküste Niederkaliforniens in Mexiko.

 

Die Gegend ist eine kilometerweite steinige Wüste. Auf der Suche nach Trinkwasser schleppen sich die fünf Männer unter sengender Sonne durch das Gelände. Sie stoßen auf ein verlassenes Dorf, später auf eine schon lange nicht mehr befahrene, unter Dünensand begrabene Fernstraße, und schließlich auf ein aufgegebenes, mitten in der Wüste steh­endes altes Flugzeug. Die Sonne, der Hunger und der Durst führen die fünf Männer an ihre physischen und psychi­schen Grenzen. Ein schon länger in ihnen schwelender entsetzlicher Verdacht scheint sich immer mehr zu erhärten: Könnte die Zivilisation durch einen weltweiten Atomkrieg ausgelöscht worden sein?

 

Gescheiterte Helden: Die Raumfahrt rettet die Menschheit nicht

 

Rainer Erler (geb. 1933) ist zweifellos der profilierteste deutsche Science-Fiction-Filmer der Siebzigerjahre. Seine aus­schließlich für das Fernsehen produzierten Filme, von denen Fleisch (1979) und Plutonium (1979) die bekanntesten sein dürften, waren zumeist aufsehenerregende Thriller von politischer oder gesellschaftskritischer Brisanz. Operation Ganymed ist Rainer Erlers einziger Film, der sich mit dem Thema Raumfahrt auseinandersetzt, und wurde auf dem Science-Fiction-Film-Festival in Triest 1978 zum besten Film des Jahres gewählt. Aus guten Gründen: Der Film ist ein außerordentlich packendes, intelligentes und vielschichtiges Science-Fiction-Erlebnis, das hervorragend inszeniert ist und ausgezeichnete Darsteller vorweisen kann. Darüber hinaus glänzt er mit einer Ausstattung und visuellen Tricks, die angesichts der begrenzten Geldmittel im damaligen deutschen Fernsehen beachtlich sind.

 

Natürlich zwang das geringe Budget zum Sparen. Die in der Wüste Niederkaliforniens spielenden Aufnahmen wurden auf Fuerteventura und Lanzarote gedreht. Es gibt keine Trickaufnahmen mit einem durchs All gleitenden Raumschiff­modell, sodass der Zuschauer nur durch eine Zeichnung, die am Anfang des Films in einem fiktiven Fernsehbericht gezeigt wird, erfährt, dass das Raumschiff wie ein Vorläufer des Space Shuttle aussieht. Für den Raketenstart des Schiffs von der Erde und für die Weltraumspaziergänge der Crew wurden NASA-Archivaufnahmen verwendet. Die Ausstattung kaschiert recht geschickt ihren improvisierten Charakter. Die Raumanzüge sind gewöhnliche Schutzan­züge aus der Industrie, die Raumfahrer sind vor ihren Schaltpulten in Autositze geschnallt, und in einigen Szenen hängen bunte Plastik-Flexschläuche im Raumschiff von der Decke, die allein zur Steigerung der Bildfülle da sind. Doch alles in allem ist die an das Skylab erinnernde, mit Computern und Bildschirmen vollgestopfte Röhre des Raumschiff­inneren glaubwürdig und beinahe opulent gestaltet. Überzeugend gelang auch der simple Trick für die Schwerelosig­keit, den schon Stanley Kubrick für 2001: Odyssee im Weltraum (1968) anwandte: Der gesamte Bühnenbau des Schiffs­inneren wurde mitsamt zweier Raumfahrer, die in ihren Sitzen festgeschnallt waren, auf den Kopf gedreht, während ein dritter Raumfahrer scheinbar an der Decke schwebend entlangklettert. Zufriedenstellend sind schließlich auch die Tricks für die rückblendende Sequenz ausgefallen, die auf Ganymed spielt. Die Wüste wurde mit Kamerafiltern rötlich eingefärbt, der Himmel Ganymeds und der über dem Horizont aufgehende Jupiter mit travelling mattes gemeistert. Um die mattes sind zwar deutliche Umrisslinien sichtbar, doch tut dies der Illusion nur geringen Abbruch.

Szenenfoto aus dem Film "Operation Ganymed" (BRD 1977) von Rainer Erler
An Bord der "Ganymed 2"

Tricktechnik und Ausstattung stehen jedoch nicht im Mittelpunkt des Films. Der Zuschauer wird vor allem durch die ruhige, kammerspielartige Inszenierung und die brillante Leistung der Schauspieler gefangen genommen. Der Film ist keine typische Space Opera, sondern ein eindringliches psychologisches Drama, das in erster Linie das menschliche Verhalten in einer verzweifelten Extremsituation auslotet. Die Schauspieler, allen voran Horst Frank als kaltschnäuziger Kommandant Mac und Dieter Laser als idealistischer Wissenschaftler Don, erwecken ihre Rollen wahrhaftig zum Leben, und das, obwohl nicht jeder Dialog glaubwürdig erscheint, manche Reaktion übertrieben wirkt und keiner der fünf Raumfahrer von seiner Vergangenheit oder seinen Angehörigen spricht und somit der Zuschauer kaum tiefere Einblicke in die Lebensgeschichten und Persönlichkeiten der Männer erhält. Der Film scheint im Gegenteil anzudeuten, dass die Raumfahrer tatsächlich gar keine sozialen Kontakte auf der Erde haben. So imaginiert Don zwar ständig ein schönes Mädchen, das ihn küsst, doch stammt ihr Bild nur von einem Coca-Cola-Werbeplakat, das im Trainingsraum des Raumfahrtzentrums an der Wand hing.

 

In den ersten zwanzig Minuten wird die Mannschaft bei ihrer routinierten Arbeit im Raumschiff gezeigt: Sie funktionie­ren wie Rädchen in einer Maschine, geben sich ständig technische Befehle – die übrigens bemerkenswert glaubwürdig geschrieben sind –, drücken Tasten und legen Kippschalter um. Die Kamera zeigt immer wieder Nahaufnahmen von Schaltpulten, Computern und Bildschirmen, die verschwommen die Erde zeigen. Die Sequenz erinnert entfernt an die Anfangssequenz aus John Carpenters Dark Star (1974) und ist doch ganz anders. Statt als Satire funktioniert sie als Ab­bildung der technologischen Abhängigkeit des Menschen im All und entfaltet nebenher die unterschwelligen Konflik­te zwischen den fünf Männern an Bord. Als die Erde nicht wie geplant den Orbiter geschickt hat, der die fünf Raum­fahrer aufnehmen soll, und auch keinen einzigen Funkspruch beantwortet, stellt sich ein mulmiges Gefühl unter den Raumfahrern ein, und erste Aggressionen flammen in der Besatzung auf. Mit einem tollkühnen Manöver gelingt es ihr, mit einer Transportkapsel auf der Erde notzuwassern. Doch als sie eine Küste erreicht hat, erwartet sie dort nur eine endlose steinige Wüste, und die Freude darüber, gerettet zu sein, schlägt in nackte Überlebensangst um.

 

Im Überlebenskampf der Raumfahrer werden gleich mehrere Themen kritisch reflektiert. Rainer Erler stößt das Denk­mal des heldenhaften Astronauten um, macht aus ihm wieder einen Menschen aus Fleisch und Blut und holt ihn auf den Boden irdischer Probleme zurück. Er hinterfragt die politische Instrumentalisierung der Raumfahrt und den Preis, den die Gesellschaft dafür zahlt. In einer großartigen Szene, in der sich die von Hunger und Durst Entkräfteten an einem kahlen Küstenstreifen ausruhen, holt Steve (Uwe Friedrichsen) einen kleinen, rötlichen Stein aus der Tasche, den er auf Ganymed eingesteckt hat – das vermeintlich einzige Objekt vom Jupitermond, das die Erde erreicht hat (von den Lebensproben aus dem Kratersee, die Don heimlich im Medizinkoffer mitgenommen hat, wissen alle anderen noch nichts). Steve betrachtet den Stein und fragt nach dem Sinn ihrer Odyssee, die viele Milliarden Dollar verschlun­gen hat: „Dieser eine Stein“, sagt er bitter, „ist die ganze Ausbeute.“

 

Der die Welt im Würgegriff haltende Ost-West-Konflikt aber, der vom gemeinsamen Flug zum Ganymed eigentlich entspannt werden sollte, scheint zu einem weltweiten verheerenden Atomkrieg geführt zu haben. Während sich die Raumfahrer verzweifelt durch die sengende Wüstensonne schleppen und ständig auf Anzeichen stoßen, die die Vernichtung der Zivilisation zu belegen scheinen, entfaltet sich ein beklemmendes Post-Doomsday-Szenario. Zynisch wird der trostlose Zug durch die Wüste mit triumphaler Marschmusik kombiniert, die die ausgebliebene Jubelparade zu Ehren der raumfahrenden Helden evoziert. Stilistisch stört dieser absurde, etwas gezwungene Kontrast ein wenig – die Wirkung des Films entfaltet sich dort am besten, wo sich die Musik von Eugen Thomass unaufdringlich im Hinter­grund hält. Die Frage, ob der Atomkrieg auch tatsächlich stattgefunden hat, wird bis zuletzt nicht eindeutig beantwor­tet. Selbst als am Ende des Films Don entkräftet und apathisch in eine belebte mexikanische Stadt stolpert und an­schließend das Panorama einer intakten Großstadt gezeigt wird, bleibt die Frage offen, ob dieses „Happy End“ wirklich „wahr“ ist oder nur Dons Halluzinationen abbildet. Immerhin: Einen schwachen Hoffnungsschimmer, ein verstecktes Bekenntnis zu den besten Qualitäten des Menschen lässt der Film dann doch noch zu: Es ist nicht der zupackende Führer oder einer der anderen Pragmatiker aus der Gruppe, der zuletzt überlebt, sondern der Idealist, der für das ethi­sche Vorankommen der Menschheit gekämpft hat, indem er um jeden Preis versuchte, die neu gewonnene Kenntnis vom außerirdischen Leben der Erde zu überbringen. Gleichwohl ist auch er kein Held, denn bei der riskanten Gewin-nung des neuen Wissens ließen zwei seiner Kollegen auf Ganymed ihr Leben.

Szenenfoto aus dem Film "Operation Ganymed" (BRD 1977) von Rainer Erler
Der Jupiter geht auf über dem Horizont von Ganymed

Rainer Erler demontiert den heroischen Nimbus des Astronauten nicht nur in politischer, sondern auch in menschlicher Hinsicht. Im All vermochte der Raumfahrer zu überleben, solange er die strikte Disziplin wahrte und sich ansonsten an der egozentrischen Vorstellung festhalten konnte, bald als gefeierter Held zur der Erde zurückzukehren. Als die Raum­fahrer in einer irdischen Wüste stranden und die erhoffte Jubelfeier nur noch ein ferner Traum ist, zerfällt das diszipli­nierte Machtgefüge der Gruppe, und die Nerven der fünf Männer reiben sich zusehends auf. Nur der nackte Überle­benskampf lässt sie zusammenhalten, doch erweist sich mit schwindenden physischen und psychischen Kräften auch dieser Pakt nicht länger als tragfähig. Am Ende nehmen Wahn und Mordlust überhand – einer der Überlebenden wird aus Verzweiflung gar zum Kannibalen an den Leichen seiner toten Gefährten.

 

Ein öfters geäußerter Vorwurf gegen Rainer Erlers Arbeiten ist, dass sie letztlich nur deutsche TV-Derivate erfolgrei­cher amerikanischer Science-Fiction-Filme seien. So hat beispielsweise Fleisch starke Anklänge an Michael Crichtons Koma (1978), und Operation Ganymed lässt in einigen Szenen an Peter Hyams’ Unternehmen Capricorn (1977) denken. Das Motiv der Rückkehr der Raumfahrer auf eine degenerierte Erde erinnert zudem an Franklin J. Shaffners Planet der Affen (1968). Gewiss ist Rainer Erler vom amerikanischen Science-Fiction-Kino beeinflusst und lässt an vielen Stellen den Ehrgeiz erkennen, ihm nachzueifern, doch sind seine Drehbücher originell und intelligent genug, um sich entschie­den von den Vorbildern abzuheben. Operation Ganymed erzählt eine über die inspirierenden Quellen hinausgehende, völlig eigenständige Story. Kritisch ist dagegen Erlers Unentschlossenheit zu sehen: Indem der Zuschauer bis zuletzt nicht darüber aufgeklärt wird, ob der Atomschlag wirklich stattgefunden hat, konzentriert sich die Handlung zwangs­läufig auf das menschliche Drama der ums Überleben kämpfenden Raumfahrer, und die kritische Warnung vor dem Atomkrieg gerät streckenweise zu stark in den Hintergrund. Vermutlich würde der Film eine größere Durchschlagskraft haben, wenn Don am Ende feststellte, dass die Erde tatsächlich atomar verwüstet ist. Erlers energisches Streben nach künstlerischem Anspruch führt überdies zu einer übertrieben behäbigen Gangart. Das gemächliche Tempo schafft durchaus Atmosphäre und gibt dem psychologischen Spiel Raum zur Entfaltung – eine straffere Regie hätte dem Werk gleichwohl nicht geschadet.

 

Operation Ganymed ist ein faszinierender bundesdeutscher Raumfahrtfilm. Er ist intelligent in der Aussage und über­zeugend in der Umsetzung – ein Science-Fiction-Film erster Güte und Beispiel dafür, welch hervorragende Science-Fiction-Filme das deutsche Fernsehen in den Siebzigerjahren hervorgebracht hat. Ein Erbe, an das der deutsche Film wieder stärker anknüpfen sollte – jenseits solchen (freilich genial gemachten) Klamauks wie Bully Herbigs Traumschiff Surprise: Periode 1 (2004) –, zumal heute die moderne, kostengünstige CGI-Tricktechnik zur Verfügung steht, von der Rainer Erler 1977 nur träumen konnte.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 7. September 2017

Szenenfotos © Pentagramma; ZDF