Ungeheuer ohne Gesicht

Poster zu dem Film "Ungeheuer ohne Gesicht" (Fiend Without a Face, GB 1958) von Arthur Crabtree

Fiend Without A Face (GB 1958)

 

Regie: Arthur Crabtree

Drehbuch: Herbert J. Leder, nach der Kurzgeschichte “The Thought Monster” von Amelia Reynolds Long aus Weird Tales (März 1930)

Kamera: Lionel Banes. Musik: Buxton Orr

Darsteller: Marshall Thompson (Major Jeff Cummings), Kim Parker (Barbara Grisel­le), Kynaston Reeves (Prof. R. E. Walgate), Stanley Maxted (Colonel Butler), Peter Madden (Dr. Bradley), Terry Kilburn (Captain Al Chester), Gil Winfield (Dr. Warren), Robert Mackenzie (Constable Howard Gibbons), Launce Maraschal (Deputy Mayor Melville) u. a.

Produzenten: John Croydon; Richard Gordon, Charles F. Vetter (aus. Produzenten)

Companies: Producers Associates, Amalgamated Productions; MGM (Vertrieb)

Laufzeit: 75 Min.; Schwarzweiß

Premiere: Dezember 1958 (GB); 3. Juli 1958 (USA); 20. Mai 1959 (Deutschland)

 

In der Nähe eines mit einem Atomreaktor ausgestatteten NATO-Luftwaffenstützpunktes in Kanada wird die Leiche ei­nes Milchbauern entdeckt. Major Jeff Cummings ist darüber besorgt, denn schon seit geraumer Zeit hegt die ortsan­sässige Bevölkerung Misstrauen gegen den Stützpunkt – die Leute befürchten, dass die Strahlung des Atomreaktors, der die Energie für ein neuartiges Radargerät liefert, ihre Weiden und ihr Vieh beeinträchtigt. Um den Verdacht zu zer­streuen, dass der Mann verstrahlt wurde, will Cummings ihn obduzieren lassen, doch seine hinterbliebene Schwester Barbara und der Bürgermeister sind dagegen.

 

Schon bald ereignen sich weitere mysteriöse Todesfälle. Als eines der Opfer schließlich doch pathologisch untersucht wird, stellt man fest, dass dem Toten das Gehirn und das Rückenmark durch eine kleine Wunde am Nacken aus dem Körper gesaugt worden ist. Cummings ahnt, dass die Todesfälle möglicherweise mit den Arbeiten des in der Nähe wohnenden Hirnforschers Professor Walgate zu tun haben könnten . . .

 

Schließlich bestätigt sich Cummings’ Verdacht. Walgate offenbart, dass er einen telekinetischen Apparat gebaut hat, der Gedanken in physische Kraft umwandeln kann. Mit der heimlich angezapften Energie des Atomreaktors schuf er jedoch unbeabsichtigt ein unsichtbares Gedankenmonster, das außer Kontrolle geraten ist und sich nun mit enormer Geschwindigkeit vermehrt. Als die Gedankenmonster die Kontrollstäbe des Atomreaktors auf dem Stützpunkt zerstö­ren und dadurch die abgestrahlte Energie des Kraftwerks weiter ansteigen lassen, führt dies dazu, dass die Gedanken­monster schließlich sichtbar werden: kriechende Gehirne! Mit ihren Rückenmark-Fortsätzen können sie sich blitz­schnell fortbewegen, ihre Opfer anspringen und sie erdrosseln. Die Gehirne drohen zur weltweiten Gefahr zu werden, wenn Major Cummings nicht rasch handelt . . .

 

Hirnschmalz im Tiefflug

 

Ungeheuer ohne Gesicht ist gewiss der schrillste der Handvoll britischer Science-Fiction-Thriller, die in den Fünfziger­jahren eifrig darum bemüht waren, beim Publikum als amerikanisch durchzugehen. Mit Blick auf die internationale Vermarktung wurde für die Hauptrolle ein amerikanischer Schauspieler engagiert – Marshall Thompson, der ein Jahr später für dieselben Produzenten in Rakete 510 (1959) wiederkehren sollte – und die Story in den Wäldern Kanadas angesiedelt, obwohl die Außenaufnahmen recht deutlich erkennen lassen, dass der Film in England gedreht wurde.

Szenenfoto aus dem Film "Ungeheuer ohne Gesicht" (Fiend Without a Face, GB 1958) von Arthur Crabtree
Der biestige Angriff von einem Gehirnmonster – einem mörderischen "Ungeheuer ohne Gesicht"

Der mit nur kleinem Budget gedrehte Streifen genießt eine gewisse Popularität unter eingefleischten Monsterfilm-Fans, die sich jedoch allein aus dem unterhaltsamen Splatter-Showdown erklärt. In den letzten Minuten kostet die Show ihre so hinreißende wie hirnrissige Idee lebender, blutrünstiger Gehirne aus, hat ansonsten jedoch arge Mühe, den vorangehenden Löwenanteil der Laufzeit auszufüllen. Die ersten 50 Minuten sind leblos und uninteressant; Arthur Crabtree (1900–1975) inszeniert sie recht ordentlich, aber es gelingt es ihm kaum, Tempo und Spannung aufzubauen. Die Darsteller sind adrett, ihre Rollen jedoch bleiben Schablonen. Das Rätselraten der Charaktere über die mysteriösen Todesfälle wird ab und zu unterbrochen von den tödlichen Angriffen der aus Kostengründen noch unsichtbaren Ge­hirne, untermalt von einem tollwütigen Knurren, Fauchen, Schlürfen und Schmatzen. Die ahnungslosen Opfer ringen überzeugend mit dem Tod – nur ist eben leider noch kein Gehirn zu sehen . . .

 

Wirklich spannend wird der Film erst, als Professor Walgate Major Cummings die Wahrheit über seine Hirnforschungen erzählt. In einer längeren Rückblende sehen wir Walgate in seinem geheimen Labor mit einem telekinetischen Apparat experimentieren; angestrengt versucht er, allein durch Gedankenkraft die Seite eines Buches umzublättern, was ihm nach vielen Versuchen schließlich auch gelingt. Hier wird der besessene mad scientist ganz in seinem verbotenen Ele­ment gezeigt, in einer wundervoll altertümlichen und ernsthaften Manier, wie dies nur Science-Fiction-Filme der Fünf­zigerjahre vermochten.

 

Kurz darauf werden die frei herumkriechenden Gehirne dann endlich sichtbar. Die Gehirne suchen den Garten rund um das Haus des Professors wie eine Schneckenplage heim; Walgate, seine Schreibhilfe Barbara, Major Cummings und ei­nige Militärs müssen sich im Haus verbarrikadieren. Es folgt das wahnwitzige Finale: Die Gehirne greifen mit ihren Füh­lern und Rückenmarken nach den Brettern, mit denen die Fenster vernagelt wurden, reißen sie ab und springen ins Haus. Weit durch die Luft schwirrend, fallen sie die Menschen an und versuchen sie zu erdrosseln, um ihnen die Gehir­ne auszusaugen. Mit Pistolen und Äxten verteidigen sich die Menschen, und gottlob sind die herumspringenden Ge­hirne leicht zu töten: Ströme schwärzlichen Bluts laufen aus ihnen heraus, wenn sie getroffen werden und in Zuckun­gen zugrundegehen. Allerdings nutzt dies nur wenig, denn die Gehirne lassen sich wegen ihrer schieren Anzahl nicht zurückdrängen. Das wilde und für damalige Verhältnisse ausgesprochen eklige Finale begeistert mit seiner entfessel­ten, wahrhaft pulpigen Science-Fiction-Fantasie.

Szenenfoto aus dem Film "Ungeheuer ohne Gesicht" (Fiend Without a Face, GB 1958) von Arthur Crabtree; Marshall Thompson und Kim Parker
Jeff (Marshall Thompson) und Barbara (Kim Parker) bangen, ob ihre Barrikade gegen die Gehirne halten wird

„Logisch“ oder „wissenschaftlich“ ist an diesen bizarren Monstern nichts, und doch stellen sie eine faszinierende Idee dar. Dass Gedanken zu selbstständigen physischen Gebilden werden könnten, ist natürlich absurd – aber genau das ist Science-Fiction! Die Prämisse des Films ist nicht allzu weit entfernt vom Science-Fiction-Klassiker Alarm im Weltall (1956), wo es dem Wissenschaftler Morbius mithilfe hochentwickelter Alientechnologie gelingt, seine unterschwelli­gen Triebe in Gestalt eines energetischen Monsters in die physische Welt treten zu lassen. In Ungeheuer ohne Gesicht wurde mit der prinzipiell identischen Grundidee weitaus ruppiger verfahren. Materialisierte Gedanken sollten eigent­lich die Gestalt ihres Inhaltes haben, und genau dies zeigt der Film anfangs auch (Professor Walgate gelingt es, eine Buchseite durch Gedankenkraft umzublättern). Dass die Gedanken dann jedoch in Gestalt von selbstständig denken­den Gehirnen erscheinen, erklärt Walgate damit, dass sein Bestreben die „vollständige Ablösung und Verselbstständi­gung seiner Gedanken“ gewesen sei (die nützliche Kontrolle der Gedankenkraft wäre eigentlich das sinnvollere Ziel) – und als Form für diese verselbstständigte Entität hatte Walgate ein menschliches Gehirn imaginiert. Um zu überleben, müssen die Gehirne ständig die Gehirne und Rückenmarke von wirklichen Menschen aussaugen, wodurch sie ihre kog­nitive Leistung steigern und sich ständig vermehren (wie genau diese Vermehrung stattfindet, erläutert der Film nicht – man will es sich auch nicht wirklich ausmalen). Die Vorstellung, dass das Verschlingen von Gehirnmasse intelligent mache, ist natürlich primitiver, steinzeitlicher Animismus, der das physische Objekt mit seinen Potenzen identifiziert. Aber es hat ja auch niemand behauptet, dass dieser muntere kleine Monsterschocker seinerseits die Intelligenz mit Löffeln gefressen habe.

 

Die Story des Films basiert auf der Kurzgeschichte “The Thought Monster” von Amelia Reynolds Long (1904–1978), die im März 1930 im Pulp-Magazin Weird Tales (Vol. 15 No. 3) erschien. Forrest J. Ackerman (1916–2008) hatte ursprünglich im Auftrag von Long versucht, die Story American International Pictures als Vorlage für einen Science-Fiction-Film zu verkaufen. Das Studio lehnte ab, aber Alex Gordon, der damals bei AIP arbeitete, leitete die Story an seinen Bruder Richard in England weiter. In Longs Story gab es nur ein einziges, unsichtbar bleibendes Gedankenmonster. Die Idee, aus diesem Monster viele sichtbare Gehirne zu machen, wurde erst für den Film entwickelt.

 

Die Tricks, die die Gehirne zum Leben erwecken, wurden von den Filmemachern Baron Florenz von Fuchs-Nordhoff (1913–1987) und Karl-Ludwig Ruppel (1915–1993) in München erstellt und aufgenommen. Fuchs-Nordhoff schuf die Ge­hirne aus Latex und führte Regie, während Ruppel die Spezialeffekte ausführte. Die Effekte sind überraschend aufwen­dig. Die Gehirne wurden hauptsächlich im Stop-Motion-Verfahren animiert, in einigen Einstellungen arbeitete Ruppel auch mit Rückprojektionen und traveling mattes. Die Tricks sind ansprechend, einfallsreich und vielseitig inszeniert und gut mit den Aufnahmen der Schauspieler kombiniert; Bill Warren ist in seinem Buch Keep Watching the Skies! ganz aus dem Häuschen über sie (S. 265f.). Allerdings muss auch zugegeben werden, dass Fuchs-Nordhoff und Ruppel bei Weitem nicht die annähernde Perfektion eines Willis O’Brien oder Ray Harryhausen erreichen – das Timing ihrer Stop Motion ist arg ruckelig.

Szenenfoto aus dem Film "Ungeheuer ohne Gesicht" (Fiend Without a Face, GB 1958) von Arthur Crabtree; ein Gehirn
Ein Gehirn in ganzer Pracht – es hat kein Gesicht, aber Fühler, bewegt sich schnell und kann sogar springen!

Der Film wurde bei seiner Premiere im Rialto Theatre am New Yorker Time Square spektakulär beworben: In einem vergitterten Glaskasten wurde ein von Elektromotoren bewegtes Gehirn ausgestellt, das von Zeit zu Zeit sein Rücken­mark und seine Fühler bewegte und gruselige Geräusche von sich gab. Der Glaskasten zog eine derart große Men­schenmenge an, dass ständig der Fußweg verstopft war und die Polizei schließlich die Entfernung des Kastens anord­nete. Ein Foto von diesem Kasten ist auf der Website Films in Review zu bewundern, wo außerdem der ausführende Produzent Richard Gordon in einem sehr lesenswerten Artikel Details zur Geschichte von Ungeheuer ohne Gesicht erzählt.

 

Ungeheuer ohne Gesicht ist kein großer Science-Fiction-Film und auch kein Klassiker. Er hat bei Genrefans etwas mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen als die meisten anderen billig produzierten Monsterfilme, die in den späten Fünfzi­gerjahren ins Kino schwappten, doch unterscheidet er sich nicht wesentlich von seinen Konkurrenten. Seine Idee mag nicht über alle Maßen originell sein, aber sie ist gewitzt und grell. Wer die ersten schleppenden fünfzig Minuten durch­hält, wird mit einem exzentrischen Splatter-Finale belohnt, das auch heute noch begeistern kann.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 15. Juni 2017

Szenenfotos © Metro-Goldwyn-Mayer