Rakete 510

DVD-Cover zum Film "Rakete 510" (First Man Into Space, GB 1959) von Robert Day

First Man Into Space (GB 1959)

 

Regie: Robert Day

Drehbuch: John Croydon, Charles F. Vetter, nach der Story “Satellite of Blood” von Wyatt Ordung

Darsteller: Marshall Thompson (Commander Charles “Chuck” Ernest Prescott), Marla Landi (Tia Francesca), Bill Edwards (Lieutenant Dan Milton Prescott), Robert Ayres (Captain Ben Richards), Bill Nagy (Police Chief Wilson), Carl Jaffe (Dr. Paul von Essen), John McLaren (Harold Atkins), Roland Brand (Truckfahrer), Barry Shawzin (Sanchez), Sheree Winton (Krankenschwester) u. a.

Produzenten: John Croydon, Charles F. Vetter; Richard Gordon (ausf. Produz.)

Companies: Amalgamated Productions; MGM (Vertrieb)

Laufzeit: 77 Min.; Schwarzweiß

Premiere: Februar 1959 (GB); 27. Februar 1959 (USA); 14. August 1959 (Deutschland)

 

Der tollkühne US-Navy-Testpilot Dan Prescott ist auserkoren, die ersten Raketenflüge in die höchsten Atmosphäre­schichten und ins Weltall zu wagen. Beim Flug mit der Testrakete 509 missachtet Dan eine Reihe von Befehlen und verärgert damit seinen älteren Bruder und Vorgesetzten Commander Charles „Chuck“ Prescott, der die Bodenkontrolle der Flüge leitet. Nach seiner Landung wird Dan von Charles in aller Schärfe verwarnt. Trotzdem ändert Dan sein eigen­mächtiges Verhalten nicht. Auf seinem nächsten steilen Aufwärtsflug mit der Rakete 510 packt ihn die Faszination des vor ihm liegenden Sternenhimmels und der Ehrgeiz, der erste Mensch im Weltraum zu sein. Er zündet gegen alle Be­fehle seine letzten Treibstoffreserven und fliegt über 400 Kilometer hoch in den luftleeren Weltraum.

 

Wenige Augenblicke später jagt Dans Rakete an einem Meteor vorbei und gerät in eine Wolke aus Meteorstaub, der auf dem Raumschiff anhaftet und eine undurchdringliche Kruste bildet. Dan sprengt sich mit einer Rettungskapsel von der Rakete ab. Als die Kapsel in Mexiko geborgen wird, ist ihr Pilot verschwunden. Dafür häufen sich seltsame Vorfälle in der Nähe. Zuerst werden auf einer Weide mehrere aufgeschlitzte, blutentleerte Rinderkadaver entdeckt; später wird eine Krankenschwester in der Blutbank eines Krankenhauses grausam ermordet. Offenbar geht ein bluttrinkendes Monster in der Gegend um. Mit der Zeit erkennt Commander Prescott, der von der Polizei in die Aufklärung der Vorfäl­le eingebunden wird, die schreckliche Wahrheit: Sein Bruder hat sich unter der Meteorstaubkruste in einen mutierten Berserker verwandelt, der dazu verdammt ist, Blut zu trinken, um zu überleben . . .

 

Solide gemachte Dutzendware

 

Rakete 510 ist ein Rip-Off von Nigel Kneales bahnbrechender TV-Serie The Quatermass Experiment (1953), die Val Guest mit Schock (1955) für das Kino adaptierte. Darüber hinaus zählt das Werk zur überschaubaren Gruppe pseudo-amerikanischer Science-Fiction-Filme, die in den späten Fünfzigerjahren in England entstanden – billig produzierte Exploitationstreifen, die entschlossen die Machart der amerikanischen Genrevorbilder imitierten. Andere Vertreter der Gruppe waren Arthur Crabtrees Ungeheuer ohne Gesicht (1958), Gilbert Gunns The Strange World of Planet X (1957), Quentin Lawrences Die Teufelswolke von Monteville (1958) oder Eugène Louriés Das Ungeheuer von Loch Ness (1958). Für die Hauptrolle wurde jeweils ein amerikanischer Schauspieler importiert – in diesem Falle Marshall Thompson –, während einige Filme darüber hinaus den Eindruck zu erwecken versuchten, in Amerika gedreht worden zu sein. Ra­kete 510 spielt in Mexiko und New Mexico, ist aber fast vollständig in England entstanden. Der amerikanische Anstrich ist alles in allem überzeugend gelungen, auch wenn amerikanische Zuschauer eher auf Fehler aufmerksam werden dürften als europäische. Bill Warren, der die einzelnen Patzer benennt – verkehrte Uniformen, dichte Wälder in New Mexico, unpassende sprachliche Akzente –, befindet schließlich, dass „diese Fehler gewiss weniger schwerwiegend sind als ähnliche Schnitzer, die sich Hollywood ständig leistete, wenn es Filme in fremden Ländern ansiedelte“ (Keep Watching the Skies!, S. 271).

Szenefoto aus dem Film "Rakete 510" (First Man Into Space, GB 1959) von Robert Day; Bill Edwards und Marshall Thompson
Chuck (Marshall Thomson) versorgt seinen entstellten Bruder Dan (Bill Edwards)

Rakete 510 imitiert auch den typischen pseudo-dokumentarischen Stil der damaligen amerikanischen Science-Fiction-Filme – und das derart eifrig, dass die Nachahmung fast übertrieben anmutet. Regisseur Robert Day (1922–2017) in­szenierte den Film in schlichter, schnörkellos abbildender Manier; während die erste Hälfte des Films fast wie eine dokumentarische Darstellung erster Raumfahrtversuche anmutet, ändert sich die distanzierte Kameraführung und der überraschungsarme Schnitt auch nicht in der zweiten Hälfte, in der das Monster sein Unwesen treibt. Die klassischen Mittel des Horrorfilms nutzt Day nur beim allerersten Erscheinen des Monsters, und das ziemlich effektiv: Von der Kreatur ist nicht mehr als ein unheimlicher Schattenriss zu sehen, der über eine Wand gleitet, und die Krankenschwes­ter, die kurz darauf durch die zerschmetterte Tür der Blutbank eintritt, wird off-screen ermordet – der Zuschauer hört nur ein Poltern und entsetzte Todesschreie. Später wird das Monster nicht mehr verborgen und genau so deutlich und in vollem Tageslicht präsentiert wie alles andere.

 

Dennoch überzeugen die späteren brutalen Schockmomente, in denen das Monster zuschlägt: Blitzschnell ist es da und tötet seine Opfer mit enormer, unkontrollierter Körperkraft; selbst Pistolenkugeln können es nicht aufhalten. Lei­der leisten sich dieselben Szenen auch einige Drolligkeiten: So machen manche der Opfer keine Anstalten davonzulau­fen und begreifen auch nach dem zwanzigsten Pistolenschuss nicht, dass der Beschuss wirkungslos ist. Belustigend ist auch, dass das Monster bisweilen mordet, um einen Truck oder ein Auto zu stehlen und davonzufahren. Dan Prescott hat unter der Meteorstaubkruste seinen Verstand und die Kontrolle seiner Kräfte verloren – ist aber feinmotorisch und intellektuell immer noch befähigt genug, ein Auto zu steuern. Hmmm . . .

 

Die wenigen Angriffe des Monsters sind leider schon die einzigen Augenblicke, in denen der Film Schwung entwickelt; ansonsten ist Robert Days Regie plump und leblos, und das Drehbuch ist zu dialoglastig. Die erste Hälfte, die Dans Ra­ketentestflüge erzählt, hat einige halbwegs dramatische Momente – die zunehmende Aufregung bei steigender Flug­höhe, Dans Befehlsverweigerungen, seine ekstatische Begeisterung beim Anblick des Sternenhimmels oder sein wir­belnder Blick hinab auf die Erde, während die Rakete trudelnd zur Erde zurückstürzt. Wenn man die Entstehungszeit des Films berücksichtigt, als die ersten bemannten suborbitalen Raketenflüge noch nicht vollzogen waren, lässt sich gut vorstellen, dass Rakete 510 hier eine gewisse Spannung, zumindest Interesse erzeugte. Damals war der Film brand­aktuell. Für heutige Zuschauer jedoch schleppt sich die Lehrveranstaltung doch recht zäh dahin.

 

Auch nachdem sich der Film in der Mitte zu einem handfesten Monsterschocker gewandelt hat, bleibt er betont „do­kumentarisch“ – Chuck Prescott tauscht mit den Wissenschaftlern viel hanebüchenen science babble darüber aus, wer oder was das Monster sein könnte und wie die Kruste beschaffen ist, die das Raumschiff umhüllt hat. Der Horror bleibt bis zum Schluss schwach dosiert, und die letzten Möglichkeiten dramatischer Steigerung werden verschenkt, als das Monster in das Labor der Wissenschaftler eindringt – nicht um zu morden, sondern um sich helfen zu lassen! Brav lässt es sich in eine Druckkammer führen und klagt dort in den letzten Minuten seines Lebens seinem Bruder, seiner Freun­din und den Wissenschaftlern sein tragisches Leid. Dumm nur, dass seine Freundin zu diesem Zeitpunkt schon ohnehin nichts mehr von dem Verunstalteten wissen will – keine drei Minuten, nachdem Dan gestorben ist, wirft sie sich in der Schlussszene seinem Bruder Chuck in die Arme. Tja, die Liebe ist wie ein Vogel . . .

Publicityfoto für den Film "Rakete 510" (First Man Into Space, GB 1959) von Robert Day; Marla Landi und Marshall Thompson
Marla Landi und Marshall Thomson (Pressefoto)

Das Monster, das nicht von einem Stuntman, sondern von Bill Edwards selbst gespielt wurde, ist nur zum Teil gelungen. Die Maske des grässlich entstellten Kopfs mit dem traurig starrenden Auge und dem schiefen Maul ist effektiv – hergestellt wurde sie von Michael Morris, später bekannt ge­worden für seine Maskenbildnerei in Der Elefantenmensch (1980) –, doch das enttäuschende Kostüm wirkt stets wie ein flexibler Zweiteiler, nicht aber wie eine plumpe Krustenschale. Ein merkwürdiger Einfall war es auch, die Kruste auf dem Raumschiff und auf dem Körper des Monsters wie die kraterübersäte Mondoberfläche aussehen zu lassen – einerseits recht ansprechend, andererseits aber auch irgendwie dumm.

 

Die Science-Fiction-Prämisse der undurchdringlichen Meteorstaubkruste ist inzwischen rettungslos veraltet, ebenso die Vermutung, dass irdische Materie wie zum Beispiel das Metall der Raumschiffhülle unter kosmischer Strahlung einfach zerbröseln würde. Allerdings hatte das Raumfahrtzeital­ter gerade erst begonnen, und viele Erfahrungswerte gab es noch nicht. In Science-Fiction-Filmen der Fünfzigerjahre ist öfters die Vorstellung anzu­treffen, dass kosmische Körper nicht unverändert in der Erdatmosphäre existieren können und umgekehrt – es wurde von einer strikten, fast metaphysischen Trennung beider Sphären ausgegangen. Auf diesem Gedanken gründet auch die im Film erwähnte, in der damaligen Science-Fiction weit verbreitete falsche Annahme einer „Hitzebarriere“, die die Erde in einigen hundert Kilometern Höhe schützend umgebe und die eine ins All vorstoßende Rakete überwinden müsste. Die „Hitzebarriere“ gab Paul Landres’ Film The Flame Barrier (1958) seinen Namen, und in Joseph M. Newmans Metaluna 4 antwortet nicht (1955) ist die „Hitzebarriere“ mit dem von Flammen umgebenden UFO auch ins Bild ge­setzt worden.

 

Wie schon erwähnt, ist der Plot von Rakete 510 unverkennbar von Nigel Kneales Quatermass Experiment inspiriert worden. Viele Besprechungen von Rakete 510 haben darüber hinaus auf die Furcht vor der Raumfahrt hingewiesen, die dem Plot zugrundeliegt: Der Vorstoß des Menschen ins All ist gefährlich und erfordert grimmige Entschlossenheit sowie die Bereitschaft, Todesopfer in Kauf zu nehmen. Es wäre jedoch falsch, hier allzuviel Bedeutung hineinzulegen. So hat beispielsweise Georg Seeßlen in seinem Buch Kino des Utopischen (1980) vermutet, dass die indirekte Warnung vor der Raumfahrt in Rakete 510 „möglicherweise durch das Fehlen einer eigenen Raumfahrttechnologie in Großbritan­nien begünstigt“ gewesen sei (S. 197) – sie spiegele mithin einen britischen Minderwertigkeitskomplex. Die mit Opfern verbundenen Anstrengungen der frühen Raumfahrt werden jedoch auch in zahlreichen amerikanischen Space Operas artikuliert – beispielsweise in Kurt Neumanns Rakete Mond startet (1950) oder George Pals und Byron Haskins Die Ero­berung des Weltalls (1955) – und werden als nichts anderes denn als Kennzeichen einer besonderen heroischen Leis­tung gesehen. Auch Rakete 510 folgt diesem vorgegebenen, auch im Quatermass Experiment enthaltenen Paradigma ohne Abstriche: Am Ende des Films erklärt Chuck Prescott, dass die Eroberung neuer Welten oft mit dem Verlust von Menschenleben verbunden sei, dass es aber immer auch Männer geben werde, die bereit sind, dieses Risiko in Kauf zu nehmen.

Szenefoto aus dem Film "Rakete 510" (First Man Into Space, GB 1959) von Robert Day; Bill Edwards
Wer vor Monstern nicht davonläuft, den ereilt der rasche Monsterfilmtod

Marshall Thompson (1925–1992), später vor allem bekannt durch seine Rolle als Dr. Marsh Tracy in der TV-Serie Daktari (1966–1969), spielte zuvor schon die Hauptrolle im Science-Fiction-Thriller Ungeheuer ohne Gesicht (1958), der eben­falls von John Croydon und Richard Gordon für Amalgamated produziert wurde; außerdem war er als Mars-Astronaut Colonel Ed Carruthers in Edward L. Cahns It! The Terror from Beyond Space (1958) zu sehen, wo er mit einem ähnlich brutalen und fast unbesiegbaren Monster zu kämpfen hatte. Thompson liefert eine adäquate Leistung ab; dass er ein wenig steif wirkt, passt gut zur Rolle des übervernünftigen und pedantischen älteren Bruders, der in eifersüchtigem Kontrast zum draufgängerischen jüngeren Bruder steht. Der Bruderzwist liefert ein konventionelles, nur leidlich inte­ressantes Handlungselement, das in ein klassisches Beziehungsdreieck einmündet. Marla Landi als Tia Francesca ist adrett, aber von keiner besonderen Präsenz; später spielte sie an der Seite von Christopher Lee in den Hammer-Filmen Der Hund von Baskerville (1959) und Piraten am Todesfluss (1962).

 

Das Budget von Rakete 510 war mit nur 100.000 Pfund außerordentlich schmal; die ärmlichen Produktionswerte wer­den jedoch sehr geschickt kaschiert. Die Trickaufnahmen vom Flug der Raketen 509 und 510 wurden von Karl-Ludwig Ruppel in München hergestellt, der ein Jahr zuvor für Croydon und Gordon auch die Stop-Motion-Effekte von Unge­heuer ohne Gesicht schuf. Das Drehbuch des Films geht zurück auf eine mit “Satellite of Blood” betitelte Story des Autors Wyatt Ordung, der den zweifelhaften Ruhm genießt, angeblich das Drehbuch von Robot Monster (1953) ge­schrieben zu haben, einem der miesesten Trashfilme aller Zeiten (Ordung hatte später allerdings in Interviews seine Beteiligung an Robot Monster bestritten).

 

Nun, mit Robot Monster hat Rakete 510 wirklich nichts gemein; bei MGM, die den Verleih des Streifens übernahm, hielt man ihn sogar für so gelungen, dass er nicht wie ursprünglich geplant als Teil eines Double Features mit dem Boris-Karloff-Film Corridors of Blood, sondern eigenständig veröffentlicht wurde. Aus heutiger Sicht ist der Film zwar deutlich besser als jeder William-Lee-Wilder-Streifen oder manch andere Exploitationgurke, aber dennoch fürchterlich stumpf und schwerfällig. Ungeheuer ohne Gesicht ist mit seinen kriechenden Gehirnen der mit Abstand interessantere Film von Amalgamated.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 16. Juni 2017

Szenenfotos © Metro-Goldwyn-Mayer