Chris Taylor: Wie Star Wars das Universum eroberte

Buchcover von Chris Taylor: "Wie Star Wars das Universum eroberte" (Wilhelm Heyne Verlag München 2015)

How Star Wars Conquered the Universe – The Past, Present, and Future of a Multibillion Dollar Franchise (2015). Science-Fiction-Sachbuch. Erstveröffentlicht im Verlag Basic Books (New York). In Deutsch im November 2015 im Wilhelm Heyne Verlag (München) erschienen. Übersetzung von Michael Nagula. Taschen­buch, 768 Seiten.

 

Ich bekenne: Ich bin kein Star Wars-Nerd. Kein begeisterter Fan, der schon regalweise Bücher und Artikel über Star Wars gelesen hat, regelmäßig die zahllosen Blogs und Facebook-Gruppen zum Thema im Internet verfolgt und ohne mit der Wimper zu zucken jede einzelne Szene der Kinofilme schildern und aus dem Effeff analysieren kann. Ich liebe die Filme, keine Frage, denn sie sind wundervolle Space Operas – oder Space Fantasys, wie Chris Taylor sie eher zu nennen pflegt –, die mit ihrer tricktechnischen Brillanz völlig neue Maßstäbe für den Science-Fiction-Film gesetzt ha­ben. Aber ich bin kein mit geballtem Fachwissen beschlagener „Fan“. Dies sei nur vorausgeschickt, um darauf hinzu­weisen, dass ich die sachliche Richtigkeit der Fülle der Informationen im hier vorgestellten Buch nicht zu beurteilen vermag.

 

Und was für eine Fülle dieses Buch bietet! Auf über 700 Seiten erzählt der Wälzer eine extrem detaillierte und höchst anregend zu lesende „Geschichte des Star Wars-Franchises“. Dass der Autor des Buchs sein Handwerk – das unterhalt­same Schreiben – versteht, ist auf jeder Seite spürbar. Chris Taylor hat an der Oxford University und an der Columbia Graduate School of Journalism studiert und danach 20 Jahre lang für verschiedene Zeitschriften und Magazine als Journalist gearbeitet; inzwischen ist er Herausgeber von Mashable, eine der weltweit größten unabhängigen News-Webseiten. Darüber hinaus ist Taylor, seit er 1980 als Knirps Das Imperium schlägt zurück im Kino gesehen hatte, ein glühender Star Wars-Fan, der sich jahrzehntelang intensiv mit dem Franchise beschäftigte und sich daher erstklassig in der Materie und im Fandom auskennt.

 

Es begeistert, wie überaus flüssig, spannend und interessant dieses Buch geschrieben ist – ein echter Pageturner, den man kaum aus der Hand zu legen vermag. Hier werden keine kleinkarierten Grabenkämpfe zwischen verschiedenen Fanlagern ausdiskutiert, sondern eine sachliche Zusammenfassung der Genese und Geschichte des Star Wars-Fran­chises und die begleitende Entwicklung des Star Wars-Fandoms geboten. Chris Taylor hat dafür beeindruckend viele Leute, die in der einen oder anderen Weise an der Produktion der Kinofilme beteiligt waren, interviewt. Er hat sich aber auch intensiv mit mehreren Hardcore-Fans ausgetauscht – wie beispielsweise Albin Johnson, dem Gründer der Sturmtruppler-Organisation „501st Legion“, oder Steve Sansweet, der in seiner „Rancho Obi-Wan“ im kalifornischen Petaluma mit über 300.000 Objekten die größte Star Wars-Sammlung der Welt zusammengetragen hat.

 

Chris Taylor beginnt seine Geschichtsschreibung mit einem kleinen Jungen namens George Lucas (geb. 1944), der in den Fünfzigerjahren in Modesto, Kalifornien eine sorgenfreie und wohlhabende Kindheit verlebt, am Wochenende ganz vernarrt in die TV-Ausstrahlungen der alten Flash Gordon-Serials ist, ansonsten Space-Comics wie Tommy To­morrow liebt und durch diese Einflüsse von „Weltraumsoldaten“ träumt, die er immer und immer wieder zeichnet. Taylor verfolgt Lucas’ weiteren Weg als Teenager, der zunächst eine Karriere als Rennfahrer anstrebt, bis 1962 ein bei­nahe tödlicher Autounfall diesen Traum platzen lässt. Als Lucas später an der Filmhochschule der University of Califor­nia studiert, geistert in seinem Kopf bereits die Idee von einem Weltraum-Abenteuerfilm à la Flash Gordon mit „Welt­raumsoldaten“ umher – und er wundert sich, warum sonst niemand diese doch eigentlich naheliegende Idee hat. Nach seinen ersten Erfolgen als Regisseur von THX 1138 (1971) und American Graffiti (1973) bemüht sich Lucas vergeblich darum, die Filmrechte für ein modernes, spektakuläres Remake von Flash Gordon zu ergattern, und beginnt deshalb 1973 damit, erste Entwürfe für ein eigenes Weltraum-Märchen zu Papier zu bringen.

 

All das erzählt Chris Taylor außerordentlich minutiös und diskutiert dabei haarklein, welche verschiedenen Einflüsse George Lucas in diesen frühen Jahren geprägt haben – oder haben könnten – und wie diese sich in seinem Hirn schließlich zu Star Wars zusammenbrauten. Neben Flash Gordon inspirierten Lucas vor allem Akira Kurosawas Filme Die sieben Samurai (1954) und Die verborgene Festung (1958); weitere Quellen waren Westernfilme, Errol-Flynn-Aben­teuerfilme, Weltkriegsfilme, Märchen und Mythen und später auch Tolkiens Der Herr der Ringe. Lucas verfolgte dabei von Anfang an das Ziel, vor allem Kinder mit seinem unschuldigen, moralisch klar definierten Weltraum-Märchen zu begeistern. Chris Taylor will nichts weniger als dem Schaffensprozess auf die Spur kommen, was natürlich nur zu einem gewissen Grad gelingen kann. Doch es ist schon spannend mitzuverfolgen, wie konfus die Anfänge von Star Wars lange Zeit waren – von Lucas’ vier Drehbuchentwürfen zum Originalfilm glich kaum einer dem anderen, und die Figuren und der anfangs völlig wirre Plot wurden immer wieder umgeschrieben, auch in Hinblick auf vielfältige Kritik von Lucas’ Freunden und Vertrauten, die der Regisseur immer bereitwillig aufnahm.

George Lucas
„Der Schöpfer“ – George Lucas (geb. 1944)

Insbesondere die Entstehungsgeschichte von Star Wars bis zu den schwierigen Dreharbeiten in Tunesien und England und der Veröffentlichung des ersten Ori­ginalfilms am 25. Mai 1977 sind außerordentlich spannend zu lesen – zumindest für jemandem wie mich, der sich bisher mit dieser Geschichte noch nie intensiv befasst hatte. Wie nebenher entsteht auf diesem Wege nicht nur eine Ge­schichte des Franchises, sondern auch eine Biografie von George Lucas. Doch auch die weitere Entwicklung des Franchises, das der gigantische, weltweite Star Wars-Hype zu einer Milliarden-Dollar-Maschinerie explodieren ließ, erzählt Taylor mit gleichbleibender Akribie. Er geht auf die vielen, teilweise dreisten Nachahmungen wie beispielsweise Star Crash (1979) oder Sador – Herrscher im Weltraum (1980) ein, die im Kielwasser von Star Wars einen schnellen Dollar abschöpfen wollten, und erzählt von der teils schwierigen Produktion der Sequels Das Imperium schlägt zurück (1980) und Die Rückkehr der Jedi-Ritter (1983). Er schildert die lange Zeit danach, in der es keine neuen Kinofilme gab und das „Erweiterte Universum“ in Form von Romanen und Comics zu wuchern begann, und diskutiert die umstrittenen aufpolierten „Special Editions“ von 1997 und die noch umstritteneren Prequels Episode I–III (1999–2005), die das Star Wars-Fandom bis heute tief gespalten haben (Taylor selbst ist übrigens kein Freund der Prequels oder gar von Jar Jar Binks; ein ganzes Kapitel widmet er – augenzwinkernd – der „Trauerarbeit“, die er an den Prequels leisten musste, und der kasteienden Anstrengung, „wie ich lernte, die Prequels zu lieben“). Die letzten Kapitel des Buchs widmet Tay­lor dem Verkauf von Lucasfilm samt aller Star Wars-Rechte an den Disney-Konzern und der frohen, aber auch etwas bangen Erwartung der Fortsetzung der Star Wars-Filmreihe mit Episode VII: Das Erwachen der Macht (2015). Dieser Film erschien erst kurz nach Veröffentlichung des Buchs und konnte daher von Taylor – mit Ausnahme des Trailers – nicht mehr berücksichtigt werden.

 

Neben der Geschichte des „offiziellen“ oder „kanonisierten“ Star Wars in Form von Filmen, TV-Serien oder lizensierten Büchern und Comics sind Chris Taylors Schilderungen des Star Wars-Fandoms mit all seinen interessanten, teilweise auch verrückten oder abgedrehten Facetten mindestens ebenso unterhaltsam und interessant: Er berichtet von Blog­gern, Sammlern, Cosplayern, Laserschwert-Fechtmeistern, R2-D2-Konstrukteuren oder von Manuelito Wheeler, einem enthusiastischen Navajo und Museumsdirektor, dem es gelang, Star Wars in die Navajo-Sprache übersetzen und mit­ten in der Wüste im Navajo-Reservat uraufführen zu lassen. Die Kapitel zu diesen Themen streut Taylor immer wieder zwischen die Kapitel der „offiziellen“ Geschichte, um so sein Buch abwechslungsreicher zu machen – und das funktio­niert ganz hervorragend.

 

Ein tolles, wundervoll nerdiges Star Wars-Buch! Nach seiner Lektüre glaubt man gern, nunmehr so ziemlich alles über Star Wars erfahren zu haben – was natürlich Unsinn ist angesichts der uferlosen Fülle an Star Wars-Literatur. Aber das Buch hat das Verdienst, sicher durch diese uferlose Fülle zu navigieren und die Geschichte des Star Wars-Franchises griffig, aber dennoch detailliert darzustellen.

 

Kritik? Nun, im Einzelnen lassen sich natürlich auch hier und da Erbsen zählen, wenn man denn will. So überrascht zwar nicht die Ehrerbietung, die Chris Taylor George Lucas zukommen lässt und mit der er sich vermutlich einig mit dem Fandom weiß; er nennt Lucas immer wieder ein „Genie“, und allgemein scheint es wohl im Fandom üblich zu sein, Lucas als „den Schöpfer“ anzusprechen. Mich befremdet diese fast schon kriecherische Verehrung von George Lucas allerdings etwas; Fans der klassischen Kampfstern Galactica-Serie beispielsweise, zu denen ich mich zähle, ist etwas Ähnliches Glen A. Larson gegenüber völlig fremd. Lucas’ „Genie“ wird meines Erachtens auch über Gebühr herbeikon­struiert, wenn Taylor dem originalen Star Wars-Film bescheinigt, er sei politisch „subversiv“ und würde – Lucas zitie­rend – „einen ausgeklügelten sozialen, emotionalen und politischen Kontext auf[weisen]“ (S. 13), und das nur, weil das Imperium in Lucas’ Vorstellung eine Allegorie auf die expansionistischen USA gewesen war, oder wenn Taylor behaup­tet, dass Lucas angeblich gute 20 Jahre (!) damit verbracht hätte, „einen neuen Namen für Gott zu entwickeln [ge­meint ist natürlich ,die Macht‘], der von Religiösen und Nichtreligiösen gleichermaßen bereitwillig akzeptiert werden konnte“ (S. 62). Zweifel stellen sich auch ein, wenn Taylor behauptet, dass Lucas in seinem Kurzfilm Electronic Laby­rinth: THX 1138 4EB (1967) avangardistische Stilmittel eingesetzt habe, die heute „einem Haufen Studentenfilm-Klischees“ entsprächen, die Lucas aber damals „praktisch erfunden“ habe (S. 121) – ganz so, als hätte es die Nouvelle Vague oder Jean-Luc Godards Alphaville (1965) nie gegeben.

 

Insgesamt wird die Rolle, die Star Wars in unserer postmodernen, pluralistischen Pop- und Medienkultur spielt, nach meinem Empfinden von Chris Taylor stark überbewertet: „Schande und Verachtung“ (S. 15) gebührt jenen bedauerns­werten Leuten, die Star Wars nicht kennen (und die Taylor etwas seltsam als „Star Wars-Jungfrauen“ bezeichnet), den Planeten Erde bezeichnet Taylor inzwischen als „Planet Star Wars“ (S. 23), und auch sonst feiert er bei allen sich bieten­den Möglichkeiten die millionen- und milliardenschweren Umsatzrekorde, die Star Wars und das daran hängende Mer­chandising erreicht haben. Man kann diese überschwängliche Begeisterung eines Hardcore-Fans in einem Fan-Buch sicherlich nachsehen, wenn sie auch eine merkwürdige Verengung der Weltsicht auf die oberflächliche Popkultur er­kennen lässt.

 

Der einzige wirklich schwerwiegende Kritikpunkt an dem Buch ist, dass es keinen Index hat. Die Verlagswerbung nennt die Schwarte „den ultimativen Guide durch das Universum von Star Wars“ (Klappentext), doch für einen „Guide“ wäre ein Index, der die Masse an Informationen aufschlüsselt und wiederauffindbar macht, unverzichtbar gewesen. So lässt sich das Buch leider nur sehr umständlich als Informationsquelle handhaben.

 

Wie Star Wars das Universum eroberte ist ein journalistisch exzellentes, höchst unterhaltsames und beeindruckend informatives Buch zum Thema – großartige Lektüre für alle Star Wars-Fans oder auch nur für Star Wars-Freunde, die sich erstmals näher mit dem Phänomen Star Wars näher auseinandersetzen wollen. Überaus empfehlenswert!

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 7. Oktober 2017

George-Lucas-Foto © Jason Kempin/Getty Images