Jürgen Menningen: Filmbuch Science Fiction

Jürgen Menningen: Filmbuch Science Fiction. Unter Mitarbeit von Werner Dütsch. Verlag M. DuMont Schauberg, Köln 1975.

 

Science-Fiction-Sachbuch. Mit zahlreichen schwarzweißen und einigen wenigen farbigen Abbildungen, einer Bibliografie und im Anhang mit einer „Filmografie: Verzeichnis der seit 1945 in der Bundesrepublik gezeigten Science-Fiction-Filme“ (38 Seiten). Broschiert, 190 Seiten.

 

Dieses Buch ist die erste Monografie mit weiterer Verbreitung überhaupt, die in deutscher Sprache über das Science-Fiction-Kino erschienen ist. Die im Buch enthaltene Bibliografie verzeichnet nur zwei noch ältere, obskure deutsch­sprachige Titel: Der utopische Film. Eine Dokumentation (Aachen 1974) von Klaus Keller und das Buch Kino der Uto­pien, herausgegeben von der „Arbeitsgemeinschaft der deutschen Jugendfilmclubs und -gruppen im Verband der deutschen Filmclubs“ (Aachen 1968).

 

Menningens Filmbuch Science Fiction ist prall gefüllt mit movie stills, Aushangmotiven und Reproduktionen von Kino­plakaten in hervorragender Bildqualität – zumeist in Schwarzweiß –, und so ist das Buch, wenn es auch einen beglei­tenden, knappen Fließtext bietet, in erster Linie ein Bildband, in dem zu blättern auch heute noch ein visueller Genuss ist. Es überwiegen dabei auffälligerweise ältere Science-Fiction-Filme und -Serials aus den Dreißiger- bis in die Fünfzi­gerjahre; Filme der Sechziger- und Siebzigerjahre sind dabei stark unterrepräsentiert. Die Filmbilder sind locker thema­tisch sortiert, das heißt sie sind locker mit dem Fließtext des Buches korreliert, wirken aber dennoch manchmal auch ein wenig zusammengewürfelt oder in Hinblick auf das jeweilige Thema des Textes deplatziert. Unterstrichen wird dieser etwas beliebige Eindruck durch den Umstand, dass das Buch keine Kapiteleinteilung kennt: Text und Bilder laufen in einem einzigen Fluss durch.

Karikatur von 1972: Präsident Nixon und der Truppenabzug im Krieg in Vietnam
Dinosaurier in der Science-Fiction . . . haben herzlich wenig mit Dinosauriern in Karikaturen zu tun

Ein interessanter Ansatz des Buches ist, dass es den Filmbil­dern oft Illustrationen aus klassischen Romanen, Märchenbü­chern, Pulp-Magazinen oder Comics zur Seite stellt, um motiv­geschichtliche Zusammenhänge deutlich zu machen. Nicht immer freilich wirken diese Gegenüberstellungen überzeu­gend oder zwingend, wie beispielsweise auf S. 67: Dort wird eine aus der Presse entnommene Karikatur, in der Präsident Nixon einem als „Krieg in Vietnam“ bezeichneten verdutzten Dinosaurier die Schwanzspitze mit einer Axt abhackt – sprich: eine Anti-Vietnam-Krieg-Karikatur – Filmbildern von Dinosau­rierfilmen wie Der Flug zur Hölle (1957) oder Gwangis Rache (1968) hinzugesellt. Was zum Henker diese Karikatur mit den Filmen zutun haben soll, erschließt sich beim besten Willen nicht.

 

Das Buch beginnt mit einem nicht illustrierten Essay (S. 5–8), in dem Jürgen Menningen das Science-Fiction-Kino als Ganzes zu charakterisieren versucht. Der intellektuelle Gehalt der hier getroffenen Aussagen ist dabei nach meinem Dafürhalten durchwachsen. Menningen zielt grosso modo darauf ab, den Science-Fiction-Film als Aben­teuerspielplatz für Kinder und für groß gewordene Kinder – das Kind im Manne – zu erklären:

 

Wer ins Science Fiction-Kino geht, kommt auf einen Spielplatz. Es gibt Räuber- und Gendarmspiele, Lärm- und Zerstörungsspiele, Kampf- und Kriegsspiele, Rätselspiele, Doktorspiele. Es gibt die infantile Freude am Suchen, Verstecken, Fangen, am Verkleiden, am Zusammenbasteln und Kaputtmachen, den Spaß an Banden und Geheimbünden, die Lust am Knallen und Schießen und auch wie im Kinderspiel am fiktiven Töten und Sterben. (S. 5)

 

„Das Spielangebot der Filme steckt voll alter Knabenträume“, sagt er noch (ebda.), und auch im Rest des Buches hebt Menningen immer wieder auf das Infantile, die „Recreation of Childhood“, wie John Brosnan es einmal nannte, als die eigentliche Essenz des Science-Fiction-Films ab. Wenngleich sich diese Dimension der Faszination des Science-Fiction-Kinos sicherlich nicht leugnen lässt – und es ist gewiss kein Zufall, dass die meisten Fans dieser Filme (wie auch ich!) in ihren persönlichen Kindertagen unsterblich von ihnen begeistert worden sind –, so scheint mir dieses Momentum der Filme nicht hinreichend zu sein, um ihre Faszination in vollem Umfang zu fassen. Science-Fiction-Filme sind Spielwel­ten, ja – aber letztlich sind alle Filme Spielwelten, lustvoll erfahrene Fiktionen, und der homo ludens, der spielende Mensch, ist zunächst Kind, aber später eben auch Erwachsener. Infantile Triebe und Prägungen mögen die Vorlie­ben des Er­wachsenen mitbestimmen, doch sagt das im Umkehrschluss nicht allzuviel über den Science-Fiction-Film aus, der oft genug mehr ist als nur ein kindliches Abenteuerspiel.

 

Ein zweiter zentraler Kritikpunkt an Menningens Auffassung des Science-Fiction-Kinos ist seine penetrant wiederholte Behauptung, Science-Fiction-Filme seien „Bastelarbeiten“, praktisch aus Schrott zusammengesetzte Spielwelten, die die kindliche Lust am Basteln, am naiven Zurechtmachen der Welt, wiederholen. Roboter und technische Wunder­werke im Science-Fiction-Film sind nichts als zu belächelnde Fabrikate, die der tatsächlichen Monstrosität der realen technologi­schen Welt in keiner Weise gerecht würden. Dass aber vielmehr umgekehrt die filmischen Modellierungen die Ängste um die Mon­strosität des technischen Fortschritts zu allen Zeiten reflektiert und thematisiert haben, wird von Menningen nur hier und da eingeräumt. Menningen ist stattdessen der Meinung, dass das „Bastelkino“ des Science-Fiction-Films seinen Motivschatz vor allem aus den Gaukeleien und technischen Blendwerken des Jahrmarkts geschöpft habe, wo das Kino einst um die Jahrhundertwende bevorzugt vorgeführt wurde. Folgerichtig metaphori­siert er den Science-Fiction-Film denn auch mit einer „Geisterbahn“. Hier scheint mir der Autor nun vollends auf dem Holzweg ge­raten zu sein. Denn der reichhaltige Motivschatz des Genres, sofern er sich auf das eigentliche Erzählen einer Ge­schichte und nicht nur auf Gadgets bezieht, ist viel älter – er stammt aus der Literatur, aus Pulps und aus Comics, aber mit Sicherheit nicht vom Jahrmarkt, auch wenn Georges Méliès noch so sehr vom Jahrmarkt beein­flusst gewesen sein mag.

 

Menningen reicht freilich seine Kennzeichnung des Science-Fiction-Films als naiv und infantil am Ende doch nicht ganz aus. So kommt er am Rande auch auf tiefenpsychologische und auf politische Dimensionen des Filmgenres zu spre­chen.  Dabei wiederholt er den sattsam bekannten Vorwurf, dass der Science-Fiction-Film bereitwillig als Propaganda-Instrument missbraucht wurde: „Seinen schlechten Ruf verdankt das Genre in erster Linie seiner Durchlässigkeit für politische Propaganda“, behauptet der Autor (S. 7). Man ist gewillt, darauf zu erwidern: Nein, seinen schlechten Ruf verdankt das Genre – mit John Baxter – in erster Linie seinen schwachen Figurenzeichnungen, seinen hanebüchenen Plots, seinen haarsträubenden Dialogen, seiner schwachen „Wissenschaftlichkeit“ und seinen defizitären cineastischen Mitteln. Überdies waren auch im älteren Science-Fiction-Kino längst nicht alle Filme propagandistisch-regierungstreu; ein gutes Gegenbeispiel ist etwa Rakete Mond startet (1950), eine eindringliche Warnung vor den Folgen eines Atom­kriegs.

 

Am Ende seines Essays verkündet Menningen – sehr kühn –, dass es mit dem „Science Fiction-Bastelkino“ zu Ende gehe; es würde nur noch sich selbst wiederholen, und „auch letzte Kurskorrekturen können das Genre nicht mehr retten“ (S. 8). Wie falsch der Autor hier liegt, braucht nicht ernsthaft diskutiert zu werden. Symptomatisch scheint mir der Totenschein, den er pathetisch dem Genre ausstellt, in anderer Hinsicht zu sein: Offenbar drückt sich hier granteln­de Resignation eines Autors aus, der mit Blick auf liebgewonnene alte Genrefilme jüngere Genrefilme nur ablehnen kann – als leblos, entzaubert, nichtssagend, als ein fades Kaleidoskop altbekannter Motivbausteine. Wohl deshalb finden sich in diesem Buch auch keine movie stills jüngerer Filme. Jürgen Menningen liebt King Kong und Frankenstein – danach scheint es für ihn nichts mehr von Wert zu geben.

 

Nach dem Essay beginnt Jürgen Menningen seine illustrierte Tour durch das Genre, die, wie bereits erwähnt, keine Kapiteleinteilungen hat. Ich habe für diese Rezension den Versuch unternommen, das Buch in thematische Kapitel einzuteilen, und dabei zwölf Themen isoliert, die ich hier aus Zweckmäßigkeit einmal eigenmächtig tituliert habe:

 

1. Reise und Abenteuer (S. 9–23)

2. King Kong und andere Affenmenschen (S. 24–38)

3. Die Schöne und das Biest (S. 39–51)

4. Rache der Natur (S. 52–62)

5. Dinosaurier, Drachen und Godzilla (S. 63–69)

6. Das Science-Fiction-Kino als Bastelstube (S. 70–79)

7. Raumfahrt (S. 80–83)

8. UFO-Invasionen (S. 84f.)

9. Katastrophenfantasien (S. 86 –91)

10. Roboter (S. 92–99)

11. Der künstliche Mensch, Frankenstein und mad scientists (S. 100–133)

12. Serials und Superhelden (S. 134–146).

 

In seinem thematischen Streifzug durch das Filmgenre bringt Jürgen Menningen viele Ansichten zum Ausdruck, die mich leider fast immer zum Widerspruch herausgefordert haben. Sehr oft bringt Menningen lange Zitate aus philoso­phischen Schriften von Roland Barthes, Claude Lévi-Strauss oder Walter Benjamin an, die seine Sichtweise wohl unter­mauern sollen, die tatsächlich aber einen Bezug zum Science-Fiction-Film allzu oft vermissen lassen. Inwiefern erhellt zum Beispiel das vermeintlich geistreiche Geschwafel von Lévi-Strauss über die Natur des angefertigten Modells, der plasti­schen, verkleinerten Totale eines riesigen Artefakts, die Natur der im Science-Fiction-Film genutzten Modelle von Kapitän Nemos U-Boot, deren Abbildungen Lévi-Strauss’ Text gegenübergestellt werden (S. 15)? In seiner Verklei­ne­rung wirkt das abgebildete Objekt weniger furchteinflößend, meint Lévi-Strauss, und im Erkennen der Künstlichkeit des Modells, seines Gemachtseins, wird „seinem Sein eine weitere Dimension hinzugefügt“. Aha. Im Science-Fiction-Film geht es allerdings um das genaue Gegenteil: Das Modell soll das Objekt repräsentieren, möglichst realistisch, möglichst bombastisch, möglichst furchteinflößend – sein „Gemachtsein“ soll dabei tunlichst verschleiert werden.

Szenenfoto aus dem Film "Frankenstein" (USA 1931) von James Whale mit Boris Karloff als Frankensteins Monster
Ein im Buch stark repräsentiertes Thema – "Frankenstein" (1931) von James Whale

Hat Roland Barthes Recht, wenn er die Faszination der Reise bei Jules Verne nicht der „Mystik des Abenteuers“, son­dern dem „Glück des Eingegrenzten, das man in der kindlichen Leidenschaft für Hütten und Zelte wiederfindet“, zu­schreibt (S. 12)? Und was sagt das jenseits von Verne-Verfilmungen über abenteuerliche Science-Fiction-Filme aus? Und weshalb wird diesem Text ein Bild aus Jack Arnolds Film Gefahr aus dem Weltall (1953) hinzugestellt, der nichts mit einer abenteuerlichen Reise zu tun hat? Ist der Eisenhans aus dem gleichnamigen Grimm-Märchen wirklich mit Jack Arnolds Kiemenmenschen aus Der Schrecken vom Amazonas (1954) vergleichbar, wie Menningen meint (S. 46)? Ich meine: nein. Hat Walter Benjamin Recht, wenn er, wie auf S. 102 zitiert, esoterisch davon raunt, dass die üppige bürgerliche Möblierung der 1860er- bis 1890er-Jahre nur „einer Leiche heimisch“ zu werden vermag, Benjamin also in der Möblierung sozusagen den gotischen Horror genuin angelegt sieht? Halten wir hier einen Schlüssel für das Ver­ständnis „gotischer“ Horrorfilme in Händen? Wieder meine ich: mitnichten. Oder das Thema Raumfahrt (das in Mennin­gens Buch überhaupt seltsam stiefmütterlich behandelt wird): Ist es wahr, dass der Traum der Raumfahrt „nicht mehr zündet“, wie Menningen im Anschluss an viele andere Autoren meint, weil die Raumfahrt inzwischen Wirklichkeit geworden ist und die Aussicht auf fantastische neue Welten nicht einzulösen vermochte (S. 80)? Auch hier: Pardon, das sehe ich vollkommen anders.

 

Es ließen sich noch weitere Beispiele dieser Art anführen – insbesondere stößt Menningens Bestimmung des filmi­schen Roboters als harmloses Blechspielzeug, das kaum ernst genommen werden kann, angesichts des so großartigen, dämonischen Roboters in Fritz Langs Metropolis (1927) sauer auf –, aber das Hauptproblem des Buchs sollte auch so bereits klar geworden sein: Jürgen Menningen heischt nach intellektuellem Tiefgang, doch wirken seine Bestimmun­gen und zusammenhangslos hinzugezogenen philosopischen Zitate nur prätentiös und wenig durchdacht. Als Nutzer dieses Buchs sollte man somit nicht zuviel vom Text erwarten; er mag hier und da Denkanstöße liefern, argumentiert alles in allem jedoch enttäuschend schwach, manchmal auch marxistisch-ideologisch vernebelt, wie das in den Siebzigern nun mal leider üblich war. Als Bilderbuch zum Science-Fiction-Kino ist das Filmbuch Science Fiction aber immer noch ein sehr schöner, qualitativ hochwertiger Band.

 

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 10. März 2017

Szenenfoto Frankenstein © Universal Pictures