Curt Siodmak: Donovans Gehirn

Donovan’s Brain (1942). Science-Fiction-Roman. Erstveröffentlicht in drei Teilen im Pulp-Magazin Black Mask, September – November 1942. Die erste Buchausgabe erschien im Februar 1943 als Hardcover im Verlag Alfred A. Knopf. Die deutsche Erstausgabe erschien als Hardcover unter dem Titel Der Zauberlehrling (1951) in der Übersetzung von Mary Brand (alias Maria von Schweinitz). Später erschienen auch einige Taschenbuchausgaben.

 

Vorliegend ist die Ausgabe aus der Bibliothek der Science Fiction Literatur (Band 34) vom Wilhelm Heyne Verlag (München), herausgegeben von Wolfgang Jeschke, erschienen im Juni 1984. Übersetzung von Mary Brand, Coverillustration und Illus­trationen im Band von John Stewart. Taschenbuch, 204 Seiten.

 

Der Mediziner Dr. Patrick Cory lebt mit seiner Ehefrau Janice zurückgezogen in einer Kleinstadt in der Nähe von Phoe­nix in Arizona und widmet seine ganze Zeit der Hirnforschung. Er entnimmt Affen ihre Gehirne, er­hält sie in einem Glastank mit einer speziellen Lösung und an Versorgungsleitungen angeschlossen künstlich am Leben und erforscht in diesem Zustand ihre Reflexe. Als in der Nähe das Privatflugzeug des steinreichen Handels­magnaten Warren Horrace Donovan abstürzt, wird Cory als nächstgelegener Arzt zur Unglücksstelle gerufen, die sich auf einem schlecht zugäng­lichen Berg befindet. Cory steigt mit einem Trupp Helfer auf den Berg und versorgt den schwer verletzten Donovan ärztlich so gut es geht – unter anderem ist er gezwungen, ihm beide Beine zu amputieren –, doch während des Trans­ports den Berg hinab wird der bewusstlose Patient immer schwächer. Cory erkennt, dass Donovan unweigerlich ster­ben wird.

 

Cory sieht seine Chance gekommen. Er lässt Donovan in sein Labor bringen, entwendet heimlich sein Gehirn, füllt Do­novans Schädel mit Mullbinden auf, verbirgt die Schädelöffnung unter Bandagen und erklärt den Helfern, dass Dono­van seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Im Krankenhaus, in das Donovans Leiche gebracht wird, fällt Corys Be­trug nicht auf.

 

In den folgenden Wochen und Monaten bemüht sich Cory vergeblich, mit Donovans Gehirn Kontakt aufzunehmen – unter anderem mit Morsezeichen und dem Versuch, die EEG-Kurven des im Glastank schwebenden Gehirns logisch auszuwerten. Der mit Cory befreundete Dr. Schratt, einst selbst ein vielversprechender medizinischer Forscher, inzwi­schen aber nur noch ein alkoholabhängiger, desillusionierter Provinzarzt, ist der einzige, der von dem Diebstahl von Donovans Gehirn weiß. Er missbilligt Corys unheimliche Forschung, dennoch hilft er Cory. Er mutmaßt, dass Telepa­thie der einzige Weg sein dürfte, mit Donovans Gehirn Kontakt aufzunehmen, auch wenn dieses Gebiet wissenschaft­lich noch fast gar nicht verstanden ist. Cory versucht daraufhin, seinen Geist vollkommen zu leeren und in Trance den Kontakt herzustellen – und tatsächlich beginnt Cory wie ferngesteuert mit einer fremden Handschrift eine Liste ihm unbekannter Namen aufzuschreiben.

 

Je länger Cory das Gehirn in seinem Glastank nährt und versorgt, desto kräftiger werden die elektromagnetischen Wellen, die es aussendet. Es beginnt, neue Hirnmasse zu bilden und wuchernd zu wachsen. Der telepathische Einfluss des Gehirns auf Cory wird immer mächtiger, bis Cory nicht mehr in der Lage ist, Donovan aus seinem eigenen Gehirn zu verdrängen. Er wird zur willenlosen Marionette Donovans und ist nicht mehr Herr seines eigenen Körpers. Donovan schickt Cory nach Los Angeles, um dort einige Dinge zu regeln, die mit Donovans ungeliebten Kindern und den Fein­den von Donovan zu tun haben. Cory wird immer tiefer in die kriminellen Machen­schaften Dono­vans verstrickt, ohne deren Zusammenhänge klar zu durchschauen. Schließlich schreckt Donovan sogar vor Mord­anschlä­gen nicht mehr zurück, und selbst Corys Frau Janice und Schratt geraten in große Gefahr . . .

 

Ein Gehirn als telepathisches Monster

 

Curt Siodmak (1902–2000) zählt zu den ganz großen Namen im Horror- und Science-Fiction-Film. Als Sohn jüdischer Eltern in Dresden geboren, begann er noch während seines Studiums der Mathematik, Physik und Ingenieurswissen­schaften, fantastische Romane und Kurzgeschichten zu schreiben und sich gleichzeitig für das Filmgewerbe zu interes­sieren. Sein Bruder war der zu viel Ruhm gelangende Filmregisseur Robert Siodmak (1900–1973), sein Onkel der sehr er­folgreiche Filmproduzent Seymour Nebenzal (1899–1961). Nach einem unbedeutenden Einsatz als Statist in Fritz Langs Metropolis (1927) und der Mitwirkung als Autor am dokumentarischen Film Menschen am Sonntag (1929), bei dem sein Bruder Robert und Edgar G. Ulmer (1904–1972) die Regie führten, Ulmer und Nebenzal die Produktion übernahmen und Eugen Schüfftan (1893–1977) hinter der Kamera stand, gelang Curt Siodmak mit dem Science-Fiction-Roman F.P. 1 ant­wortet nicht (1931) der erste große, eigenständige Erfolg. Das Buch wurde ein Jahr später sehr erfolgreich von der UFA verfilmt; Hans Albers, Sybille Schmitz und Peter Lorre spielten die Hauptrollen, und das Drehbuch schrieben Curt Siodmak selbst und Walter Reisch. Siodmak schrieb noch zahlreiche weitere Storyentwürfe und Drehbücher, bis er 1933 vor den Nazis ins Ausland emigrierte – zunächst in die Schweiz, später nach Frankreich und Großbritannien und 1937 schließlich in die USA, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.

Curt Siodmak (1902–2000)
Curt Siodmak (1902–2000)

In Hollywood gelang es Siodmak, seine Karriere als Autor fortzusetzen. Sein vielleicht größter Erfolg ist das von ihm verfasste Drehbuch für den Universal-Horrorfilm Der Wolfsmensch (1941) mit Claude Rains, Warren William und Bela Lugosi. Der Film wurde zum Genreklassiker und begründete einen modernen Mythos. Siodmak schrieb in den folgenden Jahren noch zahlreiche weitere Storyentwürfe und Drehbücher für Horror- und Science-Fiction-Filme, unter anderem für Frankenstein trifft den Wolfsmenschen (1943), Ich folgte einem Zombie (1943), Draculas Sohn (1943), Frankensteins Haus (1944), Die Braut des Gorilla (1951; auch Regie), R 3 überfällig (1954), Creature With the Atom Brain (1955) und Fliegende Untertas­sen greifen an (1956). All diese Arbeiten machten Curt Siodmak nicht reich – Drehbuchautoren verdienten nicht viel in jenen Tagen –, aber sie gaben ihm ein solides Auskommen.

 

1942 erschien im monatlichen Pulp-Magazin Black Mask Curt Siodmaks bekanntester Science-Fiction-Roman Donovans Gehirn. Die im Februar 1943 veröffentlichte Buchausgabe des Romans wurde zu einem Bestseller. Orson Welles machte ein Jahr später aus dem Buch ein Radio-Hörspiel, und Republic Pictures verfilmte den Roman unter dem Titel The Lady and the Monster (1944). Regie führte George Sherman, und Erich von Stroheim spiel­te den wahn­sinnigen Professor Franz Mueller, der anstelle des rechtschaffenen Dr. Cory (Richard Arlen) das Experiment mit einem verbrecherischen menschlichen Gehirn durchführt. Das Buch wurde später noch zwei weitere Male verfilmt. Donovans Hirn (1953) von Felix Feist folgt dabei am engsten der Romanvorlage, während die dritte und bislang letzte Verfilmung Ein Toter sucht seinen Mörder (1962) von Freddie Francis nur auf Schockmomente konzentrierte Horror-Routine bietet.

 

Curt Siodmaks Roman ist ein gerissener Mystery-Thriller mit einer starken Science-Fiction-Prämisse: die telepathische Machtübernahme eines explantierten Gehirns über einen mad scientist, der zuvor das Gehirn für ein gefähr­liches Ex­periment missbraucht. Die telepathische Übernahme fremder Gehirne war im Golden Age der Science-Fiction ein sehr beliebtes Thema und bildet insofern keine originäre Grundidee, und auch das Mo­tiv des mad scientist war seit den Anfängen der Horrorliteratur ein oft genutzter Topos. Allerdings gelingt es Siod­mak, die verzweifelt erfahrene Ver­drängung des eigenen Geistes und Willens im eigenen Kopf durch einen frem­den Geist intensiver und glaubwürdiger zu erzählen, als das sonst für gewöhnlich der Fall war. Der Roman ist durch­gängig in Form von Tagebucheintragun­gen von Dr. Cory aus der Ich-Perspektive geschrieben, wodurch der Leser das Erleben der Hauptperson unmittelbar nach-empfinden kann.

 

Selbstverständlich ist Telepathie damals wie heute pure Science-Fiction. Siodmak stellte sie sich wie die meisten sei­ner Schriftstellerkollegen als eine geheimnisvolle Form von Gehirnwellen vor, die dem „wissenschaftlichen“ Anstrich zuliebe auf elektromagnetische Begriffe heruntergebrochen wird. Physikalisch gerät das alles im Endeffekt etwas schwammig – vielleicht ein wenig enttäuschend von einem physikalisch studierten Autor –, und Begriffe wie Alpha-, Beta- und Delta-Wellen, Potenzial, Spannung, Ladung und Leistung gehen hier munter durcheinander. So drückt Siod­mak bei­spielsweise die ständig steigende Leistung von Donovans Gehirn in Mikrovolt aus, einer Einheit für Spannung. Doch die Kritik am ohnehin nur sparsam eingesetzten science babble im Roman ist letzten Endes nur ein Nebenaspekt und schmälert nicht dessen Stärken.

“Black Mask” vom September 1942, das Heft, in dem der erste Teil von “Donovan's Brain” erstmals erschien
“Black Mask” vom September 1942, das Heft, in dem der erste Teil von “Donovan's Brain” erstmals erschien

Spannender und überzeugender ist die schizophrene Erfahrung, die Siodmak im Kopf seines Helden Dr. Cory schildert. Der Arzt lässt in seinem Tagebuchbe­richt keinen Zweifel an seinen Zielsetzungen: Er ist, wie er freimütig bekennt, besessen von seiner Arbeit und seinem eigenen Genie, und er vernachlässigt darüber ohne irgendwelche Gewissensbisse seine Frau Janice. Erst am Ende des Romans wird Cory in dieser Hinsicht geläutert, und Janice wird ihm zu einem wichtigen Rettungsanker. Cory stiehlt Donovans Gehirn nicht nur des­halb aus seinem Schädel und erhält es in einem Glastank künstlich am Leben, weil er sich dadurch Forschungsergebnisse über die Natur des mensch­lichen Geistes erhofft, sondern aus einem schlichten Grund, aus dem Wissen­schaftler nicht selten handeln: weil er es kann. Kurzum: Dr. Cory ist ein mad scientist, wie er im Buche steht, eine originelle Version von Dr. Franken­stein, der vom selbst geschaffenen Monster heimgesucht und tödlich bedroht wird – allein durch psychopathologische Schrecken. Und er überschreitet göttlich gezoge­ne Grenzen, die „dem Menschen nicht zu überschreiten er­laubt sind“ – wie ihn die Stimme seines Gewissens, Dr. Schratt, düster warnt.

 

Nachdem Donovans Gehirn das Gehirn und den Körper von Dr. Cory telepa­thisch übernommen hat, bewegt sich der Roman in den typischen Bahnen ei­nes ausgekochten Crime-Thrillers mit den üblichen Noir-Zutaten: geheimnisvolle, psychotische Frauen wie Donovans Tochter Chloe, eisenharte, kriminelle Egozentriker, die dubiose Geldgeschäfte abwickeln, sowie ein undurchschauba­res Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten, in dem sich Dr. Cory, unwissend, ständig wie auf einem Minenfeld bewegt und dabei doch eine erstaunliche Souveränität an den Tag legt. Donovan beherrscht am Ende Dr. Corys Körper vollkommen, sodass Cory sogar Donovans Bewegungen wie etwa seine Handschrift oder sein auffälliges Hinken nach­ahmt und Donovans einstige Gebrechen wie eine schmerz­hafte Nierenschwäche nachempfindet. Donovan benutzt Cory für die Durchführung seiner Ziele und geht dabei mit zunehmender Brutalität vor. Er lässt ihn sogar einen Mord­anschlag auf eine Zeugin in einem Mordprozess ausüben, weil er den angeklagten Mörder mit allen Mitteln vor der Exekution bewahren und freigesprochen sehen will. Dass sich am Ende des Romans herausstellt, dass die Befreiung dieses Mörders eine Wiedergutmachung für ein Unrecht darstellen soll, das Donovan vor Jahrzehnten begangen hat, will nicht recht zum brutalen Charakter Donovans passen und wirkt daher unglaubwürdig. An dieser Stelle haben die Verfilmungen das Thema zwingender behandelt: Donovan verfolgt dort gnadenlos nur seine eigenen, egoistischen Interessen.

 

Der Roman ist sehr geradlinig und temporeich geschrieben und baut eine Spannung auf, der sich der Leser kaum ent­ziehen kann, zumal erst nach und nach die Hintergründe von Donovans einstiger Existenz und seiner Verfehlungen aufgedeckt werden. Das Buch ist auch heute noch überaus gut lesbar. Die größte Enttäuschung indes bereitet Dono­vans Gehirn selbst. Denn die interessanteste Frage in der Versuchsanordnung des Romans wäre ja wohl, wie denn ein derart von seinem verstorbenen Körper isoliertes Gehirn seine Existenz erleben würde – abgeschnitten von jeglichen Sinnesorganen und Eindrücken, eingekerkert in ewiger Dunkelheit und den eigenen Denkprozessen. Siodmak lässt uns allerdings niemals in Donovans Gehirn und sein Denken hineinsehen; Cory hat an keiner Stelle einen direkten, kommu­nikativen Kontakt zu Donovans Bewusstsein, das sich daher auch nirgends im Roman artikuliert. Für Siodmak ist ein von seinem Körper getrenntes und künstlich am Leben erhaltenes Gehirn nur eine abnorme Monstrosität, die auf­grund seiner Widernatürlichkeit übernatürliche Fähigkeiten entwickelt – telepathische Macht und widerwärtiges, wu­cherndes Wachstum. Das ist selbstverständlich ein völlig surreales Horrormotiv und hat daher wenig mit Science-Fiction im engeren Sinne zu tun. Nichtsdestotrotz ist Donovans Gehirn ein faszinierender, gelungener Roman und zählt nach meinem Dafürhalten allemal zu den bemerkenswerteren Beiträgen zur Science-Fiction-Literatur. Ich würde sogar den oft bemühten Begriff „Meilenstein“ hier anbringen wollen.

 

Bleibt noch anzumerken, dass Curt Siodmak Jahre später noch zwei weitere Romane mit Dr. Patrick Cory als Hauptfi­gur schrieb: Hausers Gedächtnis (1968) und Ich, Gabriel (1986). Beide Romane sind aber jeweils thematisch sehr eigen­ständig und daher nicht wirklich als Sequels zu Donovans Gehirn zu sehen. Die vielleicht beste Neufassung des Grund­themas von Donovans Hirn hat hingegen der Großmeister des schwarzen Humors Roald Dahl (1916–1990) geschrieben: Seine Kurzgeschichte William und Mary (1959), die jüngst vom Rowohlt Taschenbuch Verlag in der Dahl-Anthologie Alle Küsschen! (2016) neu aufgelegt wurde, ist eine wunderbar geschriebene, böse, makabre Erzählung, in der sich ein sterbenskranker Mann das Gehirn explantieren lässt. Das Procedere, wie genau diese Explantation vor sich geht, wird dabei – anders als in Siodmaks Roman – genüsslich in allen blutigen Details minuziös ausgemalt. Eine absolut empfeh­lenswerte Lektüre!

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 30. Mai 2017