Die Bestie aus dem Weltenraum

DVD-Cover zum Film "Die Bestie aus dem Weltenraum" (Twenty Million Miles to Earth, USA 1957) von Nathan Juran und Ray Harryhausen

Twenty Million Miles to Earth (USA 1957)

 

Regie: Nathan Juran

Drehbuch: Robert Creighton Williams und Christopher Knopf, nach einer Story von Ray Harryhausen und Charlotte Knight

Kamera: Irving Lippman, Carlos Ventigmiglia. Schnitt: Edwin Bryant. Musik: Mi­scha Bakaleinikoff. Spezialeffekte: Ray Harryhausen (Animation), Larry Butler.

Darsteller: William Hopper (Colonel Robert Calder), Joan Taylor (Marisa Leo­nardo), Frank Puglia (Dr. Leonardo), John Zaremba (Dr. Judson Uhl), Thomas Browne Henry (General A. D. MacIntosh), Bart Bradley (alias Bart Braverman; Pepe), Tito Vuolo (Charra, Comissario der sizilianischen Polizei) u. a.

Produzent: Charles H. Schneer

Companies: Morningside Productions, im Vertrieb der Columbia Pictures

Laufzeit: 84 Min.; Schwarzweiß (auch nachkoloriert)

Premiere: Juni 1957 (USA); 6. September 1957 (Deutschland)

 

Vor Sizilien stürzt eine bemannte Rakete der USA ins Meer, die bei ihrer Rückkehr von einer Expedition zur Venus von einem Meteoriten beschädigt wurde. Nur zwei der Astronauten können von sizilianischen Fischern gerettet werden: der Captain der Rakete Colonel Calder und der Wissenschaftler Dr. Sharman. Letzterer stirbt kurz darauf an einer lepra­ähnlichen Venuskrankheit im Hospital. Derweil findet der kleine Junge Pepe am Strand vor der Unglücksstelle einen seltsamen Behälter, der offensichtlich aus dem Raumschiff stammt und eine Art glibberiges Ei enthält, das die Raum­fahrer von der Venus mitgebracht haben. Pepe verkauft das Ei an den fahrenden Dottore Leonardo, einem Zoologen. Kurz darauf schlüpft ein kleines drachenähnliches Wesen aus dem Ei. Allerdings wächst das Wesen unter dem Einfluss der Erdatmosphäre beängstigend rasch und kann bald aus Leonardos Käfig ausbrechen. Calder, das Pentagon und die italienischen Streitkräfte setzen alles daran, das ständig wachsende Tier wieder einzufangen . . .

 

Ray Harryhausens King Kong

 

Die Bestie aus dem Weltenraum ist eines der vielen filmischen Schmuckstücke aus der Werkstatt des Stop-Mo­tion-Meisters Ray Harryhausen (1920–2013). Der Film ist sehr gut getrickst, recht spannend aufgebaut und legt auch ein an­ge­nehm kurzweiliges Tempo vor. Der typische Giant-Monster-on-the-Loose-Plot orientiert sich wie schon in Harry­hausens Solo-Debut Panik in New York (1953) stark am großen Vorbild King Kong und die weiße Frau (1933), dessen Stop-Motion-Effekte seinerzeit von Ray Harryhausens Lehrmeister Willis O’Brien (1886–1962) auf die Leinwand gezau­bert worden waren: Die entfesselte Bestie ist wie in King Kong ein entwurzeltes, bedrohliches Wesen aus einer frem­den Welt, das in der menschlichen Zivilisation keinen Platz hat und gejagt wird. Das Monster wird schließlich zur Strecke gebracht und geht spektakulär zugrunde.

 

Es beeindruckt, was Ray Harryhausen aus dem von ihm perfektionierten Stop-Motion-Verfahren herausholt. Sein ve­nusisches Monster ist hervorragend animiert und wirkt sehr geschmeidig und lebendig, wofür vor allem die gut ge­timten Bewegungsabläufe und die ständigen Schwanzbewegungen des Tieres sorgen. Besonders gelungen sind der spektakuläre Kampf der Bestie mit einem Elefanten in den Straßen von Rom und die Szenen, in denen das Monstrum auf den Zinnen des Kolosseums herumstolziert. In beiden Sequenzen wird das Vorbild King Kong besonders stark spürbar, erinnern sie doch an King Kongs Kampf mit einem Tyrannosaurus rex und King Kongs Aufstieg auf das Dach des Empire State Building. Die Bestie wird für gewöhnlich „Ymir“ genannt, da Ray Harryhausen sie in früheren Story­entwürfen so getauft hatte (nach dem Vater der Giganten in der nordischen Mythologie); im Film selbst bleibt das Tier jedoch namenlos.

Szenenfoto aus dem Film "Die Bestie aus dem Weltenraum" (Twenty Million Miles to Earth, USA 1957) von Nathan Juran und Ray Harryhausen; Joan Taylor und der Ymir
Marisa (Joan Taylor) betrachtet skeptisch die frisch geschlüpfte Bestie aus dem Weltenraum

Die Bestie aus dem Weltenraum (im deutschsprachigen Raum auch unter den Titeln Die Bestie aus dem Weltraum und Dinosaurier bedrohen Rom bekannt) hatte ein ähnlich bescheidenes Budget und eine ähnlich schlichte Story wie Panik in New York. Obwohl der Film durchaus unterhaltsam ist, reicht er doch nirgends an sein Vorbild King Kong und die weiße Frau heran und fällt auch deutlich hinter Panik in New York zurück.

 

Wohlmeinende Kritiker betonen häufig die gelungene, Symphatie schürende Gestalt des Ymir, der wie eine bizarre Kreuzung zwischen Mensch und Reptil wirkt. Tatsächlich hält sich die Symphatie für den Ymir allerdings in Grenzen, vielleicht, weil das Wesen letztlich doch zu unglaubwürdig, skurril und fantastisch ist. Es mangelt dem Tier an Motiva­tion: Von Geburt an ist es gewalttätig (warum eigentlich?), es bricht aus und streunt ziellos umher. Lediglich purer Schwefel, seine Nahrung, kann es aus der Reserve locken. In King Kong werden die inneren Antriebe und Verhaltens­weisen des Riesenaffen klar und nachvollziehbar dargestellt. Überdies verhält sich Kong vielfach wie ein echter Gorilla (z. B. trommelt er mit den Fäusten auf seiner Brust), was ihn natürlich und plausibel erscheinen lässt. In Panik in New York ist die gejagte Kreatur ein grimmiger Dinosaurier, hat somit überhaupt keine „menschlichen Züge“. Dafür ist dieser Saurier jedoch auf Anhieb als Saurier nachvollziehbar und glaubwürdig. Er bietet auch mehr Schauwerte als der Ymir, etwa, wenn er einen Leuchtturm umwirft und später Manhattan verwüstet.

 

Der Ymir hingegen schürt vor allem die Neugier: Wie sieht es denn eigentlich aus auf der Venus? Von welcher fantas­tischen Welt kommt dieses Wesen? Hätten Produzent Charles H. Schneer (1920–2009) und Ray Harryhausen auch die Vorgeschichte ihrer Mär – das Abenteuer der Astronauten auf der Venus – in ihrem Film inszeniert, wären gewiss wunderbare Szenen dabei entstanden, und vielleicht hätte der Ymir auf der Erde dann auch nicht so isoliert und fremd gewirkt, denn der Zuschauer hätte dieses Wesen ja durch die Vorgeschichte seiner eigentlichen Umwelt zuordnen können. Diese Möglichkeit wurde allerdings, wohl schon aufgrund des geringen Budgets, leider nie in Erwägung ge­zogen.

 

Die Anfänge des Films gehen auf einen Storyentwurf zurück, den Ray Harryhausen bereits 1954 entwickelte, damals noch unter dem Arbeitstitel The Cyclops und mit einem einäugigen Monstrum. Harryhausen ließ die Story von der Schauspielerin und Autorin Charlotte Knight (1894–1977) überarbeiten. Der Handlungsschauplatz war zunächst Chica­go, später San Diego und schließlich Italien. Während der Dreharbeiten zu Fliegende Untertassen greifen an (1956) unterbreitete Harryhausen die Story seinem Produzenten Charles H. Schneer (mit dem Harryhausen noch zahlreiche weitere Filme drehen sollte), der sie für seinen nächsten Film mit Harryhausen akzeptierte. Gedreht wurde so viel wie möglich in Hollywood, wobei sehr oft mit Rückprojektionen gearbeitet wurde (z. B. in den Szenen mit den Fischern am Beginn des Films). Zum Teil wurde allerdings auch in Italien gedreht. Von den US-Darstellern war lediglich William Hop­per (1915–1970) für einige Szenen (z. B. im Kolosseum) nach Italien mitgereist. Ray Harryhausen selbst drehte in Italien alle Einstellungen, die er später als rückprojizierte Szenerien für seine Stop-Motion-Effekte benötigte.

Szenenfoto aus dem Film "Die Bestie aus dem Weltenraum" (Twenty Million Miles to Earth, USA 1957) von Nathan Juran und Ray Harryhausen; der Ymir in Rom
Das Monstrum von der Venus wütet in den Straßen von Rom

Das Drehbuch ist schwach und weist kaum fesselnde Höhepunkte auf. Schon die Motivation des letzten Überleben­den der Weltraummission, Colonel Calder, der mit verzweifelter Hartnäckigkeit das Monstrum lebend einzufangen versucht, wirkt an den Haaren herbeigezogen. Calders Crew wurde großenteils von einer heimtückischen Venuskrank­heit, einer Art Lepra, dahingerafft; die Erforschung der Physiologie des Ymirs könnte ein Mittel bereitstellen, das den Menschen gegen diese Krankheit immunisiert, sodass künftige Missionen zur Venus ermöglicht würden. Die umständ­liche Begründung dient allzu offensichtlich nur dazu, die lebende Überführung des Monsters nach Rom zu motivieren. Dort bricht das Monster dann erwartungsgemäß auch aus, um an prominenten Orten in Rom zu wüten und Panik zu verbreiten; unter anderem durchbricht es sehr effektvoll die Engelsbrücke am Tiber.

 

Dass das Monster nahezu unverwundbar ist, trägt nicht gerade zu seiner Glaubwürdigkeit bei. Erklärt wird dies mit dem aberwitzigen Fehlen von Herz und Adern und einer ominösen „röhrenartigen“ Struktur seiner Haut. Die beiläufig angebahnte Romanze zwischen den Hauptdarstellern William Hopper und Joan Taylor (1929–2012) trägt nichts zum Plot bei, sie wirkt überflüssig und unglaubwürdig. Schließlich bleibt der Film vollkommen humorlos. Allerdings ist es bemerkenswert, dass sich die deutsche Synchronisation von 1957 offenbar einige kleine Gags erlaubt hat: So ist der Anästhesist im römischen Zoo ein Wiener Arzt namens Hans Moser, der Reporter der Reuther-Nachrichtenagentur heißt Mr. Knüller, und der japanische Wissenschaftler Dr. Koroku, der den Reportern das Monster erklärt, spricht in der deutschen Fassung mit einem derart übertriebenen, brüllend komischen Akzent, dass dies volle Absicht gewesen sein muss.

 

Die einfallslose Regie von Nathan Juran unternimmt nichts, um das schwache Drehbuch mit mehr Leben zu füllen. Die schauspielerischen Leistungen sind durchschnittlich solide; alle Darsteller spielen routiniert und gefällig, es gelingt ihnen jedoch kaum, ihren schablonenhaften Figuren Leben einzuhauchen. Selbst Joan Taylor wirkt hier weitaus blasser als in Fliegende Untertassen greifen an. Dagegen hat der symphatische John Zaremba (1908–1986) als Dr. Uhl einen dankbareren Part als in Untertassen, wo er schon nach wenigen Szenen zu Staub zerstrahlt wurde. Das größte Ärgernis ist William Hopper als blasse Kenneth-Tobey-Kopie, dem schneidigen Standardhelden der damaligen Monsterstreifen. Hopper ist eine glatte Fehlbesetzung, ihm mangelt es deutlich an Ausstrahlung. Die Dialoge sind zum Teil haarsträu­bend, was auch in einem B-Movie der Fünfzigerjahre nicht zwangsläufig so sein muss. Zuguterletzt nervt das ständige helle Gekreische der Bestie, sodass man sich genötigt sieht, immer wieder an der Lautstärke des Fernsehers herumzu­regeln.

 

Insgesamt ist der Film ein durchaus unterhaltsamer, kurzweiliger Monsterfilm, und als Genreklassiker sollte man ihn auch einmal gesehen haben. Allerdings markiert der Film nicht Harryhausens Spitzenleistung.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 24. Juli 2017