Die Teufelswolke von Monteville

DVD-Cover zu dem Film "Die Teufelswolke von Monteville" (The Trollenberg Terror/The Crawling Eye, GB 1958)

The Trollenberg Terror (GB 1958)

 

Regie: Quentin Lawrence

Drehbuch: Jimmy Sangster, basierend auf der sechsteiligen TV-Serie The Trollenberg Terror (1956) von Peter Key

Kamera: Monty Berman. Schnitt: Henry Richardson. Musik: Stanley Black. Darsteller: Forrest Tucker (Alan Brooks), Janet Munro (Anne Pilgrim), Laurence Payne (Philip Truscott), Warren Mitchell (Professor Crevett), Jennifer Jayne (Sarah Pilgrim), Frederick Schiller (Herr Klein), Stuart Saunders (Dewhurst), Andrew Faulds (Brett), Colin Douglas (Hans), Derek Sydney (Wilde) u. a.

Produzenten: Robert S. Baker, Monty Berman

Companies: Tempean Films; Eros Films (Vertrieb GB); DCA (Vertrieb USA)

Laufzeit: 84 Min.; Schwarzweiß

Premiere: 7. Juli 1958 (USA; Titel: The Crawling Eye); 7. Oktober 1958 (GB); 24. Juli 1959 (Deutschland)

 

Der amerikanische Wissenschaftler Alan Brooks besucht im Alpendorf Trollenberg seinen alten Kollegen Professor Crevett, der auf einem Berggipfel ein Forschungslabor für kosmische Strahlen betreibt. Crevett berichtet Brooks von seltsamen Vorfällen, die sich seit geraumer Zeit auf dem benachbarten Berg Monteville ereignen. Auffällig viele Berg­steiger sind auf dem Monteville verschwunden und nie zurückgekehrt; die einzige Leiche, die aufgefunden werden konnte, besaß keinen Kopf mehr. Crevett vermutet einen Zusammenhang mit einer eisig kalten und radioaktiv strah­lenden Wolke, die seit Wochen einen der Abhänge des Monteville bedeckt. Alles erinnert fatal an ähnliche Vorkomm­nisse, die Crevett und Brooks schon einmal in den Anden untersucht hatten . . .

 

Auch die Schwestern Anne und Sarah Pilgrim haben in Trollenberg Halt gemacht. Sie treten für gewöhnlich auf Varie­tébühnen als Hellseherinnen auf, allerdings verfügt Anne tatsächlich über parapsychologische Fähigkeiten. Sie wird unwiderstehlich vom Monteville angezogen und scheint telepathische Botschaften aus der radioaktiven Wolke zu empfangen. Eines Abends sieht sie vor ihrem geistigen Auge eine Hütte auf dem Monteville, in der der Bergsteiger Dewhurst und sein Bergführer Brett übernachten. Sie spürt, dass ein Unglück geschehen wird. Brooks macht sich mit einem Trupp auf, um nach den Bergsteigern zu sehen, und findet in der Berghütte Dewhursts enthauptete Leiche. Brett ist verschwunden, taucht später jedoch im Hotel, in dem Anne, Sarah und Brooks wohnen, seltsam verändert wieder auf. Kaum angekommen, versucht Brett aus heiterem Himmel, Anne zu töten. Brett kann bewusstlos geschla­gen werden; Professor Crevett untersucht Brett und stellt fest, dass sein Körper schon seit einem Tag tot ist!

 

Wenig später bewegt sich die Wolke hinab ins Tal und beginnt, Trollenberg einzunebeln. In ihrem Dunst kriechen scheußliche Aliens vorwärts, die aussehen wie riesige, tentakelschwingende Gehirne mit einem einzelnen starrenden Auge. Die von ihnen erzeugte Wolke dient ihnen als künstliche Alien-Atmosphäre, die sie zum Überleben brauchen; mit der telepathischen Kontrolle, die sie über ausgesuchte Menschen ausüben, trachten sie danach, die Unterjochung der Menschheit einzuleiten. Brooks und Crevett beeilen sich, die Bewohner Trollenbergs per Seilbahn in Crevetts La­bor zu evakuieren, doch die Aliens folgen ihnen und haben das Labor bald von allen Seiten belagert. Wird es Rettung geben?

 

Triumph und Versagen . . .

 

. . . liegen nah beieinander in Die Teufelswolke von Monteville, einem der gelungeneren britischen Science-Fiction-Filme der Fünfzigerjahre. Der Film basiert auf der von Peter Key geschriebenen sechsteiligen TV-Serie The Trollenberg Terror (1956), die Nigel Kneales herausragende TV-Serien The Quatermass Experiment (1953) und Quatermass II (1955) zu imitieren suchte, ohne allerdings deren Klasse zu erreichen (die Trollenberg-TV-Serie ist leider in keinen Mitschnit­ten überliefert). Die logischen Schwächen von Keys Serie schlugen auch auf Jimmy Sangsters Drehbuch durch, und so finden sich auch in der Kinoverfilmung viele unerklärte und überflüssige Momente und Handlungsfäden.

 

Davon abgesehen ist Die Teufelswolke von Monteville ein überraschend kurzweiliger, spannender und atmosphärisch überzeugender Film. Regisseur Quentin Lawrence (1920–1979), der auch die TV-Serie inszenierte, gelingt es, mit unge­wöhnlichen Einstellungen und dem Spiel mit Licht und Schatten eine zunächst mysteriöse, dann zunehmend düstere Stimmung zu erzeugen, während er in mehreren Schockmomenten ungewöhnlich explizit wird (beispielsweise in der Einstellung, die Dewhursts Leiche ohne Kopf zeigt). Weite Teile des Films sind von schauerlichem Horror geprägt: Parapsychologische Trance, ferngesteuerte Wiedergänger, Hackebeile schwingende Psychopathen und abgetrennte Köpfe in Rucksäcken sind nicht unbedingt die Zutaten, die in einem Fünfzigerjahre-Science-Fiction-Film zu erwarten sind. Der Film hat Schwung, wobei ihm seine aus der TV-Serie stammende dichte Handlungsfülle zugute kommt, und profitiert von seinen überzeugenden Schauspielern, unter denen vor allem die wundervolle Janet Munro (1934–1972) als feinsinniges, parapsychologisches Medium herausragt. Superb agieren auch Forrest Tucker (1919–1986) als engagier­ter Held und Andrew Faulds (1923–2000) als besessener Killer Brett; die Szene, in der Brett als Zombie ins Hotel zu­rückkehrt und mit schwankenden Bewegungen vergeblich versucht, eine Zigarette zu entzünden, ist bemerkenswert effektiv, und Faulds hätte sie nicht überzeugender darstellen können. Laurence Payne (1919–2009) hingegen, der schon in der TV-Serie den Journalisten Philip Truscott mimte, bleibt in der Kinofassung eine unbedeutende Nebenfigur und dementsprechend blass.

Szenenfoto aus dem Film "Die Teufelswolke von Monteville" (The Trollenberg Terror/The Crawling Eye, GB 1958)
Forrest Tucker, Warren Mitchell und Janet Munro im alpinen Labor in Trollenberg

Das Drehbuch ist bei allen logischen Schwächen klug strukturiert, entfaltet von Beginn an eine interessante Erzählung und glänzt mit guten Dialogen – sieht man einmal vom science babble zwischen Crevett und Brooks ab, der wie üblich einen Eintopf haarsträubender Argumente darstellt. Sehr gut gefallen auch die sorgfältigen Studiosets – insbesondere die vor einem gemalten Bergpanorama errichtete Berghütte –, die mit ihrer spürbar bleibenden Künstlichkeit ein biss­chen die Atmosphäre fantastischer Dreißigerjahrefilme verströmen. Die Sets und der einfallsreiche Einsatz der Kamera in ihnen lassen den Film weitaus teurer wirken, als er tatsächlich gewesen ist.

 

Schlussendlich sind die außerirdischen crawling eyes besonders hervorzuheben, die eine wahrlich exzentrische Er­scheinung abgeben: kriechende Körper, die an Gehirne oder gigantische Zecken erinnern, mit schwingenden Tenta­keln und einem beständig hin und her zuckenden, von Adern durchzogenen einzelnen Auge. Sie sind gewissermaßen die Quintessenz der bizarren Fünfzigerjahre-Aliens, deren übliche Zutaten telepathische Gehirne, Tentakeln und Zy­klopenaugen waren. Eine schöne Idee ist ferner die eisige „Teufelswolke“, in der sich die Aliens verbergen. Gewiss gibt es auch andere Meinungen über die Aliens. Bill Warren etwa war wenig beeindruckt und schrieb:

 

„Wenn [die Aliens] erscheinen, werden sie vom heutigen Publikum unausweichlich verlacht. [ . . . ] Das grundlegende fantasielose Design und schleimige, klumpige Aussehen der Kreaturen lässt sie lächerlich statt bedrohlich wirken. Sie kriechen ohne Beine und kreischen wild ohne Münder, während sie ihre dünnen Tentakel umherschwingen, was nur einen komischen Effekt hervor­ruft“ (Keep Watching the Skies!, S. 168).

 

Offenbar mangelte es Warren hier an der willing suspension of disbelief. Wer die fiktionale Verabredung mit dem Werk aufkündigt, mag die Aliens verlachen; wer sich auf die Fiktion einlässt, kann den Unterhaltungswert dieser Aliens nicht leugnen. Angesichts der lobenden Anerkennung, die Warren für den ähnlich bizarren Xenomorphen aus Jack Arnolds Gefahr aus dem Weltall (1953) übrig hat („einer der am unirdischsten aussehenden Aliens der Kinogeschichte“, S. 447), wirkt seine Kritik gegen die crawling eyes fragwürdig. Warren meint sogar, dass es besser gewesen wäre, wenn der Film die Aliens überhaupt nicht gezeigt hätte, was meines Erachtens niemals eine gute Idee in einem Science-Fiction-Film ist. Die Tentakel allerdings, da behält Warren Recht, sind in der Tat nicht sehr glücklich umgesetzt worden – sie sind zu dünn und schwingen ziellos an den Fäden herum, mit denen sie bewegt wurden.

Szenenfoto aus dem Film "Die Teufelswolke von Monteville" (The Trollenberg Terror/The Crawling Eye, GB 1958)
Eines der außerirdischen Monster, deren Ratschlüsse noch unerforschlicher sind als ihre bizarre Anatomie

Der teils unbefriedigende Auftritt der Aliens, die in der TV-Serie „Ixoden“ hießen, hier jedoch keinen Namen haben, hängt vor allem mit dem minimalen Budget zusammen. Die Tricktechnik ist passabel, wirkt jedoch vor allem im Show­down ärmlich. Geschaffen wurden sie von keinem Geringeren als Les Bowie (1913–1979), einem der profiliertesten und meistgeschätzten Effektspezialisten Großbritanniens. Bowie arbeitete an zahlreichen Hammer-Filmen und anderen Low-Budget-Produktionen mit, schuf Tricks für Stanley-Kubrick-Werke wie Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) und 2001: Odyssee im Weltraum (1968) und erhielt 1979 posthum den Oscar für die Effekte in Richard Donners Superman (1978). In einem Anfang der Siebzigerjahre geführten Interview mit John Brosnan erklärte Bowie, dass er sich regelmäßig vor Scham gekrümmt habe, wann immer er Die Teufelswolke von Monteville zu sehen bekam. Insbesondere eine häufig im Film verwendete Einstellung, in der ein Panorama vom Berg Monteville zu sehen ist (der nur in der deutschen Filmfassung so heißt – im Original heißt der Berg wie das Dorf Trollenberg), hielt Bowie für be­sonders schlecht: Bowie hatte für die „Teufelswolke“ lediglich ein Stück Watte mit einer Stecknadel auf einem Foto befestigt. Nun, tatsächlich funktioniert diese Einstellung erstaunlich gut, wohingegen die Miniatur von Crevetts Labor mit den crawling eyes, die das Labor belagern, einen weitaus schwächeren Eindruck macht. Auch die Bombardierung der Monster durch die Luftwaffe und ihre Vernichtung durch eine Feuersbrunst, ein Szenario, das Jack Arnolds Taran­tula (1955) grandios zum Leben erweckte, überzeugt hier kaum – die Miniaturen sind für einen realistischen Eindruck viel zu klein.

 

Weitaus gravierendere Schwächen weist der Film jedoch im logischen Aufbau der Story auf. Zuviele Fragen bleiben unbeantwortet. Zunächst: Was genau wollen die crawling eyes? Wie und warum kamen sie auf die Erde? Obwohl sie Telepathen sind und mit Anne und anderen Menschen Kontakt aufnehmen, erfährt der Zuschauer nie, was genau die Aliens ihren Opfern einflüstern und was sie im Schilde führen. Sie stiften telepathisch ferngelenkte Totschläge, schei­nen ein großes Interesse an abgetrennten Menschenköpfen zu haben und machen sich im Showdown selbst daran, mit ihren Tentakeln nach den Menschen zu greifen, um sie umzubringen. Aber warum? Die läppische Antwort, die Professor Crevett dem Zuschauer anbietet, lautet, dass die Aliens die Erde erobern wollen, doch lässt sich für dieses Ziel ein kruderes und aussichtsloseres Vorgehen denken als das der Aliens?

 

Ferner: Weshalb wollen die Aliens das Medium Anne töten? Wenn es zum Beispiel darum ginge, unentdeckt zu blei­ben, fragt sich, weshalb sie dann gegen Ende des Films, nachdem Bretts Mordversuche fehlgeschlagen und die Aliens längst entdeckt worden sind, nochmals einen telepathisch gelenkten Menschen losschicken (Hans), um Anne zu er­morden. Warum behandelt Professor Crevett den bewusstlosen Brett erst wie einen Kranken (er setzt ihm eine Sprit­ze) und erklärt dann kurz darauf, dass Brett eigentlich bereits seit 24 Stunden tot ist? Weshalb fällt Crevett ein ähnli­cher Fall, den er in den Anden erlebt hatte, erst so spät ein? Weshalb zerfällt Brett bald darauf zu einem Skelett? Na­türlich gibt es in all diesen Fällen stets nur eine Antwort: Weil es dramatisch effektvoll ist! Leider jedoch scherten sich die Autoren kaum darum, all ihre fantastischen Ideen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen – ein Problem, das freilich viele Science-Fiction-Filmen betrifft.

 

Der Film mag heute beinahe vergessen sein, doch hat er einigen Einfluss ausgeübt. Zum einen – man mag es kaum glauben – inspirierte er John Carpenter zu seinem Schocker The Fog – Nebel des Grauens (1980). Zum anderen wird der Film in Stephen Kings Roman Es (1986) erwähnt, wo eine illusionäre Manifestation des Horrors auch die Form eines crawling eye annimmt.

 

Trotz seiner massiven logischen Schwächen ist Die Teufelswolke von Monteville ein ziemlich gut gelungener Science-Fiction-Thriller, vergleicht man ihn mit den vielen anderen, ärmlicheren Low-Budget-Streifen, die das Science-Fiction-Kino zu jener Zeit dominierten. Der Film fesselt mit interessanten Einfällen, einer talentierten Regie, die gekonnt Unbe­hagen und Spannung erzeugt, mit guten Schauspielern – und natürlich mit seinen riesigen crawling eyes.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 10. Oktober 2017