Angriff der Riesenkralle

Plakat zum Film "Angriff der Riesenkralle" (The Giant Claw, USA 1957) von Fred F. Sears

The Giant Claw (USA 1957)

 

Regie: Fred F. Sears

Drehbuch: Paul Gangelin und Samuel Newman

Kamera: Benjamin H. Kline. Schnitt: Anthony DiMarco und Saul A. Goodkind Musik: Mischa Bakaleinikoff (Editing)

Spezialeffekte: Ralph Hammeras und George Teague

Darsteller: Jeff Morrow (Mitch MacAfee), Mara Corday (Sally Caldwell), Morris Ankrum (Lt.-Gen. Edward Considine), Louis D. Merrill (Pierre Broussard), Edgar Barrier (Dr. Karol Noymann), Robert Shayne (General van Buskirk) u. a.

Produzent: Sam Katzman

Companies: Clover Productions; Columbia Pictures (Verleih)

Laufzeit: 75 Minuten; Schwarzweiß

Premiere: Juni 1957 (USA); 1996 (Deutschland, TV-Premiere auf RTL)

 

Der Elekronik-Ingenieur Mitch MacAfee führt in Alaska im Auftrag der Luftwaffe einen Testflug zur Erprobung neuester Radar-Technologie durch, als er plötzlich ein undeutliches, rasend schnelles Objekt vor seinem Cockpit vor­beizischen sieht, das so gigantisch wie ein Schlachtschiff ist. Auf der Radarbasis will man seinem Bericht keinen Glau­ben schen­ken, weil auf den Radarschirmen nichts Ungewöhnliches zu sehen gewesen war. Schon bald häufen sich jedoch in ganz Nordamerika Meldungen von anderen Piloten, die ein ähnliches Ding gesehen haben wollen – und die offenbar von ihm angegriffen wurden, denn kurz nach diesen Sichtungen stürzten ihre Flugzeuge ab.

 

MacAfee und seine Kollegin, die Mathematikerin Sally Caldwell, schlagen dem Luftwaffengeneral van Buskirk vor, den Luftraum mit Wetterballons zu überwachen, die mit Kameras ausgestattet sind. Auf den so entstandenen Fotogra­fien entpuppt sich das unbekannte Flugobjekt als ein gigantischer Raubvogel. Alle Versuche, das Tier mit Geschützen, Bomben oder Raketen abzuschießen, schlagen fehl. Die Wissenschaftler gehen bald davon aus, dass der Raubvogel aus einer fernen Galaxis aus Antimaterie stammt und über einen Schutzschild aus Antimaterie verfügt, der ihn unver­wundbar macht. Sally Caldwell hat zudem die ungute Ahnung, dass der Raubvogel womöglich auf der Erde ist, um ein Ei aus­zubrüten. MacAfee und Caldwell gelingt es tatsächlich, das Nest des Flugmonsters aufzuspüren und das Ei mit Ge­wehrschüssen zu zerstören. Der außerirdische Raubvogel terrorisiert jedoch weiterhin Nordamerika, zerstört Flug­zeu­ge und schnappt sich ganze Eisenbahnzüge von den Gleisen. Schließlich taucht der Vogel in New York auf, landet auf dem Empire State Building und zerhackt das UNO-Gebäude. Lieutenant-General Considine vom Pentagon ruft den Notstand und eine allgemeine Ausgangssperre aus, während MacAfee fieberhaft an einer Kanone arbeitet, die My-Mesonen abschießt – mit ihr, so hofft er, könne es vielleicht gelingen, den Antimaterie-Schild des fliegenden Monsters aus dem All zu neutralisieren, um dann das Tier mit konventionellen Waffen zu töten . . .

 

Unfassbar dümmlicher Trash

 

Angriff der Riesenkralle ist ein an sich völlig unauffälliger, typischer Monsterfilm aus der zweiten Hälfte der Fünfziger­jahre, als solche Filme massenweise mit einem winzigen Budget heruntergekurbelt wurden. Die Dreharbeiten dauerten nur neun Tage, und Initiator der Veranstaltung war der berüchtigte Sam Katzman (1901–1973), der sich seit den Vierzi­gern eine gewisse Reputation als kommerziell erfolgreicher Produzent von Low- bis No-Budget-Filmen und -Serials erarbeitet hatte. Zu Katzmans Filmen zählen unter anderem viele Western, einige mad scientist-Filme mit Bela Lugosi oder das Serial Superman (1948) – die allererste Kino-Inkarnation des stählernen Superhelden. Einer seiner besser pro­duzierten B-Filme war der unterhaltsame UFO-Film Fliegende Untertassen greifen an (1956) unter der Regie von Fred F. Sears (1913–1957), für den Ray Harryhausen (1920–2013) die Trickeffekte besorgte. Sears führte auch in Riesenkralle die Regie, doch Harryhausen war für die Tricks des Films nicht verfügbar, sodass Katzman auf eine andere, möglichst billi­ge Lösung auswich: Er vergab die Trickaufnahmen an ein Filmemacher-Team in Mexiko. In den Credits des Films sind zwar Ralph Hammeras (1894–1970) und George Teague (1893–1985) als Verantwortliche für die Tricks genannt, zwei altgediente Effektespezialisten, die seit Jahrzehnten sowohl für A- wie für B-Filme gearbeitet hatten. Hammeras war insgesamt dreimal für einen Oscar nominiert, unter anderem für das spektakuläre Bühnenbild des Science-Fiction-Mu­sicals Just Imagine (1930), während Teague unter anderem an den Spezialeffekten des Science-Fiction-Klassikers Things to Come (1936) beteiligt gewesen war. Es ist jedoch ziemlich unwahrscheinlich, dass Hammeras und Teague, die vielleicht nur einige matte shots oder Modellbauten für den Film ausführten, irgendetwas mit der Inszenierung des außerirdischen Riesenvogels selbst zu tun hatten, die somit wohl auf die Kappe obskurer, ungenannter mexikanischer Trick­filmer geht.

Szenenfoto aus dem Film "Angriff der Riesenkralle" (The Giant Claw, USA 1957) von Fred F. Sears
Der gigantische Raubvogel aus dem All mit eigenwilliger Frisur greift New York an

Und diese billigen Trickaufnahmen sind es denn auch, die Angriff der Riesenkralle einen gewissen „Kultstatus“ inner­halb der munteren Gemeinde der Trashfans eingebracht haben. Der Riesenvogel ist derart grotesk, derart lächerlich im Design und derart stümperhaft schlecht animiert, dass er seit Jahrzehnten sein Publikum zu hemmungslosem Geläch­ter reizt. Die Kritiker sind sich durch die Bank seit Jahrzehnten einig: Von allen Monstern in der Geschichte des Mon­sterfilms ist die „Riesenkralle“ womöglich die mit Abstand lächerlichste und am miesesten gestaltete Marionette, die je einem Kinopublikum zugemutet wurde. Der Vogel sieht aus wie ein fettes Hähnchen mit stets angezogenen, unbe­weglichen Hinterläufen, langsam schlagenden, starren Schwingen und einem langen Hals. Die böse starrenden Glupschaugen könnten einem Cartoon entsprungen sein, und in seinem mit schiefen Zähnen bewehrten, wohl aus Gummi hergestellten Schnabel bewegen sich seltsamerweise die Nüstern beim Atmen. Garniert wird das dämliche Design des Kopfes mit einer unbeschreiblich bescheuerten Punk-Frisur.

 

Es ist nicht nur das Aussehen des Vogels, das den Film rettungslos ruiniert. Auch die Animation des Vogels ist unglaub­lich schlecht: Plump hängt der Geier an Fäden (die in heutigen Bluray- bzw. DVD-Ausgaben des Films überdeutlich erkennbar sind) und wird ungelenk durch die Szenerie geschwenkt. Wenn er sich einen Spielzeug-Eisenbahnzug schnappt, baumelt dieser wie eine Kette von Würstchen in seinen Krallen, und hockt er auf dem UNO-Gebäude, um es zu zertrümmern, wippt nur sein Kopf starr auf und nieder und bricht dabei Miniatur-Betonbrocken aus der Fassade. Und ständig und ständig kreischt das Federvieh. Selbst zuvor, wo der Vogel noch nicht deutlich zu sehen ist, gelingt die Illusion nicht: Fliegt der Schatten des Vogels, der „so groß wie ein Schlachtschiff“ und ungeheuer schnell sein soll, vor dem Cockpitfenster eines Flugzeugs vorbei, sieht man nur eine verschwommene Silhouette, die genauso ungelenk und lahm vorbeigeschwenkt wird wie später die „Riesenkralle“. Furchtbar.

Szenenfoto aus dem Film "Angriff der Riesenkralle" (The Giant Claw, USA 1957) von Fred F. Sears; Morris Ankrum, Jeff Morrow, Edgar Barrier und Mara Corday
Morris Ankrum, Jeff Morrow, Edgar Barrier und Mara Corday blicken gebannt auf den Effekt der My-Mesonen-Kanone

Der Plot des Films schustert die gängigen Giant-Monster-on-the-Loose-Klischees zusammen, ohne dass auch nur eines halbwegs funktioniert. So gibt es den Wissenschaftler, der wie in Panik in New York (1953) zunächst als einziger das Monster gesehen hat und dem es nicht gelingt, seine Umgebung von seiner Beobachtung zu überzeugen; es gibt eine mysteriöse, alte Legende, die mit dem Monster verbunden wird (ein einfacher Kanadier namens Pierre hält das Mon­ster für „Cargagne“, eine Sagengestalt mit dem Körper einer Frau, dem Kopf eines Wolfs und den Flügeln einer Fleder­maus); es passieren unerklärliche „Unfälle“ – Flugzeuge stürzen ohne erkennbare Ursache ab – und seltsame Hinweise, die nach und nach die Ungeheuerlichkeit des Monsters verifizieren.

 

Doch abgesehen davon, dass das alles mit einer gewissen Betulichkeit inszeniert ist – die freilich die meisten Science-Fiction-Filme der Fünfziger kennzeichnet –, rutscht die Show auch durch ihre hanebüchene „Wissenschaft“ heillos ins Lächerliche ab. Dummen, unlogischen science babble ist man ja von vielen – den meisten – Science-Fiction-Filmen ge­wohnt, und ich bin in dieser Hinsicht meistens recht nachsichtig. Aber was hier an „wissenschaftlichem“ Schwachsinn aufgefahren wird, spottet jeder Beschreibung. So soll der Riesenvogel aus dem Weltall gekommen sein – man fragt sich, wie er im luftleeren Raum wohl mit seinen Schwingen die Flugrichtung kontrollieren konnte, aber vielleicht hat er sich auch mit Fürzen per Raketenprinzip zur Erde manövriert? Aber nicht nur das: Er kommt, da sind sich die hellsichti­gen Wissenschaftler sicher, auch noch aus einer fernen Galaxis aus Antimaterie! Und obwohl Materie und Antimaterie einander explosiv zerstrahlen, sofern sie in Kontakt zueinander geraten, kann die „Riesenkralle“ in der Erdatmosphäre einen Abwehrschirm aus Antimaterie unterhalten, der ihn unverwundbar macht.

 

Dieser unfassbare inhaltliche Stuss ist es, der mir den Film vollends vergällt hat. Dabei war er noch nicht einmal nötig. Es hätte vollkommen ausgereicht und wäre auch glaubwürdiger gewesen, wenn das riesige Federvieh beispielsweise ein prähistorischer irdischer Urvogel gewesen wäre, der durch besondere Umstände ins 20. Jahrhundert versetzt worden ist.

Szenenfoto aus dem Film "Angriff der Riesenkralle" (The Giant Claw, USA 1957) von Fred F. Sears
Schöne Grüße aus der Antimaterie-Galaxis

Es ist ein Jammer, vor allem in Hinsicht auf die Besetzung des Films. Es spielen gern gesehene, routinierte Genrestars mit, die zunächst einen munteren B-Film zu versprechen scheinen: Jeff Morrow (Metaluna 4 antwortet nicht, Das Ungeheuer ist unter uns, Kronos), Mara Corday (Tarantula, The Black Scorpion), Morris Ankrum (Rakete Mond startet, Flight to Mars, Fliegende Untertassen greifen an) und Robert Shayne (Tobor the Great, Kronos, Planet der toten See­len). Jeff Morrow und Mara Corday in den Hauptrollen spielen ihre Parts gut und mit allem professionellen Ernst, der damals in Monsterfilmen üblich war. Die Chemie zwischen ihnen stimmt. Den Darstellern ist kein Vorwurf zu machen – zumal sie während der Dreharbeiten keinen Schimmer hatten, wie das Monster später aussehen würde. Von Jeff Mor­row ist die Anekdote überliefert, dass er erst im Kino mit Entsetzen den fertigen Film gesehen und sich in Grund und Boden geschämt hatte. Bill Warren erfuhr sie von Morrows Tochter Lissa:

 

Morrow war in seiner Gemeinde gut bekannt, er war ihr ortsansässiger Filmstar. Wenn ein neuer Film im örtlichen Kino startete, in dem er mitspielte, nahm Morrow seine Familie mit ins Kino, sah mit ihr den Film und traf anschließend in der Lobby Freunde, die vorbeikamen – einfache Leute, die sich freuten, den Star des Films zu kennen, den sie gerade gesehen hatten. [ . . . Morrow] traf gut gelaunt mit seiner Familie [im Kino] ein, und obwohl [Angriff der Riesenkralle] offensichtlich billig und kein großer Wurf für seine Karriere war, schien [der Film] nicht besonders peinlich zu sein – bis die „Kralle“ erschien. Miss Morrow erzählte, dass ihr Vater ganz bleich wurde, als das Publikum in Gelächter ausbrach. Als das Gelächter anhielt, sank er tiefer und tiefer in seinem Sitz und schlug den Kragen um seinen Nacken. Bevor der Film zuende war, sagte er seiner Familie, dass er sie auf dem Parkplatz treffen würde, und schlich aus dem Kinosaal. (Keep Watching the Skies!, S. 332f.)

 

Bill Warren sieht in dem Film aufgrund seiner unfreiwilligen Komik einen „dummen Spaß“ (S. 334), und viele Trashfans haben genauso geurteilt und fühlten sich aufgrund der Lächerlichkeit des Monsters und des Plots prächtig unterhal­ten. Ich habe in dieser Hinsicht so meine Probleme. Das Potenzial der soliden Darsteller wird völlig verschwendet, der hirnrissige Plot ließ mich nur nach einem Beißholz verlangen, und über den dämlichen Riesengeier ist bereits alles gesagt worden. Auch ich habe gelacht, ja, aber am Ende überwog doch das Mitleid für alle Beteiligten und das Gefühl, einen fürchterlich drögen, dümmlichen Monsterfilm gesehen zu haben, der so viel besser hätte sein können. Schade.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 13. Oktober 2017