Die Dämonischen

DVD-Cover für den Film "Die Dämonischen" (Invasion of the Body Snatchers, USA 1956) von Don Siegel; Kinowelt Home Entertainment 2006

Invasion of the Body Snatchers (USA 1956)

 

Regie: Don Siegel

Drehbuch: Daniel Mainwaring und Richard Collins, nach dem Roman The Body Snatchers (1954) von Jack Finney

Kamera: Ellsworth Fredericks. Schnitt: Robert S. Eisen. Musik: Carmen Dragon. Darsteller: Kevin McCarthy (Dr. Miles J. Bennell), Dana Wynter (Becky Driscoll), King Donovan (Jack Belicec), Carolyn Jones (Theodora “Teddy” Belicec), Larry Gates (Dr. Daniel Kaufman), Ralph Dumke (Sheriff Nick Grivett), Jean Willes (Schwester Sally Withers), Virginia Christine (Wilma Lentz), Tom Fadden (Onkel Ira Lentz), Kenneth Patterson (Mr. Driscoll), Guy Way (Sam Janzek) u. a.

Produzenten: Walter Wanger, Walter Mirisch

Companies: Walter Wanger Productions; Allied Artists (Vertrieb)

Laufzeit: 80 Min.; Schwarzweiß

Premiere: 5. Februar 1956 (USA); 24. Mai 1957 (Deutschland)

 

Der Arzt Dr. Miles Bennell kehrt von einer medizinischen Tagung in seine Heimatstadt Santa Mira in Kalifornien zurück. Dort gehen seltsame Dinge vor: Mehrere Leute berichten Miles, dass ihre engsten Verwandten plötzlich nicht mehr sie selbst seien und völlig seelenlos wirken würden. Schon am Tag darauf sind jedoch dieselben Leute abweisend und tun ihre geäußerten Verdächtigungen als unbegründete Irrtümer ab. Miles wird nachdenklich.

 

Eines späten Abends wird Miles vom befreundeten Ehepaar Jack und Theodora Belicec zu Hilfe gerufen. Auf dem Bil­liardtisch der Belicecs liegt ein lebloser menschlicher Körper, der vage die Gesichtszüge Jacks trägt, jedoch irgendwie „unfertig“ wirkt: Die Haut ist vollkommen glatt, die Fingerkuppen haben keine Fingerabdrücke. Miles trägt den Belicecs auf, den seltsamen Körper zu bewachen. Eine böse Ahnung treibt Miles noch in derselben Nacht zum Haus seiner Freundin Becky. In ihrem Keller entdeckt Miles in einer Holztruhe eine leblose Kopie Beckys. Voller Entsetzen flieht er mit Becky aus dem Haus. Derweil erwacht Jacks Doppelgänger auf dem Billiardtisch zum Leben, und die Belicecs ren­nen in heller Panik davon. Als wenig später Miles’ Kollege Dr. Kaufman und die Polizei die Ereignisse aufklären sollen, sind sowohl Jacks als auch Beckys Doppelgänger verschwunden.

 

Miles beginnt beinahe, an seinem Verstand zu zweifeln. Schon bald jedoch entdeckt er in seinem Gartengewächshaus vier große, offenbar außerirdische Samenschoten, die aufplatzen, wachsen und nach und nach die Gestalt der vier Menschen annehmen, die sich in der Nähe befinden: Miles, Becky, Jack und Theodora. Sie sind „Pods“, Hülsen: Erst wachsen sie heran, und sobald die jeweils kopierte Person eingeschlafen ist, übernehmen sie deren Erinnerungen, nicht jedoch deren Gefühle und Persönlichkeiten. Die Körper der Originale werden dabei von den Pods vollständig absorbiert. Miles versucht, per Telefon Hilfe von außerhalb zu rufen, doch die Telefonzentrale ist bereits von Pods übernommen worden. Längst ist die gesamte Stadt von seelenlosen Pods bevölkert, jeder Bürger könnte ein poten­zieller Feind sein, und die Flucht scheint aussichtslos. Die Pods indes haben nur ein Ziel: ihre Samenschoten per Last­wagen zu verbreiten und nach und nach die gesamte Menschheit durch ihre eigene Spezies zu ersetzen . . .

 

Don Siegels Paranoia-Klassiker

 

Die Dämonischen von Don Siegel (1912–1991) zählt zu den großen Klassikern des Science-Fiction-Kinos und gilt als einer der bedeutendsten Paranoia-Streifen aller Zeiten. Der Film erzählt einen beklemmenden Albtraum: Es geht um die ra­dikale Verkehrung der gewohnten Umwelt, um den beklemmenden Verdacht, dass jedes Vertrauen in die Mitmen­schen ein tödlicher Fehler sein könnte, weil niemand mehr der ist, der er zu sein scheint; um den Verlust der Gewiss­heit darum, was „wahr“ und was „Wahn“ ist; und schließlich um die panische Angst, selbst zu einer seelenlosen, leiden­schaftslosen „Hülle“ zu werden.

Publicity Shot für dem Film "Die Dämonischen" (Invasion of the Body Snatchers, USA 1956) von Don Siegel; Kevin McCarthy, Dana Wynter
Becky (Dana Wynter) und Miles (Kevin McCarthy) fliehen in Santa Mira vor den Pods (Publicity Shot)

Nicht von ungefähr ist der böse, faszinierende Stoff schon mehrfach neu verfilmt worden: 1978 inszenierte Philip Kauf­man das herausragende Remake Die Körperfresser kommen, 1993 folgte Body Snatchers – Die Körperfresser von Abel Ferrara und 2007 Invasion von Oliver Hirschbiegel. Das unerträglich schlechte, von Justin Jones verbrochene Asylum-Plagiat Körperfresser 2 – Die Rückkehr von 2007 verdient dagegen weiter keine Erwähnung. Im Juli 2017 meldete das Fachblatt Variety, dass Warner Bros. ein weiteres Remake in Auftrag gegeben hat; als Produzent soll John Davis (geb. 1954) fungieren, während David Leslie Johnson (geb. 1970) das Drehbuch schreiben soll. Es gibt nur wenige Science-Fiction-Filme der Fünfzigerjahre, über die so viel geschrieben wurde wie über Die Dämonischen. Die unterschiedlichen Interpretationen und Analysen zum Film sind Legion. Es sind sogar zwei Bücher über den Film erschienen: Al LaValley (Hrsg.), Invasion of the Body Snatchers: Don Siegel, Director (New Brunswick/London: Rutgers University Press, 1989) und Kevin McCarthy/Ed Gorman (Hrsg.), “They’re Here ...” Invasion of the Body Snatchers: a Tribute (New York: Berkeley Boulevard Books, 1999).

 

Die Idee zu dem Film entstand, als der Filmproduzent Walter Wanger (1894–1968) Ende 1954 im Collier’s-Magazin den Fortsetzungsroman The Body Snatchers von Jack Finney (1911–1995) las. Wanger hatte ein feines Gespür für Filmstoffe und genoss als Produzent eine hervorragende Reputation; er hatte schon für viele große Hollywoodstudios gearbeitet und mehrere Klassiker produziert, unter anderem Fritz Langs Gehetzt (1937), Alfred Hitchcocks Der Auslandskorrespon­dent (1940), Robert Wises Laßt mich leben (1958) und Joseph L. Manckiewiczs monumentales Epos Kleopatra (1963). Wanger erkannte, dass sich Jack Finneys Roman für einen spannenden B-Horrorfilm eignen würde, und nahm das Pro­jekt in Angriff. Für die Regie verpflichtete er Don Siegel, der gerade zuvor für Wanger den Gefängnisfilm Terror in Block 11 (1954) gedreht hatte. Die Dämonischen bezeichnete Don Siegel stets als einen seiner besten Filme. Später erlangte Siegel durch sein Rache-Epos Dirty Harry (1971) weltweite Berühmtheit.

 

Die Dreharbeiten begannen im März 1955 und dauerten drei Wochen. Das Budget belief sich auf etwa 400.000 Dollar (die in der Literatur und im Internet zu findenden Angaben zum Budget schwanken zwischen 300.000 und 417.000 Dollar). Der geringste Teil davon wurde für Spezialeffekte ausgegeben: Für läppische 3.000 Dollar ließ Produktions­designer Ted Haworth (1917–1993) Latexmodelle der außerirdischen Samenschoten und Puppen der Hauptdarsteller anfertigen, die im Film, von weißlichem Schaum umgeben, aus den Samenschoten „heranreifen“.

 

Don Siegel wählte verschiedene Drehorte in und um Los Angeles (z. B. Sierra Madre, Chatsworth, Glendale und Beach­wood), die gemeinsam die fiktive Kleinstadt Santa Mira darstellten. Der distanzierte, „pseudo-dokumentarische Stil“, der für die Science-Fiction-Filme der Fünfzigerjahre so typisch ist und den auch Siegel auf seine Inszenierung anwand­te, lässt die Stadt und die Personen äußerlich so realistisch und normal wie möglich erscheinen. Santa Mira wirkt wie eine völlig durchschnittliche, etwas langweilige US-Kleinstadt der Fünfzigerjahre, mit einem scheinbar intakten, un­problematischen Sozialgefüge. Umso schockierender konnte die innere Verwandlung aller Bewohner durchschlagen, wenn sich der oberflächliche Anschein als Täuschung herausstellte.

Szenenfoto aus dem Film "Die Dämonischen" (Invasion of the Body Snatchers, USA 1956) von Don Siegel; Dana Wynter, King Donovan, Carolyn Jones, Kevin McCarthy
Becky, Miles und das Ehepaar Belicec entdecken im Gewächshaus Samenschoten, die zu Entsetzlichem heranreifen

Von den Schauspielern ist vor allem Kevin McCarthy (1914–2010) hervorzuheben, der Miles Bennells Verzweiflung und Hysterie sehr überzeugend darstellt. Gegen Ende des Films blickt Miles mit schockgeweiteten Augen auf seine Freun­din Becky, als er erkennt, dass auch sie sich in einen Pod verwandelt hat. Später auf einer Landstraße brüllt er verzwei­felt die vorbeifahrenden Autofahrer an und versucht vergeblich, sie vor der drohenden Gefahr der Pods zu warnen. Im Schlussbild des Films lehnt er gebrochen und von Grauen gequält an der Wand des Hospitals, in das er wegen seines vermeintlichen Wahns eingeliefert wurde. In all diesen Szenen geht McCarthys Schauspiel unter die Haut. Dana Wyn­ter (1931–2011) als Miles’ Jugendfreundin Becky sieht bezaubernd aus, hat neben McCarthy jedoch nicht allzuviele Mög­lichkeiten, schauspielerisch zu fesseln. Die übrigen Charaktere sind gut besetzt und werden ohne Fehl und Tadel ge­spielt.

 

Nachdem der Film gedreht und geschnitten war, mahnte die Verleihfirma Allied Artists einige Änderungen an. Der ur­sprüngliche Cut endete mit der Szene, in der Miles auf der Landstraße zwischen den vorbeirauschenden Autos und Lastwagen wie wahnsinnig schreit, um vor der Gefahr zu warnen, bis er schließlich direkt in die Kamera blickt und dem Publikum zuruft: “You’re next!” – „Ihr seid die Nächsten!“ –, während die Auto- und Lastwagenfahrer längst selbst alle Pods sind und in ihren Koffer- und Laderäumen die außerirdischen Samenschoten in alle Welt transportieren. Dieses Ende ist ausgesprochen effektiv, war den Studiobossen jedoch zu deprimierend. So wurde die Schlussszene zwar nicht gestrichen, der Film wurde jedoch um eine Rahmenhandlung ergänzt, die von Don Siegel im September 1955 gedreht wurde: Zu Beginn des Films befindet sich der völlig hysterische Miles in der Klinik, in die er eingeliefert wurde, und be­ginnt, dem Nervenarzt seine Erlebnisse in Santa Mira zu berichten. Der Film selbst ist eine einzige Rückblende. Am En­de des Films schließt Miles mit seinem Bericht; kurz darauf wird ein Unfallopfer eingeliefert, das nach dem Zusammen­stoß mit einem Lastwagen unter seltsamen großen Samenschoten begraben wurde. Der Unfall beweist dem Nerven­arzt, dass Miles’ Bericht wahr ist, woraufhin er die Bundespolizei alarmiert.

 

Der nachträglich eingefügte Rahmen wurde von der Kritik häufig dafür gescholten, dass er die Ausdruckskraft des Films verwässere. Allerdings stimmt Miles’ Hysterie zu Beginn des Films den Zuschauer durchaus effektvoll darauf ein, dass im Folgenden ein schreckliches Geschehen geschildert wird. Und Miles’ schmerzverzerrtes Gesicht als Schlussbild des Films wirkt vielleicht stärker nach als Miles’ entsetzter Blick in die Kamera und sein Ruf: “You’re next!” Alles in allem wirkt der Rahmen durchaus nicht als Fremdkörper im Film (eine ausführliche Diskussion dieser Rahmenhandlung ist in meiner Besprechung eines Artikels von Steven M. Sanders in dem 2008 erschienenen Buch The Philosophy of Science Fiction Film zu finden).

 

Ein anderer Kritikpunkt des Studios war, dass der Film zuviel schwarzen Humor enthielt. In einem Horrorfilm zu lachen, erschien Allied Artist unpassend, und so wurden einige humorvolle Szenen gestrichen. Freilich nicht alle: Ein köstlicher Gag ist Miles’ Antwort auf Beckys Frage, ob seine geschiedene Frau denn auch für ihn gekocht habe: „Sie hat sehr gut gekocht. Deshalb bin ich jetzt geschieden – ich war nie zuhause, wenn das Essen auf dem Tisch stand.“

 

Lange waren sich alle Beteiligten auch nicht über den Titel des Films einig. Ursprünglich sollte er wie der Roman The Body Snatchers heißen; später legte sich Allied Artist auf They Come from Another World fest, was den Protest von Wanger und Siegel hervorrief. Siegel plädierte stattdessen für den Titel Better Off Dead oder – der vielleicht beste Vorschlag – Sleep No More. Am Ende entschied sich Allied Artist für den schrillen Titel Invasion of the Body Snatchers, den Siegel für ausgesprochen dümmlich hielt. Allerdings kann man dem Titel nicht absprechen, dass er höchst einpräg­sam ist und brennende Neugier schürt – er ist jedenfalls wesentlich besser als der blasse deutsche Verleihtitel.

 

Die Pods sind überall . . .

 

Die Dämonischen ist ein effektvoll und rasant inszenierter Thriller. Von Beginn an wird die namenlose Bedrohung ange­deutet und kontinuierlich die Spannung aufgebaut. Zugleich weckt der Film emotionale Anteilnahme, indem er Miles mit seiner alten Jugendliebe Becky zusammenführt und eine Romanze zwischen beiden anbahnt. Bald darauf wird der Horror mit dem toten Körper auf dem Billiardtisch und dem Duplikat von Becky im Keller offengelegt. Nur wenig spä­ter kommen die einzigen Spezialeffekte des Films zum Einsatz: In seinem Gewächshaus entdeckt Miles rasch wachsen­de Samenschoten, die in schaumigem Schleim Duplikate von ihm selbst und seinen Freunden entstehen lassen. Die Effekte sind nach heutigen Maßstäben gewiss banal zu nennen, und man erkennt auch nicht allzuviel. Doch Horror und Ekel stellt sich bei dieser Szene auch heute noch ein.

Szenenfoto aus dem Film "Die Dämonischen" (Invasion of the Body Snatchers, USA 1956) von Don Siegel; ein Pod
Eine schaumig aufplatzende außerirdische Samenschote im Gewächshaus

Der Genrefan ist beim Anblick dieser aufquellenden Samenschoten über den Einfallsreichtum Jack Finneys begeistert: Der Film präsentiert eine der ungewöhnlichsten, verrücktesten und zugleich grausigsten Ideen, wie außerirdische Le­bensformen den Menschen übernehmen könnten. Es werden nicht etwa „nur“ die Gehirne technisch oder telepathisch manipuliert und umgesteuert (wie etwa in Invasion vom Mars), auch wird der Mensch nicht einfach beseitigt, um durch einen Außerirdischen in Gestalt dieses Menschen ersetzt zu werden (wie in Gefahr aus dem Weltall); das Gehirn des Menschen wird auch nicht „ausgesaugt“, sodass der Mensch als debile Hülle zurückbleibt (wie in Fliegende Unter­tassen greifen an). Stattdessen wächst in wenigen Stunden eine pflanzliche Kopie des Menschen heran, die telepa­thisch dessen Erinnerungen auf sich selbst überträgt, sobald der Mensch eingeschlafen ist. Der Originalkörper wird anschließend „Atom für Atom“ von der pflanzlichen Kopie absorbiert. Das Duplikat ist äußerlich zwar täuschend echt, aber dennoch pflanzlich und außerirdisch. Es hat keinerlei Leidenschaft und Gefühl, und sein einziges Ziel ist die wei­tere Vermehrung seiner Spezies.

 

Leider ist der Prozess des „Pod-Wachstums“ mit einigen logischen Schwächen belastet. So ist die Absorption des Ori­ginalkörpers „Atom für Atom“ durch den Pod (ein Geschehen, das der Film nie zeigt) kaum glaubwürdig, denn das würde eine Verdoppelung der Masse des Pods bedeuten. Da die Samenschote und ihr Opfer räumlich voneinander getrennt sind, lässt sich die Absorption des menschlichen Originalkörpers auch in der Praxis nur schwer vorstellen. Es bleibt ungeklärt, was mit den unfertigen Pods von Jack und Becky geschehen ist, nachdem beide verschwunden sind. Vor allem aber ist die Verwandlung Beckys in einen Pod gegen Ende des Films kaum nachvollziehbar. Miles lässt Becky für eine kurze Weile in der Höhle allein, in die sich das Paar geflüchtet hatte. Als er zurückkehrt, ist Becky fatalerweise kurz eingeschlafen; er weckt sie mit einem Kuss und muss erkennen, dass sie von einem Pod ersetzt worden ist. Doch aus welcher Samenschote sollte sich Beckys Duplikat in so kurzer Zeit entwickelt haben? Haben die Häscher, die die Höhle kurz zuvor durchsuchten, eine oder zwei Schoten zurückgelassen? Es ist klar, dass es Don Siegel hier vor allem um einen Schockeffekt ging. Um Miles’ eiskaltes Entsetzen fühlbar zu machen, durfte Siegel im Vorfeld nicht andeuten, was geschehen wird – indem er etwa gezeigt hätte, wie in der Höhle eine Samenschote deponiert wurde. Miles’ Hor­ror über den Verlust seiner geliebten Becky, die zu einem gefühllosen Monster geworden ist, ist ausgesprochen effekt­voll und eine der eindringlichsten Szenen des Films. Leider wurde sie mit einer logischen Leerstelle erkauft, die nicht wenige Zuschauer ratlos zurückgelassen hat. So ist nicht selten die Frage aufgeworfen worden, ob die Pods nun plötz­lich auch über die Fähigkeit verfügen würden, einen menschlichen Körper direkt, also ohne Umweg über eine Kopie, zu übernehmen. Zugunsten der Story und des Drehbuchs kann man diese Vermutung ausschließen, da es im Film kei­nerlei Hinweise auf diese Lösung gibt und die Samenschoten damit auch ihre narrative Signifikanz einbüßen würden. Vielmehr muss man sich mit der Hilfsannahme einer in der Höhle verborgenen Samenschote begnügen, die in Rekord­tempo Beckys Verstand und Körper zu absorbieren in der Lage gewesen war . . .

 

Eine andere Schwäche des Films betrifft die Reaktion der Menschen, als sie zum ersten Mal auf eine unfertige Körper­kopie stoßen. Auf dem Billiardtisch der Belicecs liegt ein Duplikat von Jack (wie es dort hingekommen ist, erklärt der Film nicht). Die Belicecs aber sind angesichts dieses grausigen Fundes viel zu gefasst, und auch Miles, der den Körper beim ersten Anblick sofort untersucht, wirkt ruhig. Er erkennt augenblicklich und damit viel zu rasch, dass der Körper keine gewöhnliche Leiche ist: Zum Beweis stellt er fest, dass der Körper keine Fingerabdrücke hat. Der Zuschauer sieht leider trotzdem erst einmal nur eine Leiche, und so stellt sich die ganze Szene als ziemlich rätselhaft und fragwürdig dar. Erst später, als Jacks Kopie die Augen aufschlägt und an der Hand dieselbe Schnittwunde trägt, die sich Jack nur wenige Stunden zuvor selbst zugezogen hat, schlägt der Horror auf den Zuschauer durch.

 

Der sich an die Horrorszene im Gewächshaus anschließende Teil des Films wird dann zunehmend beklemmender und entsetzlicher – und das bei völligem Verzicht auf weitere Spezialeffekte. Es zeigt sich, dass bereits die gesamte Stadt­bevölkerung von feindseligen Pods ersetzt wurde, die die Jagd auf Miles und Becky eröffnen. Beide werden immer stärker in die Enge getrieben, bis schließlich auch noch Becky zum Pod wird und Miles auf der Landstraße als der letz­te überlebende Mensch erscheint.

 

Vom Tod aller Leidenschaft

 

Nur wenige Science-Fiction-Filme haben zu so vielen Interpretationen herausgefordert wie Die Dämonischen. Viele Kritiker haben in dem Film eine Parabel auf die berüchtigte Kommunistenhatz im Amerika der frühen Fünfzigerjahre gesehen, die starke paranoide Züge trug und das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiftete. Jeder, der irgendwie vom angepassten Lebensstil der weißen Mittelklasse abwich und sich erlaubte, anders als die Mehrheit zu denken, konnte rasch unter den Verdacht geraten, ein Kommunist zu sein und die Zersetzung der amerikanischen Gesellschaft zu betreiben. Die Pods fungieren nach dieser Auslegung als Metapher auf ein stumpfes, konformes Spießbürgertum, das in seiner Paranoia seine unterdrückte Gewalttätigkeit gegen andere auslebt. Andere Kritiker deuteten den Film dagegen im genau umgekehrten Sinne: Die Pods und ihre finsteren Unterwanderungspläne symbolisierten die tief sitzende Angst vor den Kommunisten, deren Ziel die Schaffung einer neuen, entindividualisierten und gleichgeschalte­ten Menschheit sei. Dass der Film politisch so gegensätzlich verstanden wurde, ist für sich genommen nicht minder beunruhigend wie der Film selbst, wie Bill Warren scharfsichtig feststellt:

 

Die Dämonischen wurde verschiedentlich als Angriff auf den McCarthyismus und auf den Kommunismus gedeutet. Das weist darauf hin, dass jene am einen Ende des politischen Spektrums nur zu leicht jene am anderen Ende als fast nichtmenschlich im Wortsinne sehen können, eine Vorstellung, die so beängstigend ist wie irgend etwas sonst im Film. (Keep Watching the Skies!, S. 425)

 

In politischer Hinsicht ist der Film sicherlich zu Recht als Reflex der Paranoia in der amerikanischen Gesellschaft der Fünfzigerjahre aufzufassen – und zeigt nebenher auf, dass Paranoia womöglich immer zweiseitig bedingt ist und auf beiden Seiten Misstrauen und Verfolgungswahn herrschen. Bedeutsamer aber ist vielleicht ein anderes, im Film auch direkt angesprochenes Thema: der Verlust der Menschlichkeit. Die Pods sind im Wortsinne nur „Hülsen“, gefühllose Pflanzen: unsensibel, leidenschaftslos und ohne inneren Antrieb. Die Pods symbolisieren abgestumpfte Menschen, die ihr zementiertes Leben wohleingerichtet und ohne Höhen und Tiefen fristen, ohne Liebe, Leidenschaft, Zorn oder Angst – Affekte, die allesamt tief in ihnen verschüttet und verdrängt sind. Menschen, die zu „Pods“ geworden sind, sind unfähig, Initiative zu zeigen oder Risiken einzugehen. Stattdessen ducken sie sich vor allen Problemen weg und bemühen sich, unauffällig und konform zu „vegetieren“.

 

Als Warnung vor einem solchen Dasein, einem Dasein als „Pod“, wollte Don Siegel seinen Film vor allem verstanden wissen, wie er in Interviews immer wieder bekannt hatte. Die politischen Deutungsmöglichkeiten seines Films hatten ihn dagegen nicht interessiert. „Die Menschen sind Pods“, sagte Siegel dazu. „Viele meiner Mitmenschen sind mit Si­cherheit Pods. Sie haben keine Gefühle. Sie existieren, atmen, schlafen. Ein Pod zu sein bedeutet, ohne Leidenschaft zu sein, ohne Zorn; das Feuer hat dich verlassen. [ . . . ] Es führt dazu, dass du in einer sehr stumpfen Welt lebst. [ . . . ] Ich weiß keine Antwort darauf, außer, dass man sich der Gefahr bewusst sein sollte. Das ist es, was den Film wichtig macht.“ (zitiert nach John Brosnan, The Primal Screen, S. 78).

 

Er habe, so erklärt Miles seiner Becky, in seiner Arztpraxis viele Menschen gesehen, die ihre Menschlichkeit verloren hätten; ihre Leidenschaften seien erloschen, und ihre Herzen hätten sich verhärtet. Der Mensch sei darum ständig da­zu aufgerufen, um seine Menschlichkeit zu kämpfen. Als beide später von den Pods von Jack und Dr. Kaufman gestellt werden, lehnen es Miles und Becky ab, sich freiwillig in Pods verwandeln zu lassen.

 

“You can’t love or be loved – am I right?”, fragt Miles. Und der Pod von Dr. Kaufman antwortet: “You say that as if it were terrible. Believe me, it isn’t. You’ve been in love before. It didn’t last, it never does. Love, desire, ambition, faith. Without them, life is so simple. Once you understand, you’ll be grateful.” Tiefgründige, großartige Zeilen – denn der Zuschauer ahnt, welche Kraft ihnen innewohnt, welch trügerische Attraktivität. Denn es ist ja wahr: All die angespro­chenen Gefühle machen den Menschen verletzlich, und ohne sie ist das Leben seicht und einfach. Der wahre Horror des Films resultiert aus der Erkenntnis, dass es nicht wenige Menschen gibt, die nach vielerlei Enttäuschungen inner­lich diese fatale Wahrheit längst für sich unterschrieben haben und nach ihr leben. Manche entscheiden sich bewusst dafür. Andere stumpfen unmerklich und langsam ab. Miles und Becky dagegen nehmen den Kampf für ihre Liebe und ihr Dasein als Mensch auf.

Szenenfoto aus dem Film "Die Dämonischen" (Invasion of the Body Snatchers, USA 1956) von Don Siegel; Kevin McCarthy
Miles ist am Ende: Becky ist nach ihrem Schlaf nicht mehr dieselbe . . .

Die Romanze zwischen Miles und Becky ist in diesem Zusammenhang nicht einfach ein bloßes Füllelement wie in so vielen anderen Science-Fiction-Filmen. Vielmehr ist sie das vitale Sinnbild ihrer beider Menschlichkeit. Aus genau die­sem Grunde sind beide auch geschieden – für die Helden eines Fünfzigerjahre-Genrefilms eine äußerst ungewöhnliche Konstellation. Dass Miles und Becky jeweils schon eine unglückliche Liebe hinter sich haben, ist keineswegs zufällig, sondern symbolisch zu begreifen: Beide erweisen sich in ihrem menschlichen Dasein als das vitale Gegenteil von ge­fühllosen Pods. Indem sie sich beide scheiden ließen, votierten sie für die Leidenschaft und für das Bemühen um ein erfülltes Leben. In einer unglücklichen Ehe zu verharren, hieße dagegen wie ein Pod zu vegetieren.

 

Die Dämonischen ist ein eindringliches Meisterwerk des Science-Fiction-Kinos. Seine beklemmend dargestellte Para­noia war beispielhaft für das Genre und ist noch heute effektvoll. Seinen Horror erzeugt der Film in erster Linie psycho­logisch, unter minimalem Einsatz von Spezialeffekten. Ein gelungener cineastischer Albtraum, der eine wichtige und ungebrochen aktuelle Reflexion über das Wesen des menschlichen Daseins enthält.

 

 

© Michael Haul; veröffentlicht auf Astron Alpha am 11. November 2017

Szenenfotos © Kinowelt Home Entertainment